{"id":104,"date":"2008-02-18T06:55:57","date_gmt":"2008-02-18T05:55:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=104"},"modified":"2008-02-18T16:25:41","modified_gmt":"2008-02-18T15:25:41","slug":"sanfter-paternalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=104","title":{"rendered":"Sanfter Paternalismus"},"content":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich vor, Sie m\u00fcssten Ihr ziemlich chaotisches B\u00fcro aufr\u00e4umen und h\u00e4tten die Wahl, entweder am 20. Februar sechs Stunden oder am 1. M\u00e4rz sieben Stunden zu schuften. Wie w\u00fcrden Sie entscheiden? Keine Frage: Die meisten Menschen w\u00fcrden die ungeliebte Besch\u00e4ftigung am 20. Februar erledigen; immerhin sparen sie eine Stunde stupider Arbeit.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert sich freilich, je n\u00e4her der 20. Februar r\u00fcckt. Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden am 20. Februar gefragt, ob Sie lieber heute, also am 20. Februar, sechs Stunden oder am 1. M\u00e4rz sieben Stunden aufr\u00e4umen wollen. Die Mehrheit, so belegen Befragungen, w\u00e4hlt in diesem Fall den 1. M\u00e4rz, entscheidet sich mithin f\u00fcr den zeitlichen Aufschub, wiewohl dieser eine Stunde mehr Rackern bedeutet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Ergebnis dieses kleinen Experiments ist menschlich (\u201eWas du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf morgen\u201c), rational ist es nicht. Offenbar \u00e4ndern Menschen ihr Verhalten und ihre Entscheidungen im Zeitverlauf, auch wenn sich zwischenzeitlich die Alternative gar nicht ver\u00e4ndert hat. Menschen verhalten sich weniger rational, als es ihnen lieb ist. Das verstehen all jene, die sich jetzt zum Beginn der Fastenzeit wieder vornehmen, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren, weniger zu trinken, morgens eine Stunde um den Block zu laufen oder einen monatlichen Betrag f\u00fcr das Alter zur\u00fcckzulegen. Stets f\u00e4llt der Vorsatz leicht. Je n\u00e4her aber der Aschermittwoch r\u00fcckt, umso phantasievoller werden die Ausreden.<\/p>\n<p>Menschen machen im wirklichen Leben dauernd und leider viel zu h\u00e4ufig Fehler. Und sie wissen auch, dass sie gegen selbst gew\u00e4hlte Ziele versto\u00dfen. Viele verschieben die Entscheidung, Kinder zu zeugen, und bereuen es erst, wenn es zu sp\u00e4t ist. Andere kaufen sich \u00fcberfl\u00fcssige Dinge &#8211; zwanzig teure Uhren, vier Sportwagen oder zwei Segelboote -, was sie eher ungl\u00fccklich macht, weil der Nachbar sie l\u00e4ngst mit sechs Oldtimern \u00fcbertrumpft hat. Und die meisten Menschen ahnen auch, dass sie f\u00fcr ihr Alter mehr sparen m\u00fcssten, weil sie ihren Lebensstandard sp\u00e4ter halten oder gar noch verbessern wollen. Aber sie tun es nicht. \u201eEs ist, als g\u00e4be es zwei Ichs in uns drin\u201c, sagt Thomas Schelling, \u00d6konomienobelpreistr\u00e4ger des Jahres 2005: Aber das k\u00fcnftige Ich unterliegt regelm\u00e4\u00dfig dem heutigen Ich.<\/p>\n<p>Was liegt n\u00e4her, als das Erreichen der guten Absicht sanft zu unterst\u00fctzen? Da geben wir doch am besten dem guten Ich einen kleinen Schubs von au\u00dfen, damit es Herr \u00fcber das b\u00f6se Ich werden kann, hei\u00dft die Devise. Es ist ja nur gut gemeint. \u201eSanfter Paternalismus\u201c hei\u00dft diese Therapie, die sich die Ergebnisse der Verhaltens\u00f6konomie zunutze macht. Dieser Paternalismus findet zur Zeit viele Freunde auch unter ernst zu nehmenden \u00d6konomen. Wie jeder Paternalismus braucht auch der sanfte Paternalismus den Staat, der darauf achten soll, dass die Menschen ihre selbst fesselnden Vertr\u00e4ge einhalten.<\/p>\n<p>Beispiele f\u00fcr Programme staatlicher Begl\u00fcckung lassen sich gen\u00fcgend finden. Weil die Menschen sich weigern, privat f\u00fcrs Alter vorzusorgen, greift der Staat ihnen mit allen m\u00f6glichen Zusch\u00fcssen und Steuererleichterungen (Riester, R\u00fcrup und wie sie alle hei\u00dfen) f\u00f6rdernd unter die Arme. Weil wir offenbar alle zu wenig gegen den Klimawandel unternehmen, greift der Staat zu Zuckerbrot und Peitsche, indem er Auflagen f\u00fcr die W\u00e4rmed\u00e4mmung der H\u00e4user verbindet mit der F\u00f6rderung einer \u00f6kologischen Umr\u00fcstung der gesamten Energieversorgung und W\u00e4rmed\u00e4mmung. Und weil es offenbar in Kneipen besonders verf\u00fchrerisch ist, sich eine Zigarette anzustecken, wird das Rauschen in Lokalen jetzt staatlich verboten; die Aschenbecher kommen vor die T\u00fcr, wo jeder frei ist, bei f\u00fcnf Grad Minus seinen \u201erevealed preferences\u201c ungehindert Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n<p>Der sanfte Paternalismus ist verf\u00fchrerisch. Deshalb findet er auch unter Liberalen seine Freunde. Aber Paternalismus bleibt Paternalismus. Und die Konsequenzen liegen auf der Hand. Warum soll eigentlich das Rauchen nur in Kneipen verboten werden? W\u00e4re es nicht im Sinne der wohlverstandenen Gesundheitsvorsorge f\u00fcr jedermann gut, wenn das Rauchen generell untersagt w\u00fcrde? Die sanften Paternalisten wissen auch rasch einen Ausweg, wie sie die menschliche Freiheit vermeintlich retten k\u00f6nnen. Selbstverst\u00e4ndlich sei es weiterhin erlaubt, sich gegen einen bestimmten Geldbetrag vom generellen Rauchverbot frei zu kaufen. Je l\u00e4nger die Debatte um die Dicken andauert, umso rascher werden wir \u00e4hnliche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die gesamte Ern\u00e4hrung bekommen. Wer hundert Kilo und mehr wiegt, kann essen soviel er will, muss dann aber f\u00fcr sein Steak den doppelten Preis zahlen. Die Einnahmen dieser Dickensteuer k\u00f6nnten zur Linderung der Armut in der Dritten Welt verwandt werden.<\/p>\n<p>Willem Buiter hat die Argumente der sanften Paternalisten in die grausame Enge getrieben (siehe: <a href=\"http:\/\/blogs.ft.com\/maverecon\/2007\/10\/beware-the-perihtml\/\">Beware the Perilous Protagonists of Patronising Paternalism<\/a>). Weil wir inzwischen medizinisch gesichert wissen, dass ab einem Alter von 86 (bei M\u00e4nnern) und 88 (bei Frauen) Jahren die gesellschaftlichen Kosten des Weiterlebens selbst den subjektiven Nutzen bei weitem \u00fcbertreffen, k\u00f6nnte der Staat von diesem Alter an die finale Euthanasiespritze anbieten (oder gleich zwingend vorschreiben?). Wer trotz widriger Bedingungen noch ein bisschen l\u00e4nger leben will, w\u00e4re selbstverst\u00e4ndlich frei, dies gegen eine entsprechende Greisensteuer zu tun.<\/p>\n<p>Der paternalistische Wohlfahrtsstaat wird unmenschlich und despotisch, was sich der B\u00fcrger nicht gefallen lassen darf. \u201eDer Souver\u00e4n will das Volk nach seinen Begriffen gl\u00fccklich machen, und wird Despot; das Volk will sich den allgemeinen menschlichen Anspruch auf eigene Gl\u00fcckseligkeit nicht nehmen lassen, und wird Rebell\u201c, schreibt Kant. Es ist bekanntlich nicht nach Kant gegangen. Das Volk ist dem s\u00fc\u00dfen Gift des sanften Paternalismus l\u00e4ngst erlegen und hat die Rebellion verschlafen.<\/p>\n<p>Kant steht mit seiner Kritik am Gl\u00fcckseligkeit herstellenden Staat nicht allein. \u201eBeim Himmel! der wei\u00df nicht, was er s\u00fcndigt, der den Staat zur Sittenschule machen will\u201c tobt H\u00f6lderlins Hyperion: \u201eImmerhin hat das den Staat zur H\u00f6lle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.\u201c Die Sorge f\u00fcr das Wohlergehen der Menschen, welch bester Absicht auch immer sie entspringt, geht den Staat nichts an zu. Sicherheit ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit des Freiheitsvollzugs, staatlicher Gl\u00fccks- und Wohlstandsauftrag (gegen Rauchen, Essen, Kinder oder Altervorsorge verweigern) ist ein Angriff auf die menschliche Freiheit. Keiner hat das so klar formuliert wie Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) in seiner Fr\u00fchschrift \u201eIdeen zu einem Versuch, die Gr\u00e4nzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen\u201c (1792). \u201eDer Staat enthalte sich aller Sorgfalt f\u00fcr den positiven Wohlstand seiner B\u00fcrger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich und gegen ausw\u00e4rtige Feinde notwendig ist.\u201c W\u00e4hrend n\u00e4mlich Sicherheit n\u00f6tig ist, damit die B\u00fcrger in Freiheit ihre Zwecke verfolgen, Vertr\u00e4ge abschlie\u00dfen und Eigentum bilden k\u00f6nnen, k\u00e4me die Wohlstandswahrung unweigerlich in Konflikt mit der menschlichen Freiheit, zu deren Lasten sie ginge: Alle Gesetze und Ermunterungen zum Behufe des Wohlstandes m\u00fcssten die Freiheit beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Humboldt f\u00fcrchtet zutreffend, dass der Mensch nur allzu gerne zu solcher Anpassung bereit ist. \u201eEr glaubt sich der Sorge \u00fcberhoben, die er in fremden H\u00e4nden sieht, und genug zu tun, wenn er ihre Leistung erwartet und ihr folgt.\u201c Aus freien B\u00fcrgern werden Leistungsempf\u00e4ngern. Das ist eine hellsichtige Vorwegnahme der heutigen Welt staatlicher Gl\u00fccks- und Wohlfahrtsmachbarkeit. Ein Staat, der sich anheischig macht, das Gl\u00fcck seiner B\u00fcrger, sei es direkt oder indirekt, zu beeinflussen, wird totalit\u00e4r. Ein Staat, der seine B\u00fcrger in vermeintlich guter Absicht lenken will (und sie dabei freilich gerne mit allerlei Strafsteuern abzockt) \u00fcberschreitet seine Kompetenz und unterdr\u00fcckt die Freiheit. Die amerikanische Verfassung garantiert aus gutem Grund das \u201eStreben nach Gl\u00fcck\u201c. Sie erkl\u00e4rt sich aber nicht zust\u00e4ndig f\u00fcr deren Gl\u00fcck. Streben nach Gl\u00fcck ist nichts anderes als die Garantie der Freiheitsrechte: es geht um die Bedingung der M\u00f6glichkeit, dass B\u00fcrger ihre eigenen Ziele zu ihrem Gl\u00fcck verfolgen k\u00f6nnen. \u201eThe pursuit of happyness\u201c, durch die Verfassung garantiert, ist das Gegenteil staatlich garantierten Gl\u00fccks.<\/p>\n<p>Die Grenzziehung staatlicher Wirksamkeit stellt f\u00fcr die Menschen heute eine Zumutung dar. Sie verlangt den Abschied von der \u201eobrigkeitsethischen Anh\u00e4nglichkeit\u201c (Wolfgang Kersting), die den Paternalismus als etwas Gutes betrachtet und ihm jene Weisheit und Allzust\u00e4ndigkeit andichtet, die Kinder bei ihren Eltern vermuten. Die Zumutung der Freiheit setzt die Menschen dagegen einem wettbewerblichen Entdeckungsprozess aus, der sich gerade durch seine Nichtplanbarkeit jeglicher Vorausschau entzieht. Das ist ungem\u00fctlich. Die Offenheit der Kontingenz und das Risiko zu scheitern sind in einer solchen Welt zweifellos gro\u00df. Doch die positive Kehrseite ist l\u00e4ngst nicht nur das Risikoversprechen des Freiheitsgewinns, sondern, quasi im Befreiungsakt mitgegeben, der erfahrbare Stolz, den ein Leben ohne anma\u00dfende staatliche Dem\u00fctigung bedeuten kann. Mit ihrem Leben und mit ihrem Geld k\u00f6nnen die B\u00fcrger besseres tun als sich dem F\u00fcrsorgestaat zu unterwerfen.<\/p>\n<p>Aber sollen die Menschen dann ungl\u00fccklich und in Not bleiben? Verfallen der Sucht, kinderlos und ohne Geld im Alter? Denken wir an Odysseus. Er rief nicht nach dem Staat als er von der Verf\u00fchrungskraft der Sirenen h\u00f6rte. Er kam auf die Idee sich selbst zu \u00fcberlisten und musste daf\u00fcr nur seine Freunde um Hilfe bitten, ihn an den Masten zu binden. Wom\u00f6glich hat er aus einer fr\u00fcheren Gefahr gelernt und sich deshalb gebunden, als er Skylla und Charybdis aus der Ferne auf sich zukommen sah. Freiheit ist auch die Freiheit der Selbstbindung.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich vor, Sie m\u00fcssten Ihr ziemlich chaotisches B\u00fcro aufr\u00e4umen und h\u00e4tten die Wahl, entweder am 20. Februar sechs Stunden oder am 1. 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