Abwrackprämien und kein Ende

Werfen Sie bloß nichts mehr weg. Vor wenigen Monaten riet ich meiner damals besten Freundin, sich von ihrem 25 Jahre alten Auto zu trennen und sich dafür einen schicken, schadstoffarmen und verbrauchsgünstigen Neuwagen zuzulegen. Sie hat mich jetzt auf 2600 Euro Schadensersatz verklagt – 2500 Euro für die entgangene Abwrackprämie und 100 Euro, die sie für die Entsorgung ihres alten Autos draufzahlen musste.

Meinen Einwand, eine derart absurde Politik sei doch nie und nimmer vorhersehbar gewesen, ließ sie nicht gelten. Gerade ich als Wirtschaftswissenschaftler (oh holde Einfalt!) hätte es doch besser wissen müssen. Im Übrigen stünden wir erst am Anfang, denn weitere Abwrackprämien würden unausweichlich folgen. Sie werde deshalb vorsorglich erst einmal gar nichts mehr wegwerfen – nicht einmal ihre mittlerweile doch schon recht abgenagte Zahnbürste.

Ich widersprach natürlich sofort und vehement, aber inzwischen bin ich ins Grübeln geraten, und ich komme mehr und mehr zu der Überzeugung, dass sie wohl doch recht haben könnte.

Da ist zunächst einmal die immer schwerer übersehbare empirische Evidenz. Schon seit längerem haben wir uns daran gewöhnt, beim Kauf einer neuen Bratpfanne auf Sonderaktionen zu lauern, bei denen man die alte in Zahlung geben kann. Niemand glaubt dabei ernsthaft, mit unserer alten Pfanne würde tatsächlich noch einmal jemand braten oder schmoren – uns ist allen klar, dass es sich hier um eine Abwrackprämie handelt. Mehr und mehr greifen solche Prämien jetzt auch bei anderen Gebrauchsgegenständen um sich – vom Rasierapparat über den Kühlschrank bis zum Essbesteck.

Neuerdings wirbt sogar der Teppichhandel mit Prämien dafür, den alten Täbriz gegen fabrikneue Ware aus belgischer Industrieproduktion einzutauschen. Lediglich ein Gerücht ist es allerdings wohl, dass Scheidungsanwälte ihren Mandanten verstärkt dazu raten, lieber noch abzuwarten, ob sich nicht auch in ihrem Bereich das Erfolgsmodell der Abwrackprämien durchsetzen werde.

Noch überzeugender als diese Empirie ist für mich das theoretischen Argument, das sich auf eine Analogie zu dem aus der Makroökonomie bekannten Realkasseneffekt stützt: Genau wie bei einer Deflation alle darauf warten, dass es noch billiger werde, wird in der gegenwärtigen Situation niemand mehr heute etwas kaufen, wofür es morgen schon eine Prämie geben könnte. Wenn solche Erwartungen weite Bereiche des privaten Konsums erfassen, ist eine tiefe Depression die wahrscheinliche Folge.

In einer derartigen Lage hat der Staat zwei Möglichkeiten: Entweder muss er unmissverständlich klarstellen, dass eine derart absurde Politik mit ihm nicht zu machen sei. Dann würden die Konsumenten zu einem normalen Kaufverhalten zurückkehren, und die Depressionsgefahr wäre gebannt. Diese Chance hat die Bundesregierung vertan, da sie sich zumindest bei Autos bereits auf das Prämiensystem eingelassen hat.

Oder er muss überall dort, wo sich entsprechende Erwartungen gebildet haben, tatsächlich Abwrackprämien ausloben. Damit ist aus den erwähnten Gründen zunächst einmal bei Bratpfannen, Rasierapparaten, Kühlschränken und Essbestecken zu rechnen. Der Erfolg dieser Programme wird Hoffnungen auf weitere Programme wecken, bis schließlich kein Konsumgut mehr ohne Abwrackprämie über den Ladentisch gehen wird.

Meine ehemals beste Freundin freut sich übrigens schon darauf, ihre doch schon sehr angestaubten Flaschen 1962er Dom Pérignon mit Abwrackprämie gegen eine entsprechende Anzahl von neuen Schaumweinen aus ökologischem Anbau eintauschen zu können. Auf gute Ratschläge von meiner Seite legt sie leider keinen Wert mehr.

Henning Klodt

Henning Klodt

Institut für Weltwirtschaft in Kiel (bis 2017)
Henning Klodt

4 Antworten auf „Abwrackprämien und kein Ende“

  1. Danke, Herr Klodt, für Ihren Beitrag. Ohne Humor kann man diesen ökonomischen Irrsinn nicht ertragen.

  2. … und vergessen Sie nicht die Abwrackprämie für Ihre eigenen Überreste. Vielleicht können Sie die ante mortem beantragen, um sich damit noch ein schönes Lebensende zu gestalten.

  3. Ich habe jetzt endlich die Abwrackprämie erhalten. Wurde auch langsam Zeit. Im Februar hab ich den neuen Wagen bekommen und habe den Antrag in der alten Fassung gestellt. Geld ist in der letzten Woche angekommen 🙂 Endlich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.