{"id":114,"date":"2008-03-30T06:50:13","date_gmt":"2008-03-30T05:50:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=114"},"modified":"2008-03-30T06:50:13","modified_gmt":"2008-03-30T05:50:13","slug":"liberal-und-konservativ-ob-das-wohl-gut-geht-warum-es-sich-lohnt-wilhelm-roepke-zu-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=114","title":{"rendered":"Liberal und konservativ &#8211; ob das wohl gut geht? <br\/><small>Warum es sich lohnt, Wilhelm R\u00f6pke zu lesen<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Auf die Frage, welche drei B\u00fccher er den Skeptikern des Liberalismus als Bekehrungslekt\u00fcre empfehle, hat Otto Graf Lambsdorff einmal folgende Antwort gegeben:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGanz vorne steht Adam Smith. Denn der schottische Moralphilosoph zeigt mit bestechender Logik und einfacher Sprache, wie der Eigennutz des Menschen daf\u00fcr eingesetzt werden kann, dem Gemeinwohl zu dienen. An zweiter Stelle nenne ich Friedrich Hayeks ,Weg zur Knechtschaft\u2019, das den Sozialisten in allen Parteien gewidmet ist. F\u00fcr meine eigene Biographie augen\u00f6ffnend war Wilhelm R\u00f6pkes ,Jenseits von Angebot und Nachfrage\u2019. Dieses Buch, 1958 erschienen, kommt mir heute wegen des quasireligi\u00f6sen Pathos merkw\u00fcrdig fremd vor.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Adam Smith und Friedrich Hayek verstehen sich also von selbst. Aber R\u00f6pke? <em>\u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c<\/em>, in Deutschland 1979 zuletzt erschienen, ist l\u00e4ngst vergriffen. <small>[Wilhelm R\u00f6pke: Jenseits von Angebot und Nachfrage. 5. Aufl. Bern 1979]<\/small> Sein Autor, stets genannt, aber kaum gelesen, z\u00e4hlt zu den Gr\u00fcnderv\u00e4tern der Freiburger Schule. <em>\u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c<\/em> war der Versuch, in der von intellektueller Positionsbestimmung gepr\u00e4gten Nachkriegszeit die geistigen Grundlagen der Marktwirtschaft zu erkl\u00e4ren. Schon damals musste der Autor erleben, dass er sich dabei mit allen angelegt hatte: hartgesottene \u00d6konomisten, unbekehrbare Rationalisten und prosaische Utilitaristen z\u00e4hlten ebenso zu den Skeptikern wie die reinen Moralisten und Romantiker, vermerkt R\u00f6pke im Vorwort zur dritten Auflage (1961). Auch Liberale, allen voran Ludwig von Mises, bezichtigten R\u00f6pke des Verrats am liberalen Glauben. Selbst Hayek, der zu jener Zeit an seiner <em>\u201eVerfassung der Freiheit\u201c<\/em> schrieb und bei dem R\u00f6pke auf mehr Verst\u00e4ndnis hoffte, zugleich aber <em>\u201eernste Vorbehalte\u201c<\/em> bef\u00fcrchtete, wendet sich ab. Bald darauf kommt es zur Trennung der beiden liberalen Denker. R\u00f6pke verl\u00e4sst 1962 entt\u00e4uscht die Mont-P\u00c3\u00a9l\u00c3\u00a9rin-Gesellschaft. Hayek und R\u00f6pke hatten fortan miteinander keinen Kontakt mehr.<\/p>\n<p>Lambsdorff ist somit in bester Gesellschaft; R\u00f6pke vermochte von Anfang an zu irritieren. Doch Lambsdorffs ambivalente Antwort l\u00e4sst offen, ob er nun eigentlich zur Lekt\u00fcre r\u00e4t oder nicht. Denn im selben Atemzug, in dem er R\u00f6kpe als Dritten im Bunde liberaler Verf\u00fchrer anpreist, schr\u00e4nkt er ja eben kr\u00e4ftig ein: Religion, Pathos und Fremdheit k\u00f6nnen auch als Tafeln der Abschreckung gemeint sein. Bei soviel Gegenwind \u2013 von Mises \u00fcber Hayek bis Lambsdorff &#8211; bleibt somit nur die Probe aufs Exempel: die Lekt\u00fcre von R\u00f6pkes vor 50 Jahren erschienenem Buch.<\/p>\n<p>Und siehe da: <em>\u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c<\/em> ist aufregend aktuell. Das Buch ist \u2013 aus heutiger Sicht \u2013 weder Verrat noch Verw\u00e4sserung des Liberalismus. Im Gegenteil: <em>\u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c<\/em> k\u00f6nnte die an <em>\u201eargumentativer Materialerm\u00fcdung\u201c<\/em> (Christian Lindner, Generalsekret\u00e4r der FDP in NRW) leidende liberale Bewegung in Deutschland aufr\u00fctteln und ihr zugleich Anschluss bieten an die neuere sozialwissenschaftliche Debatte \u00fcber die geistigen Grundlagen der Marktwirtschaft. Die scharfe Kritik des \u00fcberbordenden Wohlfahrtstaates und die bei\u00dfende Polemik gegen den linken antikapitalistischen Moralismus, welche die R\u00f6pke-Lekt\u00fcre heute wieder zu einem intellektuellen Vergn\u00fcgen machen, sind eingebettet in eine zuvorkommende Theorie der M\u00e4rkte, welche die <em>\u201egeistig-moralische Klammer\u201c<\/em> f\u00fcr Angebot und Nachfrage rekonstruiert. R\u00f6pke zeigt wie kein zweiter, dass eine liberale Marktordnung von Voraussetzungen zehrt, die sie selbst nicht erzeugen kann. Sind diese Voraussetzungen aber versch\u00fcttet, kommen M\u00e4rkte nicht in Gang. Das genau macht R\u00f6pke zum Konservativen und unterscheidet ihn von Hayek, der der Meinung war, dass unpers\u00f6nliche M\u00e4rkte selbst eine von mehreren Quellen von Moralit\u00e4t in einer erweiterten Ordnung darstellen. <em>\u201eM\u00e4rkte als Moral<strong>verzehrer<\/strong>\u201c<\/em> (R\u00f6pke) oder <em>\u201eM\u00e4rkte als Moral<strong>generierer<\/strong>\u201c<\/em>, das pr\u00e4zise markiert den Unterschied zwischen konservativem Liberalismus und liberalen Liberalismus.<\/p>\n<p>R\u00f6pke insistiert darauf, dass der <em>\u201eb\u00fcrgerliche Geist\u201c<\/em> den Kapitalismus allererst erm\u00f6glicht. Es sind die Tugenden der <em>\u201eArbeitssamkeit, der R\u00fchrigkeit, der Sparsamkeit, des Pflichtgef\u00fchls, der Zuverl\u00e4ssigkeit, P\u00fcnktlichkeit und Vern\u00fcnftigkeit\u201c<\/em>, auf welchen eine marktwirtschaftliche Ordnung aufbauen muss:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIhre letzten Voraussetzungen bleiben Pr\u00e4zision, Verl\u00e4sslichkeit, Zeitsinn, Flei\u00df, Pflichttreue und jene Liebe zur Sache, die im Englischen als ,Sense of Workmanship\u2019 bezeichnet wird und offenbar nur in wenigen L\u00e4ndern der Erde beheimatet ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Keine Frage: Hinter dem <em>\u201eb\u00fcrgerlichen Geist\u201c<\/em> schimmert Max Webers Geist des Kapitalismus durch. Doch anders als bei Weber macht das christliche Ethos nur einen Teilaspekt unternehmerischer Motivation aus. Viel entscheidender ist f\u00fcr R\u00f6pke der Aufstieg des christlich motivierten tugendhaften B\u00fcrgertums, welches seine Werte zur politischen Waffe gegen die Aristokratie einzusetzen vermochte. Das ist zugleich eine schl\u00fcssige Antwort auf die Frage, warum gerade in England im 19. Jahrhundert (und sp\u00e4ter dann auch in Deutschland) der Kapitalismus so \u00fcberaus erfolgreich sein konnte. Es brauchte eben zuvor ein b\u00fcrgerliches Ethos, damit sich Unternehmergeist und Arbeitsdisziplin in Wachstumszahlen \u00fcbersetzen lie\u00dfen. Noch in den Kom\u00f6dien Moli\u00c3\u00a8res werde der B\u00fcrger als l\u00e4cherliche Figur behandelt, bemerkt R\u00f6pke, und wenn Shakespeare ausnahmsweise einen Kaufmann als solchen auf die B\u00fchne bringe, so sei es allenfalls Shylock:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWelch ein Weg von hier bis zu Goethes ,Wilhelm Meister\u2019, wo uns die Welt des b\u00fcrgerlichen Handelns umgibt und sogar die doppelte Buchf\u00fchrung philosophisch-poetisch verkl\u00e4rt wird.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ideengeschichtlich hat der Kapitalismus n\u00e4mlich seine Wurzeln in der b\u00fcrgerlichen Aufkl\u00e4rung des 18. Jahrhunderts. Das haben Max Weber und Werner Sombart vor R\u00f6pke schon eindrucksvoll dargestellt. Die industrielle Revolution, Grundlage unseres heutigen Wohlstands, setzte sich durch, weil es der von christlicher Haltung getragenen Klasse des europ\u00e4ischen B\u00fcrgertums gelungen war, mit ihren Werten die Aristokratie moralisch in die Enge zu treiben und weil die christlich-b\u00fcrgerlichen Haltungen sparsamer Askese und nachhaltiger Arbeitsethik f\u00fcr die auf Humankapital angewiesene Logik des Kapitalismus ziemlich f\u00f6rderlich war. Die industrielle Revolution war n\u00e4mlich mehr als nur eine Revolution von Kapitalakkumulation und Wachstum. Sie bedeutete zugleich eine politische und soziale Transformation der gesamten westlichen Welt, welche ihre Werte und Hierarchien in der Gesellschaft neu definierte und die Verteilung von Wohlstand und Einkommen radikal ver\u00e4nderte. Die industrielle Revolution war nicht nur eine Revolution der Produktionsbedingungen. Sie war auch eine Klassenrevolution.<small>[Au\u00dferordentlich anregend hierzu: Matthias Doepke\/Fabrizio Zilibotti: <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/http:\/\/www.econ.ucla.edu\/people\/papers\/Doepke\/Doepke419.pdf\">Occupational Choice and the Spirit of Capitalism<\/a>. UCLA Economic Online Papers No. 419. Vgl. auch Jens Beckert: <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.mpifg.de\/pu\/mpifg_dp\/dp07-15.pdf\">The Social Order of Markets.<\/a> Discussion Paper 07\/15 Max Planck Institut f\u00fcr Gesellschaftsforschung K\u00f6ln.]<\/small><\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr diese Ver\u00e4nderung war der Aufstieg eines neuen Wirtschaftsb\u00fcrgertums, welches seine eigenen Werte zur Durchsetzung der neuzeitlichen naturwissenschaftlich-technischen Erfindungen und der modernen Produktionsweisen offensiv zu nutzen wusste. Die b\u00fcrgerlichen Einstellungen re\u00fcssierten, die aristokratischen Werte gerieten ins Hintertreffen. W\u00e4hrend die herrschenden Landbesitzer &#8211; unwillig zu sparen, schlecht ger\u00fcstet f\u00fcr den Handel und unf\u00e4hig, Geld als ein Mittel anzusehen, welches profitabel investiert werden konnte &#8211; vom sozialen und materiellen Abstieg bedroht wurde, verstand das aufstrebende B\u00fcrgertum es gl\u00e4nzend, seine Werte des Ma\u00dfes, der Bescheidenheit, der Sparsamkeit und der harten Arbeit als Promotor des gesellschaftlichen Aufstieg zu nutzen und zugleich \u2013 Erfolg der unsichtbaren Hand \u2013 den Wohlstand des ganzen Volkes zu mehren. Eltern, die davon ausgehen, dass ihre Kinder k\u00fcnftig zu weiten Teilen von ihrem Arbeitseinkommen werden leben m\u00fcssen, werden ihnen in der Erziehung eine strenge Arbeitsdisziplin nahe bringen und sie zu Sparsamkeit, Flei\u00df und Ausdauer anhalten. Das waren die Werte des aufstrebenden B\u00fcrgertums. Eltern hingegen, die erwarten, dass ihre Kinder sp\u00e4ter einmal als Rentiers die Fr\u00fcchte ihres Landeigentums genie\u00dfen werden, lehren ihre Kinder die Kulturtechniken der gepflegten Mu\u00dfe: Denn Jagen, Spielen, Musik machen oder die feine Konversation sind Werte, die in den Schl\u00f6ssern und Balls\u00e4len der Aristokratie den <em>\u201efeinen Unterschied\u201c <\/em>heraus streichen und der Unterscheidung und Reputation der Oberschicht dienen. Damit war aber seit der Franz\u00f6sischen Revolution bekanntlich kein Staat, aber auch kein Markt mehr zu machen. Listig hatte das B\u00fcrgertum mit seiner Tugend Politik gemacht und die Geburt des modernen Kapitalismus beherzt vorangetrieben.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Ethik Wilhelm Meisters als notwendige Voraussetzung des kapitalistischen Erfolgs? R\u00f6pkes Diskurs \u00fcber <em>\u201edie geistig-moralische Klammer\u201c<\/em> einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist lange Zeit auch unter Liberalen in Vergessenheit geraten. Die Standardantwort der \u00d6konomen auf die Frage nach den au\u00dfer\u00f6konomischen Voraussetzungen der M\u00e4rkte in der Nachfolge von Friedrich Hayek, Douglass North oder James Buchanan lautet: M\u00e4rkte brauchen gute Institutionen. Demnach ist es der rechtliche Ordnungsrahmen, von dem entsprechende Anreize f\u00fcr die unternehmerische Dynamik und langfristige Innovationen ausgehen. Vertragsfreiheit, stabile Eigentumsrechte, dezentrale Entscheidungen oder niedrige Steuern bringen das Wirtschaften in Fahrt, so hie\u00df lange Zeit der liberale Konsens: Wo eine stabile Rule of Law gegeben ist, da erwachen Unternehmergeist, Innovation und Handel wie von alleine. Oder anders gesprochen: Sofern eine Wirtschaftsordnung entscheidende Freiheitsrechte seiner B\u00fcrger garantiert, wird sich diese Erfahrung alsbald in Unternehmergeist niederschlagen. Andere Akteure f\u00fchlen sich herausgefordert, als Kreditgeber oder Investoren aufzutreten, um die Projekte der Unternehmer in der Aussicht auf eigenen Profit zu finanzieren.<\/p>\n<p>R\u00f6pke macht deutlich: Gute Institutionen m\u00f6gen notwenig sein f\u00fcr das Entstehen von M\u00e4rkten. Hinreichend sind sie nicht. Kulturtheorien des wirtschaftlichen Wachstums haben heutzutage wieder Zulauf und erg\u00e4nzen die Institutionentheorie offensiv. Von David Landes \u00fcber Robert Barro bis zu Edmund Phelps gilt es nicht mehr als h\u00e4retisch, neben der Bedeutung des Rechts auch die Rolle der Moral (Haltungen und Werte) f\u00fcr den wirtschaftlichen Erfolg herauszustreichen. <em>\u201eWenn wir irgendetwas lernen k\u00f6nnen aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung, dann das: Culture makes all the difference.\u201c<\/em>, schrieb David Landes in seinem Bestseller \u00fcber den \u201eWohlstand und die Armut der Nationen\u201c (1998). Und Edmund Phelps bekennt: <em>\u201eNoch vor ein paar Jahren h\u00e4tte ich nicht gewusst, ob ich an die Bedeutung von Kultur glauben sollte oder nicht. Doch seit kurzem habe ich in vielen Untersuchungen heraus gefunden, dass unterschiedliche kulturelle Werte (der Wert des Wettbewerbs, der Wert der Arbeit) und insbesondere unterschiedliche Einstellungen zum Arbeitsplatz (hinsichtlich der \u00dcbernahme eigener Initiativen, des Befehlens und Gehorchens, der Akzeptanz von Verantwortung etc.) \u00fcberraschend signifikant sind f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der Unterschiede \u00f6konomischer Leistungsf\u00e4higkeit der OECD-L\u00e4nder.\u201c<\/em> Neben den formalen Rahmenbedingungen sind offenbar auch informelle Voraussetzungen (Gebr\u00e4uche, Tabus, Glauben, Normen etc.) ausschlaggebend f\u00fcr das wirtschaftliche Wachstum und die langfristigen Entwicklungschancen einer Gesellschaft. Mit anderen Worten: Es ist das Ethos, das die \u00d6konomie treibt. <em>\u201eKapitalismus ist das Produkt einer Ehe zwischen entscheidenden wirtschaftlichen Freiheitsrechten und kulturellen Werten\u201c\u009d<\/em>, sagt Phelps.<\/p>\n<p>F\u00fcr <em>\u201ehartgesottene \u00d6konomisten\u201c<\/em> (Wilhelm R\u00f6pke) mag das auch heute noch schwer zu akzeptieren sein. Sie hatte R\u00f6pke schon 1958 daran erinnert, \u201edass das Leben keine Gleichung ist, die ohne Rest aufgeht\u201c. Auf den Wert dieser b\u00fcrgerlichen Haltungen zu verweisen, ist aber auch f\u00fcr den Liberalen unabdingbar. Geraten diese Tugenden \u2013 und die historischen K\u00e4mpfe, die zu ihrem wirtschaftlichen Erfolg f\u00fchrten \u2013 in Vergessenheit, bedeutet dies auch das Ende einer unternehmerischen und dynamischen Marktwirtschaft. Kein Wunder, betont Edmund Phelps immer wieder, dass in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren kaum neue international erfolgreiche Unternehmen entstanden sind (Ausnahme: SAP), w\u00e4hrend das in den Vereinigten Staaten nach wie vor zum Alltag geh\u00f6rt (siehe Microsoft, Google oder Facebook). <em>\u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c<\/em> bringt in Erinnerung, dass der Liberalismus nicht nur eine kritische Analyse des Wohlfahrtstaates (eine \u201ekomfortable Stallf\u00fctterung der domestizierten Massen\u201c) braucht, sondern zugleich angewiesen ist auf eine b\u00fcrgerliche Ethik, die der Markt selbst nicht zu bieten hat, ohne welche er aber auch nicht m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ist das nun eine konservative Haltung? Eindeutig Ja: M\u00e4rkte brauchen und verzehren Moral. Ein Blick auf Hayeks ber\u00fchmtes Nachwort <em>\u201eWhy I am not a Conservative\u201c<\/em> in der <em>\u201eVerfassung der Freiheit\u201c<\/em> vermag den Gegensatz zu profilieren. Hayek bezeichnet dort die Konservativen mit einem ber\u00fchmten Ausdruck von Collingswood als die <em>\u201eBremse am Fahrzeug des Fortschritts\u201c<\/em>. Sie haben keine wirkliche Alternative zum Sozialismus, weswegen es ihr Schicksal bleibt, auf einem nicht selbst gew\u00e4hlten Weg mitgeschleppt zu werden. Als <em>\u201eBef\u00fcrworter des Wegs der Mitte ohne eigenes Ziel\u201c<\/em> sind sie Opportunisten ohne eigene Prinzipien. Ihnen fehlt jegliches Vertrauen in die Kr\u00e4fte der Anpassung und das kreative Versprechen der Innovation. Es bleibt das Schicksal der Konservativen, keine Alternative parat zu haben zur Falle des Freiheit unterdr\u00fcckenden Wohlfahrtsstaates, in welche sie zusammen mit den Linken laufen. Es bleibt ihr trauriges Schicksal, gelegentlich ihr <em>\u201eNicht so schnell!\u201c<\/em> rufen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Keine Frage. Hayeks Charakteristik des Konservatismus trifft die Politik der CDU von Adenauer (nicht Erhard!) \u00fcber Kohl bis Merkel ziemlich pr\u00e4zise. Noch das Lavieren zwischen dem Programm des Leipziger Parteitags und dem derzeitigen Schwadronieren von der Mitte w\u00e4re mit Hayek, anders als derzeit \u00fcblich, nicht als Abr\u00fccken vom Liberalismus und Linksruck zu diagnostizieren, sondern als Ausdruck programmbedingter Orientierungs- und Prinzipienlosigkeit zu deuten. Man marschiert mit den Linken in deren Richtung, nur nicht ganz so weit.<\/p>\n<p>Vor diesem Konservatismus m\u00fcssen Liberale sich mit aller Macht h\u00fcten. Doch dieser leere Konservatismus hat sich zugleich verabschiedet von der b\u00fcrgerlichen Tugendethik Wilhelm Meisters. Dass es einer historisch gegr\u00fcndeten moralischen Ressource <em>\u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c<\/em> bed\u00fcrfe, um M\u00e4rkte lebendig zu halten und Wohlstand zu sichern und zu mehren, hat dieser Konservatismus noch nie gewusst. Unternehmerische Risikofreude, Arbeitsethos und Arbeitsfreude gelten auch in den Unionskreisen als hoffnungslos gestrig. Von der \u00dcberzeugung Max Webers, Werner Sombart oder Edmund Phelps\u2019, dass hier die Voraussetzungen der Marktwirtschaft auf dem Spiel stehen, ist nichts mehr \u00fcbrig geblieben. Aber auch die Hayek- und Mises-Tradition des Liberalismus hat diese Erkenntnis vergessen: Haltungen und Werten wird mit verst\u00e4ndlicher Skepsis begegnet, stehen sie doch wie alles Religi\u00f6se immer im Verdacht eines voraufgekl\u00e4rten Dogmatismus, welchen der Freiheitsliebhaber nur schwer ertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das freilich hat einen hohen Preis. Es k\u00f6nnte sein, dass sowohl die anhaltende Wachstumsschw\u00e4che Deutschlands wie auch der anschwellende Antikapitalismus hierzulande eine entscheidende Ursache in der Geschichtsvergessenheit des b\u00fcrgerlichen Erbes haben, welche den Markt erst m\u00f6glich macht: Es geht um eine positive Einstellung zu Risiko, Unternehmerfreude und Abenteuerlust. Nur in der Verbindung von institutionen\u00f6konomischen und kultur\u00f6konomischen Ans\u00e4tzen lassen sich hinreichende und notwendige Bedingungen f\u00fcr das Entstehen erfolgreicher Marktwirtschaften finden. Wenn die parteipolitisch Konservativen der CDU nur noch als Fortschrittsbremser und Umverteilungsmehrer agieren, w\u00e4re es an der Zeit, dass sich die Liberalen dieser konservativen Tradition b\u00fcrgerlicher Werte annehmen. Denn es sind ihre eigenen Voraussetzungen, die sie zu retten haben, leben wir doch alle ein wenig <em>\u201evon der Frucht besserer Zeiten\u201c<\/em> (Novalis). Der Liberalismus muss wieder konservativ werden, um liberale M\u00e4rkte zu retten. Eine Relecture von Wilhelm R\u00f6pke w\u00e4re daf\u00fcr schon einmal ein Anfang.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf die Frage, welche drei B\u00fccher er den Skeptikern des Liberalismus als Bekehrungslekt\u00fcre empfehle, hat Otto Graf Lambsdorff einmal folgende Antwort gegeben: \u201eGanz vorne steht &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=114\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLiberal und konservativ &#8211; ob das wohl gut geht? <br \/><small>Warum es sich lohnt, Wilhelm R\u00f6pke zu lesen<\/small>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,26],"tags":[],"class_list":["post-114","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-historisches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Liberal und konservativ - ob das wohl gut geht? 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