{"id":110,"date":"2008-04-27T06:22:52","date_gmt":"2008-04-27T05:22:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=110"},"modified":"2008-04-27T06:22:52","modified_gmt":"2008-04-27T05:22:52","slug":"sirenen-der-selbstlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=110","title":{"rendered":"Sirenen der Selbstlosigkeit"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><strong>1. V\u00f6lker h\u00f6ret die Signale der Gemeinwohlsirenen<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt ein recht einheitliches Strickmuster, nach dem man immer dann vorzugehen scheint, wenn es um die Wirtschaft und die Ethik geht. Zun\u00e4chst diskreditiert man das Eigeninteresse. Das trifft auf nahezu ungeteilten Beifall; denn sogar die Wirtschaftsf\u00fchrer selbst sehen sich gern h\u00f6heren Werten als dem \u201eblo\u00dfen\u201c Eigeninteresse verpflichtet. Sie sehen sich dem Dienst am gemeinen Wohl geweiht und geben sich nicht damit zufrieden, dass sie dieses nur von der <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.econlib.org\/library\/Smith\/smWNtoc.html\">unsichtbaren Hand<\/a> des eigenen Interesses gleitet verfolgen. Deshalb widersprechen sie auch nicht nachdr\u00fccklich genug, wenn man das allgemeine Interesse an die Stelle Eigeninteresses setzt. Das wirkt ja unschuldig genug. Die Stelle f\u00fcllt aber dann jede ethische Interessengruppe mit dem aus, was sie speziell gern realisiert wissen will.<!--more--><\/p>\n<p>Es vergisst sich leicht, dass der Adressat von Gemeinwohlforderungen einer endlos langen Liste widerstreitender Anspr\u00fcche folgen m\u00fcsste, denen er keineswegs s\u00e4mtlich gerecht werden k\u00f6nnte. Die einen werden nach mehr Umweltschutz rufen. Die anderen werden verlangen, mehr f\u00fcr die Dritte Welt zu tun, die n\u00e4chsten mehr Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen bzw. niemanden zu k\u00fcndigen und zugleich die Geh\u00e4lter zu erh\u00f6hen. Alles nachvollziehbare aber nicht alles zugleich erf\u00fcllbare, weil gew\u00f6hnlich widerspr\u00fcchliche W\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Die Preissignale des Marktes haben demgegen\u00fcber den gro\u00dfen Vorteil, dass alle widerstreitenden Gr\u00fcnde in der Preisbildung ber\u00fccksichtigt werden. Es ist zwar misslich, dass die Wunschber\u00fccksichtigung nur in dem Ausma\u00df eintritt, in dem jemand f\u00fcr die Wunscherf\u00fcllung zahlen kann. Aber immerhin hat jeder eine Chance, zum Zuge zu gelangen.<\/p>\n<p>Der Markt kann den Signalen der Nachfrager allerdings nur insoweit Folge leisten, als die Anbieter gerade davon freigesetzt werden, das Gemeinwohl zu verfolgen. Die Forderung, sich am Gemeinwohl zu orientieren, l\u00e4uft ja gerade darauf hinaus, nicht auf die Marktsignale zu h\u00f6ren. Nur wer auf das eigene Interesse h\u00f6rt, kann auch ihnen genau zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>2. Die neue \u00dcberheblichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Arbeitnehmern und anderen vorgeblich sozial Schwachen in der Gesellschaft wird von \u201eWirtschaftsethik\u201c und \u00f6ffentlicher Meinung eine legitime Verfolgung eigener Interessen zugestanden. Vor lauter gutem Willen sieht man gar nicht die stillschweigende Herablassung, die darin steckt, nur den, ironisch formuliert, \u201eniederen St\u00e4nden\u201c die Verfolgung der \u201eniederen\u201c egoistischen Interessen als legitim zuzugestehen. Von den vorgeblich \u201eh\u00f6heren St\u00e4nden\u201c, die etwa die Wirtschaftsethiker, die selbsternannten Intellektuellen, aber auch die Unternehmer, Aktion\u00e4re und Kapitaleigner umfassen, wird eine Orientierung am allgemeinen Wohl erwartet. Die Tatsache, dass man im Gegensatz zum Gewinnstreben der Arbeitnehmer das Gewinnstreben dieser selbsternannten Eliten kritisiert, zeigt eine \u00fcberraschende Orientierung an alten aristokratischen Idealen: Denn durch profanes Streben nach Gewinn bzw. eigen- und nicht gemeinwohlorientierte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wurde der klassische Aristokrat ethisch \u201eentehrt\u201c. Er hatte \u00fcber mundanen Interessen und nat\u00fcrlich auch dar\u00fcber zu stehen, diese \u201eegoistisch\u201c verfolgen zu m\u00fcssen. Das mussten die arbeitenden St\u00e4nde tun.<\/p>\n<p>Zwar wettert man in der heutigen Kapitalismuskritik nicht mehr im Sinne des vormodernen Bei\u00dfreflexes gegen den Zins. Au\u00dfer in Teilen der islamischen Welt spricht man auch nicht mehr wie noch Marx davon, dass das Kapital \u201ekeine Jungen\u201c bekommen d\u00fcrfe. Aber der eigentliche Kern der Sache, die Diskreditierung des Eigennutzes gegen\u00fcber dem Gemeinnutz, des partikularen gegen\u00fcber dem allgemeinen Interesse erfreut sich in einer zunehmend wohlhabenderen Welt ungebrochener, wom\u00f6glich sogar wachsender Popularit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dem ist von jedem Anh\u00e4nger freiheitlich-rechtsstaatlicher Wirtschaftsinstitutionen zu widersprechen. Ein wenig Ideologiekritik kann gegen\u00fcber keiner Aufforderung zum Idealismus schaden. Ruft n\u00e4mlich jemand, lasst uns alle gemeinsam am gleichen Strang ziehen, dann meint er gew\u00f6hnlich, \u201emir nach\u201c!<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>3. Wider die Gemeinwohlorientierung <\/strong><\/p>\n<p>Kennedy erntete Jubel f\u00fcr die Parole, Jugendliche sollten nicht fragen, was ihr Land f\u00fcr sie, sondern, was sie \u201ef\u00fcr ihr Land\u201c tun k\u00f6nnten. Noch heute wird er gern zitiert, wenn uns wieder einmal jemand in einer selbst- und fremdgef\u00e4lligen Sonntagsrede zur selbstlosen Gemeinwohlorientierung aufrufen will. Der unkritische Beifall nahezu aller ist ihm nahezu gewiss. Dabei w\u00e4ren die gro\u00dfen Menschheitsverbrechen ohne die von Hannah Arendt so genannte \u201emerkw\u00fcrdige Selbstlosigkeit der Massen\u201c unm\u00f6glich gewesen <small>(vgl. Arendt, H. (2003): Urspr\u00fcnge und Elemente totalit\u00e4rer Herrschaft. M\u00fcnchen)<\/small>. Die \u201egro\u00dfen Humanisten\u201c des zwanzigsten Jahrhunderts appellierten alle an die Bereitschaft, h\u00f6here ethische Ziele selbstlos zu verfolgen. Wenn wir nur bei der Hitliste des Schreckens bleiben und uns auf Hitler, Mao und Stalin beschr\u00e4nken, wissen wir alle, worum es geht: Je gr\u00f6\u00dfer die Verbrechen, um so st\u00e4rker der Ruf nach der selbstlosen F\u00f6rderung der vorgeblich gro\u00dfen Anliegen.<\/p>\n<p>Wer in einer Gesellschaft, die das Opfer f\u00fcr das Gemeinwohl zur Tugend erkl\u00e4rt und wom\u00f6glich auch dazu erkl\u00e4ren muss, um den eigenen Bestand wahren zu k\u00f6nnen, die Macht erlangt, zu definieren, worin das Gemeinwohl besteht, der hat viele, wenn nicht alle Hebel der Macht in der Hand. Es ist kein Wunder, dass ein gro\u00dfer Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sich um diesen Preis dreht. Die Sozialisten aller Parteien haben das wom\u00f6glich nicht bewusst verstanden, handeln aber dennoch so, als h\u00e4tten sie es begriffen.<\/p>\n<p>Es war zwar ein unw\u00fcrdiges Spektakel, als im Wahlkampf vor einigen Jahren die Christdemokraten ausgerechnet die deutsche Sozialdemokratie mit dem Verweis diffamieren wollten, die Nationalsozialisten seien schlie\u00dflich auch Sozialisten gewesen. Wahr ist, dass die Deutsche Sozialdemokratie historisch die Partei des Rechtsstaats in Deutschland gewesen ist und unter den politischen Parteien lange Zeit dessen einziger zuverl\u00e4ssiger Verteidiger. Die Vorg\u00e4nger der anderen Parteien stimmten schlie\u00dflich unter anderem auch dem Erm\u00e4chtigungsgesetz zu, sofern sie nicht wie die Kommunisten gar nicht mehr in den Reichstag gelangen konnten. Wahr bleibt aber auch, dass die Nationalsozialisten sich nicht von ungef\u00e4hr ihren Namen zulegten. Den Nazis ging es um die Volksgemeinschaft und sie propagierten \u201eGemeinnutz gehe vor Eigennutz\u201c. Sie verstanden es sehr gut, die scheinbar besten Motive zu missbrauchen.<\/p>\n<p>Der Appell an die Gemeinwohlorientierung der Menschen hat die gro\u00dfen Menschheitsverbrechen nicht von ungef\u00e4hr begleitet. Vor diesem Hintergrund ist es doch einigerma\u00dfen \u00fcberraschend, dass unsere heutigen Theoretiker des Guten, so wenig Misstrauen gegen\u00fcber dem Aufruf zur politischen Verfolgung \u201eethischer Ziele\u201c entwickeln. Der durchschnittliche theoretische Ethiker hat anscheinend ebensolche Schwierigkeiten wie jeder andere zu begreifen, dass die je eigenen Vorstellungen vom Gemeinwohl am Ende nicht das Gemeinwohl, sondern nur je eigene Vorstellungen vom allgemeinen Wohl definieren.<\/p>\n<p>Die jeweils reklamierte Verankerung unserer partikularen Ideale in \u201eder\u201c Ethik bietet eine sch\u00f6ne Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr eigene moralische und politische W\u00fcnsche. Diese kann man durch den Allgemeinheitsanspruch zu allgemein verbindlicher Ethik adeln. Weil man die eigene ethische Position f\u00fcr begr\u00fcndet h\u00e4lt, glaubt man dann nur zu leicht, andere Individuen guten Gewissens f\u00fcr eine Verletzung der moralischen Forderungen der je eigenen ethischen Theorie zur Verantwortung ziehen zu d\u00fcrfen. Damit wird aber die Berufung auf Ethik zur allgemeinen Entschuldigung daf\u00fcr, andere gegen deren Willen zu etwas zu zwingen. Freiwillige Unterwerfung im Namen der Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der Allgemeinheit wird erwartet <small>(vgl. polemisch zu solchen Erwartungen, Anthony de Jasay http:\/\/www.econlib.org\/ und Suche nach \u201eJasay\u201c)<\/small>.<\/p>\n<p>Das ist auch der Hauptgrund daf\u00fcr, dass sich der Begriff der sozialen Gerechtigkeit so gro\u00dfer Beliebtheit erfreut. Denn wenn man etwas als ungerecht ausweisen kann, dann scheint viel daf\u00fcr zu sprechen, dass darin eine Verletzung von Rechten liegt, die man als solche auch durch Anwendung von Zwang beheben darf. Damit kann man eine l\u00e4stige H\u00fcrde, die der Umverteilung im Wege steht, anscheinend leicht \u00fcberwinden: Jeder ist daf\u00fcr, dass anderen geholfen wird, aber nicht jeder findet es angemessen, andere dazu zu zwingen, wieder anderen zu helfen bzw. selbst zu der Hilfe gezwungen zu werden. Selbstlose Hilfe erscheint als Gut, erzwungene Hilfe jedoch als ein \u00dcbel, dessen Anwendung nur manchmal als notwendig zur Erreichung \u00fcbergeordneter Ziele entschuldigt werden kann. Ungerechtigkeit ist demgegen\u00fcber ein plausibler Entschuldigungsgrund f\u00fcr die Anwendung des Zwangs\u00fcbels, da Ungerechtigkeit auf eine Normverletzung hinzudeuten scheint und die Verletzer von Normen allgemein zum Ausgleich der Normverletzung gezwungen werden d\u00fcrfen<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>4. Subsidiarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Der Aufruf, eine Ordnung zu unterst\u00fctzen, die es jedem erlaubt, m\u00f6glichst weitgehend seine je eigenen Vorstellungen zu realisieren, dr\u00fcckt ebenfalls nur eine bestimmte Vorstellung unter vielen Auffassungen vom Gemeinwohl aus. Aber der Ruf verlangt nicht nach der Realisierung ganz bestimmter inhaltlicher Zielsetzungen, sondern allein nach der Verfolgung des abstrakten Ziels, jedermann soweit m\u00f6glich die je eigenen egoistischen oder altruistischen Ziele verfolgen zu lassen. Das Ergebnis ist ganz im Sinne <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.hayekcenter.org\/friedrichhayek\/hayek.html\">Friedrich August von Hayeks<\/a>, der eine freie Gesellschaft als jene definiert, die jedem den Gebrauch der eigenen Mittel zur Verwirklichung der eigenen Ziele erlaubt <small>( vgl. Hayek, F. A. v. (1971): Die Verfassung der Freiheit. T\u00fcbingen)<\/small>.<\/p>\n<p>Soweit es nicht m\u00f6glich ist, die Zielverfolgung \u00fcber freie Vertr\u00e4ge zu koordinieren, wird man f\u00fcr freie Konkurrenz auf politischen M\u00e4rkten im Zuge demokratischer Verfahren pl\u00e4dieren. Zugleich wird man aber daf\u00fcr eintreten, diese kollektive Zielbestimmung so weit wie m\u00f6glich einzuschr\u00e4nken. Denn Mitbestimmung ist grunds\u00e4tzlich weniger wert als Selbstbestimmung. Das leider zuwenig ernst genommene Prinzip der Subsidiarit\u00e4t dr\u00fcckt das in unserer Verfassung ebenso aus, wie der Maastricht-Vertrag es in die europ\u00e4ischen Institutionen eingebracht haben will. Wieviel auf beiden Ebenen in Wirklichkeit von der Subsidiarit\u00e4t \u00fcbrig ist, steht in den Sternen. Es reichen vermutlich in jedem Falle sehr kleine Sterne f\u00fcr die betreffende Notiz aus. Ist uns die Freiheit nicht \u201eschnuppe\u201c haben wir aber guten Grund, uns bei jeder Sternschnuppe mehr davon zu w\u00fcnschen<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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