{"id":10530,"date":"2012-11-10T00:01:11","date_gmt":"2012-11-09T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10530"},"modified":"2012-11-09T16:22:27","modified_gmt":"2012-11-09T15:22:27","slug":"dick-sein-ist-keine-physiologische-eigenschaft-das-ist-eine-weltanschauung-tucholsky-1920","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10530","title":{"rendered":"\u201eDick sein ist keine physiologische Eigenschaft \u2013 das ist eine Weltanschauung.\u201c (Tucholsky, 1920)"},"content":{"rendered":"<p><em><\/em>Betrachtet man die Entwicklung der Gesundheit der deutschen Bev\u00f6lkerung, scheint eine solche Art der Weltanschauung, wie sie der gro\u00dfe deutsche Sp\u00f6tter Tucholsky \u00e4u\u00dfert, weit verbreitet zu sein: Eine repr\u00e4sentative Umfrage im Auftrag der DKV, die von der Deutschen Sporthochschule K\u00f6ln (DSHS) durchgef\u00fchrt wurde und zum Ziel hatte, die gesundheitsbezogene Lebensweise der Deutschen abzubilden, ergab, dass lediglich 11% der 3.032 Befragten allen gestellten Anforderungen<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> an eine gesunde Lebensweise gerecht werden (Mensik et al. 2012). Als besondere Problemfelder, die einer gesunden Lebensweise im Wege stehen, werden dabei vor allem unangemessene Ern\u00e4hrung und zu wenig Bewegung identifiziert. So bewegen sich nur 54% der Deutschen ausreichend, das hei\u00dft mindestens 150 Minuten bei moderater Aktivit\u00e4t pro Woche, obwohl hierzu schon die t\u00e4gliche Wegstrecke bis zur Arbeitsst\u00e4tte, wird sie mit dem Fahrrad zur\u00fcckgelegt, z\u00e4hlt. Im Vergleich zur letzten DKV-Studie mit diesem Hintergrund verschlechterte sich das gesundheitsf\u00f6rdernde Verhalten der Deutschen: 2010 konnten noch 14% der Befragten die Benchmarks erf\u00fcllen, dabei erreichten 60% (54% in 2012) der Deutschen die Mindestempfehlung bez\u00fcglich sportlicher Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Erste Ergebnisse aus der \u201eStudie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland\u201c (DEGS) zeigen, dass etwa 67% der M\u00e4nner und 53% der Frauen zwischen 18-79 \u00fcbergewichtig sind. In Bezug auf die Kosten haben Studien gezeigt, dass adip\u00f6se Menschen etwa 41% h\u00f6here Krankheitskosten verursachen als Menschen mit einem gesunden K\u00f6rpergewicht und Untersuchungen in den USA belegen, dass rund 21% der Gesundheitsausgaben im Zusammenhang mit Fettleibigkeit stehen. Angesichts der immer weiter steigendenden Kosten auch im deutschen Gesundheitssystem, die die Allgemeinheit zu tragen hat, kann ein Recht auf die <em>Weltanschauung<\/em>, wie Tucholsky Fettleibigkeit (und damit gesundheitsgef\u00e4hrdendes Verhalten) umschreibt, disktutiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/gesund.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Gesundheitsausgaben\" src=\"\/wordpress\/bilder\/gesund.png\" alt=\"Gesundheitsausgaben\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Entgegen dieser <em>Weltanschauung<\/em> hat nun New York (im September 2012) als erste Stadt in Amerika im Kampf gegen das \u00dcbergewichtsproblem (zwei Drittel aller Amerikaner gelten als \u00fcbergewichtig) Getr\u00e4nkebecher, die mehr als 16 Unzen (0,474ml) fassen, f\u00fcr s\u00fc\u00dfe Getr\u00e4nke, wie z.B. Limonade, verboten (o. V. 2012). Dabei stellt sich die Frage, ob ein Eingreifen des Staates bez\u00fcglich der \u00dcbergewichtsproblematik wirklich gerechtfertigt werden kann, oder ob sich diese Problematik (besser) von privatwirtschaftlicher Seite l\u00f6sen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ein staatlicher Eingriff bez\u00fcglich der Pr\u00e4vention l\u00e4sst sich aus drei weiteren Gr\u00fcnden kaum rechtfertigen:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Pr\u00e4vention kommt in erster Linie den Individuen zugute, die dieselbe durchf\u00fchren, d. h., der Charakter des privaten Gutes dominiert eindeutig vermeintlich auftretende externe Effekte.<\/li>\n<li>Der Argumentationsstrang, Prim\u00e4rpr\u00e4vention w\u00fcrde \u00fcber eine Verbesserung der Gesundheit die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen eind\u00e4mmen, ist insofern komplett zu hinterfragen, da zum einen \u2013 falls sich tats\u00e4chlich Spareffekte durch Pr\u00e4vention ergeben \u2013 dieses Ph\u00e4nomen direkt bei der Beitragsgestaltung korrigiert werden sollte (Personen, die Pr\u00e4vention betreiben, erhalten einen g\u00fcnstigeren Beitragssatz). Zum anderen scheint der vermeintliche Einspareffekt offenbar zu sein, was jedoch nicht der Fall ist: So treten bei pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen erhebliche Streueffekte auf; Personen nehmen diese vor, ohne dass sie auch ohne die Pr\u00e4vention sp\u00e4ter von der betreffenden Krankheit heimgesucht worden w\u00e4ren. Daneben f\u00fchrt die Pr\u00e4vention bei bestimmten Erkrankungen dazu, dass andere Krankheitsbilder h\u00e4ufiger auftreten, die erheblich mehr Kosten verursachen k\u00f6nnen (die Sterbewahrscheinlichkeit bleibt stets bei 100%).<\/li>\n<li>Gesundheitspr\u00e4vention kann positive spillover-Effekte bei Unternehmen zeitigen: Die Studie \u201e<em>Working Towards Wellness: Accelearting the Prevention of Chronic Diseases<\/em>\u201c, die von der PricewaterhouseCoopers AG (2007) durchgef\u00fchrt wurde, zeigt, dass Ma\u00dfnahmen in der Gesundheitspr\u00e4vention innerhalb von Unternehmen sich im Verh\u00e4ltnis 1:3 durchaus rechnen und daher Unternehmen an einem pr\u00e4ventiven Verhalten ihrer Mitarbeiter interessiert sein sollten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Entsprechend kann es somit allenfalls die Aufgabe des Staates sein abzusichern, dass Gesundheitsleistungen (z.b. Vorsorgeuntersuchungen im Bereich der Prim\u00e4rpr\u00e4vention) bestimmte Qualit\u00e4tskriterien erf\u00fcllten. Eine dar\u00fcber hinausgehende Intervention l\u00e4sst sich somit nicht rechtfertigen.<\/p>\n<p>Damit eine Stimulation der Prim\u00e4rpr\u00e4vention auf privater Ebene gelingen kann, ist es nicht allein ausreichend, die Verf\u00fcgbarkeit von Wissen und Informationen bei Individuen zu erh\u00f6hen, also Gesundheitserziehung zu f\u00f6rdern. In erster Linie m\u00fcssen Anreize zur Verhaltens\u00e4nderung gesetzt werden. Marteau et al. (2012) unterteilen Handeln in bewusstes Handeln, das nach rationalen Gr\u00fcnden geschieht und Handeln, das von Gewohnheit geleitet wird, also nach eingefahrenen Mustern oder unbewussten Pr\u00e4ferenzen vollzogen wird. Dabei geh\u00f6rt gesundheitsrelevantes Verhalten zum letzten Muster und muss der Ansatzpunkt f\u00fcr Verhaltens\u00e4nderungen sein. Als Anreize k\u00f6nnten zum Beispiel monet\u00e4re Zuwendungen genutzt werden. Dar\u00fcber hinaus kann aber auch die Einbindung in soziale Netzwerke im Rahmen der Anreizsetzung genutzt werden, so konnte in Bezug auf die Aus\u00fcbung k\u00f6rperlicher Aktivit\u00e4ten gezeigt werden, dass sowohl monet\u00e4re Anreize als auch der Effekt sozialer Netzwerke die H\u00e4ufigkeit der Anwesenheit in Fitnessstudios positiv beeinflusst (Cawley &amp; Meyerhoefer 2011; Cawley &amp; Ruhm 2011; Charness &amp; Gneezy 2009).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Cawley, J. &amp; Meyerhoefer, C. (2011). The medical care costs of obesity: An instrumental variables approach. In <em>Journal of Health Economic<\/em>, 31(1), 219-230.<\/p>\n<p>Cawley, J. &amp; Ruhm C. J. (2011). The Economics of Risky Health Behaviors. In J. Cawley &amp; D.S. Kenkel (Ed.) <em>Handbook of Health Economics (95-199)<\/em>, Vol. 2, Cambrige: Mass.<\/p>\n<p>Charness, G. &amp; Gneezy U. (2009). Incentives to Exercise. In <em>Econometrica<\/em>, 77(3), S. 909-931<strong>.<\/strong><\/p>\n<p>Marteau, T. M., Hollands, G. J., Fletcher P. C. (2012): Changing Human Behavior to Prevent Disease: The Importance of Targeting Automatic Processes, Science 337, 1492<\/p>\n<p>Mensink, G. B. M., Schienkiewitz, A. &amp; Scheidt-Nave, C. (2012): \u00dcbergewicht und Adipositas in Deutschland: Werden wir immer dicker? In Kurth, B.-M. (Hrsg.): <em>Erste Ergebnisse aus der \u201eStudie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland\u201c<\/em> (DEGS), Bundesgesundheitsblatt, Springer-Verlag.<\/p>\n<p>o.V. (2012):<em> New York verbietet Riesen-Getr\u00e4nkebecher. Online abrufbar unter <\/em><a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/lifestyle\/genuss\/0,2828,855801,00.html\"><em>http:\/\/www.manager-magazin.de\/lifestyle\/genuss\/0,2828,855801,00.html<\/em><\/a><em> (24.10.2012).<\/em><\/p>\n<p>Price WaterhouseCoopers (PWC) (2007):<em> Working Towards Wellness. Accelerating the prevention of chronic disease. <\/em>(Online unter: <a href=\"https:\/\/members.weforum.org\/pdf\/Wellness\/report.pdf\">https:\/\/members.weforum.org\/pdf\/Wellness\/report.pdf<\/a>; letzter Zugriff am 25.10.2012).<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fu\u00dfnote<\/strong><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Die genannten Anforderungen unterteilen sich in sechs Teilbereiche. Dazu geh\u00f6ren u. a. Aktivit\u00e4t (erreicht bei 30min moderater Bewegung t\u00e4glich), Ern\u00e4hrung (erreicht, wenn zwei Drittel der abgefragten Ern\u00e4hrungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Ern\u00e4hrung (DGE) umgesetzt werden), Rauchverhalten (erreicht, wenn Nichtraucher), Alkohol (erreicht, wenn nur in Ma\u00dfen genossen) und Stress (erf\u00fcllt, wenn durch wirksame Strategien ein Ausgleich stattfindet und das subjektive Stressempfinden gering ist).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Betrachtet man die Entwicklung der Gesundheit der deutschen Bev\u00f6lkerung, scheint eine solche Art der Weltanschauung, wie sie der gro\u00dfe deutsche Sp\u00f6tter Tucholsky \u00e4u\u00dfert, weit verbreitet &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10530\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u201eDick sein ist keine physiologische Eigenschaft \u2013 das ist eine Weltanschauung.\u201c (Tucholsky, 1920)\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":32,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,9],"tags":[943,944,172,942,789,945],"class_list":["post-10530","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","category-sportliches","tag-bewegung","tag-ernahrung","tag-gesundheit","tag-lebensweise","tag-sport","tag-ubergewicht"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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