{"id":11328,"date":"2013-02-03T07:54:57","date_gmt":"2013-02-03T06:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11328"},"modified":"2013-02-03T07:54:57","modified_gmt":"2013-02-03T06:54:57","slug":"munchhausens-geschichte-vom-green-growth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11328","title":{"rendered":"M\u00fcnchhausens Geschichte vom \u201eGreen Growth\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Baron von M\u00fcnchhausen verf\u00fcgte bekanntlich \u00fcber die F\u00e4higkeit, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. K\u00f6nnen wir das vielleicht auch? Wenn man h\u00f6rt und liest, wie manche sich die \u00f6kologische Wende vorstellen, k\u00f6nnte man es glauben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit der Konferenz \u201eRio +20\u201c vom Juni 2012 ist Green Growth in aller Munde. Die OECD propagiert eine <em>Green Growth Strategy<\/em>, das United Nations Environmental Programme legt einen <em>Green Economy Report<\/em> vor, die Internationale Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) erstellt einen Bericht zu <em>Inclusive Green Growth<\/em> und die als B 20 zusammengeschlossenen Unternehmensvertreter schmieden in Rio eine internationale <em>Green Growth Alliance<\/em>. Die Verhei\u00dfung hinter all diesen Aktivit\u00e4ten lautet, ein intensiver Klimaschutz sei nicht nur n\u00f6tig, um unseren Planeten vor dem Hitzekollaps zu bewahren, sondern w\u00fcrde sich sogar wachstums- und besch\u00e4ftigungsf\u00f6rdernd auswirken.<strong> \u201eFr\u00fcher h\u00e4ufig als Kostentreiber und Wachstumsbremse verrufen, hat der Umweltschutz das Potential zum Wohlstandstreiber moderner Volkswirtschaften.\u201c, <\/strong>\u00c2\u00a0meint Jochen Flasbarth, Pr\u00e4sident des Umweltbundesamts (<a href=\"http:\/\/www.umweltbundesamt.de\/uba-info-presse\/2012\/pd12-014_flasbarth_wir_brauchen_eine_gruene_wirtschaft.htm\">http:\/\/www.umweltbundesamt.de\/uba-info-presse\/2012\/pd12-014_flasbarth_wir_brauchen_eine_gruene_wirtschaft.htm<\/a>).<\/p>\n<p>Umweltschutz macht Arbeit \u2013 so die landl\u00e4ufige Argumentation \u2013 und Arbeit macht Arbeitspl\u00e4tze. F\u00fcr die Entwicklung umweltschonender Technologien wird Kapital und Arbeit ben\u00f6tigt, ebenso f\u00fcr die Implementierung dieser Technologien. Umweltschonende Produkte sind teurer als konventionelle Produkte und schaffen deshalb dort, wo sie produziert werden, h\u00f6here Einkommen. Allein in der Erneuerbare-Energien-Branche seien derzeit in Deutschland rund 340.000 Arbeitskr\u00e4fte besch\u00e4ftigt, sch\u00e4tzt die Gesellschaft f\u00fcr Wirtschaftliche Strukturforschung in einer vom Bundesumweltministerium gef\u00f6rderten Studie (<a href=\"http:\/\/www.erneuerbare-energien.de\/fileadmin\/ee-import\/files\/pdfs\/allgemein\/application\/pdf\/erneuerbar_beschaeftigt_bl_bf.pdf\">http:\/\/www.erneuerbare-energien.de\/fileadmin\/ee-import\/files\/pdfs\/allgemein\/application\/pdf\/erneuerbar_beschaeftigt_bl_bf.pdf<\/a>). Und Flasbarth rechnet mit zus\u00e4tzlichen 630.000 Arbeitspl\u00e4tzen bis zum Jahr 2020, wenn die von der Bundesregierung verk\u00fcndete Energiewende konsequent umgesetzt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit und den Medien werden solche Zahlen immer wieder als Beleg daf\u00fcr herangezogen, dass Umweltschutz aus gesellschaftlicher Sicht nicht nur f\u00fcr die Umwelt, sondern auch f\u00fcr die Wirtschaft gut sei. Es werde sozusagen eine \u201edoppelte Dividende\u201c erzielt, da \u00f6kologische und \u00f6konomische Ertr\u00e4ge zugleich anfallen w\u00fcrden. Dabei geht es nicht darum, dass Umweltschutz n\u00f6tig ist, um langfristig nicht nur die \u00f6kologischen, sondern auch die \u00f6konomischen Grundlagen unseres Planeten zu erhalten (wer wollte das bestreiten). Sondern es wird suggeriert, verst\u00e4rkte staatliche Interventionen zum Umweltschutz w\u00fcrden unmittelbar zu mehr Wachstum und Besch\u00e4ftigung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Man muss tief im Instrumentenkasten der Volkswirtschaftslehre w\u00fchlen, um zu dieser Einsch\u00e4tzung eine passende Theorie zu finden. Nach dem <em>Grundmodell der \u00f6konomischen Theorie<\/em>, das<em> <\/em>von funktionierenden M\u00e4rkten in allen Bereichen der Wirtschaft ausgeht, ist der Einsatz knapper Ressourcen f\u00fcr den Umweltschutz zun\u00e4chst einmal ein Kostenfaktor, der den wirtschaftlichen Wohlstand nicht erh\u00f6ht, sondern mindert. Und auch die Zahl rentabler Arbeitspl\u00e4tze in der Wirtschaft wird insgesamt nicht steigen, sondern sinken, falls der Kostenanstieg durch Umweltschutz nicht durch entsprechende Kostenentlastungen an anderer Stelle (zum Beispiel durch Lohnsenkungen) kompensiert wird.<\/p>\n<p>Die Hypothese der doppelten Dividende staatlicher Umweltschutzma\u00dfnahmen beruht aus dieser Perspektive auf dem Denkfehler, partialanalytische Effekte innerhalb der Umweltindustrien mit gesamtwirtschaftlichen Effekten \u00fcber alle Branchen hinweg gleichzusetzten. Nat\u00fcrlich wird verst\u00e4rkter Umweltschutz zu mehr Arbeitspl\u00e4tzen in den Umweltindustrien f\u00fchren. Hersteller von Windkraftanlagen oder Dachdecker, die sich auf die Verlegung chinesischer Solarpaneele auf deutschen D\u00e4chern spezialisiert haben, sind die Gewinner des Green Growth. Doch da jeder Euro letztlich nur einmal ausgegeben werden kann, wird die Kaufkraft, die in die \u201egr\u00fcnen\u201c Industrien flie\u00dft, \u00c2\u00a0zwangsl\u00e4ufig von anderen Industrien abgezogen. Dort sind die Verlierer des Green Growth zu finden. Weitere Verlierer sind in jenen Produktionsbereichen anzutreffen, die teure Umweltauflagen erf\u00fcllen m\u00fcssen und deren Arbeitsl\u00e4tze dadurch unter die Rentabilit\u00e4tsschwelle rutschen. Nach dem Grundmodell der \u00f6konomischen Theorie muss bei einer Versch\u00e4rfung des Umweltschutzes die Zahl der im Umweltbereich entstehenden zus\u00e4tzlichen Arbeitspl\u00e4tze kleiner sein als die Zahl der wegfallenden Arbeitspl\u00e4tze in den \u00fcbrigen Bereichen der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Weniger eindeutig sind die Ergebnisse der sogenannten <em>neuen Wachstumstheorie<\/em>, in der sektoral unterschiedliche Lernprozesse eine wichtige Rolle spielen. Falls in den Umweltindustrien gro\u00dfe technologische Durchbr\u00fcche erwartet werden k\u00f6nnen, von denen die gesamte Wirtschaft befl\u00fcgelt w\u00fcrde, dann k\u00f6nnte es wirtschaftlich ertragreich sein, in einer \u00dcbergangsphase die Wachstums- und Besch\u00e4ftigungseinbu\u00dfen eines verst\u00e4rkten Umweltschutzes in Kauf zu nehmen, um auf l\u00e4ngere Sicht von den technologischen Impulsen aus den gr\u00fcnen Industrien profitieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In dieser Argumentationskette stecken allerdings viele Wenn und Aber:<\/p>\n<ul>\n<li>Ist das technologische Potential in den Umweltindustrien tats\u00e4chlich h\u00f6her als in anderen Industrien? Zumindest bei der Windkraft und der Solarenergie darf das mittlerweile bezweifelt werden.<\/li>\n<li>Wie verhindert man, dass die finanziellen F\u00f6rdermittel ins Ausland abflie\u00dfen anstatt die heimische Wirtschaft anzukurbeln? Die Solarf\u00f6rderung beispielsweise kommt \u00fcberwiegend chinesischen Herstellern zugute, deren Export von Solarpaneelen nach Deutschland vor allem aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes boomt.<\/li>\n<li>Bedarf es wirklich eines staatlichen Markteingriffs, um die Unternehmen auf F\u00e4hrten zu setzen, auf die sie allein nie gekommen w\u00e4ren? Verf\u00fcgt der Staat tats\u00e4chlich \u00fcber ein \u00fcberlegenes technologisches Wissen, das f\u00fcr eine solche Politik erforderlich w\u00e4re?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dann und nur dann k\u00f6nnten staatliche Ma\u00dfnahmen zum Umweltschutz positive gesamtwirtschaftliche Wachstums- und Besch\u00e4ftigungswirkungen entfalten. Andernfalls w\u00fcrde auch die neue Wachstumstheorie zu der Aussage gelangen, dass Umweltschutz ein Kostenfaktor und kein Wachstumstreiber ist.<\/p>\n<p>Einen letzten Strohhalm f\u00fcr die Apologeten des Green Growth k\u00f6nnte die <em>Konjunkturtheorie <\/em>bieten. In einer Volkswirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit k\u00f6nnte eine staatlich verordnete Investition in Umweltschutz die Besch\u00e4ftigung erh\u00f6hen, wenn die Produktionskapazit\u00e4ten in den Umweltindustrien nicht ausgelastet sind.<\/p>\n<p>Doch auch hier gibt es Wenn und Aber:<\/p>\n<ul>\n<li>Wenn in diesen Industrien gar keine unausgelasteten Kapazit\u00e4ten vorhanden sind und vielleicht sogar Fachkr\u00e4ftemangel herrscht, w\u00fcrde ein staatlich verordneter Nachfrageschub lediglich zu Preissteigerungen f\u00fcr Umweltg\u00fcter und nicht zu Wachstums- und Besch\u00e4ftigungsgewinnen f\u00fchren.<\/li>\n<li>Und wenn sich die allgemeine konjunkturelle Lage wieder aufhellt, dann m\u00fcsste bei solch einem Politikansatz der Umweltschutz wieder zur\u00fcckgefahren werden. Umweltschutz ist aber ein langfristiges, auf Nachhaltigkeit angelegtes Ziel, das nicht mit kurzfristigen Konjunkturzielen vermengt werden sollte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Verhei\u00dfung, nach der Green Growth nicht nur f\u00fcr die Umwelt, sondern auch f\u00fcr Wachstum und Besch\u00e4ftigung einen Gewinn darstellt, ist also ein Trugbild, das in den Erz\u00e4hlungen des Barons von M\u00fcnchhausen gut aufgehoben w\u00e4re, in einem seri\u00f6sen wirtschaftspolitischen Konzept aber keinen Platz hat. Die erhoffte doppelte Dividende gibt es schlichtweg nicht.<\/p>\n<p>Daraus folgt: Umweltpolitik sollte im Interesse der Umwelt betrieben werden und nicht im Interesse der Wirtschaft. Der Erhalt der Umwelt sollte es uns wert sein, die daf\u00fcr ben\u00f6tigten Ressourcen aufzubringen und an der einen oder anderen Stelle auf wirtschaftliches Wachstum zu verzichten. Wer nur dann zu Umweltschutz bereit ist, wenn er nichts kostet, kann es mit der \u00f6kologischen Wende nicht sonderlich ernst meinen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Baron von M\u00fcnchhausen verf\u00fcgte bekanntlich \u00fcber die F\u00e4higkeit, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. K\u00f6nnen wir das vielleicht auch? 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