{"id":10738,"date":"2012-12-05T00:01:52","date_gmt":"2012-12-04T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10738"},"modified":"2024-06-01T10:10:39","modified_gmt":"2024-06-01T09:10:39","slug":"varianten-des-kapitalismuswas-ist-faul-im-staate-danemarkflexicurity-im-hartetest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10738","title":{"rendered":"<b>Varianten des Kapitalismus <\/b><br>Was ist faul im Staate D\u00e4nemark? <br><b>Flexicurity im H\u00e4rtetest <\/b>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eAktive Arbeitsmarktpolitik ohne betriebliche Lohnfindung ist wie Hamlet ohne den Prinzen von D\u00e4nemark.\u201c (Norbert Berthold)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Eurokrise lenkt noch von der miserablen Lage auf den Arbeitsm\u00e4rkten ab. In der EU waren im September 2012 \u00fcber 10,6 %, in der Eurozone noch ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer arbeitslos. Der negative Trend ist ungebrochen. Bevor es besser werden kann, wird es noch schlechter. Die alten schlechten Zeiten der fr\u00fchen 90er Jahre kehren zur\u00fcck. Damals machten skandinavische L\u00e4nder europaweit Furore. Es gelang ihnen, die Misere persistent hoher Arbeitslosigkeit zu beenden. Der Star unter ihnen war D\u00e4nemark. Es setzte in Europa neue Ma\u00dfst\u00e4be im Kampf gegen massenhafte Arbeitslosigkeit. Der Mythos der d\u00e4nischen \u201eFlexicurity\u201c entstand. Das war gestern. Mit der Finanzkrise erh\u00f6hte sich auch in D\u00e4nemark die Arbeitslosigkeit sprunghaft. Das ist eher normal. Trotz wirtschaftlicher Erholung steigt sie aber immer noch. D\u00e4nemark ist nicht mehr das \u201eNon plus Ultra\u201c erfolgreicher Arbeitsm\u00e4rkte in Europa. Was ist faul im Staate D\u00e4nemark?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Empirisches Bild<\/strong><\/p>\n<p>Die d\u00e4nischen Arbeitsm\u00e4rkte waren noch Anfang der 90er Jahre in einem desolaten Zustand. Mit fast 10 % erreichte die Arbeitslosenquote im Jahre 1993 einen traurigen H\u00f6hepunkt. Das war der Anlass, die staatlichen Haushalte zu sanieren, das Steuersystem zu reformieren und die Arbeitsm\u00e4rkte zu flexibilisieren. Danach ging es auch mit der Besch\u00e4ftigung aufw\u00e4rts. Die Arbeitslosenquote sank bis zur Dotcom-Krise mehr oder weniger stetig auf etwas \u00fcber 4 %. Nach einem leichten Anstieg zu Beginn des neuen Jahrtausends ging die Arbeitslosenquote bis zur Finanzkrise auf den bisher tiefsten Stand von 3,2 % zur\u00fcck. F\u00fcr viele war das d\u00e4nische Modell der \u201eFlexicurity\u201c das Geheimnis des Erfolgs. Seit der Finanzkrise scheint es aber seinen Zauber verloren zu haben. Die Arbeitslosenquote stieg seither steil an. Heute werden wieder Werte von \u00fcber 8,3 % erreicht. Die abgeh\u00e4ngten finnischen und schwedischen Nachbarn sind an den D\u00e4nen vorbeigezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/alq3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Arbeitsmarktsituation in den nordischen L\u00e4ndern\" src=\"\/wordpress\/bilder\/alq3.png\" alt=\"Arbeitsmarktsituation in den nordischen L\u00e4ndern\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Damit aber nicht genug. Auch bei der Langzeitarbeitslosenquote hat D\u00e4nemark inzwischen seinen Vorsprung auf die skandinavischen Nachbarn eingeb\u00fc\u00dft. Sie liegt heute bei \u00fcber 1,8 % und damit leicht h\u00f6her als in Finnland (1,7 %) und sp\u00fcrbar h\u00f6her als in Schweden (1,4 %). Kein Wunder, dass der Anteil der Langzeitarbeitslosen an den Arbeitslosen heute in D\u00e4nemark mit fast 25 % h\u00f6her ausf\u00e4llt als in Schweden (18 %) und Finnland (23%). Das ist f\u00fcr ein Land, das lange als Musterknabe der aktiven Arbeitsmarktpolitik galt, kein gutes Zeichen. Offensichtlich haben die vielf\u00e4ltigen staatlichen Arbeitsmarktprogramme mit dem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit an Effizienz eingeb\u00fc\u00dft. Und noch etwas gibt zu denken. Die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen ist heute mit 14,2% mehr als doppelt so hoch wie 2006 mit 6, 3 %. Allerdings liegt der h\u00f6here Wert noch immer unter den Zahlen der beiden skandinavischen Nachbarn und auch der EU.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>D\u00e4nische \u201eFlexicurity\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die d\u00e4nische Variante der \u201eFlexicurity\u201c wurde Anfang der 90er Jahre popul\u00e4r, weil sie vorgab, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie flexibilisierte die Arbeitsm\u00e4rkte ohne die soziale Sicherheit der Individuen zu verletzen. Das ist zumindest herrschende Meinung. Ein relativ laxer K\u00fcndigungsschutz gab den Arbeitsm\u00e4rkten die notwendige Flexibilit\u00e4t und baute die massenhafte Arbeitslosigkeit z\u00fcgig ab. Gro\u00dfz\u00fcgige finanzielle Leistungen der Arbeitslosenversicherung sorgten daf\u00fcr, dass die Arbeitnehmer bei einem Verlust des Arbeitsplatzes finanziell gut versorgt waren. Die monet\u00e4ren Leistungen der Arbeitslosenversicherung waren an strenge Anforderungen gekoppelt. Damit wollte man f\u00fcr eine effiziente aktive Arbeitsmarktpolitik sorgen. Das d\u00e4nische Modell der \u201eFlexicurity\u201c war aber nur erfolgreich, weil die Lohn- und Tarifpolitik st\u00e4rker verbetrieblicht wurde.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass D\u00e4nemark relativ flexible, weniger regulierte Arbeitsm\u00e4rkte hatte als die Arbeitslosigkeit endlich sank. Allerdings spielte der K\u00fcndigungsschutz in D\u00e4nemark schon in den 80er Jahren mit sehr hoher Arbeitslosigkeit kaum noch eine Rolle. Der starke R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit seit Mitte der 90er Jahre hatte andere Gr\u00fcnde. Schon Anfang der 90er Jahre erkannten die D\u00e4nen die globalen Zeichen der \u201eheterogeneren\u201c Zeit. Sie forcierten die Dezentralisierung der Lohn- und Tarifpolitik. Betriebliche B\u00fcndnisse f\u00fcr Arbeit schossen wie Pilze aus dem Boden. Daneben wurde die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit der Arbeitslosenversicherung eingeschr\u00e4nkt. Die Kriterien, die zum Bezug von Leistungen berechtigten, wurden sukzessive versch\u00e4rft, die Dauer des Bezugs wurde verk\u00fcrzt und die Zeitdauer eingeschr\u00e4nkt, in der Arbeitslose die aktive Arbeitsmarktpolitik nutzen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/flex.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Flexicurity in D\u00e4nemark\" src=\"\/wordpress\/bilder\/flex.png\" alt=\"Flexicurity in D\u00e4nemark\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Noch immer ist aber die Arbeitslosenversicherung in D\u00e4nemark sehr gro\u00dfz\u00fcgig. Das gilt zumindest f\u00fcr die Lohnersatzrate. Sie liegt bei 90 % des letzten Einkommens. Allerdings gilt diese Rate nur f\u00fcr Monatseinkommen bis 2.000 Euro. F\u00fcr h\u00f6here Einkommen sinkt die Lohnersatzrate. Die Arbeitslosenversicherung zieht somit eine relativ hohe Lohnuntergrenze f\u00fcr einfachere Arbeit ein. Das ist nicht unproblematisch f\u00fcr die Besch\u00e4ftigungschancen weniger qualifizierter Arbeitnehmer. Allerdings ist die Dauer des Bezugs des Arbeitslosengeldes begrenzt. Bis 2010 waren es maximal 4 Jahre, seit 2011 sind es nur noch 2 Jahre. Danach haben Arbeitslose einen Anspruch auf Sozialhilfe. Deren H\u00f6he h\u00e4ngt von vielen individuellen Faktoren ab. Gegen\u00fcber dem Arbeitslosengeld m\u00fcssen die Empf\u00e4nger von Sozialhilfe im Schnitt allerdings auf 20 \u2013 40 % an Transfer verzichten.<\/p>\n<p>Die relativ \u00fcppigen Leistungen der Arbeitslosenversicherung beg\u00fcnstigen \u201emoral hazard\u201c. Mit einer rigorosen Politik des \u201eF\u00f6rderns und Forderns\u201c wird versucht, individuelle Fehlanreize im Zaum zu halten. Beraten, vermitteln, qualifizieren und staatlich subventioniert besch\u00e4ftigen z\u00e4hlen auch in D\u00e4nemark zum Repertoire der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Vor allem arbeitslose junge Arbeitnehmer erhalten relativ schnell arbeitsmarktpolitische Hilfen, die sie nicht ablehnen k\u00f6nnen. Zu den Besonderheiten z\u00e4hlt auch, dass die Arbeitsmarktpolitik mit der Dauer der Arbeitslosigkeit f\u00f6rdernder und fordernder wird. Mit dieser intensivierenden Strategie soll Langzeitarbeitslosigkeit verhindert werden. Wie \u00fcberall kann auch in D\u00e4nemark die aktive Arbeitsmarktpolitik keine Wunder bewirken. Es wurde aber offensichtlich lange Zeit besser als anderswo beraten, vermittelt und weitergebildet.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Flexicurity im H\u00e4rtetest<\/strong><\/p>\n<p>Es ist zweifellos richtig, die vier Elemente der d\u00e4nischen \u201eFlexicurity\u201c haben den Arbeitsmarkt in Schwung gebracht. Das gilt f\u00fcr den Arbeitsmarkt zumindest bis zur Finanzkrise im Jahre 2008. Danach allerdings \u00e4ndert sich das Bild. Die Arbeitslosigkeit ist zwar im internationalen Vergleich noch immer niedrig, der Anstieg ist allerdings explosiv. Auf den starken Einbruch des Pro-Kopf-Einkommens haben d\u00e4nische Unternehmen vor allem mit Entlassungen reagiert. Das war in Deutschland anders. Dort wurden prim\u00e4r die Arbeitsstunden angepasst. Das d\u00e4nische Verhalten ist typisch f\u00fcr L\u00e4nder, in denen der K\u00fcndigungsschutz eher lax ist und die Arbeitsm\u00e4rkte in guten Zeiten die gek\u00fcndigten Arbeitnehmer schnell wieder in Lohn und Brot bringen. Kein Wunder, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t in D\u00e4nemark nach der Finanzkrise weniger stark als anderswo einbrach.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/dy.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Wachstumszerlegung\" src=\"\/wordpress\/bilder\/dy.png\" alt=\"Wachstumszerlegung\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Der steile Anstieg der Arbeitslosigkeit in D\u00e4nemark nach der j\u00fcngsten Finanzkrise hat aber m\u00f6glicherweise auch damit zu tun, dass die 3. S\u00e4ule der \u201eFlexicurity\u201c, die aktive Arbeitsmarktpolitik des \u201eForderns und F\u00f6rderns\u201c, ins Wanken geraten ist. Das vermutet zumindest <a href=\"http:\/\/www.voxeu.org\/article\/flexicurity-danish-labour-market-model-great-recession\">Torben Andersen<\/a>, der f\u00fchrende d\u00e4nische Arbeitsmarktexperte. Die starken Entlassungswellen nach dem Schock der Finanzkrise haben f\u00fcr d\u00e4nische Verh\u00e4ltnisse massenhaft Arbeitslose in die Arbeitsagenturen geschwemmt. Darunter hat offensichtlich auch die Effizienz der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelitten. Der proklamierte komparative Vorteil der d\u00e4nischen aktiven Arbeitsmarktpolitik beim Beraten, Vermitteln und Weiterqualifizieren von Arbeitslosen ging wohl zumindest teilweise verloren. Die immer knapperen finanziellen Mittel des Staates haben auch das Instrument der Lohnsubventionen stumpf werden lassen.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Der Mythos der d\u00e4nischen Variante der \u201eFlexicurity\u201c hat gelitten. Die flexibleren Arbeitsm\u00e4rkte haben nach der Finanzkrise zu massenhaften Entlassungen gef\u00fchrt. In wirtschaftlich besseren Zeiten fanden Arbeitslose schneller als anderswo wieder eine Besch\u00e4ftigung. Das ist gegenw\u00e4rtig noch nicht wieder der Fall. Die aktive Arbeitsmarktpolitik ist \u00fcberfordert. Sie kann es nicht allein richten. Ein h\u00f6heres wirtschaftliches Wachstum k\u00f6nnte Abhilfe schaffen. Aber das fehlt in D\u00e4nemark. Die chronische Wachstumsschw\u00e4che ist seit langem die Achillesferse des d\u00e4nischen Modells. Das liegt auch an den hohen steuerlichen Belastungen. Die finanzielle Gro\u00dfz\u00fcgigkeit der Arbeitsmarktpolitik hat ihren Preis. Arbeit und Kapital werden in D\u00e4nemark steuerlich hoch belastet. Das tut dem wirtschaftlichen Wachstum nicht gut. Auch in D\u00e4nemark kann man nicht <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=157\">\u201es\u2019Weckle und s\u2019Zehnerle\u201c<\/a> haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>ANDERSEN, T. (2011): A Flexicurity Labor Market in the Great Recession: The Case of Denmark, <em>IZA Discussion Paper No. 5710<\/em>, verf\u00fcgbar <a href=\"http:\/\/ftp.iza.org\/dp5710.pdf\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/1795ead67c12495c9b3cbbe0a752b9a7\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAktive Arbeitsmarktpolitik ohne betriebliche Lohnfindung ist wie Hamlet ohne den Prinzen von D\u00e4nemark.\u201c (Norbert Berthold) Die Eurokrise lenkt noch von der miserablen Lage auf den &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10738\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<b>Varianten des Kapitalismus <\/b><br \/>Was ist faul im Staate D\u00e4nemark? <br \/><b>Flexicurity im H\u00e4rtetest <\/b>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,3,33,4],"tags":[985,155,556,982,983,984,981],"class_list":["post-10738","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-arbeit","category-makrooekonomisches","category-soziales","tag-andersen","tag-arbeitslosigkeit","tag-berthold","tag-danemark","tag-flexicurity","tag-nordische-lander","tag-varianten-des-kapitalismus"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Varianten des Kapitalismus Was ist faul im Staate D\u00e4nemark? 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