{"id":10111,"date":"2012-09-06T00:01:53","date_gmt":"2012-09-05T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10111"},"modified":"2012-09-05T14:56:01","modified_gmt":"2012-09-05T13:56:01","slug":"weshalb-der-euro-die-deutsche-exportwirtschaft-nicht-vor-der-anstehenden-realen-aufwertung-schutzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10111","title":{"rendered":"Weshalb der Euro die deutsche Exportwirtschaft nicht vor der anstehenden realen Aufwertung sch\u00fctzt"},"content":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfen deutschen Wirtschaftsverb\u00e4nde (BDI und BDA) verteidigen die Bailout-Politik der Bundesregierung. Sie wollen nicht, dass irgendein Mitgliedstaat aus der W\u00e4hrungsunion austritt. Wie ist das zu erkl\u00e4ren? Werden Verluste aus B\u00fcrgschaften und Krediten an \u00fcberschuldete Staaten nicht in erheblichem Umfang durch Unternehmenssteuern finanziert werden? Mehrere Erkl\u00e4rungen kommen in Betracht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Erstens k\u00f6nnte es sein, dass die Verb\u00e4nde einfach reflexhaft die Wirtschaftspolitik einer urspr\u00fcnglich b\u00fcrgerlichen Bundesregierung unterst\u00fctzen. Aber die wichtigsten Oppositionsparteien sind ja ebenfalls \u2013 sogar noch hemmungsloser \u2013 f\u00fcr die Bailout-Politik. Dadurch nehmen sie der FDP den Mut, die Koalitionsfrage zu stellen, und k\u00f6nnen sie zugrunde richten. Ist das im Interesse der deutschen Unternehmer und Manager?<\/p>\n<p>Zweitens sind die Unternehmer und vor allem die Manager von den Banken abh\u00e4ngig. In fast jedem Aufsichtsrat sitzt mindestens ein Banker, der Schwierigkeiten machen kann. Niemand m\u00f6chte sich mit seiner Hausbank oder gar allen Banken anlegen. Die Situation erinnert fatal an die Jahre 1967-69, als sich die deutschen Wirtschaftsverb\u00e4nde unter F\u00fchrung eines Bankers \u2013 Hermann Josef Abs \u2013 gegen die DM-Aufwertung und die Freigabe des DM-Wechselkurses str\u00e4ubten. Auch damals hatten Banken und Industrie die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der \u00d6konomen \u2013 auch der liberalen \u00d6konomen (zum Beispiel Herbert Giersch und Egon Sohmen) \u2013 gegen sich. Kiesinger und Strauss folgten Abs und den Wirtschaftsverb\u00e4nden. Sie verloren die Wahl von 1969 und bereiteten einer 13-j\u00e4hrigen Herrschaft sozialdemokratisch gef\u00fchrter Bundesregierungen den Weg. Dieses Muster k\u00f6nnte sich wiederholen.<\/p>\n<p>Werden die Wirtschaftsverb\u00e4nde \u2013 genauso wie CDU\/CSU und FDP \u2013 einfach nur von den Banken beeinflusst, oder steht \u2013 davon unabh\u00e4ngig \u2013 drittens auch das Interesse der deutschen Exportwirtschaft auf dem Spiel? W\u00fcrde ein Auseinanderbrechen der W\u00e4hrungsunion wirklich die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Wirtschaft gef\u00e4hrden, oder ist dies nur eine Schutzbehauptung, mit der die Manager ihre Abh\u00e4ngigkeit von den Banken zu kaschieren versuchen?<\/p>\n<p>Wenn die Deutschen oder alle nicht \u00fcberschuldeten Euro-Staaten aus der W\u00e4hrungsunion ausschieden und den Kurs der neuen W\u00e4hrung frei g\u00e4ben, w\u00fcrde diese \u2013 so das Horrorszenario \u2013 dramatisch aufwerten und die deutsche Exportwirtschaft in eine schwere Krise gest\u00fcrzt. Ist diese Bef\u00fcrchtung berechtigt? Man mag sie damit abtun, dass Deutschland auch vor 1999 kr\u00e4ftig exportiert hat. Aber es lohnt sich, der Sache auf den Grund zu gehen, selbst wenn mancher Betriebswirt damit \u00fcberfordert ist.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Exporteure z\u00e4hlt, ist nicht der nominale, sondern der reale \u2013 d.h. der um Inflationsdifferenzen bereinigte \u2013 Wechselkurs. Der reale Wechselkurs misst den relativen Preis \u2013 die Preisrelation \u2013 zwischen dem in Deutschland produzierten Warenkorb und dem im Ausland produzierten Warenkorb. Er h\u00e4ngt von der Knappheit der betreffenden G\u00fcter und Dienstleistungen \u2013 also von Angebot und Nachfrage \u2013 ab. Wenn zum Beispiel die Nachfrage nach deutschen G\u00fctern zunimmt, wird ihr relativer Preis steigen, d.h., die deutsche W\u00e4hrung real aufwerten \u2013 ganz gleich, ob der nominale Wechselkurs wie in einer W\u00e4hrungsunion fix ist oder nicht. Der gleichgewichtige reale Wechselkurs ist unabh\u00e4ngig vom nominalen Wechselkursregime, auch wenn \u201eder Schleier des Geldes\u201c diese Einsicht verbergen mag.<\/p>\n<p>Unter den Fachleuten besteht Einigkeit, dass Deutschland eine Phase der gleichgewichtigen realen Aufwertung vor sich hat. Zum einen flieht Kapital aus den \u00fcberschuldeten Krisenstaaten nach Deutschland. Zum anderen nimmt der private Kapitalexport in diese L\u00e4nder ab, weil sie nur wenig wachsen werden und ihre staatliche Neuverschuldung stark drosseln m\u00fcssen. Der Anstieg des deutschen Kapitalbilanzsaldos erzwingt einen R\u00fcckgang des deutschen Leistungsbilanzsaldos, denn in einem System der doppelten Buchf\u00fchrung, wie es die Zahlungsbilanzstatistik ist, m\u00fcssen sich die Teilsalden zu null addieren. Der R\u00fcckgang des deutschen Leistungsbilanzsaldos \u2013 genauer: des Handelsbilanzsaldos \u2013 erfordert eine reale Aufwertung. Oder vereinfacht: der deutsche Warenkorb verteuert sich relativ zum ausl\u00e4ndischen Warenkorb, weil der Zustrom ausl\u00e4ndischen Kapitals die Nachfrage nach deutschen G\u00fctern und Dienstleistungen erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Eine gleichgewichtige reale Aufwertung steht au\u00dferdem aufgrund des sogenannten \u201eBalassa-Effekts\u201c an. Schneller wachsende Volkswirtschaften werten n\u00e4mlich real auf, weil sich die nicht-handelbaren G\u00fcter im Wachstumsprozess gegen\u00fcber den Exportg\u00fctern verteuern. Das liegt daran, dass der Binnensektor, in dem ja die Dienstleistungen eine viel gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen, arbeitsintensiver produziert und einen geringeren Anstieg der Arbeitsproduktivit\u00e4t aufweist als der Exportsektor. Es ist ja zum Teil einfach die geringe Arbeitsproduktivit\u00e4t, die dem Binnensektor das Exportieren unm\u00f6glich macht. Da das gleichgewichtige internationale Austauschverh\u00e4ltnis im Handel (terms of trade) nur durch die handelbaren G\u00fcter bestimmt wird, ist die reale Aufwertung f\u00fcr den gesamten Warenkorb desto gr\u00f6\u00dfer, je mehr sich die nicht handelbaren G\u00fcter gegen\u00fcber den Exportg\u00fctern verteuern.<\/p>\n<p>Bis zur Krise verbilligte sich der deutsche Warenkorb gegen\u00fcber den Warenk\u00f6rben der s\u00fcdeurop\u00e4ischen Euro-L\u00e4nder, weil diese per Saldo zunehmend Kapital importierten und h\u00f6here Wachstumsraten verzeichneten. Da sich der deutsche Warenkorb verbilligen musste, wies Deutschland eine niedrigere \u2013 eine weit unterdurchschnittliche \u2013 Inflationsrate auf. Das \u2013 so der Konsens der Fachleute \u2013 wird sich in Zukunft \u00e4ndern, wenn Deutschland in der W\u00e4hrungsunion bleibt. Die deutsche Inflationsrate wird deutlich h\u00f6her als der Durchschnitt der Euro-L\u00e4nder sein. Hinzu kommt f\u00fcr alle Euro-L\u00e4nder der Inflationsimpuls durch die derzeitige hyperexpansive Geldpolitik, die \u2013 angesichts der Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im EZB-Rat \u2013 kaum rechtzeitig beendet werden wird.<\/p>\n<p>Karl Schiller gab 1971 und 1973 den Wechselkurs der D-Mark frei, weil die Preisstabilit\u00e4t f\u00fcr ein gro\u00dfes Land wichtiger ist als die Wechselkursstabilit\u00e4t. Diese Entscheidung f\u00fchrte damals tats\u00e4chlich zu einer gleichgewichtigen realen Aufwertung, denn damit wurden auch die Devisenk\u00e4ufe der Deutschen Bundesbank beendet. Die Devisenk\u00e4ufe waren eine Form des staatlichen Kapitalexports gewesen und hatten \u2013 da eine Kompensation durch den privaten Kapitalverkehr durch Kapitalverkehrskontrollen behindert wurde \u2013 den Leistungs- und Handelsbilanzsaldo k\u00fcnstlich aufgebl\u00e4ht. Der Verzicht auf Devisenk\u00e4ufe beendete die \u201eExportlastigkeit\u201c der deutschen Wirtschaft und die Verk\u00fcmmerung des Dienstleistungssektors. Dieser Effekt w\u00e4re heute jedoch nicht zu erwarten, denn weder die Bundesbank noch die EZB hat in den letzten Jahren in gr\u00f6\u00dferem Umfang am Devisenmarkt interveniert. Die Freigabe des Wechselkurses w\u00fcrde die gleichgewichtige reale Aufwertung nicht vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Wenn die \u201eNeue Mark\u201c bzw. der \u201eNord-Euro\u201c gegen\u00fcber den anderen W\u00e4hrungen am Markt auch nominal aufwerten w\u00fcrde, w\u00e4re seine Inflationsrate entsprechend niedriger, und dies w\u00fcrde sich in den Nominallohnsteigerungen niederschlagen. Eine nominale Aufwertung setzt voraus, dass die Geldpolitik restriktiver wird oder eine restriktivere Geldpolitik erwartet wird. Der R\u00fcckgang der Inflationsrate folgt jedoch erst mit einer Verz\u00f6gerung von zwei bis drei Jahren. W\u00e4hrend dieser Anpassungsphase weicht der reale Wechselkurs monet\u00e4r bedingt von seinem realwirtschaftlichen Gleichgewichtskurs ab. Wenn die Geldpolitik unerwartet restriktiver wird, kann ein flexibler nominaler Wechselkurs sogar vor\u00fcbergehend \u00fcber sein Gleichgewichtsniveau hinaus schie\u00dfen. Wenn man das verhindern will, muss man die Aufwertung \u00fcber eine Parit\u00e4ts\u00e4nderung bewerkstelligen.<\/p>\n<p>In der Anpassungsphase ist die deutsche Exportwirtschaft weniger wettbewerbsf\u00e4hig, als sie es ohne nominale Aufwertung w\u00e4re, aber dieser Effekt ist erstens vor\u00fcbergehend und wird zweitens in der Folgezeit kompensiert. Da der deutsche Leistungsbilanzsaldo in der Anpassungsphase geringer als optimal war, war auch der Nettokapitalexport geringer als optimal. D.h., die deutschen Sparer halten zu geringe Best\u00e4nde an ausl\u00e4ndischen Verm\u00f6genswerten, und die ausl\u00e4ndischen Sparer besitzen zu gro\u00dfe Best\u00e4nde an deutschen Verm\u00f6genswerten. Da das Bestandsgleichgewicht gest\u00f6rt ist, wird es in der Folgezeit durch eine ebenfalls vor\u00fcbergehende Erh\u00f6hung des deutschen Leistungsbilanzsaldos und Exports wiederhergestellt. Der Export verringert sich also im l\u00e4ngerfristigen Durchschnitt nicht, wenn die W\u00e4hrung nominal aufgewertet wird, um die Inflation zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Manager ist dies vielleicht ein geringer Trost, denn ihr Zeithorizont ist kurz \u2013 zu kurz. Nur die Eigent\u00fcmer \u2013 seien es Familienunternehmer oder Aktion\u00e4re \u2013 sind an der langen Frist interessiert. Weitsicht w\u00fcrde man sich ebenfalls von Politikern erhoffen. Doch auch sie haben die Macht nur f\u00fcr kurze Zeit gepachtet, und sie verstehen diese \u00f6konomischen Zusammenh\u00e4nge nicht.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfen deutschen Wirtschaftsverb\u00e4nde (BDI und BDA) verteidigen die Bailout-Politik der Bundesregierung. Sie wollen nicht, dass irgendein Mitgliedstaat aus der W\u00e4hrungsunion austritt. 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