{"id":10370,"date":"2012-10-20T00:01:52","date_gmt":"2012-10-19T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10370"},"modified":"2012-10-19T17:25:24","modified_gmt":"2012-10-19T16:25:24","slug":"energiegenossenschaften-zwischen-rendite-romantik-und-realitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10370","title":{"rendered":"Energiegenossenschaften zwischen Rendite, Romantik und Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche neue Energiegenossenschaften gegr\u00fcndet, weitere sind in Vorbereitung. Dies ist nicht \u00fcberraschend, bew\u00e4hren sich doch Genossenschaften in jenen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen ganz besonders, die einem starken Wandel ausgesetzt sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Komplexe Motivlage<\/strong><\/p>\n<p>Nicht immer scheint jedoch das genossenschaftliche Gesch\u00e4ftsmodell in seiner Gesamtheit den Ausschlag zu geben. Manchmal blenden \u00fcberzogene und unrealistische Renditeversprechen, manchmal passt ein \u00fcberkommenes Bild von genossenschaftlicher Kuschelromantik zu den Vorstellungen einer Stromversorgung, die v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von realistischen Kalkulationen auskommen w\u00fcrde: die \u201eideelle Rendite\u201c tritt dann in den Vordergrund und die von den Stromverbrauchern gef\u00f6rderte Energiewende machts m\u00f6glich. Solch \u00fcberzogene und unrealistische Erwartungen dr\u00e4ngen dann manchmal die unzweifelhaft vorhandenen Vorz\u00fcge von Energiegenossenschaften schnell in den Hintergrund. Von vielen B\u00fcrgern, Unternehmen und Kommunen werden jedoch gerade diese erkannt und genutzt.<\/p>\n<p><strong>Vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten <\/strong><\/p>\n<p>Genossenschaftliche Kooperationen in der Energiewirtschaft weisen eine lange Tradition auf. Nun sind sie neuerlich in den Mittelpunkt des genossenschaftlichen Gr\u00fcndungsgeschehens ger\u00fcckt. Ihre Aktivit\u00e4ten und ihre Gr\u00fcndungszwecke, ihre Ziele sowie ihre konkreten Ausgestaltungen sind \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig. Im vergangenen wurden in Deutschland weit \u00fcber 300 Energiegenossenschaften gegr\u00fcndet. Hervorzuheben ist, dass die Initiatoren und Moderatoren von Gr\u00fcndungsprozessen in der Energiewirtschaft h\u00e4ufig aus der genossenschaftlichen Wirtschaft kommen. Dies sind h\u00e4ufig Genossenschaftsbanken, landwirtschaftliche Genossenschaften, andere Energiegenossenschaften oder die genossenschaftlichen Verb\u00e4nde.<\/p>\n<p><strong>Dezentrale Energieversorgung <\/strong><\/p>\n<p>Die Frage nach den Ursachen f\u00fcr das aktive Gr\u00fcndungsgeschehen liefert viele Faktoren, die sich gegenseitig verst\u00e4rken. Die Zunahme der technischen M\u00f6glichkeiten und der \u00f6konomischen Rahmenbedingungen f\u00fcr eine Dezentralisierung der Energieversorgung, die gestiegenen W\u00fcnsche von Menschen, mehr Einfluss auf wichtige Angelegenheiten zu gewinnen, die Sensibilisierung f\u00fcr die Nutzung von Energie, die aus erneuerbaren Materialien gewonnen wird sowie gesellschafts- und regionalpolitische Projekte regionaler Wirtschaftskreisl\u00e4ufe haben ein komplexes Umfeld entstehen lassen, das die Neugr\u00fcndung von Energiegenossenschaften au\u00dferordentlich befl\u00fcgelt hat.<\/p>\n<p><strong>Energiewende<\/strong><\/p>\n<p>Es muss klar gesehen werden, dass die staatliche F\u00f6rderung der Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Ressourcen, die im Zusammenhang mit der Energiewende und ihren einzelnen Etappen, politisch entschieden wurde, einen zus\u00e4tzlichen Gr\u00fcndungsimpuls mit sich gebracht hat. Eine F\u00fclle von klima- und energiepolitischen Ma\u00dfnahmen haben f\u00fcr Haushalte und Unternehmen nicht nur Verhaltensvorgaben mit sich gebracht, sondern auch steuerliche Anreizen, vielf\u00e4ltige F\u00f6rderungen und Finanzierungszusch\u00fcsse. Deren Ansatzpunkte sind ein Brennstoffwechsel, die Einsparung von Energie sowie deren effizientere Nutzung und die Produktion und die Forcierung von erneuerbaren Energiequellen. Nicht immer wird schon hinreichend beachtet, dass diese politischen Ma\u00dfnahmen Investitionskalk\u00fcle in einem Bereich beeinflussen, in dem Vieles in Bewegung ist, technische Innovationen gesucht und zukunftsorientierte Weichenstellungen getroffen werden. Besonders hevorzuheben sind die Anreize der EEG-Umlage.<\/p>\n<p><strong>Bestehende Genossenschaften <\/strong><\/p>\n<p>Landwirtschaftliche Genossenschaften sind in mehrfacher Hinsicht von Klimawandel, Energiewende und den damit verbundenen\u00c2\u00a0 energiepolitischen Ma\u00dfnahmen betroffen und nutzen diese f\u00fcr zus\u00e4tzlich wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten sowie f\u00fcr Substitutionsentscheidungen. Sehr unmittelbar wurde mit der Widmung von Ackerfl\u00e4chen reagiert. So kann es zu einer Konkurrenz zu Futterstoffen und Nahrungsmittel mit weitreichenden Konsequenzen kommen, wenn Biokraftstoffe (z. B. Raps) oder Biogas (z. B. Mais) produziert werden sollen. Raiffeisen-Genossenschaften treten als Organisatoren der Vermarktung von Energiepflanzen auf (z. B. Biodiesel). Mitglieder oder deren Genossenschaften produzieren Biogas und nutzen dieses f\u00fcr die Strom- und W\u00e4rmeproduktion. Schlie\u00dflich \u00fcbernehmen landwirtschaftliche Genossenschaften Beschaffungs- (z. B. technische Ger\u00e4te), Vermarktungs- (z. B. Biomasse, Strom) oder Produktionsaktivit\u00e4ten (Strom). Es hat sich gezeigt, dass in den letzten Jahren auch neue Genossenschaften mit diesen T\u00e4tigkeitsfeldern entstanden sind.<\/p>\n<p><strong>Genossenschaftliche Potenzialfelder<\/strong><\/p>\n<p>Diese Aktivit\u00e4ten sind auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels zu betrachten, der vor allem f\u00fcr den l\u00e4ndlichen Raum Herausforderungen mit sich bringt. Gelingt es die wirtschaftliche Basis durch erfolgreiche Genossenschaften aufzuwerten, kann dies den Anpassungsprozess erleichtern. Dabei eignen sich Genossenschaften besonders zur kollektiven Organisation von homogenen Leistungen wie Energie, zur Produktion von Vertrauensg\u00fctern und zur Organisation neuer Wertsch\u00f6pfungsketten. Wird beachtet, dass sie als Wertsch\u00f6pfungsnetzwerke mit variabler Zusammensetzung organisiert werden k\u00f6nnen, dass sie Werte f\u00fcr ihre Mitglieder schaffen und dass zu ihren konstituierenden Merkmalen die regionale Verankerung geh\u00f6rt, zeichnet sich ein vielf\u00e4ltiges Aktivit\u00e4tsspektrum ab, das noch dadurch erweitert wird, dass genossenschaftlichen Kooperationen die langfristige Orientierung inh\u00e4rent ist. Vor diesem Hintergrund kann auch die Entstehung genossenschaftlich organisierten Bioenergied\u00f6rfern gut erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p><strong>Energieleistungen<\/strong><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat sich tats\u00e4chlich eine au\u00dferordentliche Vielfalt an neuen Energiegenossenschaften herausgebildet. Sie sind nicht nur in der Produktion von Energie und in der Versorgung mit Energie t\u00e4tig, sondern organisieren eine Vielzahl von energiewirtschaftlichen Leistungen. So bieten Handwerkergenossenschaften (1) eine gewerke\u00fcbergreifende Organisation von Energiesparma\u00dfnahmen und entsprechende Beratungsleistungen in Form von\u00c2\u00a0 Wertsch\u00f6pfungsnetzwerken an. Innovationsgenossenschaften (2) wurden gegr\u00fcndet, um die Erforschung und Entwicklung von Technologien zur Verbesserung der Energieeffizienz und im Bereich der erneuerbaren Energien zu erm\u00f6glichen. Einkaufsgenossenschaften (3) \u00fcbernehmen den geb\u00fcndelten Einkauf von \u201esauberem Strom\u201c. Greenpeace Energy kann als ein genossenschaftliches Unternehmen gesehen werden, dem diesbez\u00fcglich eine Pionierrolle und Vorbildfunktion zukommt. Beschaffungsgenossenschaften (4) sind f\u00fcr den geb\u00fcndelten Einkauf von Baustoffen, energieschonenden Komponenten, etc. zust\u00e4ndig, w\u00e4hrend Vorproduktgenossenschaften (5) die Produktion von Biogas, Biokraftstoffen und Holz durchf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Kraftwerksgenossenschaften<\/strong><\/p>\n<p>Zahlreiche Kraftwerksgenossenschaften (6) wurden gegr\u00fcndet. Sie produzieren, verwenden und verkaufen Strom aus Wind, Wasser, Sonne und Biomasse. Zu nennen sind Photovoltaik-Genossenschaften, Windparks sowie Biogasgenossenschaften. Oft entstehen solche Unternehmen als Ausdruck des B\u00fcrgerengagements. Hier sollte explizit auf einen gro\u00dfen Organisationsbedarf sowie auf die Abh\u00e4ngigkeit von Rohstoffen und Einspeiseregelungen und von diversen F\u00f6rderma\u00dfnahmen hingewiesen werden. Virtuelle Netzwerke der Kraft-W\u00e4rme-Kopplung (7) dienen der Organisation von Einspeisung und Versorgung vieler kleiner dezentraler Kraftwerke und sind geeignet, deren Steuerbarkeit zu verbessern. Beratungsgenossenschaften (8) erm\u00f6glichen die Organisation von Ma\u00dfnahmen \u201eaus einer Hand\u201c, indem auf eine B\u00fcndelung und Dokumentation des Know-hows \u00fcber Energiesparen, Energieeffizienz und erneuerbare Energien sowie relevante F\u00f6rderma\u00dfnahmen zur\u00fcckgegriffen werden kann. \u201eRundum-Energiegenossenschaften\u201c (9) \u00fcbernehmen auf der Grundlage eigener Kraftwerke und Liefervertr\u00e4ge die Beratung, Konzeption und Durchf\u00fchrung aller Energiema\u00dfnahmen. Meta-Genossenschaften (10) vernetzen einschl\u00e4gige Genossenschaften zu Verb\u00fcnden, um Gr\u00f6\u00dfen- und Kompetenzvorteile zu nutzen. Genossenschaften und genossenschaftliche Netzwerke zur Interessenvertretung (11) b\u00fcndeln schlie\u00dflich Informations-, Kommunikations- und Lobbyingaktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p><strong>Regulatorisches Risiko<\/strong><\/p>\n<p>Bei dieser Vielfalt an Gr\u00fcndungskonstellationen sollte nicht die manchmal an den Tag gelegte Begeisterung die strenge Kalkulation der Gesch\u00e4ftsfelder dominieren. Generell gilt es, das vorhandene regulatorische Risiko zu ber\u00fccksichtigen (z. B. neue EU-Regelungen, EEG-Novelle) und den Energiemarkt in seiner Gesamtheit im Auge zu behalten. Manche der aufgezeigten Aktivit\u00e4ten werden getrieben durch steuerliche und finanzielle F\u00f6rderungen, verf\u00fcgbare Standard-Finanzierungskonzepte, Anlagenanbieter und Berater. Eine konsequente Analyse dieses Umfeldes ist unabdingbar bevor entsprechende Gr\u00fcndungs- und Investitionsprojekte in Angriff genommen werden.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Energiegenossenschaften sind eine gut geeignete Reaktion auf die aktuellen energie- und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Mit diesen k\u00f6nnen einzelwirtschaftliche Vorteile erzielt, b\u00fcrgerschaftliches Engagement umgesetzt und gesellschaftliche Nutzen generiert werden. Die au\u00dferordentliche Vielfalt an bereits l\u00e4nger bestehenden und neuen Energiegenossenschaften zeigt, dass die Menschen diese Form der Selbsthilfe entdeckt haben und positiv einsch\u00e4tzen. Dabei ist es sehr wichtig, weder die \u201eideelle Rendite\u201c noch die heute regulatorisch zugestandene Rendite \u00fcber zu bewerten. Gerade die politische und mediale Diskussion dieser Tage legt es sehr nahe, die regulatorischen Risiken im Auge zu behalten und ebenso die Tatsache, dass es nicht im Kern des genossenschaftlichen Gesch\u00e4ftsmodells liegt, mit \u00fcberh\u00f6hten Renditen zu werben, sondern das gemeinsam Erwirtschaftete zu investieren. Kurz: Energiegenossenschaften sollten sich auch dann noch rechnen, falls energiepolitische F\u00f6rderma\u00dfnahmen eingeschr\u00e4nkt werden sollten. Denn in diesem Fall w\u00fcrden die tats\u00e4chlichen Renditen sich schnell weit von jenen entfernen, die heute manchmal als garantiert versprochen werden.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche neue Energiegenossenschaften gegr\u00fcndet, weitere sind in Vorbereitung. 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