Eine Rekapitalisierung des Euro-Bankensektors wird die Kreditkrise nicht lösen

Ziel: Bankenrekapitalisierung

Im Bestreben, die Finanz- und Wirtschaftskrise im Euroraum zu bekämpfen, streben die Politiker danach, die Eigenkapitalbasis des Geschäftsbankensektors zu stärken, notfalls per Zwangsrekapitalisierung. Dadurch sollen Verluste abgefedert und Pleiten verhindert werden, in der Hoffnung, dass Banken dann weiter neue Kredite an Private, Unternehmen und Staaten vergeben (können).

Bilanzsumme der Banken
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Das erste Problem dabei ist: Private Geschäftsbanken könnten es aufgrund betriebswirtschaftlicher Erwägungen anstreben, die „Risikoaktiva“ in ihren Bilanzen relativ zum Eigenkapital abzubauen. Eine staatliche Zwangsrekapitalisierung würde der damit verbundenen Kreditverknappung zwar entgegenwirken, sie wäre jedoch eine überaus schwerwiegende Verletzung der Eigentumsrechte der Bankeigner.

Das zweite Problem ist: Der Rekapitalisierungsbedarf der Banken ist unbekannt. Es liegen keine verlässlichen Informationen über die Verluste vor, die den Banken aus ihren Portfolios noch erwachsen könnten (und zwar über die derzeit diskutierten Abschreibungsbeträge auf Griechenland-Anleihen hinaus). Es wäre also ein Vabanquespiel, wenn Regierungen verbindliche Hilfezusagen für die Bankenrekapitalisierung machten.

Strategie I: Bankenrekapitalisierung über den Kapitalmarkt

Zudem ergeben sich aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutsame monetäre Folgen aus einer Bankenrekapitalisierung, die es zu beachten gilt. Wenn Nichtbanken (Private, Versicherungen, Pensionsfonds, etc.) zum Beispiel das Geld, dass sie aus fällig werdenden Bankschuldverschreibungen erhalten, in Bankeigenkapital investieren, kommt es zu einer Passivtausch in den Bankbilanzen: Verbindlichkeiten in Form von Bankschuldverschreibungen nehmen ab, in gleichem Betrag nimmt das Eigenkapital zu. Mit anderen Worten: Der Verschuldungsgrad der Banken nimmt auf „natürliche Weise“ ab.

Doch Befürchtungen, die Banken könnten weitere Verluste erleiden, dürften Investoren abschrecken, ihr Geld in Bankeigenkapital zu investieren. Die Regierungen müssten einspringen, wenn das Eigenkapital ergänzt werden soll. Wenn eine Finanzierung durch Steuererhöhungen gescheut wird, kann der Staat Anleihen am Kapitalmarkt emittieren. Werden die Bonds von Nichtbanken erworben (weil sie sie als Alternative zu liquiden Mittel ansehen), erhält der Staat die Verfügung über vorhandenes Geld, das er zur Bankenrekapitalisierung einsetzen kann. Auf diese Weise wird jedoch die volkswirtschaftliche Geldmenge schrumpfen: Sichteinlagen, ausgewiesen auf der Passivseite der Bankenbilanzen, werden in Eigenkapital „umgewandelt“.

Dies könnte jedoch – folgt man der quantitätstheoretischen „Daumenregel“ – Rezession und Preisverfall und damit weitere Schuldnerpleiten zur Folge haben, die den Rekapitalisierungsbedarf weiter erhöhen. Hierzu einige Zahlen. Das Bilanzvolumen aller Banken im Euroraum betrug (unkonsolidiert) im Juli 2011 32.153.8 Mrd. Euro, das bilanzierte Eigenkapital betrug 2.191 Mrd. Euro. Nimmt man einmal an, dass 2 bis 5 Prozent aller Kredite und Wertpapiere in Höhe von etwa 22.666 Mrd. Euro, die die Euroraum-Banken in ihren Bilanzen auswiesen, (noch) abgeschrieben werden müssen, so ergäbe sich ein Rekapitalisierungserfordernis in Höhe von etwa 453 bis 1.133 Mrd. Euro. Im Juli 2011 betrugen die Sichteinlagen, die Nichtbanken bei Euroraum-Banken hielten, 3.901 Mrd. Euro, die Sichteinlagen plus Bargeld beliefen sich auf 4.717 Mrd. Euro (Geldmenge M1). Eine (geschätzte) Rekapitalisierung in Höhe von 453 bis 1.133 Mrd. Euro würde demnach M1 zwischen 9,6% und 24% reduzieren.

Strategie II: Rekapitalisierung durch Geldmengenausweitung

Wie verhält es sich in dem Fall, in dem Investoren nicht bereit sind, neue Staatsanleihen zu kaufen, mit denen die Bankenrekapitalisierung finanziert werden soll? In diesem Falle bliebe nur der Kauf von Anleihen durch die Europäische Zentralbank. Kauft sie Staatsanleihen, wird neues (Basis)Geld geschaffen, das die Staaten zur Rekapitalisierung der Banken einsetzen können. Eine solche Transaktion ließe die Geldmenge in den Händen der Nichtbanken (M1, M2 und M3) unverändert: Die Geldmenge wird durch den Bondkauf der Zentralbank erhöht, sie sinkt jedoch wieder im Betrag der Kapitalerhöhung ab.

Allerdings werden auf diese Weise die „Überschussreserven“ der Banken und damit deren Geldschöpfungsspielraum erhöht. Banken werden die Überschussreserven investieren. Etwa indem sie ausstehende Staatsanleihen monetisieren. Banken müssen Erträge erwirtschaften, um die Verbindlichkeiten zu bedienen, die sie aufgenommen haben zur Finanzierung von Krediten und Wertpapieren, die nicht zurückgezahlt werden. Sollten die Gewinne der Banken nicht ausreichen, Zins- und Tilgung auf eingegangene Verbindlichkeiten zu leisten, schrumpft das zuvor neu geschaffene Bankeneigenkapital wieder dahin. Bei einer Bankenkapitalisierung unter Einbindung der EZB ist die Geldentwertung also gewissermaßen vorprogrammiert.

„Fiat“-Geld als Kernursache der Krise

Eine (Zwangs)Rekapitalisierung der Banken setzt an den Symptomen der Finanz- und Wirtschaftskrise an, nicht aber an ihrer Ursache. Die Ursache der Misere ist im staatlichen Fiat-Geldstandard zu finden: Einer Geldordnung also, in der der Staat die Geldproduktion monopolisiert hat, und Geld durch Bankkredit in Umlauf gebracht wird, ohne dass dafür echte Ersparnis (in Form von Realeinkommen, das nicht konsumiert wird) vorhanden sein muss; die Fiat-Geldproduktion erfolgt sprichwörtlich aus dem Nichts.

Die Geldproduktion durch Bankkreditvergabe senkt den Marktzins künstlich unter das Niveau ab, das bestehen würde, wenn die Bankkreditvergabe nicht staatgefunden hätte. Dadurch werden Investitionen angeregt, die ohne ein Herabdrücken des Zinses nicht angegangen worden wären, und deren wirtschaftlicher Erfolg davon abhängt, dass der Zins künstlich tief gehalten wird. Das zusätzlich in Umlauf gebrachte inflationäre Fiat-Geld sorgt zunächst für einen (Schein)Aufschwung. Weil er aber auf einer inflationären Illusion fußt, die sich nachfolgend verliert, bricht er nachfolgend in sich zusammenbrechen.

Im Bestreben, einen drohenden Abschwung (der im Grunde nichts anderes ist als der Bereinigungsprozess der vorangegangenen Fehlallokationen, die im (Schein)Aufschwung angesammelt wurden) „abzuwehren“, werden in der Öffentlichkeit Rufe laut, die Zentralbank solle mit noch tieferen Zinsen und einer Ausweitung von Kredit und Geld die Konjunktur stützen. Wenn die Zentralbank die Zinsen senkt, wird verhindert, dass unrentable Investitionen liquidiert (und damit die Ressourcen neuen Verwendungsmöglichkeiten zugeführt) werden. Zudem werden durch den künstlich gesenkten Zins neue Investitionen angeregt, die nachfolgend das gleiche Schicksal ereilt. Und weil die Erträge der Investitionen systematisch geringer ausfallen als bei der Kreditfinanzierung ursprünglich unterstellt, wächst die Kreditverschuldung im Zeitablauf schneller als die Einkommen. Das Fiat-Geldsystem führt in eine Überschuldungssituation.

Der Preis, der aus der Ignoranz der Ursache der Krise erwächst

Früher oder später treten die Folgen der (zuweilen im Zuge von Jahrzehnten) aufgetürmten Kreditpyramide in Erscheinung. Investoren scheuen sich, fällige Kredite zu erneuern, und die Zinsen für Schuldner steigen an. Dauerschuldner – allen voran Regierungen – sehen sich außer Stande, neue Kredite zu erhalten. Banken geraten in Schieflage. Versiegt das zusätzliche Kredit- und Fiat-Geldangebot, kollabiert der Fiat-Geld-Boom. Der amerikanischen Ökonom Murray N. Rothbard (1926 – 1995) machte das wie folgt deutlich (2006 [1973], S. 237):

„Like the repeated doping of a horse, the boom is kept on its way and ahead of its inevitable comeuppance by repeated and accelerating doses of the stimulant of bank credit. It is only when bank credit expansion must finally stop or sharply slow down, either because the banks are getting shaky or because the public is getting restive at the continuing inflation, that retribution finally catches up with the boom. As soon as credit expansion stops, the piper must be paid, and the inevitable readjustments must liquidate the unsound over-investments of the boom and redirect the economy more toward consumer goods production. And, of course, the longer the boom is kept going, the greater the malinvestments that must be liquidated, and the more harrowing the readjustments that must be made.“

Die Finanz- und Wirtschaftskrise lässt sich folglich nicht durch eine Bankenrekapitalisierung lösen. Strauchelnde Banken sind lediglich ein Symptom der Krise, deren Ursache im Fiat-Geldsystem zu finden ist. Der entscheidende Schritt zu Krisenlösung ist daher auch nicht die „Bankenrettung“, sondern eine Reform der Geldproduktion – etwa in der Form, dass ein Währungswettbewerb zugelassen wird (wie von Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) empfohlen) oder in der Form, dass die ausstehende Fiat-Geldmenge zunächst durch das Zentralbankgold gedeckt und danach in einen Währungswettbewerb entlassen wird (wie von Ludwig von Mises (1881 – 1973) empfohlen).

Das Herumkurieren an den Symptomen der Krise wird die Kosten, die mit dem Fiat-Geldstandard verbunden sind – Boom-Bust-Zyklen, Ausweiten der Staatstätigkeit zu Lasten der Privatwirtschaft und Überschuldung – immer weiter in die Höhe treiben. Es wird letztlich eine Situation heraufbeschwören, in denen sich die Volkswirtschaften durch hohe Inflation oder gar Hyperinflation aus der Schuldenlast zu befreien suchen.

Thorsten Polleit

Thorsten Polleit

Universität Bayreuth
Thorsten Polleit

Letzte Artikel von Thorsten Polleit

(Alle anzeigen)

Eine Antwort auf „Eine Rekapitalisierung des Euro-Bankensektors wird die Kreditkrise nicht lösen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.