{"id":107,"date":"2008-02-21T07:12:10","date_gmt":"2008-02-21T06:12:10","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=107"},"modified":"2008-02-21T09:45:22","modified_gmt":"2008-02-21T08:45:22","slug":"hypokrit-oder-der-zumwinkel-in-uns-allen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=107","title":{"rendered":"Hypokrit, oder: der Zumwinkel in uns allen"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst das Selbstverst\u00e4ndliche: (a) niemand zahlt gerne Steuern (sie vermindern direkt das eigene Nettoeinkommen); (b) niemand sch\u00e4tzt die Steuervermeidung oder Steuerhinterziehung <em>anderer<\/em> (das vermindert indirekt den eigenen Anteil an staatlichen Leistungen); (c) deshalb sollten<em> alle<\/em> ein Interesse daran haben, da\u00df Steuergesetze f\u00fcr jedermann gleicherma\u00dfen gelten und Steuerhinterziehung wie jeder andere Gesetzesversto\u00df auch geahndet wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nun das Komplizierte: (d) kaum einer glaubt, die Steuergesetze seien generell \u201egerecht\u201c; fast jeder glaubt, er\/sie zahle zu viel (die anderen zu wenig) und bek\u00e4me daf\u00fcr zu wenig (die anderen zu viel); (e) kaum einer ist in der Lage, einen \u00fcber alle Zweifel erhabenen Steuerbescheid auszuf\u00fcllen, weshalb er\/sie auch dessen \u201eGerechtigkeit\u201c nicht wirklich nachvollziehen kann; (f) deshalb verwenden sehr Viele sehr viel Geld, Zeit und Nerven nicht nur zum Ausf\u00fcllen unverst\u00e4ndlicher Steuererkl\u00e4rungen, sondern auch zum Aussp\u00e4hen legaler Steuerersparnisse \u2013 wobei einige (vor allem solche mit Geld f\u00fcr die Zeit anderer: f\u00fcr Berater) entdecken, da\u00df sie eigene Zeit und vor allem Geld sparen, wenn sie Steuern erst gar nicht anfallen lassen und Einkommen oder Verm\u00f6gen nicht deklarieren.<\/p>\n<p>Diese Alltagsbeobachtungen wird man bei n\u00fcchterner Empirie oder Selbstinspektion kaum leugnen k\u00f6nnen. Sie beschreiben ein seit Thomas Hobbes bekanntes Dilemma sozialen Lebens: wir w\u00fcrden (wenn wir nur k\u00f6nnten) vielleicht selbst kaum anders handeln als Herr Zumwinkel; wir w\u00fcrden aber auch wollen, da\u00df es (au\u00dfer uns) keine Zumwinkels g\u00e4be. Individuelle Zweckrationalit\u00e4t steht gegen die kollektive Rationalit\u00e4t gemeinsamer Interessen.<\/p>\n<p>Das macht die aktuelle Medien- und Politikhysterie auch so scheinheilig. Der Sender n-tv stellte am Montag die Zuschauerumfrage: \u201etaugen deutsche Manager noch als Vorbild?\u201c (dazu Bilder von der Hausdurchsuchung bei Herrn Zumwinkel). \u201eJa!\u201c meinten 7% wahrscheinlich verwirrte Neoliberale. \u201eNein!\u201c riefen 93% der Zuschauer, von denen sicher nicht wenige auch gerne eine steuerfreie Stiftung in Liechtenstein ihr eigenen nennen w\u00fcrden. Die Frage ist ohnehin bizarr: als ob Manager in Deutschland seitens der Politik oder der Medien je als Vorbild moralischen Verhaltens pr\u00e4sentiert worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Als vorbildliche Objekte verbreiteten Neids eignen sich schon eher Manager<em>einkommen<\/em>; und als Gegenstand gelegentlicher Anerkennung bestenfalls der Gewinn, den Manager f\u00fcr Aktion\u00e4re erwirtschaften (wobei Aktion\u00e4re eine satte pekuni\u00e4re Dividende einer schmaleren \u201emoralischeren\u201c zuverl\u00e4ssig vorziehen). Einen spektakul\u00e4ren kurzfristigen Gewinn d\u00fcrfte nun der Bundesfinanzminister realisieren. 5 Millionen Euro Belohnung f\u00fcr wohl widerrechtlich beschaffte Bankdaten k\u00f6nnten bis zu 400 Millionen widerrechtlich versteckte Steuergelder einbringen: ein \u201ereturn on investment\u201c, das jedem Manger zur h\u00f6chsten Ehre gereichte.<\/p>\n<p>Rein rechtlich-moralisch k\u00f6nnte man das Spiel mit dem Liechtensteiner Geheimnisverrat als vorerst unentschieden den Gerichten \u00fcberlassen: Verwertung geraubter Bankgeheimnisse gegen Hinterziehung erlangten Einkommens. Wenn und insoweit beides gegen geltendes Recht (und sei es \u201enur\u201c des Rechts des souver\u00e4nen F\u00fcrstentums Liechtenstein) verst\u00f6\u00dft, dann kann man die Debatte auch rein zweckrational f\u00fchren und versuchen, n\u00fcchtern nach den Gr\u00fcnden zu suchen, die Steuerhinterziehung f\u00fcr viele immer attraktiver zu machen scheinen.<\/p>\n<p>Aus Sicht eines utilitaristischen homo oeconomicus ist freilich zun\u00e4chst erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, weshalb \u00fcberhaupt so viel Einkommen tats\u00e4chlich deklariert wird. Die Wahrscheinlichkeit, beim Steuerhinterziehen erwischt zu werden, ist wohl noch immer sehr gering im Vergleich zum Erwartungsnutzen des Verheimlichens, auch und vor allem bei gro\u00dfen Steuerlasten. Der Steuerzahler kalkuliert offenbar h\u00e4ufig nicht \u201e\u00f6konomisch\u201c, indem er die illegale Steuerersparnis mit deren Entdeckungswahrscheinlichkeit und Strafh\u00f6he vergleicht; er (und noch mehr: sie) handelt instinktiv \u201emoralisch\u201c, indem sie\/er Steuerhinterziehung erst gar nicht ernsthaft erw\u00e4gt. Diese intrinsische Steuermoral ist ein immens wertvolles, aber auch prek\u00e4res \u00f6ffentliches Gut. Und sie bedarf der Pflege; auch seitens des Staates. Die B\u00fcrger sind in Grenzen moralisch, aber nicht grenzenlos bl\u00f6d. Das hei\u00dft: Sie <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/papers.econ.mpg.de\/esi\/discussionpapers\/2002-18.pdf\">reagieren auf Anreize<\/a>, die offenbar auch \u00fcber eine stur zweckrationale Erwartungsnettonutzenmaximierung hinaus auf psychologisch-emotionale Dispositionen wirken.<\/p>\n<p>Genau diese <em>intrinsische<\/em> Motivation ehrlicher Steuerzahler k\u00f6nnte durch den Aktivismus des Steuer\u00fcberwachungsstaats empfindlich reduziert werden, wie Bruno Frey und Lars Feld auch <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/Delivery.cfm\/SSRN_ID263351_code010402500.pdf?abstractid=263351&amp;mirid=1\">empirisch<\/a> nahelegen.<\/p>\n<p>\u00dcberwachung, Kontrolle, Strafandrohung signalisieren ein Mi\u00dftrauen des Staates gegen seine B\u00fcrger, worauf diese dann oft selbst mit Mi\u00dffallen reagieren und nach Wegen suchen, sich vor dem w\u00fcsten Zugriff des Staates in sichere Oasen zur\u00fcckzuziehen. Der Einsatz des Geheimdienstes, der eigentlich ausw\u00e4rtige und terroristische Gefahren aufdecken soll, zur Beschaffung von Bankgeheimnissen deutscher B\u00fcrger mag zun\u00e4chst eine Welle eingesch\u00fcchterter Selbstanzeigen nach sich ziehen. Was aber dauerhaft bleiben k\u00f6nnte, ist die Verunsicherung eines b\u00fcrgerlichen Grundvertrauens und hiervon gen\u00e4hrter Steuermoral. Der langfristige \u201ereturn on investment\u201c der Geheimdienstaktion k\u00f6nnte durchaus noch negativ werden.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, da\u00df Steuerhinterziehung nicht als Straftat, die sie legaler und legitimer Weise ist, verfolgt und bestraft werden soll. Der Staat und seine Vertreter (war da nicht auch mal eine illegale Parteistiftung in Liechtenstein?) sollten aber nicht nur sehen, wie sie ihre B\u00fcrger als Verd\u00e4chtige und Gegner m\u00f6glichst l\u00fcckenlos \u00fcberwachen und kontrollieren. Politik sollte auch und zun\u00e4chst in Projekte und Reformen investieren, die dem normalen Steuerzahler das ehrliche Leben leichter machen.<\/p>\n<p>Auch hier hilft eine auf positive Emotionen gerichtete langfristig vern\u00fcnftige Ordnungspolitik dem Staat und seinen B\u00fcrgern mehr als eine kurzfristig politisch-rationale Symbolpolitik der Ausbeutung negativer Emotionen wie Neid und H\u00e4me. Was hei\u00dft das konkret? <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/papers.econ.mpg.de\/esi\/discussionpapers\/2002-18.pdf\">Empirische Untersuchen<\/a> zeigen auch, da\u00df die Steuermoral der B\u00fcrger gest\u00e4rkt wird durch deren Gef\u00fchl, das Steuersystem sei insgesamt \u201egerecht\u201c, und den steuerlichen \u201eOpfern\u201c st\u00fcnden erkennbare \u201eNutzen\u201c in Form sinnvoller staatlicher Leistungen f\u00fcr alle gegen\u00fcber. Wie freilich ein Steuer- und Ausgabensystem genau aussehen k\u00f6nnte, das von den B\u00fcrgern auch allgemein als \u201egerecht\u201c betrachtet wird, ist gerade in Deutschland schwer zu sagen. Die von vielen Fachleuten favorisierten Alternativen wie Einfachsteuer (flat tax) oder Konsumsteuer k\u00f6nnten, schon rein steuertechnisch, weniger Anl\u00e4sse f\u00fcr Steuervermeidung oder Steuerhinterziehung bieten. Sie sind aber offensichtlich den B\u00fcrgern selbst bisher kaum als \u201egerechter\u201c vermittelbar gewesen (wenn man es denn je ernstlich politisch versucht h\u00e4tte: man frage Paul Kirchhof).<\/p>\n<p>Dennoch bleibt wohl richtig: Ein einfaches Steuerrecht ist auch ein eher einsichtiges Recht, das die Einsicht f\u00f6rdert, da\u00df es recht und billig ist, Steuern f\u00fcr notwendige und gerechte, zudem einigerma\u00dfen effizient erstellte staatliche Leistungen zu zahlen. Diese Meinung scheint im Prinzip nach wie vor vorhanden \u2013 auch wenn sie starken Belastungsproben ausgesetzt wird. Denn die moralische Versuchung steigt \u2013 parallel zur skandalisierenden Berichterstattung \u00fcber immoralische Ausrei\u00dfer, von wenigen gerissenen Hartz IV-Ausbeutern bis hin zu wenigen gerissenen Millionen-Hinterziehern, die jeweils f\u00fcr kollektivistische Verallgemeinerungen (\u201ealles Abzocker\u201c) genutzt werden. Der Eindruck w\u00e4chst und wird geweckt: Was die k\u00f6nnen, kann ich auch einmal versuchen.<\/p>\n<p>Wer jedenfalls j\u00e4hrlich Stunden beim Ausf\u00fcllen kaum verst\u00e4ndlicher Antrags- oder Steuerformulare verbringen mu\u00df, kann in schwachen Minuten auch einmal auf die Idee kommen, da\u00df man schlie\u00dflich das ein oder andere auch einmal erfinden oder vergessen k\u00f6nnte. Und manch einer mag sein schlechtes Gewissen mit dem nicht gerade absurden Gedanken erleichtern, sein verdientes Geld sei in den H\u00e4nden staatlicher B\u00fcrokratien letztlich wohl kaum besser (auch sozial verantwortungsvoller) angelegt ist als in den eigenen.<\/p>\n<p>Solchen Fragen mu\u00df sich auch der Staat stellen. Das enthebt ihn und seine Beamten nat\u00fcrlich nicht der Pflicht, Steuerhinterzieher, die versuchen, auf Kosten der ehrlicheren Allgemeinheit Trittbrett zu fahren, zu stellen und zur Verantwortung zu ziehen. Nur: der Aufr\u00fcstungswettbewerb zwischen Steuerberatern, Steuersparmodellbauern, Steuerfahndern und Steuergesetzgebern f\u00fchrt zu einer Spirale gewaltiger volkswirtschaftlicher Verschwendung, zu einer Umlenkung wertvoller Ressourcen in unproduktive Verwendungen. Dies f\u00f6rdert eine ebenso zynische wie erkl\u00e4rbare und damit zum Teil verst\u00e4ndliche Trittbrettfahrermentalit\u00e4t und steigert so auch die moralischen Versuchungen vieler B\u00fcrger, sich der Illegalit\u00e4t entgegen zu tricksen.<\/p>\n<p>Kurzum: es stecken ein ehrlicher Steuerzahler und ein \u201eZumwinkel\u201c in jedem B\u00fcrger. Der Gesetzgeber sollte deshalb beides tun: Steuerhinterziehung mit legalen Mitteln ahnden und Steuerehrlichkeit mit politischen Mitteln f\u00f6rdern. Beides ist inzwischen wohl eher schwierig geworden. Aber beides bleibt ordnungspolitisch geboten.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst das Selbstverst\u00e4ndliche: (a) niemand zahlt gerne Steuern (sie vermindern direkt das eigene Nettoeinkommen); (b) niemand sch\u00e4tzt die Steuervermeidung oder Steuerhinterziehung anderer (das vermindert indirekt &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=107\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eHypokrit, oder: der Zumwinkel in uns allen\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,10],"tags":[],"class_list":["post-107","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-fiskalisches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Hypokrit, oder: der Zumwinkel in uns allen - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=107\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Hypokrit, oder: der Zumwinkel in uns allen - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zun\u00e4chst das Selbstverst\u00e4ndliche: (a) niemand zahlt gerne Steuern (sie vermindern direkt das eigene Nettoeinkommen); 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