{"id":10335,"date":"2012-10-18T00:01:22","date_gmt":"2012-10-17T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10335"},"modified":"2012-10-17T15:38:48","modified_gmt":"2012-10-17T14:38:48","slug":"gastbeitragmission-vertrauen-die-eurokrise-als-chance-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10335","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag<\/small><br>Mission Vertrauen: Die Eurokrise als Chance nutzen"},"content":{"rendered":"<p>Goldankaufstuben haben Konjunktur, Krisenpropheten ohnehin, und die Immobilienpreise in deutschen Ballungszentren ziehen an. Weltweit haben Notenbanken Notma\u00dfnahmen ergriffen, um einzelne notleidende Finanzinstitute und Staaten zu unterst\u00fctzen. Doch nicht nur Finanzinstitute, sondern auch ganze L\u00e4nder sind \u00fcber gigantische Rettungsschirme mit komplizierten Garantieverflechtungen vor dem Bankrott gerettet worden. Und wenn es in den letzten Jahren ein Thema in den Medien, in der \u00d6ffentlichkeit und bis hinein in die Familien gab, dann war es die Wirtschafts- und Finanzkrise und die \u00c4ngste, die Menschen mit ihr verbinden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Eurokrise ist weit mehr als eine Finanzkrise. Sie ist eine Vertrauenskrise in die Stabilit\u00e4t von Staaten, in die Solidit\u00e4t von Finanzinstituten und in die Sicherheit unseres politischen und wirtschaftlichen Systems. Daher gilt es, Vertrauen wieder vollst\u00e4ndig herzustellen. Vertrauen in unser Wirtschafts- und Finanzsystem, Vertrauen in die Politik. <em>Systemvertrauen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Systemvertrauen, Markt und Wirtschaftsordnung<\/strong><\/p>\n<p>Systemvertrauen hat eine herausragende Bedeutung f\u00fcr die allgemeine Wirtschaftsordnung, die den Rahmen f\u00fcr den Austausch auf Markten setzt. Hierf\u00fcr ist es konstitutiv: M\u00e4rkte funktionieren besonders effizient, wenn Marktteilnehmer an die Freiheit des Austauschs und an den Schutz ihrer Eigentumsrechte glauben und in ihrem Konsum und ihren Investitionen darauf setzen.<\/p>\n<p>Voraussetzung daf\u00fcr ist ein funktionierendes institutionelles Regelwerk, einschlie\u00dflich wirksamer Sanktionsmechanismen. Wenn wir wissen, dass der Austausch auf Markten effizient funktioniert, dann sind wir uns sicher, dass wir Ressourcen effizienter einsetzen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen uns weniger absichern, k\u00f6nnen mehr Wagnis eingehen und investieren. Transaktionskosten sinken, die Welt geht vorw\u00e4rts, Fortschritt und Wachstum finden statt. Wenn wir uns auf ein funktionierendes Wirtschaftssystem mit seinen Freiheiten, Regeln und Pflichten verlassen k\u00f6nnen, dann wirkt unser Systemvertrauen gleichzeitig auch wie ein Verst\u00e4rker und Katalysator des Wettbewerbs: Aus Vertrauen in den Markt wird Vertrauen im Markt, ohne das Markte nicht m\u00f6glich waren: Vertrauen unter den Marktteilnehmern ist Voraussetzung f\u00fcr Kooperation, Austausch, Erf\u00fcllung Zug um Zug und Treu und Glauben. Dieses Vertrauen im Markt verst\u00e4rkt sich selbst: Wenn wir vertrauen, k\u00f6nnen wir besser vergleichen, mehr Transaktionen abwickeln, weitere Risiken eingehen \u2013 und sind dadurch gehalten, uns auf andere zu verlassen, ihnen also einen Vertrauensvorschuss unsererseits zu gew\u00e4hren. Freie Markte stiften somit Vertrauen, da sie es \u00fcber Transaktionen andauernd auf die Probe stellen. Vertrauenswillige Marktteilnehmer k\u00f6nnen jene, die nicht vertrauensw\u00fcrdig sind, von ihren Gesch\u00e4ften ausschlie\u00dfen. Dies sind ungeschriebene Regeln und Kontrollmechanismen, die das Systemvertrauen im Markt sichern.<\/p>\n<p>In marktwirtschaftlich gepr\u00e4gten Gesellschaften haben Menschen oft auch ein hohes Vertrauen in die Gesellschaft. In einer freien Marktordnung mit Privatautonomie k\u00f6nnen sich Individuen frei entfalten, sie sind jedoch auch einem hohen Risiko ausgesetzt. Damit sie ihre Freiheit aussch\u00f6pfen und sich dabei individuell absichern k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie anderen Menschen Vertrauen schenken. Man ist aufeinander angewiesen. Kooperation ist zugleich Bedingung und Garant f\u00fcr eine Marktwirtschaft. Zu misstrauen ist teurer als zu vertrauen.<\/p>\n<p>Eben dieses Systemvertrauen ist heute bedroht: Die Ursachen daf\u00fcr sind gigantische Risiken im Finanzsystem, eine z\u00f6gerliche Politik und eine Europ\u00e4ische Zentralbank die unweigerlich immer st\u00e4rker in den Dienst von vor\u00fcbergehender Systemstabilisierung stellen l\u00e4sst. Umfragen zeigen, dass Menschen immer weniger an die Konstanz von Institutionen und an faire Teilhabe am Wirtschaftssystem glauben. Wo dieser Glaube jedoch fehlt und es zugleich keine Verst\u00e4ndigung auf eine gesellschaftliche Vision f\u00fcr ein Leben nach der Krise gibt, stellt sich eine Gesellschaft zunehmend die Sinnfrage. Wozu die Anstrengungen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Drei Anker f\u00fcr neues Systemvertrauen<\/strong><\/p>\n<p>Was ist zu tun? In der Vergangenheit folgte auf gr\u00f6\u00dfere Systemvertrauenskrisen immer ein Neubeginn. Zum Beispiel in Deutschland: Kapitulation, Abdankung des Kaisers, W\u00e4hrungsreform, noch mal Kapitulation, noch mal W\u00e4hrungsreform, Mauerfall. Stets fand ein Strukturbruch statt, der den B\u00fcrgern das Gef\u00fchl eines Neubeginns gab \u2013 wohlgemerkt eines institutionellen Neubeginns; F\u00fchrungspersonal und gesellschaftliche Eliten blieben oft die alten.<\/p>\n<p>Dieses Mal ist es anders: Institutionen funktionieren. Den Menschen geht es gut. Der politische Wille der derzeit Verantwortlichen ist zu gro\u00df, als dass Europ\u00e4ische Union und Soziale Marktwirtschaft \u2013 die Objekte unseres Systemvertrauens \u2013 in naher Zukunft untergehen w\u00fcrden. Neues Systemvertrauen muss heute aus dem Stand heraus geschaffen werden und kann nicht den emotionalen Schwung und die institutionelle Katharsis einer Revolution nutzen.<\/p>\n<p>Einen Pr\u00e4zedenzfall gibt es nicht. Wo die Empirie nicht taugt, m\u00fcssen wir uns der Theorie bedienen und versuchen, aus ihr Handlungsanleitungen abzuleiten. Der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Diskussion l\u00e4sst sich auf drei Anker f\u00fcr neues Systemvertrauen kondensieren.<\/p>\n<ul>\n<li>Neues Vertrauen in die Politik kann mit einfachem politischen Willen \u00fcber Regeln geschaffen werden, die nicht hierarchisch steuern, sondern einen konstruktiven Leistungswettbewerb zwischen Staaten f\u00f6rdern. Eine funktionierende Wettbewerbsordnung aktiviert Volkswirtschaften wie Gesellschaften \u2013 Selbstvertrauen in die eigene Leistungsf\u00e4higkeit entsteht. Derartige Regeln sind der erste Anker.<\/li>\n<li>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr Wachstum als zweitem Grundstein f\u00fcr Vertrauen. Finden Strukturreformen statt und werden Mittel aus dem EU-Haushalt in produktive Verwendungszwecke umgeschichtet, sind h\u00f6here Wachstumsraten, allgemeine Zuversicht und neues Vertrauen in das Wirtschaftsystem nicht mehr fern.<\/li>\n<li>Ohne eine grunds\u00e4tzliche gesellschaftliche Verst\u00e4ndigung auf gemeinsame Werte und Ziele geht es jedoch nicht. Sie ist der dritte Vertrauensanker, die man beispielsweise\u00fcber eine strukturierte Wertedebatte und eine st\u00e4rkere Orientierung an Kardinaltugenden erreichen k\u00f6nnte. Allein sie kann in Zeiten gro\u00dfer Verunsicherung bewirken, dass wir unseren Standpunkt neu erkennen und verorten, in der Bew\u00e4ltigung der anstehenden Herausforderungen einen Sinn sehen und uns mit ihr auch identifizieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die M\u00fchen sind es wert: Systemvertrauen als Standortvorteil ausbauen\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Systemvertrauen aus dem Stand heraus zu schaffen ist alles andere als einfach. Doch die M\u00fchen sind es wert, denn stabiles Systemvertrauen ist ein Standortvorteil im globalen Wettbewerb: Das Systemvertrauen in anderen Kontinenten ist nicht in dem Ma\u00dfe ausgebaut wie in Europa. F\u00fcr unsere Gesch\u00e4ftspartner bedeutet das Planungssicherheit, Zuverl\u00e4ssigkeit und weniger Kontrolle. Wir m\u00fcssen alles daf\u00fcr tun, dass das so bleibt.<\/p>\n<p>Doch nicht nur das: Wir sollten unsere Vorstellungen von Werten und Vertrauensw\u00fcrdigkeit nicht nur leben und als Wettbewerbsvorteil ausbauen, sondern globalen Wettbewerb zum Vertrauenswettbewerb umgestalten. Was sich zun\u00e4chst abstrakt und praxisfern anh\u00f6rt, haben wir in vielen Bereichen bereits geschafft. Niemand auf der Welt ist so gut wie wir Europ\u00e4er darin, moralische Exportschlager zu schaffen. In der Tat ist es uns Europ\u00e4ern in der Vergangenheit gelungen, Mindeststandards zu entwickeln, die Unternehmen das Leben anfangs schwer gemacht haben. Denn Mindeststandards erfordern zun\u00e4chst Investitionen und verursachen somit Kosten. Im Endeffekt aber sorgen sie f\u00fcr h\u00f6here Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Produkte. Das sorgt dann f\u00fcr Nachahmereffekte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u2026und munter exportieren<\/strong><\/p>\n<p>Da wir in Sachen Lebensqualit\u00e4t und Mindeststandards weltweit f\u00fchrend sind, sieht man in uns auch einen globalen moralischen Standardsetzer. Und zwar nicht nur im Feld der Demokratie. 100 Jahre Umweltbewegung, 2000 Jahre Verbraucherschutz und 3000 Jahre Urbanit\u00e4t werden weltweit gesch\u00e4tzt und flei\u00dfig imitiert. Die Liste der Beispiele lie\u00dfe sich noch fortsetzen. Sie alle zeigen, dass die Europ\u00e4er es schon oft geschafft haben, den Preiswettbewerb im Wettkampf der Standorte in einen Qualit\u00e4tswettbewerb umzuwandeln.<\/p>\n<p>Genau dieses Erfolgskonzept gilt es nun auf Vertrauenskultur zu \u00fcbertragen. Nach einem schmerzlichen Prozess der Selbsterkenntnis m\u00fcssen wir es als unsere Mission begreifen, eine neue europ\u00e4ische Vertrauenskultur zu schaffen und diese per Vorbildfunktion munter zu exportieren. Das bedeutet: Im ersten Schritt neues Vertrauen zu schaffen, im zweiten Schritt dadurch erfolgreicher als andere zu werden und dieses Modell dann im dritten Schritt zu exportieren, indem andere es uns gleichtun.<\/p>\n<p>Eine neue Vertrauenskultur ist m\u00f6glich \u2013 in Europa und weltweit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hinweis<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Beitrag gibt in Ausz\u00fcgen zentrale Aussagen des Buches<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mitteldeutscherverlag.de\/index.php?page=shop.product_details&amp;flypage=shop.flypage&amp;product_id=1004&amp;category_id=55&amp;option=com_virtuemart&amp;Itemid=1&amp;vmcchk=1&amp;Itemid=1\"><em>HEINEN, N.<\/em> (2012): Mission Vertrauen: Wege aus der Eurokrise. Wege aus der Unsicherheit, Halle: Mitteldeutscher Verlag<\/a><\/p>\n<p>wieder.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goldankaufstuben haben Konjunktur, Krisenpropheten ohnehin, und die Immobilienpreise in deutschen Ballungszentren ziehen an. 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