{"id":11113,"date":"2013-01-22T00:01:23","date_gmt":"2013-01-21T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11113"},"modified":"2024-02-25T09:28:29","modified_gmt":"2024-02-25T08:28:29","slug":"die-grose-rezession-ist-eine-strukturkrise-arbeitsmarkte-im-umbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11113","title":{"rendered":"Die \u201eGro\u00dfe Rezession\u201c ist eine Strukturkrise<br><b>Arbeitsm\u00e4rkte im Umbruch<\/b>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.&#8220; (Max Frisch)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Gespenst geht wieder einmal um in den reichen L\u00e4ndern der Welt, das Gespenst massenhafter Arbeitslosigkeit. Es spukt seit der Finanzkrise heftiger als zuvor in Europa. \u00dcberall eilt die Arbeitslosigkeit zu immer neuen H\u00f6chstst\u00e4nden, au\u00dfer in Deutschland. Die junge (s\u00fcdeurop\u00e4ische) Generation verliert langsam den Glauben an die Zukunft. Auch in den USA ist das Gespenst der Arbeitslosigkeit wieder sehr aktiv. Zwar ist der heftige Einbruch des BIP nach der Lehman-Pleite l\u00e4ngst ausgeglichen. Allerdings erweist sich die Arbeitslosigkeit als ausgesprochen z\u00e4hlebig. Der wirtschaftliche Aufschwung l\u00e4sst die Arbeitsm\u00e4rkte links liegen. Nach f\u00fcnf Jahren Finanzkrise lichtet sich der keynesianische Nebel: Die \u201eGro\u00dfe Rezession\u201c ist keine Konjunkturkrise, sie ist eine ausgewachsene Strukturkrise.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Sektoraler Strukturwandel<\/strong><\/p>\n<p>Sektoraler Strukturwandel und Arbeitslosigkeit leben in Symbiose. Ohne strukturellen Wandel gibt es kein wirtschaftliches Wachstum. Allerdings pflastert ein Prozess der sch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung den Wachstumspfad. Handfeste Friktionen auf den Arbeitsm\u00e4rkten sind an der Tagesordnung. Im Strukturwandel verschieben sich die \u00f6konomischen Gewichte zwischen den Sektoren. Reiche L\u00e4nder k\u00e4mpfen mit dem schwierigen \u00dcbergang vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Ob Arbeitslosigkeit zum Problem wird, h\u00e4ngt entscheidend davon ab, wie schnell der strukturelle Wandel abl\u00e4uft und ob die wirtschaftlichen Akteure bereit sind, die Lasten zu tragen. Flexible sektorale und qualifikatorische Lohnstrukturen sowie r\u00e4umlich und beruflich mobile Arbeitnehmer helfen, strukturelle Arbeitslosigkeit zu verhindern.<\/p>\n<p>Mit dem Beitrag zur Wertsch\u00f6pfung \u00e4ndern sich auch die Besch\u00e4ftigungsanteile der Sektoren. Allerdings ist das Tempo des strukturellen Wandels \u00e4hnlich entwickelter L\u00e4nder unterschiedlich. In Frankreich, Gro\u00dfbritannien und den USA gingen in den letzten drei Jahrzehnten weit \u00fcber ein Drittel der industriellen Arbeitspl\u00e4tze verloren. Der wachsende Dienstleistungssektor kompensierte die Verluste lange. Die Finanzkrise zeigt allerdings, wie fragil diese Entwicklung ist. Deutschland, Japan und Italien haben den sektoralen Strukturwandel noch zu guten Teilen vor sich. Der starke industrielle Sektor hat sich zwar seit dem Ausbruch der Finanzkrise als vorteilhaft erwiesen. Er hat die Besch\u00e4ftigung stabilisiert. Es f\u00fchrt allerdings kein Weg daran vorbei, auch f\u00fcr diese L\u00e4nder gilt das eherne Gesetz des Strukturwandels.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/induwert.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Industrie\" src=\"\/wordpress\/bilder\/induwert.png\" alt=\"Industrie\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Der Columbia-\u00d6konom Bruce Greenwald sieht im sektoralen Strukturwandel den eigentlichen Grund f\u00fcr die \u201eGro\u00dfe Rezession\u201c. Gegenw\u00e4rtig wiederhole sich die Situation der \u201eGro\u00dfen Depression\u201c. Damals starb ein gro\u00dfer Sektor der Volkswirtschaften, der Agrarsektor. Er war der wichtigste Treiber des wirtschaftlichen Wachstums. Der schwierige \u00dcbergang vom Agrar- zum Industriesektor m\u00fcndete in der \u201eGro\u00dfen Depression\u201c. Die Situation heute sei mit der von damals vergleichbar. Nun liege wieder der wichtigste Sektor im Sterben, der Industriesektor. Heute werden die L\u00e4nder mit einem relativ hohen Industrieanteil unter dem Wandel leiden. L\u00e4nder wie Japan und Deutschland werden dem <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8912\">Problem der Anpassung<\/a> nicht entkommen. Das Exportventil lindert nur tempor\u00e4r die Schmerzen der Anpassung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Polarisierung der Arbeitspl\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Der inter-sektorale Strukturwandel ist nicht aufzuhalten. Die Arbeitsm\u00e4rkte bleiben davon nicht unber\u00fchrt. Mit dem Wandel vom industriellen Sektor zu st\u00e4rker wissensbasierten Sektoren fragen Unternehmen aber auch eine andere Mischung von Qualifikationen nach. Teile des Humankapitals werden obsolet, andere oft neue F\u00e4higkeiten sind gefragt. Dieser Prozess geht nicht ohne Friktionen am Arbeitsmarkt ab. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist wahrscheinlich. Mindestens so wichtig ist allerdings der intra-sektorale Strukturwandel. In den reichen L\u00e4ndern l\u00e4uft dieser Wandel seit \u00fcber drei Jahrzehnten, zuerst in den USA, mit einiger zeitlicher Verz\u00f6gerung nun auch in Europa. Die Gewichte der Besch\u00e4ftigung verschieben sich. Gewinner sind hohe und niedrige Qualifikationen, Verlierer mittlere F\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen groben \u00dcberblick \u00fcber die Besch\u00e4ftigungsanteile im doppelten Strukturwandel werden die Besch\u00e4ftigten in drei Berufsgruppen eingeteilt. Die Einordnung der Vielzahl der Berufe in die drei Gruppen erfolgt nach der H\u00f6he der Einkommen in niedrig, mittel und hoch. Danach werden die Berufsgruppen nach zwei Kriterien analysiert: Kognitive versus manuelle und routinem\u00e4\u00dfige versus nicht-routinem\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeiten. Dabei stellt sich heraus, dass Berufe, in denen nicht-routinem\u00e4\u00dfige, kognitive T\u00e4tigkeiten dominieren, meist hohe Qualifikationen erfordern. In Berufen, in denen nicht-routinem\u00e4\u00dfige manuelle T\u00e4tigkeiten an der Tagesordnung sind, reichen meist geringe Qualifikationen. Bei den routinem\u00e4\u00dfigen T\u00e4tigkeiten, egal ob kognitiv oder nicht-kognitiv, sind mittlere Qualifikationen notwendig.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/besch_anteil\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Besch\u00e4ftigungsanteile\" src=\"\/wordpress\/bilder\/besch_anteil.png\" alt=\"Besch\u00e4ftigungsanteile\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Eine Reihe empirischer Untersuchungen zeigt, der strukturelle Wandel ver\u00e4ndert die Anteile der drei Berufsgruppen an der Besch\u00e4ftigung teilweise gravierend. Alte Besch\u00e4ftigungsstrukturen werden sowohl in Europa als auch den USA auf den Kopf gestellt. Der erste Befund ist nicht wirklich \u00fcberraschend: Der Anteil des am besten bezahlten Drittels mit den h\u00f6chsten Qualifikationen nahm in der Zeit zwischen 1993 und 2006 in den meisten L\u00e4ndern zu, teilweise gravierend. Der zweite Befund ist allerdings verbl\u00fcffend: Der Anteil der einfachen, schlecht bezahlten Arbeit an der Besch\u00e4ftigung nahm in diesem Zeitraum ebenfalls zu. Eine europ\u00e4ische Ausnahme ist Italien. Der dritte Befund hat \u00fcberall am meisten Aufsehen erregt: Die \u201eMittelschicht\u201c verliert an Boden und zwar ausnahmslos in allen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Trend ist der Zyklus<\/strong><\/p>\n<p>Technischer Fortschritt und Globalisierung sind die wichtigsten Treiber des intra-sektoralen Strukturwandels. Beide favorisieren Nicht-Routine- und diskriminieren Routine-T\u00e4tigkeiten. Ein \u201eskilled biased technical change\u201c hilft Arbeitnehmern, die neue IK-Technologien herstellen oder sie anwenden. Er schmei\u00dft aber auch Arbeit nicht aus dem Markt, die T\u00e4tigkeiten aus\u00fcbt, die pers\u00f6nlichen Kontakt zum Kunden erfordern. Auch die Globalisierung beg\u00fcnstigt nicht-routinem\u00e4\u00dfige Aktivit\u00e4ten. Die Verlierer des technischen Fortschritts und der Globalisierung sind Arbeitnehmer, die routinem\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben. Teurere Arbeit wird durch billigere \u201eMaschinen\u201c ersetzt. Solche Arbeiten gibt es in allen Sektoren, im industriellen Bereich sind sie aber besonders weit verbreitet. Das trifft die Mittelschicht.<\/p>\n<p>Der Prozess der Polarisierung von Besch\u00e4ftigung und L\u00f6hnen wird durch die wachsende Nachfrage nach Dienstleistungen beschleunigt. Mit steigendem Wohlstand w\u00e4chst der Konsum von Dienstleistungen aller Art st\u00e4rker als die traditionelle Nachfrage nach industriell gefertigten Konsumg\u00fctern. Die Unternehmen fragen mehr Arbeit am unteren und oberen Ende der Qualifikationsskala nach. Die Verlierer sind mittlere F\u00e4higkeiten. Und noch etwas hilft einfachen Qualifikationen: Mit der fortschreitenden Alterung reicher Gesellschaften w\u00e4chst die Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen stark. Alten- und Krankenpflege sind ein lukrativer Wachstumsmarkt. Die notwendige N\u00e4he zu den \u201eKunden\u201c bietet diesen T\u00e4tigkeiten weitgehenden Schutz vor technischem Fortschritt und Globalisierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/besch_anteil3\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Besch\u00e4ftigungsanteile\" src=\"\/wordpress\/bilder\/besch_anteil3.png\" alt=\"Besch\u00e4ftigungsanteile\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit Anfang der 90er Jahre hat der strukturelle Wandel eine neue Qualit\u00e4t. Es sind tektonische Verschiebungen der Nachfrage nach Qualifikationen im Gange. Die Qualit\u00e4ten von Arbeit werden weltweit fundamental neu bewertet. Wohin die Reise geht, zeigt sich im <a href=\"http:\/\/faculty.arts.ubc.ca\/hsiu\/research\/polar20120331.pdf\">Konjunkturverlauf<\/a>. Nach den Erfahrungen der USA steigt die Nachfrage nach kognitiven und manuellen nicht-routinem\u00e4\u00dfigen T\u00e4tigkeiten \u00fcber den Zyklus hinweg seit langem mehr oder weniger stetig an. F\u00fcr Routine-T\u00e4tigkeiten ist das anders. In Rezessionen ging die Nachfrage traditionell zur\u00fcck. In den folgenden Aufschw\u00fcngen hat sie sich aber immer wieder erholt. Das gilt nun seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. Den bisherigen Tiefpunkt markiert die \u201eGro\u00dfe Rezession\u201c. Die Nachfrage st\u00fcrzte ab. Eine Erholung ist bis heute nicht in Sicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen des \u201ejobless growth\u201c ist ein guter Indikator f\u00fcr den strukturellen Charakter der \u201eGro\u00dfen Rezession\u201c. Die wachsende Ungleichheit von L\u00f6hnen und Einkommen verst\u00e4rkt diesen Eindruck. Seit \u00fcber drei Jahrzehnten ist ein anhaltender Prozess der <a href=\"http:\/\/economics.mit.edu\/files\/1474\">Polarisierung<\/a> von Besch\u00e4ftigung in Gang. Vieles deutet darauf hin, dass er sich seit Anfang der 90er Jahre beschleunigt. Die Qualit\u00e4ten der Arbeit werden fundamental neu bewertet. Eine viel zu expansive Geld- und Fiskalpolitik hat diese reale Entwicklung lange maskiert. Mit der Finanz- und Eurokrise ist der keynesianische Schleier gefallen. Die Strukturkrise ist offenkundig. Eine persistent expansive Geld- und Fiskalpolitik der Notenbanken ist gef\u00e4hrlicher Unsinn. Die Rettung kann nur von einer Politik nachhaltiger Austerit\u00e4t und ernsthafter Strukturreformen kommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/36f7c1e33d2145fcbac58fa47593e21e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Eine Krise ist ein produktiver Zustand. 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