{"id":11485,"date":"2013-02-19T00:01:21","date_gmt":"2013-02-18T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11485"},"modified":"2013-02-18T15:42:43","modified_gmt":"2013-02-18T14:42:43","slug":"bankenregulierung-fristentransformation-und-lobby-einfluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11485","title":{"rendered":"Bankenregulierung, Fristentransformation und Lobby-Einfluss"},"content":{"rendered":"<p>Die allgemeine Berichterstattung \u00fcber die Finanzkrise ist seit Lehman durch zwei fundamentale Probleme gekennzeichnet: Die Flut an Informationen und den Mangel an Differenzierung. In einer solchen Konstellation droht nicht nur der \u00dcberblick verloren zu gehen, sondern es besteht angesichts dessen auch die Gefahr, dass die \u00d6ffentlichkeit die relevanten Frontlinien \u00fcberhaupt nicht erkennen kann. An dieser Stelle soll nun nicht \u00fcber die Quellen dieser Defizite spekuliert werden. Vielmehr wird ein besonders pr\u00e4gnantes Beispiel daf\u00fcr pr\u00e4sentiert, dass im Bankensektor gegen\u00fcber aktuellen und zuk\u00fcnftigen Regulierungsaspekten durchaus unterschiedliche Interessen vorliegen, deren Verfolgung im Zuge nationaler und internationaler Lobby-T\u00e4tigkeit auch durchaus unterschiedliche Erfolge aufweist und nicht notwendigerweise volkswirtschaftlich w\u00fcnschenswerte Konsequenzen zeitigen wird..<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieses Beispiel betrifft eine der Kernfunktionen des Bankensystems innerhalb einer Volkswirtschaft: die Fristentransformation. Regelm\u00e4\u00dfig unterscheiden sich \u00fcber alle Marktteilnehmer aggregiert Angebot und Nachfrage hinsichtlich der durchschnittlich gew\u00fcnschten Bindungsdauer von Kapitalanlage bzw. \u2013nachfrage. Diese Inkongruenz zu reduzieren ist ebenso volkswirtschaftlich w\u00fcnschenswert wie einzelwirtschaftlich riskant. Leiht eine Bank Geld l\u00e4nger aus als ihre Einlagen gebunden sind, ist sie illiquide, wenn ihr bis zum Ablauf der Einlagenbindung keine Anschlussfinanzierung gelingt. Parallel dazu existiert ein Fristentransformationsproblem auch im Bereich der Konditionen: Eine unterschiedliche Zinsbindungsdauer zwischen Einlagen und Ausleihungen f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu einem Zins\u00e4nderungsrisiko, dessen Vorzeichen davon abh\u00e4ngt, in welchem Bereich die l\u00e4ngere Festschreibung vorliegt.<\/p>\n<p>Bei allen Bem\u00fchungen, die Fristentransformation zur Finanzierung von Realinvestitionen zu unterst\u00fctzen, d\u00fcrfen diese Risiken nicht untersch\u00e4tzt werden. Zwar gab es in der Vergangenheit nicht sehr viele F\u00e4lle, in denen sie schlagend wurden, doch erreichten solche F\u00e4lle dann oft eine erhebliche Bedeutung \u00fcber das betroffenen Kreditinstitut und seine Kunden hinaus \u2013 man denke nur an die Probleme der Hypo Real Estate im Umfeld der Lehman-Krise, die in einer faktischen Verstaatlichung des gr\u00f6\u00dften deutschen Immobilienfinanzierers endeten.<\/p>\n<p>Entsprechend muss man sich nicht wundern, dass schon seit langem Regelungen existieren, die f\u00fcr Banken das Eingehen von Liquidit\u00e4ts- und Zins\u00e4nderungsrisiken beschr\u00e4nken. Im Rahmen der nationalen Bankenaufsicht lag hier bis zur Mitte des letzten Jahrzehnts das Schwergewicht eindeutig auf Ersteren. Sp\u00e4testens mit dem Inkrafttreten von Basel II als Plattform international anerkannter Regulierungsnormen hat sich dies ge\u00e4ndert. Seit 2008 m\u00fcssen Kreditinstitute pr\u00fcfen, ob sie einen \u201eZinsschock\u201c, das hei\u00dft eine unmittelbare starke Erh\u00f6hung oder Verringerung des Zinsniveaus am Kapitalmarkt, verkraften k\u00f6nnen. F\u00fcr den Regulierer akzeptabel sind dabei auftretende Barwert\u00e4nderungen des Zinsbuchs, die nicht mehr als 20% des haftenden Eigenkapitals der Bank ausmachen.<\/p>\n<p>Interessant ist nun, dass unter dem Eindruck der Finanzkrise die Gr\u00f6\u00dfe des zu unterstellenden Zinsschocks im Jahr 2011 von +130\/-190 Basispunkten auf +\/-200 Basispunkte erh\u00f6ht wurde und dies in der \u00f6ffentlichen Berichterstattung so gut wie keine Rolle spielte, obwohl damit die M\u00f6glichkeiten unterschiedlicher Zinsbindungsdauern im Aktiv- und Passivgesch\u00e4ft als eine Spielart der Fristentransformation erheblich reduziert wurden.<\/p>\n<p>Noch interessanter wird die Sache, wenn man die im Zuge von BASEL III geplanten \u00c4nderungen der Liquidit\u00e4tsvorschriften betrachtet. Deren Einf\u00fchrung wurde vor wenigen Wochen deutlich gestreckt. Zum urspr\u00fcnglich geplanten Starttermin 1.1.2015 m\u00fcssen die Kreditinstitute nun nur noch 60% der nach der neuen Vorgabe geplanten Liquidit\u00e4tsreserve vorweisen, die nach j\u00e4hrlichen Aufstockungen erst 2019 zu erreichen ist. Diese \u00c4nderung wurde in den Medien zwar immerhin erw\u00e4hnt, blieb aber im Vergleich zu anderen Berichten \u00fcber alle m\u00f6glichen Aspekte der Finanzkrise eher eine Randnotiz, obwohl auch sie erhebliche Bedeutung f\u00fcr den gesamten Kapitalmarkt aufweist.<\/p>\n<p>Mit diesen medialen Defiziten ist es allerdings noch nicht getan. Richtig spannend wird es n\u00e4mlich erst, wenn man der Frage nachgeht, warum die erste Regel\u00e4nderung so problemlos ablief, w\u00e4hrend die zweite den beschriebenen Aufschub hinnehmen musste. Zur Antwort auf diese Frage muss man sich zun\u00e4chst klar machen, dass der Bankensektor keine homogene Masse darstellt. Die Interessen von Instituten und Institutsgruppen liegen in vielen Punkten durchaus unterschiedlich.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Fristentransformation haben gro\u00dfe kapitalmarktorientierte Banken kaum Zinsbindungsprobleme, weil sie ihren (gr\u00f6\u00dferen) Kreditkunden in geringerem Umfang Festschreibungen anbieten und eher Zinsswaps vermitteln, ein Arrangement, mit dem \u00fcber den Kapitalmarkt gegen entsprechende Ausgleichs- und Provisionszahlungen variable in feste Zinsen getauscht werden. Andererseits weisen diese Institute aber oft keine \u00fcppigen Liquidit\u00e4tspolster auf, die nicht zuletzt renditeschm\u00e4lernd wirken. Bei kleineren und\/oder regional orientierten Banken und Sparkassen liegt zumindest in Deutschland dagegen fast regelm\u00e4\u00dfig die umgekehrte Situation vor: Die Erf\u00fcllung der zuk\u00fcnftigen Liquidit\u00e4tsvorgaben ist f\u00fcr sie schon heute weitgehend zu erf\u00fcllen, w\u00e4hrend sie im Zinsbindungsbereich die Fristentransformation zum gr\u00f6\u00dften Teil \u00fcber die eigenen B\u00fccher f\u00fchren und damit von der Ver\u00e4nderung des Zinsschocks entsprechend st\u00e4rker getroffen werden.<\/p>\n<p>Betrachtet man die beschrieben Entwicklung, steht au\u00dfer Frage, dass sich die kapitalmarktorientierten Banken und ihre Lobby hier offensichtlich durchgesetzt haben, w\u00e4hrend die regional orientierten Institute wie deutsche Genossenschaftsbanken und Sparkassen kaum Einfluss nehmen konnten \u2013 wiederum ein interessanter Befund, wenn man bedenkt, wer die erste Finanzkrise verursacht und wer sie ohne staatliche Hilfen gemeistert hat, wer sich also kompetenter im Umgang mit Risiken gezeigt hat und auf wen man daher im Zweifelsfall eher h\u00f6ren sollte. Auch dazu liest man bemerkenswerterweise so gut wie nichts in der Presse.<\/p>\n<p>So bleibt noch, zum Abschluss auf zwei erg\u00e4nzende Aspekte hinzuweisen.<\/p>\n<p>Der erste bietet eine Einschr\u00e4nkung: Eine Verletzung der Zinsschock-Vorgabe f\u00fchrt nicht automatisch zu Konsequenzen f\u00fcr das betreffende Kreditinstitut. Allerdings wird durch das Meldesystem bei BaFin und Bundesbank eine entsprechende Beachtung ausgel\u00f6st, die insbesondere bei einer l\u00e4ngeren Persistenz der Regelverletzung Vorgaben durch diese Beh\u00f6rden ausl\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Der zweite Aspekt betrifft die Weiterungen, die aus diesen Regulierungs\u00e4nderungen resultieren k\u00f6nnen. Nicht nur, aber nicht zuletzt aufgrund des Wegbrechens der Passiv-Marge nach der EZB-Geldschwemme, vgl. <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9899\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9899<\/a>, sind Banken gezwungen, bestimmte Risiken einzugehen. Dies ist, wie eingangs beschrieben, in bestimmtem Umfang auch volkswirtschaftlich w\u00fcnschenswert. Da entsprechende Vorgaben die Banken hinsichtlich der Frage lenken, welche Risiken sie in welchem Umfang eingehen, wird das Erschweren des Zinsbindungsgesch\u00e4fts in der Fristentransformation eventuell dazu f\u00fchren, dass man andere Risiken st\u00e4rker eingehen wird. Es bleibt abzuwarten, ob es damit nicht einer unerw\u00fcnschteren Form von Risiko kommt, denn das nunmehr st\u00e4rker eingeschr\u00e4nkte Gesch\u00e4ft hat in der Vergangenheit bei regional ausgerichteten Instituten im Gegensatz zu Liquidit\u00e4tsproblemen bei Gro\u00dfbanken keine bemerkenswerten Krisen heraufbeschworen. Am Ende k\u00f6nnte man viele Banken also von Regulierungsseite in die falschen Risiken locken.<\/p>\n<p>Korrespondierend damit muss die Fristentransformation in dem Ma\u00dfe, wie Banken sie nicht mehr leisten k\u00f6nnen, von anderen Institutionen, vorzugsweise \u201edem Kapitalmarkt\u201c, \u00fcbernommen werden. Inwieweit dies gerade im Massengesch\u00e4ft funktionieren wird, ist durchaus offen, und es steht zu bef\u00fcrchten, dass viele Bankkunden dann lieber das Fristentransformationsrisiko selbst behalten werden, anstatt sich sinnvollerweise abzusichern. Wie gef\u00e4hrlich eine solche in vielen L\u00e4ndern bereits verbreitete Finanzierungstendenz ist, hat nicht zuletzt die Subprime-Krise gezeigt, zu deren Ursachen auch fehlende Zinsfestschreibungen vieler Immobilienkredite geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Ob es zu alledem kommt, bleibt abzuwarten \u2013 ebenso, ob man wenigstens dies dann in der medialen Berichterstattung fundiert pr\u00e4sentiert bekommen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die allgemeine Berichterstattung \u00fcber die Finanzkrise ist seit Lehman durch zwei fundamentale Probleme gekennzeichnet: Die Flut an Informationen und den Mangel an Differenzierung. 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