{"id":11473,"date":"2013-02-08T07:13:50","date_gmt":"2013-02-08T06:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11473"},"modified":"2013-02-08T07:13:50","modified_gmt":"2013-02-08T06:13:50","slug":"gastbeitragaktive-wechselkurspolitik-a-la-hollandeerfolgsrezept-oder-ausdruck-einer-finalite-politique","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11473","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag<\/small><br \/>Aktive Wechselkurspolitik \u00c3\u00a0 la Hollande<br \/><small>Erfolgsrezept oder Ausdruck einer \u201eFinalit\u00c3\u00a9 politique\u201c?<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Gerade wieder wurde von Fran\u00c3\u00a7ois Hollande die\u00c2\u00a0 Forderung nach einer <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/auftritt-vor-dem-europaparlament-hollande-plaediert-fuer-euro-wechselkurspolitik-12051959.html\">Euro-Wechselkurs-Politik<\/a> erhoben. Was ist von der Forderung zu halten? Soll eine Zentralbank den Wechselkurs als Zielvariable ins Auge fassen? Ist dies erfolgversprechend?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es spricht Vieles gegen eine geldpolitische Manipulation des Euro-Wechselkurses.<\/p>\n<p>Denn warum sollen wir aktive Wechselkurspolitik betreiben, wenn die Tendenz ohnehin in Richtung einer \u201eLira-isierung\u201c der Eurozone geht: nicht viele Peripheriel\u00e4nder werden ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch stringente Reformen wiedergewinnen \u2013 beispielsweise lassen die Wahlen in Italien gegenw\u00e4rtig den Reformeifer erlahmen. Was danach kommt, wei\u00df keiner. Ins Bild passt, dass die Leistungsbilanzsalden einiger Probleml\u00e4nder sich gegenw\u00e4rtig h\u00e4ufig nicht wegen verbesserter Wettbewerbsf\u00e4higkeitsindikatoren verbessern, sondern einfach weil im Inland die Absatzm\u00f6glichkeiten wegbrechen. Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr ist Portugal. Also bleibt die Abh\u00e4ngigkeit dieser Staaten von der ultralaxen Geldpolitik der EZB erst einmal bis auf Weiteres bestehen. Auf die EZB k\u00f6nnen sich die Krisenl\u00e4nder unbedingt verlassen, da die Bank den Wert der von ihr auf die Bilanz genommenen Staatsanleihen und anderer Assets sch\u00fctzen muss. Eine fundierte Prognose lautet also: mittelfristig d\u00fcrfte es wegen der \u201efiscal dominance\u201c \u2013 also dem Einfluss der Regierungen auf die Geldpolitik und die Inflationsrate &#8211; und der \u201efinancial repression\u201c \u2013 also dem staatlicherseits durch Niedrigzinspolitik und regulatorischem Zwang zum Erwerb von Staatsanleihen aufoktroyierten Verlust der <a title=\"Sparen\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sparen\">Sparer<\/a> oder Geldanleger zugunsten ebendiesen <a title=\"Staat\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Staat\">Staates<\/a> &#8211; mittelfristig zu h\u00f6herer Inflation und einem Abwertungsdruck auf den Euro kommen.<\/p>\n<p>Es sei denn, die USA und Japan verst\u00e4rken den \u201eW\u00e4hrungskrieg\u201c (weiter) und versuchen die Abwertungstendenzen des Euros durch eine weiter expansive Geldpolitik zu verhindern, was zu Handelsprotektion und \u00c2\u00a0erheblichen Verwerfungen auf den Weltm\u00e4rkten f\u00fchren d\u00fcrfte. Ein analoges Verhalten in den Jahren 2003-2005 war einer der zentralen ein Ausl\u00f6ser der Finanzkrise (Taylor, 2013). \u00c2\u00a0F\u00fcr dieses Szenario spricht, dass Gro\u00dfbritannien und viele asiatische Volkswirtschaften ihre W\u00e4hrung immer noch de facto immer an den US-Dollar koppeln: wenn aber der Rest der Welt abwertet, muss der Euro zwangsl\u00e4ufig unter Aufwertungsdruck kommen. Zu pl\u00e4dieren ist deshalb statt einer manipulierten Euro-Abwertung f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Flexibilit\u00e4t der Wechselkurse in Asien, damit der Euro die Anpassungslast eines Geldpolitik-bedingt abwertenden Dollar nicht allein tragen muss.<\/p>\n<p>Die Volkswirtschaften mit einer Strategie der expliziten Inflationssteuerung (u.a. Australien) haben die Finanzkrise unter anderem deshalb relativ besser als andere L\u00e4nder \u00fcberstanden, da sie ein flexibles Wechselkursregime bevorzugen. Dies sollte Vorbild genug sein.<\/p>\n<p>Rufen wir uns die wichtigsten theoretischen Gegenargumente gegen eine aktive Wechselkurspolitik vor Augen:<\/p>\n<p>(1) Eine Schw\u00e4chung des Euro zu Gunsten der Handelspartner w\u00fcrde eine noch expansivere Geldpolitik der EZB als bisher erfordern, die die Preisstabilit\u00e4t in verschiedenen Assetklassen auf mittlere Sicht entscheidend gef\u00e4hrden kann. Damit kommt sie mit ihrem prim\u00e4ren Ziel in Konflikt.<\/p>\n<p>(2) Empirische Untersuchungen zeigen, dass W\u00e4hrungsaufwertungen nicht in dem Umfang negative Folgen auf die Exporte aus\u00fcben, wie allgemein behauptet wird. Es existieren keine eindeutigen Schmerzgrenzen f\u00fcr den Euro-Wechselkurs. Die Aufwertung verl\u00e4uft langsam und absehbar genug, um den Unternehmen Zeit f\u00fcr eine Anpassung zu lassen (Belke, G\u00f6cke und G\u00fcnther, 2013). Umgekehrt d\u00fcrfte eine k\u00fcnstlich induzierte Abwertung des Euro ebenfalls v.a. Deutschland und anderen exportstarken Eurol\u00e4ndern zu gute kommen und wenig zum Abbau der Handelsungleichgewichte in der Eurozone beitragen.<\/p>\n<p>(3) Die EZB kann durch eine nominale Abwertung den (entscheidenden) realen Wechselkurs nicht zielgerecht und systematisch beeinflussen. Denn steigende L\u00f6hne und Preise sind auf kurz oder lang die Folge.<\/p>\n<p>(4) Devisenmarktinterventionen bergen das Risiko, destabilisierende Effekte auf den M\u00e4rkten auszul\u00f6sen. Zumal man den gleichgewichtigen Wechselkurs nicht kennt und nur schwer absch\u00e4tzen kann.<\/p>\n<p>(5) Geldpolitische Interventionen zur Schw\u00e4chung des Euro reduzieren aller Erfahrung nach die Anreize, die notwendigen Strukturreformen sowie Produkt- und Prozessinnovationen voranzutreiben, was dann den Wachstumspfad und die Besch\u00e4ftigungslage gerade im S\u00fcden der Eurozone beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>(6) (Mikro\u00f6konomische) Strukturreformen sind per se viel effektiver bei der Schaffung von Wachstum und Besch\u00e4ftigung als (makro\u00f6konomisch wirkende) Abwertungen.<\/p>\n<p>(7) Die Nachfrage nach Eurozonen-Exporten und die Gr\u00f6\u00dfe der l\u00e4nderspezifischen Marktanteile sind nur zu einem geringeren Teil vom Wechselkurs des Euro abh\u00e4ngig. Viel bedeutsamer sind die Entwicklung des BIP-Wachstums im Importland und strategische \u00dcberlegungen der Exporteure wie das \u201ePricing-to-market\u201c, das auf die Erhaltung von Marktanteilen trotz sinkender Gewinnmargen durch eine Aufwertung der heimischen W\u00e4hrung abzielt.<\/p>\n<p>(8) Durch Devisenmarktinterventionen oder wechselkursorientierte Geldpolitiken wird Wechselkursvolatilit\u00e4t erzeugt, die f\u00fcr die Realwirtschaft die Planung erschweren und daher sch\u00e4dlich sind. Abwertungswettl\u00e4ufe, die Hollandes mit seiner \u00c4u\u00dferung riskiert, sind deshalb unbedingt zu vermeiden.<\/p>\n<p>(9) Einseitige politische Interessen und erwartete Gewinne bestimmter \u201cPressure groups\u201c\u009d (wie zum Beispiel der Produzenten im Bereich handelbarer G\u00fcter) sind die Triebfeder des Strebens nach einer Euro-Abwertung. Die EZB w\u00fcrde bei einer aktiven Wechselkurspolitik Gefangene dieser einseitigen politischen Interessen und damit gegen ihr Statut politisch abh\u00e4ngig. Diese birgt zudem die Gefahr eines nicht-kalkulierbaren Fine-Tunings der Geldpolitik, was die Erwartungen der Marktakteure destabilisieren und Investoren vor Investitionen in die Eurozone abschrecken d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>(10) Aktiv betriebene Abwertungen der heimischen W\u00e4hrung sind einfach ineffektiv, wenn es darum geht, eine Rezession (dagegen sprechen J-Kurveneffekte, also verz\u00f6gerte positive Effekte einer Abwertung auf die Nettoexporte) oder gar Stagnation (dagegen spricht der strukturelle Charakter der Arbeitslosigkeit in L\u00e4ndern wie Spanien und Griechenland und die \u201eNeue Normalit\u00e4t\u201c der makro\u00f6konomischen Gesamtlage nach der Finanzkrise mit einem geringeren Wachstumspotenzial) zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Genauere theoretische Unterlegungen liefern wir bereits in einem unserer fr\u00fchen ECB Observer Reports (ECB Observer, 2004). Ein entscheidendes Zitat hieraus lautet wohl (S. 8):<\/p>\n<p>\u201eEconomic literature has often detected destabilising effects from intervention. Intervening within a narrow band of the equilibrium rate is likely to increase the chances of creating persistent instability. Unfortunately, the likelihood of meeting equilibrium is relatively remote. Experience shows that intervention increases the probability of stability only when the rate is clearly misaligned. An additional, and perhaps more striking argument against intervention, is that the factors driving the direction and intensity of exchange rate moves \u2013 that is, for instance, expected growth and capital returns \u2013 are beyond the reach of monetary policy: apart from the price level it is hard to see how monetary policy can have a systematic impact on the variables which are usually held responsible for exchange rate levels\u201c\u009d.<\/p>\n<p>Genau dies darf in diesen Tagen der Diskussion um m\u00f6gliche W\u00e4hrungskriege nicht in Vergessenheit geraten. Denn eine Debatte um die Politisierung der Wechselkurse gedeiht in der Regel nur in einem Umfeld politisierter Geldpolitik. Sie betrifft wegen ihres hohen Spaltungspotenzials entlang der Trennlinie zwischen Nord- und S\u00fcdl\u00e4ndern nicht nur die Zukunft der W\u00e4hrungsunion, sondern auch die politische Zukunft der Europ\u00e4ischen Union. Politiker vermeiden leider zu h\u00e4ufig Antworten auf Fragen nach dem Endpunkt politischer Bem\u00fchungen \u2013 bekannt als <em>finalit\u00c3\u00a9 politique<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>Belke, Ansgar, K\u00f6sters, Wim, Leschke, Martin, Polleit, Thorsten (2004): Liquidity on the Rise \u2013 Too Much Money Chasing too Few Goods, Part 1: A case against ECB FX market interventions, ECB Observer &#8211; Analyses of the Monetary Policy of the European System of Central Banks, No. 6, Frankfurt\/Main, February 2.<\/p>\n<p>Belke, Ansgar, G\u00f6cke, Matthias und Martin G\u00fcnther (2013): Exchange Rate Bands of Inaction and Play-Hysteresis in German Exports &#8211; Sectoral Evidence for Some OECD Destinations, Metroeconomica, Vol. 64, Issue 1, S. 152 &#8211; 179<\/p>\n<p>Taylor, John B. (2013): International Monetary Coordination and the Great Deviation, ASSA Meetings 2013, San Diego<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade wieder wurde von Fran\u00c3\u00a7ois Hollande die\u00c2\u00a0 Forderung nach einer Euro-Wechselkurs-Politik erhoben. Was ist von der Forderung zu halten? 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