{"id":11571,"date":"2013-02-20T00:01:27","date_gmt":"2013-02-19T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11571"},"modified":"2013-02-20T09:34:50","modified_gmt":"2013-02-20T08:34:50","slug":"buchermarktdie-okonomik-und-der-egoismusanmerkungen-zum-neuen-buch-von-frank-schirrmacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11571","title":{"rendered":"<small>B\u00fccherMarkt<\/small><br\/>Die \u00d6konomik und der Egoismus<br \/><small>Anmerkungen zum neuen Buch von Frank Schirrmacher<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Man w\u00fcsste gerne, wie Frank Schirrmacher vorgeht, wenn er einen Gebrauchtwagen kauft. In seinem neuen und bereits viel diskutierten Buch, <em>Ego. Das Spiel des Lebens<\/em>, agitiert er gegen die \u00d6konomik, und vor allem gegen die Spieltheorie. Seine zentrale These ist, dass die Spieltheorie menschliches Handeln nicht beschreibt, sondern ver\u00e4ndert. In den letzten Jahrzehnten, so Schirrmacher, hat die \u00f6konomische Theorie die Menschen dazu gebracht, von ihrem jeweiligen Gegen\u00fcber nur opportunistisches Verhalten zu erwarten, und selbst jede Gelegenheit zu opportunistischem Verhalten zu nutzen. Der Mensch ist schlecht, er ist misstrauisch und selbsts\u00fcchtig, und dies ist das Werk der Volkswirtschaftslehre.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie also kauft Frank Schirrmacher einen Gebrauchtwagen? Vergisst er alle Bedenken, der Verk\u00e4ufer k\u00f6nnte die Situation eigenn\u00fctzig ausnutzen? \u00dcberweist er den Kaufpreis im Voraus, ohne eine Probefahrt gemacht und sich den Wagen genau angesehen zu haben? Wohl kaum. Denn Frank Schirrmacher lebt schlie\u00dflich auch in dieser von \u00d6konomen verdorbenen Welt, in der Autoverk\u00e4ufer gelernt haben, sich opportunistisch zu verhalten. Also hat er keine Wahl, als misstrauisch zu sein und das Auto zuerst ausf\u00fchrlich zu begutachten.<\/p>\n<p>Der S\u00fcndenfall, den Schirrmacher glaubt gefunden zu haben, ist aber ziemlich genau datierbar: Die nicht-kooperative Spieltheorie, wie wir sie heute kennen, kam mit dem Nash-Gleichgewicht im Jahr 1950 auf die Welt. Dieses Gleichgewichtskonzept ist f\u00fcr Schirrmacher tats\u00e4chlich so etwas wie die Wurzel allen \u00dcbels. H\u00e4tte Frank Schirrmacher also im Jahr 1949 einen Gebrauchtwagen nur aufgrund der Beschreibung durch einen fremden Verk\u00e4ufer per Vorkasse bezahlt? Das ist hier die Gretchenfrage. Beantwortet man sie mit ja, dann ist die Schlechtigkeit des Menschen m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich ein Produkt der Spieltheorie. Beantwortet man sie aber mit nein, dann scheint es doch wohl eher so, als ob sie nur einen Analyserahmen bietet f\u00fcr Verhaltensmuster, die schon immer verbreitet waren.<\/p>\n<p>Man wird normalerweise auch 1949 keinen hohen Geldbetrag ausgegeben haben, ohne sich genau zu vergewissern, wof\u00fcr man das Geld zahlt. Der gesunde Menschenverstand legt also zun\u00e4chst einmal die Vermutung nahe, dass die Kernthese Schirrmachers eines fundamentalen Wandels im menschlichen Verhalten wenig plausibel ist. Die Frage stellt sich dann, ob Schirrmacher durch eine \u00fcberzeugende Argumentation zeigen kann, dass der gesunde Menschenverstand sich diesmal irrt. Um es kurz zu machen: Das kann er nicht.<\/p>\n<p>Das Buch bietet seinem Leser keine stringente Argumentation, sondern ein Puzzle aus 31 kurzen Kapiteln. Auch in den einzelnen Kapiteln findet der Leser meist keine pr\u00e4zise formulierten Argumente. Schirrmacher arbeitet mit Andeutungen, mit einem skizzenhaften Stil, der vom Leser erwartet, sich seinen Teil dazu zu denken. Das funktioniert, wenn der Leser das Vorwort, den Klappentext und seine Erwartungen an das Buch als Schablone nimmt, in die er die Puzzleteile einf\u00fcgt. Es funktioniert nicht, wenn der Leser sich in jedem Kapitel fragt, ob das, was Schirrmacher da jeweils insinuiert, denn wirklich zwingend ist. Meistens ist es das nicht.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Schirrmacher beschreibt zu Beginn des Buches durchaus zutreffend, dass im Kalten Krieg die milit\u00e4rische Forschung das \u00f6konomische Verhaltensmodell nutzte, um Konfliktstrategien zu entwickeln und zu bewerten. Von hier schl\u00e4gt er den Bogen zur Popul\u00e4rkultur der 1950er Jahre, vor allem zu d\u00fcsteren Science-Fiction-Filmen. Und dann schreibt er auf Seite 36: <em>Die Menschen \u201cdrau\u00dfen\u201c\u009d, au\u00dferhalb der Thinktanks und Bunker, sp\u00fcrten in den F\u00fcnfzigerjahren, dass irgendetwas vorging. Es war kein Zufall, dass sie pl\u00f6tzlich von geradezu paranoiden \u00c4ngsten erf\u00fcllt waren, manipuliert zu werden.<\/em> Die Verbreitung des \u00f6konomischen Verhaltensmodells im Alltagshandeln als milit\u00e4risches Geheimprojekt? Schirrmacher argumentiert nicht. Er raunt, und dann hofft er, dass der geneigte Leser das Raunen schon verstehen wird.<\/p>\n<p>Um die Kernfrage dr\u00fcckt sich Schirrmacher im ganzen Buch herum: Wie soll es der \u00d6konomik denn nun m\u00f6glich gewesen sein, den zuvor angeblich hochmoralischen und zur Kooperation neigenden Menschen in einen skrupellosen Opportunisten verwandelt zu haben? Der Mechanismus bleibt im Dunkeln. Dass, wie Schirrmacher beschreibt, Praktiker die Black-Scholes-Gleichung anwenden und sich \u00fcber ihren legitimen Anwendungsbereich irren ist f\u00fcr die Betroffenen \u00e4rgerlich, aber ver\u00e4ndert die Black-Scholes-Gleichung den Charakter des Anwenders? Wenn ja, wie soll das gehen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man auch kritisch diskutieren, ob der vollautomatische Maschinenhandel an den B\u00f6rsen sinnvoll ist. Aber wie genau wird Herr M\u00fcller in Buxtehude zum Egoisten, wenn in Frankfurt Wertpapiere von Computern gehandelt werden, in deren Programmen ein wenig Spieltheorie steckt? Schirrmacher ist vorzuwerfen, dass er in diesem Buch weder diese noch sonst eine Frage n\u00fcchtern und gr\u00fcndlich diskutiert. Er reiht vielmehr ein ungutes Bauchgef\u00fchl ans n\u00e4chste.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: Auf Seite 49 , in einem Abschnitt, der sich mit der Finanzkrise und mit Bernard Madoff besch\u00e4ftig, schreibt Schirrmacher unvermittelt: <em>Die Anthropologin Caitlin Zaloom hatte beobachtet, wie die sich st\u00e4ndig auf den Bildschirmen ver\u00e4ndernden Zahlen eine Transmutation bewirken.<\/em> Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, was denn da wozu transmutiert. Das erfahren wir von Schirrmacher nicht, aber wenigstens klingt es gef\u00e4hrlich. Oder unfreiwillig komisch, je nachdem.<\/p>\n<p>In den Details arbeitet Schirrmacher oft schlampig. So identifiziert er die neoklassische \u00d6konomik mit der <em>Chicago School<\/em> und unterstellt so, die Neoklassik sei ein marktliberales Projekt &#8212; als h\u00e4tte beispielsweise Paul A. Samuelson nie gelebt. Er schafft es nicht, zwischen der Spieltheorie, dem <em>rational choice<\/em>-Ansatz als allgemeiner Methode in den Sozialwissenschaften und dem <em>homo oeconomicus<\/em> zu unterscheiden. Nur indem er alles in einen Topf wirft gelingt es ihm aber, die Geburt des \u00f6konomischen Verhaltensmodells auf das Jahr 1951 zu datieren, also ausgerechnet auf das Jahr, in dem Anthony Downs seine \u00f6konomische Theorie der Demokratie ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>Nun findet man nat\u00fcrlich schon mehr als hundert Jahre zuvor in John Stuart Mills Essay <em>On the Definition of Political Economy; and on the Method of Investigation Proper Into It<\/em> den Vorschlag, dass \u00d6konomen rationales und eigenn\u00fctziges Handeln unterstellen sollen. Schon bei David Hume war zu lesen, dass die Eigennutzannahme f\u00fcr die Sozialwissenschaften zentral sein k\u00f6nnte. Aber h\u00e4tte Schirrmacher solche Quellen zitiert, dann h\u00e4tte er eben nicht an seiner Geschichte festhalten k\u00f6nnen, <em>homo oeconomicus<\/em> sei ein Kind des Milit\u00e4rs im Kalten Krieg.<\/p>\n<p>Das Buch leidet durchwegs unter dem Fehlen von differenzierter Diskussion und von begrifflicher Klarheit. Nat\u00fcrlich ist Schirrmacher skeptisch gegen\u00fcber der Anwendung von Mathematik in den Sozialwissenschaften. Aber er ist in dieser Hinsicht auch ignorant. Die Gleichungen in theoretischen Modellen, die Gleichungen in \u00f6konomischen Simulationsmodellen und \u00f6konometrische Sch\u00e4tzgleichungen dienen jeweils v\u00f6llig unterschiedlichen Zwecken. F\u00fcr Schirrmacher hingegen ist das alles eins und nebenbei auch noch wesensgleich mit den Algorithmen, die Amazon.com nutzt, um seinen Kunden Lekt\u00fcrevorschl\u00e4ge zu machen.<\/p>\n<p>Aber nur weil er unzul\u00e4ssigerweise alles in einen Topf wirft, kann er die beiden gro\u00dfen Thesen seines Buches miteinander verweben: Die Wandlung des Menschen zum <em>homo oeconomicus<\/em> einerseits und die subtile Steuerung unserer Entscheidungen durch Algorithmen, wie sie z.B. Amazon oder Google verwenden. H\u00e4tte er sich auf dieses zweite Thema konzentriert, dann w\u00e4re es ein interessantes Buch geworden. Stattdessen erz\u00e4hlt Schirrmacher ein Gruselm\u00e4rchen, in dem John Nash und Kenneth Binmore sich in der Rolle des b\u00f6sen Wolfs abwechseln.<\/p>\n<p>Einen einsamen Tiefpunkt erreicht Schirrmacher, wenn er unter die Verschw\u00f6rungstheoretiker geht. Auf Seite 181 erkl\u00e4rt er uns: <em> Was immer die Zehntausenden Drohnen am Himmel \u00fcber Amerika und die unz\u00e4hligen \u00dcberwachungskameras aufzeichnen \u2013 es wird jetzt so \u00fcbersetzt wie Truppenbewegungen oder Autokonvois der Russen im Kalten Krieg oder wie Aktienbewegungen in automatisierten M\u00e4rkten.<\/em> An einer anderen Stelle phantasiert er dar\u00fcber, wie er bei der Einreise in die USA verhaftet werden k\u00f6nnte, weil er einmal die falschen Suchbegriffe in Google eingegeben hat. Der Herausgeber des Feuilletons der FAZ ist unter die Verschw\u00f6rungstheoretiker gegangen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich findet sich aber auch die Gegenposition im Buch, n\u00e4mlich dann, wenn Schirrmacher erkl\u00e4rt, dass riesige Datenmengen kaum beherrscht und sinnvoll ausgewertet werden k\u00f6nnen. Konsistenz ist in diesem Werk nicht Schirrmachers St\u00e4rke. Das f\u00e4llt dem Leser vor allem im zwanzigsten Kapitel auf, in dem Schirrmacher die m\u00f6gliche Ver\u00e4nderung staatlichen Handelns durch Informationstechnologie diskutiert. Hier wird mal behauptet, dass der Staat in Zeiten des Internets bald in Blitzgeschwindigkeit auf ver\u00e4nderte Konsumw\u00fcnsche seiner B\u00fcrger reagieren wird. Schirrmacher zitiert dann das Arrow-Theorem, merkt aber nicht, dass es im Widerspruch zu dieser These steht. Einige Seiten sp\u00e4ter wird dann schlie\u00dflich behauptet, der neue Staat steuere seine B\u00fcrger, wie er wolle, und Folter werde auch anwenden.<\/p>\n<p>Ebenso ist auch Schirrmachers Interpretation von Zitaten gelegentlich fragw\u00fcrdig. Auf Seite 92f. zitiert er beispielsweise <a href=\"http:\/\/else.econ.ucl.ac.uk\/newweb\/displayProfile.php?key=2\">Kenneth Binmore<\/a> mit folgendem Satz: <em>Gier und Furcht sind ausreichende Motivationen; Gier nach den Fr\u00fcchten von Kooperation, und Angst vor den Konsequenzen, wenn man die kooperativen Angebote anderer nicht annimmt.<\/em><\/p>\n<p>Auch hier h\u00e4tte Schirrmacher auffallen k\u00f6nnen, dass in seiner Geschichte etwas nicht stimmt. Stets stellt er die Spieltheoretiker als Propheten des Opportunismus und Konfliktes dar, aber nun bringt er hier ein Zitat, in dem sich offensichtlich ein f\u00fchrender Spieltheoretiker Gedanken \u00fcber die Bedingungen von Kooperation macht. Und tats\u00e4chlich geht es in der angewandten Theorie sehr h\u00e4ufig gerade darum, herauszufinden, wie man eine die Wohlfahrt aller Beteiligten erh\u00f6hende Kooperation sichern und den Konfliktfall vermeiden kann. Schirrmachers Scheuklappen aber lassen ihn lieber von Gier und Furcht und Egoismus raunen, wo nur ein wenig Neugier ihn zu einer sehr umfangreichen \u00f6konomischen Literatur gef\u00fchrt h\u00e4tte, die sich mit Kooperation befasst.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist auch Schirrmachers zentrale These \u00fcberhaupt nicht neu. Alles, was er \u00fcber die Entwicklung der \u00d6konomik zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges wei\u00df , hat er ganz offensichtlich bei <a href=\"http:\/\/www3.nd.edu\/%7Epmirowsk\/publications.html\">Philip Mirowski<\/a> gelesen, dessen unterhaltsames, aber kontrovers diskutiertes Buch <em>Machine Dreams<\/em> er auch ausf\u00fchrlich zitiert und dessen eigenwilligen Prosastil er so gut nachahmt, wie es in deutscher Sprache eben geht. Und auch die Idee, dass \u00f6konomische Theorie zun\u00e4chst das Handeln von Menschen pr\u00e4gt und erst dann, wenn diese sich der Theorie angepasst haben, gute Prognosen erlaubt, verfolgt Mirowski schon seit einigen Jahren.<\/p>\n<p>Schirrmacher hat ein albernes Buch geschrieben, \u00fcber das man aber nicht lachen kann. Vor undurchdachter und unorigineller \u00d6konomiekritik auf diesem Niveau muss sich kein \u00d6konom f\u00fcrchten. Aber hat Schirrmachers neues Buch auch positive Seiten? Durchaus. Es ist 351 Seiten lang, aber bereits auf Seite 291 beginnen Danksagung, Endnoten und Literaturverzeichnis. Es ist also schneller vorbei als bef\u00fcrchtet.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man w\u00fcsste gerne, wie Frank Schirrmacher vorgeht, wenn er einen Gebrauchtwagen kauft. In seinem neuen und bereits viel diskutierten Buch, Ego. 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