{"id":106,"date":"2008-02-28T07:14:04","date_gmt":"2008-02-28T06:14:04","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=106"},"modified":"2008-06-06T12:48:13","modified_gmt":"2008-06-06T11:48:13","slug":"wirtschaftliche-freiheit-in-deutschland-versuch-einer-historischen-erklaerung-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=106","title":{"rendered":"Wirtschaftliche Freiheit in Deutschland: <br\/>Versuch einer historischen Erkl\u00e4rung <br\/><small>(Teil 1: Die Wurzeln)<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Zum wichtigsten, was man \u00fcber Deutschland sagen kann, geh\u00f6rt, das es in der Mitte Europas liegt und auf zwei Seiten \u2013 im Osten wie im Westen \u2013 ohne nat\u00fcrliche Grenzen ist, die nachhaltigen Schutz vor Angreifern bieten k\u00f6nnten. Die anderen gro\u00dfen Sprachr\u00e4ume Europas \u2013 die Britischen Inseln, Frankreich, Spanien\/Portugal, Schweden\/Norwegen und Italien \u2013 sind in mindestens drei Himmelsrichtungen durch das Meer oder hohe Gebirge \u2013 die Alpen, die Pyren\u00e4en \u2013 gesch\u00fctzt. Das ist ja gerade der Grund, weshalb sich dort schon fr\u00fch einheitliche Sprachr\u00e4ume und Staaten entwickeln konnten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Land wie Deutschland, das sich an mindestens zwei Fronten verteidigen muss, wird leicht zum Spielball der Randm\u00e4chte \u2013 der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg und die Zeit von 1914-44 (der zweite drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg?) sind die deutlichsten Beispiele. Die Randm\u00e4chte sorgten daf\u00fcr, dass sich in der Mitte ein politisches Vakuum bildete: ein Sprachgebiet, das politisch zersplittert war und nur durch einen meist losen institutionellen Rahmen wie das \u201eHeilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation\u201c zusammengehalten wurde.<\/p>\n<p>Die politische Fragmentierung Deutschlands hatte zur Folge, dass die deutschen F\u00fcrsten untereinander in scharfem politischem Wettbewerb standen. Sie konkurrierten um mobile Eliten \u2013 Kaufleute und religi\u00f6se Minderheiten (Juden, Protestanten) \u2013 und zunehmend auch um mobiles Kapital. Sie waren daher gezwungen, Freiheits- und Marktrechte zu gew\u00e4hren und auf konfiskatorische Besteuerung zu verzichten. Das Recht auf Eigentum galt etwas, und unparteiische Gerichte konnten sich entwickeln. Deutschland war ein Land, in dem sich harte Arbeit lohnte \u2013 zumindest in Friedenszeiten. Handwerk und Handel fanden g\u00fcnstige Bedingungen vor. Am meisten profitierten davon die St\u00e4dte. Man denke an die Zeit der Hanse. Ehrlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit, die Haupttugenden der Kaufleute, und Gr\u00fcndlichkeit, die Haupttugend der Handwerker, erhielten einen hohen Stellenwert. Auch f\u00fcr religi\u00f6se Minderheiten war der deutsche Sprachraum besonders attraktiv. Deshalb siedelten sich hier viele Juden an. Das organisatorische Zentrum der europ\u00e4ischen Juden war in Worms. Der Wettbewerb zwischen den F\u00fcrsten trug auch dazu bei, dass die Reformation zuerst in Deutschland zum Durchbruch kam. Die franz\u00f6sischen Hugenotten fl\u00fcchteten \u00fcberwiegend nach Deutschland. Noch heute ist Deutschland konfessionell st\u00e4rker zersplittert als irgendein anderes europ\u00e4isches Land.<\/p>\n<p>In der wirtschaftshistorischen Literatur ist vielfach belegt worden, dass sich die wissenschaftliche, technische und industrielle Revolution der letzten 500 Jahre vor allem deshalb in Europa \u2013 und nicht zum Beispiel in China, Indien oder dem osmanischen Reich \u2013 ereignete, weil, Europa politisch fragmentiert war. Dies gilt aber besonders f\u00fcr den deutschen Sprachraum. Insofern waren die Bedingungen f\u00fcr wirtschaftliche Freiheit dort \u2013 am meisten in den kleineren deutschen Staaten \u2013 besonders g\u00fcnstig. Nat\u00fcrlich st\u00f6rten die vielen Zollschranken, aber die Hanse wurde damit durchaus fertig, und es gelang sogar schlie\u00dflich, die innerdeutschen Z\u00f6lle auf vertraglicher Basis abzubauen (Deutscher Zollverein). Eine weitere Form des Protektionismus waren die starken Z\u00fcnfte, die sich als Reaktion auf den lebhaften Handel und Wettbewerb in den St\u00e4dten bildeten. Aber die Territorialherren waren an solchen Wettbewerbsbeschr\u00e4nkungen nicht interessiert, durchl\u00f6cherten sie durch Privilegien und schw\u00e4chten so den Zusammenhalt der Z\u00fcnfte. Als Folge dieser politischen Bedingungen entwickelten die Deutschen hohe handwerkliche und wirtschaftliche F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>Viele deutsche Auswanderer nahmen dieses Talent nach Amerika mit. Die USA verdanken ihren Aufstieg nicht nur dem politischen Geschick der englischen Siedler, sondern auch den wirtschaftlichen F\u00e4higkeiten der deutschen Einwanderer (und im 20. Jahrhundert der Zuwanderung der j\u00fcdischen Intelligenz).<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Freiheit in Deutschland wurde aber nicht nur durch die politischen Institutionen bestimmt. Je zersplitterter die weltliche Macht, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Macht der Kirche, besonders wenn diese international organisiert ist und von einem gemeinsamen Oberhaupt \u2013 dem Papst \u2013 gelenkt wird. Wohl in keinem Land Europas war daher die Kirche \u2013 bis zur Reformation \u2013 so einflussreich wie in Deutschland. Der H\u00f6hepunkt war zweifellos der Investiturstreit und Heinrichs IV. Gang nach Canossa. Die franz\u00f6sischen K\u00f6nige waren demgegen\u00fcber in der Lage, eine eigene p\u00e4pstliche Linie in Avignon zu etablieren und unter Kuratel zu stellen (1379 \u2013 1424). Heinrich VIII. von England war seinem p\u00e4pstlichen Gegenspieler voll gewachsen, ebenso vor ihm Gustav Wasa in Schweden.<\/p>\n<p>Eine deutsche Besonderheit waren auch die vielen F\u00fcrstbist\u00fcmer oder Hochstifte. Bis zur Reformation stieg ihre Zahl auf 53, und selbst im 18. Jahrhundert waren es noch 26. Als kirchliche W\u00fcrdentr\u00e4ger \u00fcbten die F\u00fcrstbisch\u00f6fe \u2013 wie der Papst \u2013 weltliche Macht aus und herrschten oft \u00fcber ausgedehnte Territorien. Drei F\u00fcrsterzbisch\u00f6fe \u2013 die von K\u00f6ln, Mainz und Trier \u2013 geh\u00f6rten sogar ab 1356 zum Kollegium der sieben Kurf\u00fcrsten, das den K\u00f6nig w\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Die starke politische und rechtliche Stellung der Kirche verst\u00e4rkte den institutionellen Wettbewerb und schuf zus\u00e4tzliche Freir\u00e4ume. Wer bei seinem weltlichen Herrscher in Ungnade gefallen war, fand oft bei der Kirche Schutz. Selbst Mitglieder des niedrigen Adels und des B\u00fcrgertums konnten in der kirchlichen Hierarchie in h\u00f6chste Positionen aufsteigen. Die nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Macht der Kirche in Deutschland trug zur vertikalen Mobilit\u00e4t bei und bot zus\u00e4tzliche Freiheit \u2013 auch wirtschaftliche.<\/p>\n<p>Betrachtet man jedoch die Glaubensinhalte, so ist Haltung der christlichen Kirche zur wirtschaftlichen Freiheit ambivalent. Auf der einen Seite ist der Mensch als Ebenbild Gottes zur Freiheit geboren. Das Privateigentum zum Beispiel wird nachdr\u00fccklich bejaht. Auf der anderen Seite ist es Aufgabe der Kirche, den Menschen von der S\u00fcnde abzuhalten. Viele Kleriker sehen daher im Menschen nicht in erster Linie den m\u00fcndigen, sondern den s\u00fcndigen B\u00fcrger \u2013 das Sch\u00e4fchen, das sie h\u00fcten m\u00fcssen. Hinzu kommt, dass die Kirche als moralische Institution die Solidarit\u00e4t mit den Armen predigen muss. Daraus k\u00f6nnen sich Gerechtigkeitsvorstellungen entwickeln, die nach weitreichendem staatlichem Zwang verlangen und die wirtschaftliche Freiheit einschr\u00e4nken. Die Lehre vom gerechten Preis und vom gerechten Lohn (Mindestlohn?) geht zum Beispiel auf Vorstellungen der mittelalterlichen Kirche zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Anders als Frankreich, die iberische Halbinsel, Griechenland und nat\u00fcrlich Italien hat Deutschland nie ganz zum r\u00f6mischen Imperium geh\u00f6rt. Unterworfen wurde nur der Rhein- und Donauraum. Hier war auch sp\u00e4ter die Bindung an Rom (den Papst) besonders stark, hier residierten die drei kirchlichen Kurf\u00fcrsten. Der sogenannte \u201erheinische Kapitalismus\u201c war daher immer ein r\u00f6misch-katholischer Kapitalismus. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen Konrad Adenauers und der Zentrumspartei hatten hier ihren Ursprung.<\/p>\n<p>Die zentrale Lage und die daraus folgende politische Zersplitterung und milit\u00e4rische Verwundbarkeit Deutschlands haben zudem in den Deutschen ein starkes Sicherheitsbed\u00fcrfnis entstehen lassen. Wahrscheinlich trug dies dazu bei, dass Deutschland als erstes Land der Welt eine obligatorische Sozialversicherung einf\u00fchrte. Man begn\u00fcgte sich nicht mit der Einf\u00fchrung einer Versicherungspflicht, die \u00f6konomisch durchaus zu begr\u00fcnden war, sondern errichtete eine staatliche Versicherung und gab ihr das Monopol. Einer der eifrigsten Bef\u00fcrworter dieser staatsmonopolistischen Regelung war die Zentrumspartei. Ohne ihre Unterst\u00fctzung h\u00e4tte Bismarck sein Projekt nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Auch die zunehmende Regulierung des deutschen Arbeitsmarktes in der Weimarer Republik wurde von der Zentrumspartei mitbetrieben. In acht der elf Jahre parlamentarischer Demokratie stellte sie mit Heinrich Brauns \u2013 einem ehemaligen Geistlichen \u2013 den Arbeitsminister. Es gelang ihr fast immer, im Parlament die Medianposition einzunehmen \u2013 so wie sp\u00e4ter den Sozialaussch\u00fcssen von CDU und CSU, wenn es in der Bundesrepublik eine b\u00fcrgerliche Regierung gab. Nicht selten hatte die \u201esoziale Sicherheit\u201c Vorrang vor der Vertragsfreiheit.<\/p>\n<p>Das starke Sicherheitsbed\u00fcrfnis der Deutschen hatte aber auch milit\u00e4rische Implikationen. Wo der Belagerungszustand als nahezu permanent empfunden wird, muss das Milit\u00e4r hohes Ansehen genie\u00dfen. Tapferkeit, Disziplin und Gehorsam werden in der Armee zu alles \u00fcberragenden Tugenden. Auch davon zeugt die deutsche Geschichte.<\/p>\n<p>Auf ein starkes Sicherheitsbed\u00fcrfnis deutet schlie\u00dflich auch die Angst der Deutschen vor der Atomenergie hin. Sie ist in der industrialisierten Welt einmalig.<\/p>\n<p>Die politische Fragmentierung hat in den Deutschen immer wieder den dr\u00e4ngenden Wunsch nach Einheit und politischer Zentralisierung geweckt. Dass dieser Wunsch lange Zeit unerf\u00fcllt blieb, erkl\u00e4rt das weitverbreitete Gef\u00fchl der Minderwertigkeit und den auffallenden Hang zum Angeben. Wenn der Wunsch nach einem gemeinsamen Staat jedoch einmal vor\u00fcbergehend in Erf\u00fcllung ging, kam es bald zu schwersten politischen Fehlern. Das k\u00f6nnte vor allem daran liegen, dass die Deutschen kaum Gelegenheit hatten, in der Welt machtpolitische Verantwortung zu \u00fcbernehmen und ein politisches Talent zu entwickeln. Den Deutschen wird nachgesagt, dass sie \u2013 nicht nur in der Philosophie \u2013 zu idealistischen Theorien und \u2013 nicht nur in Kunst und Musik \u2013 zur Romantik neigen. Sie fragen zuerst, wie die Dinge sein m\u00fcssten und nicht wie sie sind. Wunschdenken geht vor Realit\u00e4tssinn, Prinzipienreiterei vor Pragmatismus. Das wirkt sich auch auf die wirtschaftspolitischen Vorstellungen aus.<\/p>\n<p>Zwischenbilanz: Dass es die wirtschaftliche Freiheit in Deutschland schwer hat, ist weitgehend historisch bedingt. Es liegt nicht an der wirtschaftlichen Tradition, denn diese war wegen der politischen Fragmentierung und des institutionellen Wettbewerbs freiheitlich. Urs\u00e4chlich sind vielmehr die historisch gepr\u00e4gten Wertvorstellungen der Menschen und ihr besonderer (auch wirtschafts-) politischer Unverstand. Deshalb haben die Deutschen den ungeliebten und unverstandenen Wettbewerb der L\u00e4nder in Deutschland und Europa mehr und mehr beschr\u00e4nkt und damit auch der wirtschaftlichen Freiheit Schritt f\u00fcr Schritt die politische Grundlage entzogen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum wichtigsten, was man \u00fcber Deutschland sagen kann, geh\u00f6rt, das es in der Mitte Europas liegt und auf zwei Seiten \u2013 im Osten wie im &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=106\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWirtschaftliche Freiheit in Deutschland: <br \/>Versuch einer historischen Erkl\u00e4rung <br \/><small>(Teil 1: Die Wurzeln)<\/small>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,26],"tags":[],"class_list":["post-106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-historisches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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