{"id":10222,"date":"2012-09-22T05:17:58","date_gmt":"2012-09-22T04:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10222"},"modified":"2012-09-22T05:17:58","modified_gmt":"2012-09-22T04:17:58","slug":"armut-reichtum-und-vermogensverteilungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10222","title":{"rendered":"Armut, Reichtum und Verm\u00f6gensverteilungen"},"content":{"rendered":"<p>Was in der Folge des 18. September 2012 durch die Medien geisterte, war vorauszusehen wie die heilige Wandlung im sonnt\u00e4glichen Hochamt. Denn der an diesem Tag vorgelegte Entwurf des vierten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung benennt im Prinzip altbekannte Fakten, zumindest was jene Aspekte angeht, die es von dem Bericht in die Medien geschafft hatten. Insbesondere der Umstand, dass die zehn Prozent Verm\u00f6gensreichsten in Deutschland um die 50 Prozent des Verm\u00f6gens auf sich vereinen, war ebenso bekannt wie der Umstand, dass sich eine solche Zahl gleichwohl f\u00fcr ein paar nette Talkrunden eignet. Also nahmen die vorherzusehenden medialen Rituale ihren Lauf, mit der \u00fcblichen Regie und mit den \u00fcblichen Protagonisten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Solch rituelle Betroffenheit sollte uns indes nicht dazu verleiten, uns generell von dem Thema fern zu halten. Mehr noch: Es ist ein von sehr unterschiedlichen Seiten gepflegter Unsinn zu behaupten, dass man \u00fcber die Verteilung von Verm\u00f6gen nicht reden d\u00fcrfe oder wolle, wenn man Marktwirtschaft f\u00fcr eine gute Einrichtung h\u00e4lt. Ein Ausdruck dieses Unsinns besteht darin, dass man als Marktwirtschaftler die Verteilung des Verm\u00f6gens <em>per se<\/em> als das \u2013 noch dazu stets legitime \u2013 Ergebnis marktwirtschaftlicher Allokation sieht oder sehen m\u00fcsse. Letzteres ist schon deshalb Unsinn, weil uns bereits basale marktwirtschaftliche Theorie eines Besseren belehrt. Leider finden wir gleichwohl auf allen Seiten die immer gleichen reflexhafte Reaktionen, die solches dennoch nahelegen. Und so war auch dieser Reflex vorherzusagen wie das Amen in der Kirche: der Hinweis, dass zehn Prozent derjenigen mit dem h\u00f6chsten deklarierten Bruttojahreseinkommen mehr als 50 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens der Bundesrepublik schultern. Und schlie\u00dflich auch das: Wie immer gerieten einigen dabei gleich zwei Dinge durcheinander:<\/p>\n<ul>\n<li>Einerseits: Zum einen wurde das Einkommensteueraufkommen mit dem gesamten Steueraufkommen schlechthin verwechselt. Die Einkommensteuer macht heute aber nur noch knapp 30 Prozent des Gesamtsteueraufkommens aus. Demnach stemmen die Einkommensst\u00e4rksten zehn Prozent mit ihren Einkommensteuern ca. 15 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Weil sie aber nat\u00fcrlich auch andere Steuern zahlen, und weil die Bemessungsgrundlage einkommensreicher Personen generell auch dort gr\u00f6\u00dfer, aber wegen der fehlenden Progression weniger steuerwirksam ist als bei der Einkommensteuer, k\u00f6nnen wir in einer sehr groben Sch\u00e4tzung einmal einen Anteil der einkommensreichsten zehn Prozent von 20 bis 30 Prozent am Aufkommen aller \u201eNicht-Einkommensteuern\u201c annehmen. Das sind dann noch einmal zwischen 14 und 21 Prozent des Gesamtsteueraufkommens. Damit \u00fcbernehmen die zehn Prozent Einkommensst\u00e4rksten sch\u00e4tzungsweise irgendwo zwischen 30 und 35 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Das ist nicht von Pappe, nat\u00fcrlich nicht, aber es sind eben nicht \u00fcber 50 Prozent. \u00dcbrigens: Wenn wir die Sozialversicherungen mit zu den von der Gemeinschaft zu tragenden Lasten hinzunehmen, d\u00fcrfte sich der Anteil der zehn Prozent Einkommensreichsten noch einmal sehr deutlich verringern. Lassen wir also die Kirche im Dorf.<\/li>\n<li>Andererseits: Es ging in dem Medienritual \u00fcber den Armuts- und Verm\u00f6gensbericht gar nicht um das Einkommen, sondern um das Verm\u00f6gen, und das ist beileibe nicht das gleiche. Zwar sind Einkommen und Verm\u00f6gen recht hoch korreliert, aber keineswegs austauschbar mit Blick auf die Verteilung von Wohlstand und Leistungsf\u00e4higkeit. So vereinten nach Daten des Sozio\u00f6konomischen Panels im Jahre 2009 die zehn Prozent der Einkommensreichsten in Deutschland 31,7 Prozent des gesamten Haushaltsbruttoeinkommens und 23,7 Prozent des gesamten Haushaltsnettoeinkommens auf sich (Quelle: SVR Jahresgutachten 2011\/2012, S. 314). Somit ist die Verteilung des Einkommens \u2013 zumal des Nettoeinkommens \u2013 wesentlich gleichm\u00e4\u00dfiger als jene des Verm\u00f6gens.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Daraus folgt so einiges, darunter auch die interessante Feststellung, dass die Verm\u00f6gensreichsten in Deutschland keineswegs auch die Einkommensreichsten sind, denn sonst m\u00fcssten die jeweiligen Anteile der h\u00f6chsten zehn Prozent am Einkommen und am Verm\u00f6gen deutlich enger beieinander liegen. Und daraus folgen wiederum gute Nachrichten, denn wenn privates Verm\u00f6gen \u2013 zumindest unter rechtsstaatlichen Bedingungen \u2013 nur aus angespartem privatem Einkommen entstehen kann, dann zeigt der vergleichsweise geringe Einkommensanteil der Verm\u00f6genden, dass Bewegung in der Verm\u00f6gensverteilung ist. Aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Eine andere Folgerung ist diese: Wenn wir die Bruttoeinkommenspositionen als einen Indikator f\u00fcr die \u2013 mit Marktpreisen bewertete \u2013 Leistungsf\u00e4higkeit akzeptieren, dann legt \u2013 bei aller Vorsicht im Umgang mit Durchschnittswerten \u2013 das Auseinanderfallen von Verm\u00f6gens- und Einkommenselite auch ein gewisses Auseinanderfallen von Verm\u00f6gens- und Leistungselite nahe. Dieser Eindruck wird noch dadurch verst\u00e4rkt, dass hohe pers\u00f6nliche Verm\u00f6gensbest\u00e4nde aus sich heraus bereits beachtliche Kapitaleink\u00fcnfte generieren und dass man das Auseinanderfallen der Verm\u00f6gens- und Einkommenspositionen um diese Kapitaleink\u00fcnfte noch einmal korrigieren m\u00fcsste, um zu einem validen Hinweis auf die mit Marktpreisen bewertete pers\u00f6nliche Leistungsf\u00e4higkeit zu gelangen \u2013 f\u00fcr \u00d6konomen also: auf das Wertgrenzprodukt der Arbeit.<\/p>\n<p>Die konkrete Einsch\u00e4tzung dieser Dinge wird allerdings dadurch erschwert, dass Bezieher hoher Einkommen \u2013 und damit nach marktwirtschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben eben die besonderen Leistungstr\u00e4ger einer Gesellschaft \u2013 mit der Zeit auch ein erhebliches Verm\u00f6gen ansammeln, so dass man das Verm\u00f6gen insoweit als geronnene Leistung der Vergangenheit sehen kann. Und hier fangen die Probleme dann so richtig an: Nach vergleichsweise kurzer Zeit werden diese Verm\u00f6gen vererbt und die Verm\u00f6genselite ist zumindest nicht mehr <em>per se<\/em> auch die Leistungselite. Hinzu kommen beachtliche Verm\u00f6gensbest\u00e4nde, welche bereits \u00fcber viele Generationen weitergereicht und zur Zeit ihrer Entstehung \u2013 freundlich ausgedr\u00fcckt \u2013 nicht immer das Ergebnis marktwirtschaftlich bepreister Leistungen waren.<\/p>\n<p>Was kann man unter diesen Bedingungen \u00fcberhaupt noch \u00fcber die Gerechtigkeit einer zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegenden Verm\u00f6gensverteilung sagen? Nicht viel, so sieht es zumindest erst einmal aus, wenn man auf die berauschende Wirkung von Betroffenheits-Schlagzeilen verzichten und der Sache wirklich auf den Grund gehen will. Leider bietet uns auch und gerade die \u00f6konomische Theorie dazu zun\u00e4chst nichts wirklich Erhellendes. Das Gegenteil ist eher der Fall, denn die \u00d6konomen legen sich selbst Restriktionen auf, welche eine Bewertung einer bestehenden Verm\u00f6gensverteilung eigentlich unm\u00f6glich machen. Allen Versuchen dazu steht n\u00e4mlich der zweite Hauptsatz der Wohlfahrts\u00f6konomik entgegen, welcher besagt, dass aus jeder gegebenen Verteilung ein je unterschiedliches (gleichgewichtiges) Marktergebnis folgt, wobei alle Ergebnisse erstens gleicherma\u00dfen effizient und damit zweitens untereinander schlicht unvergleichbar sind. Ob die aus verschiedenen und oft weit zur\u00fcckreichenden Ereignissen und Prozessen bis zum heutigen Tag entstandene Verm\u00f6gensverteilung also gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht ist, dar\u00fcber l\u00e4sst sich mit Hilfe \u00f6konomischer Theorie eigentlich nichts sagen.<\/p>\n<p>Diese Unf\u00e4higkeit l\u00e4sst die \u00f6konomische Theorie in den Augen vieler Beobachter oft als armselig erscheinen. Aber man darf nicht vergessen, dass diese Unf\u00e4higkeit nur ein Reflex darauf ist, dass man in der \u00d6konomik eine Reihe von Beurteilungsproblemen sehr viel ernster nimmt als au\u00dferhalb der \u00d6konomik, wenngleich die Beurteilungsprobleme selbst keineswegs in der \u00d6konomik allein relevant sind, sondern immer und \u00fcberall, wenn es um Verteilungsfragen geht. Nat\u00fcrlich kann man diese Probleme auch schlicht ignorieren und sich das Leben (und Urteilen) damit um L\u00e4ngen erleichtern. Dann ist alles wieder m\u00f6glich. Wenn aber alles und jedes wieder m\u00f6glich ist, dann ist wiederum nichts gewonnen, au\u00dfer dass wir gleich wieder auf dem Parkett des \u00fcblichen Talkshowklamauks landen. Kann man demnach also gar nichts \u00fcber die Bedeutung von Verm\u00f6gensverteilungen sagen, was uns Orientierung geben kann? Gl\u00fccklicherweise w\u00e4re das dann doch zu kurz gesprungen, und deshalb sollten wir zun\u00e4chst einmal festhalten, was wir immerhin haben:<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Teil des heute bestehenden Privatverm\u00f6gens resultiert aus alten Verm\u00f6gens- und mitunter auch noch Machteliten alter Zeiten und hat oft wenig oder gar nichts mit der heutigen Leistungsf\u00e4higkeit seiner Besitzer zu tun.<\/li>\n<li>Ein anderer Teil des heute bestehenden Privatverm\u00f6gens resultiert aus der \u00fcberragenden Leistungsf\u00e4higkeit seiner Besitzer, sagen wir Besitzer vom \u201eBill-Gates-Typ\u201c.<\/li>\n<li>Ein weiterer Teil des heute bestehenden Privatverm\u00f6gens geh\u00f6rt den unmittelbaren Nachfahren der \u201eBill-Gates-Typen\u201c, bei denen es sich noch erweisen muss, ob sie sich selbst einmal nur als Verm\u00f6gende, sondern auch als Leistungstr\u00e4ger etablieren werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der ber\u00fchmte \u00d6konom und Philosoph John Stuart Mill war gewiss kein Sozialist. Gleichwohl hat er \u2013 wie eine beachtliche Zahl weiterer liberaler Denker \u2013 eine hundertprozentige Erbschaftssteuer gefordert, um damit jede neue Generation praktisch wieder \u201eauf null zu stellen\u201c, auf dass sie nach Ma\u00dfgabe ihrer an Marktpreisen zu bewertenden Leistungsf\u00e4higkeit ihre Einkommen beziehen und die daraus folgenden Konsumstr\u00f6me auf ihren ganz pers\u00f6nlichen Lebenszyklus verteilen m\u00f6gen. Nun wissen wir aber, dass viele der besonders Leistungsf\u00e4higen offenbar bewusst ein Verm\u00f6gen aufbauen, welches sie niemals in eigenen Konsum umzusetzen in der Lage sein werden. Neben der den Menschen offenbar eigenen Neigung, sich damit ein wenig unsterblich zu machen, wird das Motiv dazu sein, dass man seinen Nachkommen etwas hinterlassen m\u00f6chte \u2013 aus den verschiedensten tieferen Gr\u00fcnden. Damit aber w\u00fcrde der Staat eines der wichtigsten Leistungsmotive zerst\u00f6ren, wenn er jede Generation per Erbschaftssteuer wieder zur\u00fcck auf null stellte. Und ein weiteres Problem k\u00e4me hinzu: Andauernd m\u00fcsste man das gesamte private Verm\u00f6gen einer Gesellschaft neu verteilen \u2013 einmal in jeder Generation. Wie gesehen, ist dies im Rahmen \u00f6konomischer Kriterien unm\u00f6glich, weil es solche nicht gibt und weil wir ohne Hinweis darauf blieben, wie das Verm\u00f6gen konkret zu verteilen w\u00e4re. Aber es kommt noch schlimmer: Es l\u00e4sst sich leicht zeigen, dass es auch im Rahmen demokratischer Entscheidungsmechanismen unm\u00f6glich ist, Verm\u00f6gen dauernd neu zu verteilen. Es gibt n\u00e4mlich keine per Mehrheitsbeschluss bestimmbare Neuverteilung von Verm\u00f6gen, welche nicht durch eine m\u00f6gliche alternative Verteilung ebenfalls per Mehrheitsbeschluss \u00fcberstimmt werden k\u00f6nnte. Keine Verteilung w\u00e4re also wirklich demokratisch legitim und jeder, der sich \u2013 vielleicht am Ende mit Gewalt \u2013 zum Schutzherrn einer bestimmten per Mehrheitsbeschluss m\u00f6glichen Verteilungen aufschwingen w\u00fcrde, k\u00f6nnte sogar zu Recht darauf verweisen, dass die bestehende Verteilung durch die von ihm vorgeschlagene \u00fcberstimmt werden k\u00f6nne. Paradoxerweise w\u00e4re aber auch seine Verteilung durch eine andere \u00fcberstimmbar.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen es daher drehen und wenden, wie wir m\u00f6gen. Wir finden erstens keine Kriterien, nach denen eine wie auch immer geartete Verteilung oder Umverteilung \u00fcberhaupt als gerecht oder ungerecht einzusortieren w\u00e4re; und wir m\u00fcssen zweitens feststellen, dass die Umverteilung bestehenden Sach- und Geldverm\u00f6gens im Rahmen nicht nur einer marktwirtschaftlichen, sondern auch einer demokratischen Ordnung auf schier unl\u00f6sbare Probleme st\u00f6\u00dft. Mit dieser Feststellung handeln wir \u00d6konomen uns gern den Vorwurf des Fatalismus oder des Konservativismus mit Blick auf bestehende Verh\u00e4ltnisse ein. Da mag was dran sein (wenn wir nur w\u00fcssten, was?). Bedeutsam ist aber, dass man sich die Folgen klar macht, die es hat, wenn man die Gr\u00fcnde f\u00fcr die fatalistisch erscheinenden Argumente der \u00d6konomen ignoriert.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu der Frage, ob wir denn nicht auch etwas Konstruktives beizutragen haben zu der Verteilungsfrage des Verm\u00f6gens, und dies l\u00e4sst sich \u2013 vielleicht \u00fcberraschend \u2013 durchaus bejahen. Dazu m\u00fcssen wir aber unsere Blickrichtung umlenken vom Verm\u00f6gensbestand und hin zur Verm\u00f6gensentstehung. Das allerdings erschlie\u00dft uns einen ganz neuen Horizont jenseits wohlfeiler Schlagzeilen. Nicht einmal zehn Prozent der gesamten Einkommen in Deutschland sind rein Kapitaleink\u00fcnfte, der Rest flie\u00dft aus nichtselbstst\u00e4ndiger und selbstst\u00e4ndiger Arbeit. Hier spielt die Musik, denn aus diesen Einkommen werden die k\u00fcnftigen Verm\u00f6gen aufgebaut. M\u00f6gen diejenigen der oberen zehn Prozent in der Verm\u00f6gensverteilung, die ausschlie\u00dflich aus den Ertr\u00e4gen ihres Verm\u00f6gens leben, auch ihre Yachten und Villen genie\u00dfen, die neuen Verm\u00f6gen entstehen anderswo und damit geh\u00f6rt die Zukunft auch den anderen. Das setzt allerdings eines voraus: Der Angriff der Leistungsf\u00e4higen auf angestammte Markt- und Machtpositionen jeder Art muss immer ungehindert erfolgen k\u00f6nnen. Wer immer eine lukrative Position im Markt oder auch in der Politik innehat, muss jederzeit um seinen Platz f\u00fcrchten m\u00fcssen, wenn ein anderer etwas Besseres zu bieten hat. Gibt es Bessere, dann darf er sein angesammeltes Verm\u00f6gen wohl noch behalten, die Neuentstehung muss er aber anderen \u00fcberlassen. Und das muss im Kleinen wie im Gro\u00dfen funktionieren.<\/p>\n<p>Kurz: Die Gesellschaft muss auf allen Ebenen offen sein f\u00fcr alle, die etwas Bestehendes durch etwas Besseres ersetzen wollen und k\u00f6nnen. Das klingt zun\u00e4chst banal, ist es aber nicht. Vor allem aber ist es voraussetzungsvoll, denn es verlangt zweierlei: Erstens darf es m\u00f6glichst niemandem erlaubt sein, seine Position gegen solche abzuschotten, die bessere Leistungen und bessere Ideen haben. Es d\u00fcrfen also keine k\u00fcnstlichen Barrieren aufgebaut werden. Zweitens aber m\u00fcssen nachwachsende Menschen m\u00f6glichst gleicherma\u00dfen gute Chancen erhalten, ihre Leistungsf\u00e4higkeit auch zu entfalten. Das zielt auf den Abbau von Barrieren, die in einer Wissensgesellschaft nat\u00fcrlich entstehen. Je erfolgreicher eine Gesellschaft sich im Abbau k\u00fcnstlicher wie nat\u00fcrlicher Barrieren schl\u00e4gt, desto unbedeutender werden angestammte Verm\u00f6genspositionen. Umgekehrt gilt aber auch: Je mehr sich in einer Gesellschaft eine bestehende Verm\u00f6gensverteilung perpetuiert, desto weniger erfolgreich war sie beim Abbau k\u00fcnstlicher und nat\u00fcrlicher Barrieren. Und hier mag in Deutschland noch etwa zu tun sein.<\/p>\n<p>In Wahrheit liegt hierin nicht weniger als der Schl\u00fcssel zum Geheimnis der modernen Marktwirtschaften, und wenn man es genau nimmt, dann liegt hierin gleich der Aufstieg der modernen Industrienationen schlechthin begr\u00fcndet. Denn der beruhte schlicht auf dem Niederrei\u00dfen von Privilegien, auf der daraus folgenden Zunahme an Offenheit gegen\u00fcber Personen, die angestammte M\u00e4rkte und Positionen angriffen, die sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung im Sinne des \u00f6sterreichischen \u00d6konomen Joseph Schumpeter betrieben und die damit eine Dynamik entfachten, die fortw\u00e4hrend Altes durch Neues und Besseres ersetzte. Im Grunde ist es eine strikt anti-elit\u00e4re Politik, in der niemand sich mit Hilfe anderer Methoden als besserer Leistungen gegen die sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung der Ideengeber wehren darf. In einem solchen Klima schie\u00dfen die Ideengeber wie Pilze aus dem Boden.<\/p>\n<p>Genau in diesem Sinne hat der Kollaps der aristokratischen Systeme in Europa seinerzeit den Startschuss gegeben zu einem in der Geschichte nie erlebten Anstieg des Wohlstands und zugleich zu einer nie erlebten Breite der Verteilung dieses Wohlstands. Und wenngleich die Verteilung des Altverm\u00f6gens in Europa immer noch sehr ungleich ist, so spielt dies mit Blick auf Einkommen und Wohlstand der breiten Bev\u00f6lkerung in Wahrheit kaum eine Rolle. Die Verm\u00f6gensbest\u00e4nde einiger alter Dynastien mag manchem ein \u00c4rgernis sein, \u00f6konomisch gesehen sind sie ziemlich unbedeutend. Und genau hierin liegt der Punkt: Wenn die M\u00e4rkte offen, wenn alle politischen und \u00f6konomischen Positionen jederzeit und von m\u00f6glichst jedem, der sich darin als f\u00e4hig erweist, angreifbar sind, dann und nur dann sind die Altbest\u00e4nde des Verm\u00f6gens f\u00fcr den Wohlstand der Bev\u00f6lkerung insgesamt unbedeutend.<\/p>\n<p>Umgekehrt gilt aber auch: Sind die \u00f6konomischen und politischen Positionen nicht angreifbar, dann sind die Altbest\u00e4nde des Verm\u00f6gens mit einem Mal der alles entscheidende Faktor. Denn aus ihnen speisen sich dann die bedeutenden Einkommensquellen. Das f\u00fchrt dann unweigerlich zu Kleptokratie und zur Herrschaft von Dynastien; und zu allem Ungl\u00fcck f\u00fchren fast alle Versuche zur Umverteilung des bestehenden Verm\u00f6gens zu Konflikt und B\u00fcrgerkrieg. Und sollte die Umverteilung dann doch einmal gelingen, dann wird allzu oft nur eine korrupte Verm\u00f6genselite durch eine neue ersetzt. Das tiefere Problem ist, dass diejenigen, die die Herrschaft alter Eliten brechen wollen, allzu oft auf eine Umverteilung bestehenden Verm\u00f6gens setzten statt auf eine \u00d6ffnung aller Positionen f\u00fcr nachwachsende Leistungstr\u00e4ger, auf dass sie neues Verm\u00f6gen schaffen und altes entwerten. Der Weg zum Wohlstand war immer ein Weg \u00fcber die Offenheit einer Gesellschaft, und daran wird sich auch k\u00fcnftig nichts \u00e4ndern. Und um dies nicht zu verschweigen: Damit die T\u00fcr zum Angriff auf angestammte Positionen von neuen Leistungstr\u00e4gern offenbleibt, damit aus m\u00f6glichst jedem potenziellen auch ein faktischer Leistungstr\u00e4ger werden kann, brauchen wir ein leistungsf\u00e4higes Bildungssystem, in dem der Zugang zur Leistungstr\u00e4gerschaft so wenig wie m\u00f6glich von der Verteilung der Altbest\u00e4nde des Verm\u00f6gens abh\u00e4ngt. Das, keine Frage, f\u00e4ngt im fr\u00fchen Kindesalter an \u2013 wie immer man das konkret und unter Beachtung des Primats der elterlichen F\u00fcrsorge umsetzen mag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was in der Folge des 18. 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