{"id":11324,"date":"2013-02-01T00:01:52","date_gmt":"2013-01-31T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11324"},"modified":"2013-01-31T19:29:39","modified_gmt":"2013-01-31T18:29:39","slug":"mus-der-muscle-drain-unterbunden-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11324","title":{"rendered":"Mu\u00df der Muscle Drain unterbunden werden?"},"content":{"rendered":"<p>Felipe Santana, Michel Ortega, Nando Rafael oder Baba Rahman \u2013 die Namen dieser vier Spieler stehen f\u00fcr zahlreiche Fu\u00dfballer, die aus Entwicklungs- bzw. Schwellenl\u00e4nder (hier: Brasilien, Kolumbien, Angola oder Ghana) stammen und in der ersten oder zweiten Fu\u00dfball-Bundesliga f\u00fcr die hiesigen Vereine (Dortmund, Leverkusen, Augsburg und Greuther F\u00fcrth) antreten. Aus den Entwicklungsl\u00e4ndern Afrikas oder den lateinamerikanischen Schwellenl\u00e4ndern migrierte Fu\u00dfballer, die in der deutschen Bundesliga, sowohl in der ersten Liga, als auch den unteren Ligen antreten, sind kein Ausnahmeph\u00e4nomen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber nicht nur in Deutschland, auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, wie z. B. England oder Frankreich, spielen vermehrt ausl\u00e4ndische Spieler. So erkl\u00e4rte der englische Mittelfeldspieler Steven Gerrard nach der Niederlage gegen Kroatien und dem damit verbundenen Scheitern in der Qualifikation f\u00fcr die Euro 2008: &#8222;I think there is a risk of too many foreign players coming over, which would affect our national team eventually if it\u2019s not already. It is important we keep producing players\u201c\u009d (Kuper und Szymanski, 2009: 14).<\/p>\n<p>Jedoch nicht nur aus Sicht der Industriel\u00e4nder, die die ausl\u00e4ndischen Spieler besch\u00e4ftigen, sondern auch aus Sicht der die Spieler zur Verf\u00fcgung stellenden L\u00e4nder wird die Migration der eigenen Sportler kritisch betrachtet, weshalb international (z. B. auch von der FIFA) \u00dcberlegungen angestellt werden, wie die Wanderungsbewegungen eingeschr\u00e4nkt werden k\u00f6nnen. Ob solche Einschr\u00e4nkungen aber auch notwendig sind, soll im folgenden diskutiert werden.<\/p>\n<p>Analog zur Abwanderung (sehr) gut ausgebildeter Arbeitskr\u00e4fte von Entwicklungs- oder Schwellenl\u00e4nder in Industrienationen \u2013 dem Brain Drain \u2013 wird das Ph\u00e4nomen der Abwanderung junger sportlicher Talente in professionelle Vereine der Industrienationen als Muscle Drain bezeichnet. Eine Wanderungsbewegung findet also auch in diesem Sektor nicht nur innerhalb eines Landes statt, sondern, wie allgemein auf dem Arbeitsmarkt, \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg. Angesichts des hohen Ausl\u00e4nderanteils insbesondere im Fu\u00dfball, der in einigen Mannschaften innerhalb der Europ\u00e4ischen Fu\u00dfballigen schon 100% betragen hat, ist die Migration im Sportsektor ein im Vergleich zu anderen \u00f6konomischen Sektoren ein sehr bedeutendes Ph\u00e4nomen. Aber nicht nur im Fu\u00dfball lassen sich vor allem Bewegungen von Lateinamerika bzw. Afrika nach Europa identifizieren: So finden nennenswerte Wanderungsbewegungen auch im Eishockey (von den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern in die USA\/Kanada), im Baseball (aus Zentralamerika in die USA\/Kanada) oder im Basketball (Lateinamerikanische Spieler werden vermehrt in die Amerikanische NBA abgeworben) statt.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr Sportler, ihr Heimatland zu verlassen, um die athletische Leistung in den Ligen\/Vereinen der Industrienationen zu erbringen, liegen neben der besseren athletischen Infrastruktur, die die Industriel\u00e4nder bieten k\u00f6nnen, vor allem im Lohngef\u00e4lle: So kann ein Fu\u00dfballer, spielt er f\u00fcr Bayern M\u00fcnchen, durchschnittlich einen Jahreslohn von 4,5 Mio. Euro erzielen, was \u00e4hnlich dem Jahresdurchschnittsgehalt der Spieler von Manchester City in der Premier League ist (Stat. Bundesamt, 2011). Dagegen erh\u00e4lt ein brasilianischer Spieler durchschnittlich ein Jahresgehalt von 12.000 Euro, ein afrikanischer kann hingegen nur etwa 2.000 bis 5.000 Euro pro Jahr erzielen (Andreff, 2011).<\/p>\n<p>Dabei ist der Muscle Drain kein neues Ph\u00e4nomen. Schon seit Etablierung der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaften in 1930 existiert ein Markt f\u00fcr internationale Fu\u00dfballtalente \u2013 auch aufgrund von Migrationsbewegungen der j\u00fcngeren Generationen in das Heimatland der Elterngeneration (Kolonialbeziehungen spielen hier eine gro\u00dfe Rolle). So spielte in der Deutschen Bundesliga bereits 1976 der erste Spieler afrikanischer Herkunft: Ibrahim Sunday aus Ghana (Werder Bremen). Aber erst nach 1995 l\u00e4\u00dft sich ein Anstieg der Migrationsz\u00fcge verzeichnen. Grund hierf\u00fcr war das Bosman-Urteil des EuGH, das es europ\u00e4ischen Sportvereinen erlaubt, beliebig viele ausl\u00e4ndische Sportler zu besch\u00e4ftigen.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Trotz der schon \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum bestehenden Migrationsbewegungen im Sport und insbesondere im Fu\u00dfball bezeichnete FIFA-Pr\u00e4sident Sepp Blatter Vereine, die Spielertalente aus Entwicklungsl\u00e4ndern verpflichten, als &#8222;neocolonialists who don&#8217;t give a damn about hertiage and culture, but engange in social and economic rape by robbing the developing world of its best players.&#8220; (Blatter, 2003). Die UEFA hat, um dem Muscle Drain entgegenzuwirken, eine Mindestanzahl von lokalen Spielern, die in Fu\u00dfballspielen zum Einsatz kommen m\u00fcssen, eingef\u00fchrt. Diese k\u00f6nnen zwar einen Migrationshintergrund aufweisen, m\u00fcssen aber mindestens in der vierten Saison f\u00fcr den aktuellen Verein spielen. Weiterhin m\u00fcssen diese lokalen Spieler zwischen ihrem 15. und 21. Lebensjahr unter Vertrag genommen worden sein. Im Zuge der Diskussion \u00fcber eine Reduzierung der Abwanderungszahlen hochtalentierter Sportler (nicht nur im Rahmen des Fu\u00dfballs) wird au\u00dferdem die Einf\u00fchrung der sogenannten Coubertobin-Steuer diskutiert. Das Konzept bezieht sich dabei einerseits auf die Idee von Pierre de Coubertin (Gr\u00fcnder des Internationalen Olympischen Komitees), allen L\u00e4ndern die Teilnahme an den Spielen in gleichem Ausma\u00df zu erm\u00f6glichen. Andererseits nimmt es bezug auf die von James Tobin vorgeschlagene Transaktionssteuer auf internationale Devisengesch\u00e4fte. Die Coubertobin-Steuer ist als einprozentige Steuer auf s\u00e4mtliche Spielertransfers aus Entwicklungsl\u00e4ndern in Industrienationen konzipiert. Mithilfe dieser Steuer sollen die Farmclubs der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder u. a. f\u00fcr die ihnen entstandenen Trainingskosten kompensiert werden. Damit soll zugleich der Anreiz zur Migration auf Seiten der Sportler vermindert werden, weil Gehaltszahlungen aus Industrienationen damit sinken und mithilfe der zus\u00e4tzlichen Finanzmittel auch Investitionen in das Sportsystem vor Ort (Sportanlagen, Schulsport, Trainerausbildung) get\u00e4tigt werden k\u00f6nnen: Den zwei Hauptmotiven der Abwanderung soll mithilfe der Steuer folglich entgegen gearbeitet werden.<\/p>\n<p>Da\u00df der Muscle Drain ein negatives Ph\u00e4nomen ist und Industrienationen, die ausl\u00e4ndische Sportler besch\u00e4ftigen, den Titel neokolonialistische Ausbeuter verdienen, mu\u00df jedoch angezweifelt werden. Beim Muscle Drain mu\u00df man sich die Diskussion um den Brain Drain vergegenw\u00e4rtigen: So m\u00fcssen im Rahmen des Muscle Drains auch die m\u00f6glichen positiven Effekte der Abwanderung junger sportlicher Talente ber\u00fccksichtigt werden. Zwar verlieren Entwicklungsl\u00e4nder durch die Abwanderung der Sportler zun\u00e4chst athletisches Kapital, jedoch stellt das m\u00f6gliche hohe Gehalt, das in den Ligen der Industrienationen erzielt werden kann, einen zus\u00e4tzlichen Anreiz f\u00fcr junge Talente dar, sich \u00fcberhaupt im Sportsektor auszubilden. Langfristig kann dieser Effekt entsprechend zu einer Zunahme an athletischem Kapital in Entwicklungsl\u00e4ndern f\u00fchren (Muscle Gain).<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Durch die Teilnahme der abgewanderten Sportler an internationalen Wettbewerben f\u00fcr die Nationalmannschaften ihrer Heimatl\u00e4nder findet ein Austausch der Sportler bez\u00fcglich verschiedener Trainingsmethoden statt. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden k\u00f6nnen abgewanderte Sportler also neuen Input diesbez\u00fcglich an Sportler bzw. Trainer ihres Heimatlandes weitergeben, was sich wiederum positiv auf die Entwicklung der Sportsysteme dort auswirkt. Die positive Wirkung solcher Spillover-Effekte l\u00e4\u00dft sich an der St\u00e4rke verschiedener Fu\u00dfball-Nationalteams zeigen: Je mehr Spieler einer Mannschaft eines Entwicklungslandes im Ausland unter Vertrag sind, desto besser schneiden diese im FIFA-Ranking ab (u.a. Berlinschi et al., 2010).<\/p>\n<p>Den Vereinen (insb. Fu\u00dfballigen) Vorschriften bez\u00fcglich der Anzahl ausl\u00e4ndischer Spieler, die gleichzeitig auf dem Feld antreten d\u00fcrften, aufzuerlegen, um damit den Muscle Drain zu verringern, oder gar eine Steuer auf Sportler-\/Spielertransfers einzuf\u00fchren, erscheint angesichts der genannten positiven Effekte problematisch, wenn nicht sogar unn\u00f6tig. Dies gilt insbesondere dann, wenn man den Wechsel von Sportlern aus der Nationalmannschaft des Heimatlandes durch Annahme der Staatsangeh\u00f6rigkeit des Gastlandes an weitergehende Bedingungen kn\u00fcpft und damit erschwert. Die w\u00e4re f\u00fcr die Entwicklung der Sportsysteme der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder vorteilhafter als die Einf\u00fchrung einer sogenannten Coubertobin-Steuer. Dar\u00fcber hinaus ist aus ordnungs\u00f6konomischer Sicht ein unbehinderter Faktorverkehr und damit die M\u00f6glichkeit der Spieler, sich in anderen L\u00e4ndern zu verdingen, uneingeschr\u00e4nkt zu begr\u00fc\u00dfen. Eine Behinderung dieser Wanderungsbewegungen w\u00fcrde die Freiheit der Wirtschaftssubjekte ohne \u00f6konomisch ausreichend legitimierte Gr\u00fcnde einengen und ist daher aus ordnungs\u00f6konomischer Sicht abzulehnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Berlinschi, R., Schokkaert, J. und Swinnen, J. F. M. (2010): When Drains and Gains Coincide: Migration and International Football Performance. LICOS Discussion Paper 265\/2010, Leuven, Belgien, University of Leuven (KUL).<\/p>\n<p>Blatter S. (2003): Soccer\u2019s greedy neo-colonialists. Financial Times, December 17, 19<\/p>\n<p>Kuper, S. und Szymanski S. (2009): Soccernomics: Why England loses, why Germany and Brazil win, and why the U.S., Japan, Australia, Turkey- and even Iraq- are destined to become the Kings of the World\u2019s most popular Sport. New York.<\/p>\n<p>Statistisches Bundesamt (2011): Top 12 Vereine der europ\u00e4ischen und US-Profiligen nach den durchschnittlichen Jahresgeh\u00e4ltern der Spieler im Jahr 2011 (in US Dollar), abrufbar unter: http:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/183446\/umfrage\/spielergehaelter-der-top-vereine-in-europa-und-den-usa\/ [Aufruf am 17.01.2013].<\/p>\n<p>Swinnen, J. und Vandemoortele, T. (2008): Sports and Development: An Economic Perspective on the Impact of the 2010 World Cup in South Africa. Working Paper, LICOS- Centre for Insitutions and Economic Performance, Leuven.<\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Das Balog-Urteil aus dem Jahre 1998 bzw. die Kolpak-Entscheidung aus dem Jahre 2003 dehnten die im Bosman-Urteil getroffene Entscheidung gr\u00f6\u00dftenteils auch auf Sportler aus den mit den EG bzw. der EU assoziierten Staaten aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Felipe Santana, Michel Ortega, Nando Rafael oder Baba Rahman \u2013 die Namen dieser vier Spieler stehen f\u00fcr zahlreiche Fu\u00dfballer, die aus Entwicklungs- bzw. 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