Wenn relative Armut mit absoluter Armut bekämpft wird

Nachdem Heiner Geissler verkündet hatte, dass er Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac geworden ist, wurde er gefragt, ob er denn nicht sehe, dass ein Land wie China in der Folge seiner Öffnungspolitik spektakuläre Zugewinne an Einkommen und Wohlstand erzielt habe. Seine Antwort war, dass der Preis, den China dafür zu zahlen habe, die Zugewinne nicht rechtfertigen könne. Dieser Preis besteht in der Ungleichverteilung des Einkommens, welche in der gleichen Zeit in China ebenfalls spektakulär zugenommen hat. In der Tat beobachten Ökonomen seit etwa zwei Jahrzehnten eine stärkere Ungleichverteilung der personellen Einkommen innerhalb sehr vieler Länder. Vor allem die Lohneinkommen der höher Qualifizierten sind deutlich schneller gestiegen als jene der gering Qualifizierten. Und was die Ökonomen dabei am meisten verwundert ist, dass dies nicht nur in den Industrieländern so ist, sondern auch in den Entwicklungsländern. Die traditionelle Theorie der Außenwirtschaft würde nämlich voraussagen, dass es bei einer Zunahme des internationalen Handels gerade in den ärmeren Ländern zu einem relativen Anstieg der Löhne der gering Qualifizierten im Vergleich zu den höher Qualifizierten kommt.

Aber das Gegenteil wird beobachtet. Dies scheint Heiner Geisslers Sicht in zweierlei Hinsicht zu bestätigen: Erstens scheint die ökonomische Theorie sich einmal mehr als das Spielzeug „weltfremder Wolkenschieber“ neoliberaler Provenienz zu erweisen und zweitens scheint der in den letzten Jahrzehnten zu beobachtende Prozess der außenwirtschaftlichen Öffnung, der Liberalisierung und Technisierung des Wirtschaftslebens zur weiteren Verarmung gerade jener zu führen, welche ohnehin schon ein hartes Los gezogen haben. Wenn man die Analyse bis hierher treibt und nicht weiter, dann hat man offenbar Grund, Heiner Geissler Recht zu geben. Indes: Wer bereit ist, mehr über die Realität zu erfahren, wird erkennen, dass diese Schlüsse voreilig sind und in die Irre führen – mit möglicherweise schlimmen Konsequenzen gerade für jene, als deren Anwalt sich Geissler ebenso wie seine Mitstreiter gern sehen.

Richtig ist zunächst, dass es Ökonomen schwer fällt, die Entwicklung der relativen Einkommen mit den traditionellen Theorien der Außenwirtschaft zu erklären. Aber das wird die ökonomische Analysemethode nicht obsolet werden lassen, wie manche glauben, sondern es wird die ökonomischen Theorien verbessern und die Einsichten vertiefen, was ein ganz normaler Prozess des Wissensfortschritts ist. Richtig ist aber auch, dass die Bekämpfung relativer Armut mit Hilfe des Wirtschaftswachstums schon bei einer konstanten Einkommensverteilung dem berüchtigten Rennen von Hase und Igel gleicht. Denn immer wenn die Einkommen der Armen gestiegen sind, sind es jene der Reichen auch. Umso schlimmer wird es, wenn sich die Einkommensverteilung im Zuge eines Wachstumsprozesses auch noch zugunsten der Reichen verschiebt, wie dies in vielen aufholenden Entwicklungsländern, vor allem in China der Fall ist. Denn dann vergrößert sich die relative Armut in einem Prozess des aufholenden Wachstums wie in China in der Tat noch. Bevor man daraus aber wirtschaftspolitische Schlüsse zieht, sollte man einen Blick auf folgende Fakten werfen: Die Entwicklungsländer sind, was das Einkommen betrifft, in den letzten Jahrzehnten von den Industrieländern nicht etwa abgehängt worden. Sie haben im Gegenteil deutlich aufgeholt. Und was wohl noch viel bedeutsamer ist: Die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben müssen, hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht etwa zugenommen, sondern sie hat in bedeutendem Maße abgenommen. Dies gilt gerade für Menschen in Ländern wie China, welche sich dem internationalen wirtschaftlichen Austausch geöffnet haben, welche ihre Märkte liberalisiert haben und welche den technologischen Anschluss gesucht haben.

Wie passt der Rückgang der absoluten Armut aber mit der Zunahme der relativen Armut zusammen, die wir innerhalb der Länder beobachten und von welcher viele glauben, dass sie die armen Menschen in den armen Ländern immer mehr in Hunger und Elend treibt? Ganz einfach: Der Prozess des Einkommenswachstums in einer Gesellschaft kann nicht völlig gleichförmig ablaufen. Das ist in den alten Industrieländern nicht so gewesen, und es wird bei den nun aufholenden Ländern auch nicht so sein können. Wenn in einem Land, in welchem zuvor Armut herrschte, ein Prozess des Einkommenswachstums einsetzt, dann wird dies nicht alle Menschen gleichermaßen und zur gleichen Zeit erfassen können. Gerade in einem großen und heterogenen Land wie China ist das aufholende Einkommenswachstum ein langwieriger Prozess, von dem die Menschen in den verschiedenen Regionen nur nach und nach profitieren. Während dieses Prozesses wird in manchen Regionen schon die Schwelle zu bescheidenem Wohlstand erreicht, während andere Regionen noch kaum aufgeholt haben – und ja, es wird immer auch Personen geben, die in einem Reichtum leben, der auch nach den Maßstäben der Industrieländer Atem beraubend ist, während sprichwörtlich an der nächsten Ecke noch Armut herrscht. Der dabei manchmal allzu offensiv zur Schau gestellte Luxus wirkt zweifellos oft unappetitlich. Gerade mit Blick auf das Schicksal der Armen ist es aber wichtig, die genauren Ursachen der Lage der Armen zu erkennen. Denn sonst greift man leicht zur falschen Therapie und verschlimmert die Situation womöglich noch. Und zur Einsicht in die Ursachen der Problematik gehört auch dies: Die zunehmende Ungleichheit in den aufholenden Entwicklungsländern entsteht in aller Regel nicht dadurch, dass die einen absolut reicher werden und die anderen absolut ärmer. Schon gar nicht entsteht sie dadurch, dass die einen in Armut verfallen, weil die anderen reicher werden. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass einige Personen und Regionen schneller zu Wohlstand gelangen als andere. Dadurch werden die einen absolut und relativ reicher, während die anderen relativ ärmer werden. Absolut gesehen müssen diese letzteren aber keineswegs ärmer werden – und sie werden es in der Regel auch nicht. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall.

Den Zuwachs der relativen Armut kann man grundsätzlich dadurch bekämpfen, dass man diejenigen Faktoren hemmt, welche erstens das allgemeine Einkommenswachstum antreiben, welche dabei aber zweitens die relative Armut erhöhen, weil einige Personen und Regionen schneller zu Wohlstand gelangen als andere. In der Konsequenz hieße das aber: Besser es geht allen gleichermaßen schlecht als einigen gut und anderen (noch) nicht so gut. Will man einen solch absurden Schluss nicht ziehen, dann kann man alternativ nur noch einen Prozess gleichmäßigen Wachstums über alle Regionen und Bevölkerungsgruppen in einem Riesenreich wie China fordern. Genau das hat Heiner Geissler seinerzeit auch getan. Auf den Punkt gebracht lautet sein Petitum also: Entweder ein Prozess von Öffnung und Wachstum mit gleichmäßigem Einkommenswachstum oder kein solcher Prozess. Niemand bestreitet, dass diese Position von einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden getragen ist. Aber wie so oft sind auch hier gut und gut gemeint zwei unterschiedliche Dinge. Sicher, wer diese Dinge gleichsetzt, erspart sich kognitive Dissonanz und kann sich umso unbeschwerter dem erhabenen Gefühl hingeben, auf der Seite der Guten und Gerechten zu stehen. Das kann aber täuschen. Für jene, die sich da täuschen, mag das nicht so schlimm sein. Für jene, die die Selbstgetäuschten zu schützen beanspruchen, kann es aber sehr wohl schlimm sein. Was ist nämlich, wenn sich die Forderung nach einem gleichmäßigen Prozess des Einkommenswachstums aufholender Entwicklungsländer als ebenjene weltfremde Wolkenschieberei erweist, welche die Geisslers dieser Welt bei den (neoliberalen) Ökonomen nicht müde werden zu diagnostizieren? Was, wenn ein Prozess des Einkommenswachstums nur in Verbindung mit einem Anstieg relativer – nicht hingegen absoluter – Armut zu haben ist, wofür einiges spricht? Muss man dann einen Entwicklungsprozess wie in China und Indien unterbinden, weil der Preis dafür einfach zu hoch ist? Herr Geissler und seine Attac-Mitstreiter sehen das so. Wenn sie ehrlich zu sich und anderen wären, müssten sie aber hinzufügen, dass die Menschen dann im Namen der relativen Gleichheit absolut arm bleiben müssen – gleichermaßen absolut arm freilich. Denn das genau wäre die Konsequenz, und für diese Konsequenz kämpfen sie alle – ob ihnen das bewusst ist oder nicht.

Thomas Apolte

Thomas Apolte

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Thomas Apolte

6 Antworten auf „Wenn relative Armut mit absoluter Armut bekämpft wird“

  1. Ist es nicht auch, dass die klassischen Theorien in erster Linie den Zustand am Ende der Anpassungen nach beispielsweise der Marktöffnung darstellen. Die schwierigen Prozesse und mitunter wohl auch “unfairen” Verhältnisse während der Anpassung werden außer Acht gelassen, daher finde ich nicht dass die klassischen Theorien hier “versagen”, sie erzählen nur nicht die ganze Geschichte. Noch ist in Ländern wie China nicht abzusehen, ob nicht vielleicht der Staat eingreifen wird, um, ähnlich wie in Deutschland, starke Umverteilungsmaßnahmen durchzuführen, welche letztenendes zu einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung führen würde.

  2. “Dies gilt gerade für Menschen in Ländern wie China, welche sich dem internationalen wirtschaftlichen Austausch geöffnet haben, welche ihre Märkte liberalisiert haben und welche den technologischen Anschluss gesucht haben.”

    Seltsam, dass so gerne mit China argumentiert wird. Gibt es in China politische Freiheit? Gibt es in China wirtschaftliche Freiheit? Gehört dazu nicht auch ein freies Währungssystem? Gehört dazu nicht auch ein freies Unternehmertum (noch heute sind die zehn größten chinesischen Konzerne im Staatseigentum)? Von einer wirklichen Liberalisierung der chinesischen Märkte ist nichts zu erkennen. Entwicklungsländer, die ihre Märkte wirklich liberalisiert haben, haben übrigens eine viel weniger positive Entwicklung (gemessen am BIP-Wachstum) hingelegt.

    Eine Entwicklung, die seit Friedhelm List nicht überrascht.

  3. Toller Artikel!

    Zur letzten Frage ein einfaches Beispiel: In einem Dorf leben 3 Bauern, der eine hat 10000 Kühe und die anderen beiden nur 100. Es ist also sehr ungleich verteilt und somit ist die relative Armut sehr hoch. Wenn alle 3 Bauern nur je z.B. 5 Kühe hätten, wäre der Besitz gleichmäßig verteilt und somit gäbe es keine relative Armut. Dennoch hätten sie ja alle 3 weniger als vorher, also wäre die absolute Armut (z.B. könnte jeder dazugehören, der nur 10 oder weniger Kühe hat) deutlich höher als vorher.

  4. Die Märkte werden liberalisiert und der technologische Anschluss gesucht. Der Wohlstand in China fördert den Wohlstand in Europa.
    Doch relative Armut braucht niemand zu suchen die ist nicht relativ sondern Real. 10.000 tausende Kinder leben in Deutschland mit Ihren Eltern in erbärmlicher Armut und der Hand im Mund. Unsere Bevölkerung ist fürchterlich erschrocken und sensibilisiert wenn Sie von einzelnen Schicksalschlägen erfährt, das ist es aber auch schon gewesen. Schlussendlich denkt jeder nur an seine eigene Brieftasche und unsere Regierung hält schöne Reden gegen Kinderarmut ist jedoch nicht Willens taten Folgen zu lassen. Wichtig und noch viel wichtiger ist es am Boom der expandieren Länder beteiligt zu sein.

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