Ordnungspolitische Denker heute (6)
„Ökonomischer Imperialismus“: Zu Gary S. Beckers ökonomischer Theorie der Familie

1. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens

Ökonomen haben einen schweren Stand, wenn sie die Dinge dieser Welt mit dem Instrumentarium der ökonomischen Analytik zu erklären versuchen. „Ökonomischer Imperialismus“  auf der Basis eines Menschenbildes des homo oeconomicus heißt die gemeinhin abschätzig benutzte Abwehrvokabel, wenn es gilt, das Paradigma der Vorteil-Nachteil-Abwägung im menschlichen Handeln prinzipiell in Frage zu stellen. Wenn „ökonomischer Imperialismus“ bedeuten soll, dass es unstatthaft ist, sich aller Lebensbereiche mit der ökonomischen Analytik zu bemächtigen, die in ihrem Kern auf rationales Verhalten in Bezug auf knappe Mittel, konkurrierende Ziele und Wahlzwang abstellt, dann liegt hier ein Missverständnis vor. Denn menschliches Verhalten und alle Lebensbereiche haben vielfältige Perspektiven: Wenn Menschen zum Beispiel Straftaten begehen, so hat dieses Handeln nicht allein juristische Dimensionen, sondern inkludiert ganz sicher auch psychologische, soziologische, anthropologische, medizinische, theologische, pädagogische und gar nicht zuletzt auch ökonomische Aspekte. Dieselben Überlegungen gelten wohl für jeden anderen Lebensbereich. Zu heiraten, eine Familie zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen, entzieht sich ebenfalls neben der psychologischen, juristischen, theologischen, soziologischen, familienpolitischen usw. nicht einer handfesten ökonomischen Dimension. „Ökonomischer Imperialismus“ als abschätziger Abwehrmechanismus unterliegt der verbreiteten Vorstellung, dass Ökonomen über ihr „eigentliches“ traditionell wirtschaftswissenschaftliches Problemfeld, in dessen Mittelpunkt speziell nur der Markt-Bereich stehe, hinaus nichts sinnvoll Erklärendes beizutragen hätten und sich mithin nicht in Dinge einmischten sollten, für die sie mit ihrer spezifischen Analytik gar nicht geeignet seien. Eine solche Haltung ist wissenschaftsfremd, weil sie sich als Feind der Inter-Disziplinarität geriert. Und sie ist zudem empirisch in hohem Maße nicht gehaltvoll, weil sie negiert, dass für alle Wahlentscheidungen von Menschen die Phänomene Ressourcenknappheit und Zielkonkurrenz relevant sind. Insofern ist der „ökonomische Ansatz“ nicht aus seinem Gegenstandsbereich („Wirtschaftswissenschaften“) heraus definiert, sondern aus seiner gegenstandsneutralen Methodik.

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