{"id":11656,"date":"2013-03-17T00:01:51","date_gmt":"2013-03-16T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656"},"modified":"2013-03-18T07:30:00","modified_gmt":"2013-03-18T06:30:00","slug":"ungleichheit-heute-8krieg-der-modelletechnologien-oder-institutionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656","title":{"rendered":"<small>Ungleichheit heute (8)<\/small><br>Krieg der Modelle<br><small>Technologie oder Institutionen?<\/small>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eF\u00fcr die Wirtschaftswissenschaft gibt es nur ein Sachgebiet &#8211; Produktion und Knappheit der Mittel. Verteilung ist kein wirtschaftlicher, sondern ein politischer Begriff.\u201c<\/em> (John Stuart Mill)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Diskussion \u00fcber die Verteilung der L\u00f6hne ist in vollem Gange, hierzulande und anderswo. Sind die Arbeitseinkommen ungleich verteilt, sind es meist auch die L\u00f6hne. Sp\u00e4testens seit Mitte der 80er Jahre wird die Lohnverteilung ungleicher, fast \u00fcberall in der OECD. Was treibt nun aber die wachsende Ungleichheit? Die Antwort der \u00d6konomen ist \u2013 wie fast immer \u2013 nicht einheitlich. Eine Gruppe ist der Meinung, dass neue Varianten des technischen Fortschritts aber auch das Tempo der Globalisierung zu mehr Ungleichheit bei den L\u00f6hnen f\u00fchren. Andere glauben, dass politisch beeinflusste Institutionen die eigentlichen Treiber ungleicher verteilter L\u00f6hne sind. Aus beiden Positionen ergibt sich unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf. Auch deshalb wird der \u201eKrieg der Modelle\u201c heftiger. Haben die Vertreter der \u201eTechnologie\u201c allerdings Recht, ist der Handlungsspielraum der Politik begrenzt. Das ist anders, wenn die Anh\u00e4nger der \u201eInstitutionen\u201c die Deutungshoheit erlangen. Kein Wunder, dass die Politik lieber der zweiten Erkl\u00e4rung glaubt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Technologie 1.0<\/strong><\/p>\n<p>Am empirischen Befund gibt es nichts zu deuteln: Die Verteilung der L\u00f6hne wird seit langem ungleicher. In den USA setzte diese Entwicklung schon Mitte der 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein, in Deutschland erst gut ein Jahrzehnt sp\u00e4ter. Die L\u00f6hne entwickeln sich auf den einzelnen Stufen der Qualifikation ganz unterschiedlich. Ob L\u00f6hne schneller oder langsamer wachsen oder sogar sinken, h\u00e4ngt davon ab, wie sich das Angebot an Arbeit und die Nachfrage nach Arbeit f\u00fcr einzelne Qualifikationen entwickeln. Sp\u00e4testens seit Mitte der 80er Jahre steigt in reichen L\u00e4ndern die Nachfrage nach hoch qualifizierter Arbeit stark an. Einfache Arbeit ger\u00e4t auf die Verliererstra\u00dfe. Die Nachfrage nach ihr entwickelt sich langsamer, manchmal geht sie sogar absolut zur\u00fcck. Es liegt auf der Hand, diese Entwicklung der Arbeitsnachfrage mit technologischen Ver\u00e4nderungen in Verbindung zu bringen. Tats\u00e4chlich ist der technische Fortschritt qualifikationsverzerrend (\u201eskill biased\u201c). Er beg\u00fcnstigt Arbeitnehmer mit hohen Qualifikationen und benachteiligt Arbeitnehmer mit geringen Qualifikationen.<\/p>\n<p>Die Globalisierung verst\u00e4rkt die Ungleichheitseffekte des qualifikationsverzerrenden technischen Fortschritts. Mit der weltweiten \u00d6ffnung der M\u00e4rkte wird der Markt f\u00fcr hoch Qualifizierte gr\u00f6\u00dfer, die Nachfrage nach ihnen nimmt zu. Die Akteure am obersten Ende der Einkommensleiter, wie etwa Sportstars, Schauspieler, Hedgefondsmanager oder CEOs von Multinationalen Unternehmen, profitieren am st\u00e4rksten von weltweit offenen M\u00e4rkten. F\u00fcr gering Qualifizierte in den reichen L\u00e4ndern ist diese Entwicklung allerdings eher Fluch als Segen. Viele ihrer Arbeitspl\u00e4tze werden durch relativ billigeres Kapital ersetzt oder ins kosteng\u00fcnstigere Ausland verlagert. Offshoring ist ein relevanter Treiber steigender Ungleichheit in der Lohnverteilung. Tats\u00e4chlich sind aber Globalisierung und technischer Fortschritt in ihren Wirkungen auf die Lohnverteilung kaum auseinander zu halten. Neue Technologien erm\u00f6glichen erst weltweit offene M\u00e4rkte und der intensivere Wettbewerb auf diesen M\u00e4rkten schafft Anreize zu technischem Fortschritt.<\/p>\n<p>Der qualifikationsverzerrende technische Fortschritt erh\u00f6ht die Nachfrage nach hoch Qualifizierten. Ob allerdings deren L\u00f6hne steigen, h\u00e4ngt davon ab, wie viele hoch Qualifizierte auf den Arbeitsmarkt dr\u00e4ngen. Die M\u00f6glichkeit, viel zu verdienen, schafft Anreize f\u00fcr Arbeitnehmer, verst\u00e4rkt in Humankapital zu investieren, vor allem in schulische, akademische und berufliche Ausbildung. Es kommt, wie es der niederl\u00e4ndische Nobelpreistr\u00e4ger Jan Tinbergen schon im Jahre 1975 ausdr\u00fcckte, zu einem Wettrennen zwischen \u201eAusbildung und Technologie\u201c. Die empirischen Ergebnisse f\u00fcr Deutschland und die USA sind h\u00f6chst interessant. In Deutschland wirkte der technische Fortschritt in der Zeit von Mitte der 80er bis Mitte der 00er Jahre positiv auf die Bildungspr\u00e4mie allerdings nur im oberen Bereich der Lohnverteilung. Gleichzeitig stieg aber auch das durchschnittliche Qualifikationsniveau. Die Bildungspr\u00e4mie erh\u00f6hte sich nicht nur weniger stark, sie schwankte auch im Zeitverlauf. Ganz anders ist die Situation in den USA. Dort gewinnt die Technologie immer wieder das Rennen gegen die Ausbildung. Da die Investitionen in Humankapital zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lasse, explodieren die L\u00f6hne am oberen Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Polarisierung<\/strong><\/p>\n<p>Es ist unter \u00d6konomen unstrittig, der technische Fortschritt spielt eine wichtige Rolle bei der ungleichen Verteilung der L\u00f6hne. Allerdings hat die \u201eTechnologie 1.0-Variante\u201c zwei Sch\u00f6nheitsfehler. Sie kann zwar erkl\u00e4ren, weshalb die Lohnverteilung im oberen Bereich ungleicher wird. F\u00fcr die wachsende Ungleichheit im unteren Bereich liefert sie aber keine plausible Antwort. Und noch etwas f\u00e4llt ihr schwer: Sie kann nicht erkl\u00e4ren, weshalb selbst qualifizierte Arbeit durch Kapital ersetzt oder ins Ausland verlagert werden kann, manche Arten einfacher Arbeit aber dieses Schicksal nicht erleiden. Die \u201eTechnologie 2.0-Variante\u201c setzt deshalb auf einen t\u00e4tigkeitsbasierten Ansatz. Der Produktionsprozess wird in viele einzelne Aufgaben zerlegt. Diese Aufgaben sind leichter substituier- und international verlagerbar, wenn es sich um Routine-T\u00e4tigkeiten handelt. Nicht-Routine-Aufgaben erzielen h\u00f6here, Routine-T\u00e4tigkeiten niedrige L\u00f6hne. Der technische Fortschritt wirkt nicht gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber die ganze Lohnverteilung, er polarisiert.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/economics.mit.edu\/files\/5554\">Polarisierungsthese<\/a> zeigt, dass die Nachfrage nach hoch Qualifizierten steigt, wenn sie nicht gerade Routine-T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben. Das d\u00fcrfte eher nicht der Fall sein. Der technische Fortschritt schafft vor allem f\u00fcr Arbeitnehmer, die neue Technologien schaffen oder sie intensiv nutzen, neue lukrative Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten. Diese Nicht-Routine-T\u00e4tigkeiten sind auch durch Globalisierung nur schwer international verlagerbar. Anders sieht es bei T\u00e4tigkeiten aus, die klar definiert und gut kodifizierbar sind. Solche Routine-Aktivit\u00e4ten sind viel leichter substituierbar und werden immer \u00f6fter ins kosteng\u00fcnstigere, oft ferne Ausland verlagert. Von dieser Entwicklung sind vor allem Arbeitspl\u00e4tze im industriellen Sektor betroffen. Auf der Gewinnerseite stehen dagegen die Varianten einfacher Arbeit, die engen pers\u00f6nlichen Kontakt zu den Kunden notwendig machen. Das gilt vor allem f\u00fcr soziale und personenbezogene Dienstleistungen. Der Strukturwandel st\u00e4rkt die Nachfrage nach diesen T\u00e4tigkeiten. Auch die Globalisierung kann ihnen wenig anhaben.<\/p>\n<p>In der \u201eTechnologie 2.0-Variante\u201c ist das Besch\u00e4ftigungswachstum \u00fcber die Qualifikationen U-f\u00f6rmig. \u201eHohe\u201c und \u201egeringe\u201c Qualifikationen gewinnen Besch\u00e4ftigungsanteile, \u201emittlere\u201c verlieren. Eine Polarisierung der Besch\u00e4ftigung kann auch die L\u00f6hne polarisieren. Die L\u00f6hne im oberen Bereich der Lohnverteilung wachsen schneller, wenn die Technologie das Rennen gegen die Ausbildung gewinnt. Das scheint oft der Fall zu sein. Weniger klar ist allerdings, was im unteren Bereich der Lohnverteilung passiert. Die geringere Nachfrage nach \u201emittleren\u201c Qualifikationen tr\u00e4gt dazu bei, dass die \u201eMittelschicht\u201c st\u00e4rker in den Bereich einfacher Arbeit dr\u00e4ngt. Es entsteht ein Druck auf die L\u00f6hne unten. Die gr\u00f6\u00dfere Qualifikation der nach unten dr\u00e4ngenden Arbeit erh\u00f6ht allerdings die Produktivit\u00e4t. Eindeutig positive Impulse gehen von der steigenden Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen aus. Der sektorale Strukturwandel hilft, dass die L\u00f6hne f\u00fcr einfache Arbeit schneller wachsen als die \u201emittlerer\u201c Qualifikationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Empirische Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201eTechnologie 2.0-Variante\u201c hat sich zur Standarderkl\u00e4rung steigender Lohnungleichheit entwickelt. Tats\u00e4chlich kann man f\u00fcr viele L\u00e4nder feststellen, dass sich die Besch\u00e4ftigung polarisiert hat. Die Gewinner waren hohe und niedrige Qualifikationen, mittlere Qualifikationen verloren. Zur selben Zeit wurde die Lohnverteilung fast \u00fcberall ungleicher. Es liegt nahe zu vermuten, dass beide Entwicklungen nicht unabh\u00e4ngig voneinander sind. Die Lohnverteilung wird ungleicher, wenn sich Besch\u00e4ftigung und L\u00f6hne polarisieren und die L\u00f6hne oben viel st\u00e4rker als unten wachsen. Am besten sind die Zusammenh\u00e4nge in den USA erforscht. Dort scheint sich seit den 90er Jahren die Struktur von Besch\u00e4ftigung und L\u00f6hnen grundlegend ver\u00e4ndert zu haben. Noch in den 70er und 80er Jahren wuchsen die Stundenl\u00f6hne mit den Perzentilen. W\u00e4hrend sie oben stark als der Median stiegen, wuchsen sie unten weniger stark. Von Polarisierung keine Spur. Das hat sich seit den 90er Jahren wohl ge\u00e4ndert. Nun polarisieren Besch\u00e4ftigung und L\u00f6hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/l1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Ver\u00e4nderung der Stundenl\u00f6hne\" src=\"\/wordpress\/bilder\/l1.png\" alt=\"Ver\u00e4nderung der Stundenl\u00f6hne\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die Polarisierungsthese ist allerdings in die Kritik geraten. Die Kausalkette von polarisierter Besch\u00e4ftigung und polarisierten L\u00f6hne wird in Frage gestellt. Auf der letzten Jahrestagung der American Economic Association wurde die Polarisierungsthese heftig <a href=\"http:\/\/www.epi.org\/publication\/wp295-assessing-job-polarization-explanation-wage-inequality\/\">kritisiert<\/a>. Danach sei sie allenfalls f\u00fcr die 90er Jahre g\u00fcltig. Noch in den 80er Jahren wuchsen die Besch\u00e4ftigungsanteile mit steigender Qualifikation. Und in den 00er Jahren gelte demgegen\u00fcber eher ein L-f\u00f6rmiger Verlauf. Geringe Qualifikationen gewinnen sp\u00fcrbar Besch\u00e4ftigungsanteile, die Anteile mittlerer und h\u00f6herer Qualifikationen stagnieren. Bei einem L-f\u00f6rmigen Verlauf der Besch\u00e4ftigungsanteile h\u00e4tten die L\u00f6hne im unteren Bereich der Lohnverteilung jedoch am st\u00e4rksten steigen m\u00fcssen. Das war aber nicht der Fall. So wuchsen die L\u00f6hne im 10. und 50. Perzentil mit 2,6 % und 2,5 % fast gleich stark. Im 90. Perzentil erh\u00f6hten sie sich allerdings um \u00fcber 7,6 %. Die Entwicklung der L\u00f6hne h\u00e4ngt offensichtlich nicht nur von der Technologie ab. Andere Faktoren spielen wohl ebenfalls eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Noch kritischer ist allerdings die Lage in Deutschland. Eine Polarisierung der Besch\u00e4ftigung ist nicht zu erkennen. Das gilt unabh\u00e4ngig davon, welche Zeitr\u00e4ume man betrachtet und ob man nach Berufs-Einkommensdezilen (Berufe werden nach ihrem durchschnittlichen Lohn aufgereiht) oder Berufs-Bildungsdezilen (Berufe werden nach ihrer durchschnittlichen Ausbildungsdauer aufgereiht) gruppiert. Die Tendenz ist f\u00fcr die Zeit zwischen Mitte der 80er und Mitte der 00er Jahre allerdings klar. In der oberen H\u00e4lfte der Lohnverteilung w\u00e4chst meist die Besch\u00e4ftigung, im unteren Bereich geht sie mehr oder weniger stark zur\u00fcck. Es existiert kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Besch\u00e4ftigung und dem Wachstum der L\u00f6hne. Allerdings entkoppelten sich von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre die L\u00f6hne und die Besch\u00e4ftigung, die Arbeitslosigkeit stieg. Seit Mitte der 90er Jahre ist wieder ein st\u00e4rkerer Gleichlauf zu beobachten. F\u00fcr Deutschland gilt die These der Polarisierung nicht. Das Lohnwachstum ist <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11133\">nicht U-f\u00f6rmig<\/a>. Die L\u00f6hne steigen mit den Perzentilen, unten weniger und oben mehr. Nur mit der Technologie l\u00e4sst sich die deutsche Lohnverteilung nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/l2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"L\u00f6hne nach Dezilen\" src=\"\/wordpress\/bilder\/l2.png\" alt=\"L\u00f6hne nach Dezilen\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Institutionen<\/strong><\/p>\n<p>Warum die Verteilung der L\u00f6hne in den letzten drei Jahrzehnten ungleicher geworden ist, l\u00e4sst sich allein mit ver\u00e4nderter, qualifikationsverzerrender Technologie nicht erkl\u00e4ren. Einen starken Einfluss \u00fcben auch Institutionen aus. Sie entscheiden mit dar\u00fcber, wie qualifikationsverzerrender technischer Fortschritt in ungleich verteilte L\u00f6hne transformiert wird. Alle Institutionen, die den Prozess der Lohnfindung mit gestalten, beeinflussen auch die Verteilung der L\u00f6hne. Damit spielen vor allem arbeitsmarkt- und sozialpolitische institutionelle Arrangements eine wichtige Rolle. Der r\u00fcckl\u00e4ufige Zentralisierungsgrad der Lohn- und Tarifverhandlungen in den letzten Jahrzehnten macht die Lohnverteilung ungleicher. Bei dezentralen Verhandlungen auf betrieblicher Ebene ist es \u00fcber die Lohnpolitik schwerer, zwischen Branchen, Betrieben und Gruppen von Arbeitnehmern umzuverteilen. Die Arbeitnehmer werden st\u00e4rker nach Produktivit\u00e4t entlohnt. Niedrig Qualifizierte sind die Verlierer. Ihre L\u00f6hne fallen ohne den \u201eUmverteilungszuschlag\u201c besser Qualifizierter geringer aus.<\/p>\n<p>Sowohl die Globalisierung als auch der technische Fortschritt beschleunigen diese Entwicklung. Es ist leichter m\u00f6glich, inl\u00e4ndische durch ausl\u00e4ndische und einfache durch qualifiziertere Arbeit zu ersetzen. Damit wird es aber f\u00fcr die Gewerkschaften schwerer auch schwerer, zwischen Arbeitnehmern unterschiedlicher Qualit\u00e4t umzuverteilen. Ihnen gelingt es immer weniger, die Lohn- und Tarifpolitik einzusetzen, um von h\u00f6her zu niedriger Qualifizierten umzuverteilen. Die wirksame Schranke ist die durch diese Umverteilung induzierte Arbeitslosigkeit vor allem geringer Qualifizierter. Ist es leichter m\u00f6glich, einfache Arbeit durch qualifiziertere zu ersetzen, wird diese lohnpolitische Umverteilung eingeschr\u00e4nkt. Die steigende (produktive) Heterogenit\u00e4t der Arbeitnehmer verringert aber auch die Bereitschaft h\u00f6her Qualifizierter, geringer Qualifizierte \u00fcber L\u00f6hne unterhalb der eigenen Produktivit\u00e4t zu subventionieren. Im Fall der Lokf\u00fchrer wird das sehr deutlich. Damit tragen eine geringere Bereitschaft und erodierende M\u00f6glichkeiten, mit der Lohnpolitik umzuverteilen, mit dazu bei, dass die Lohnverteilung ungleicher wird.<\/p>\n<p>Die meiste Aufmerksamkeit erh\u00e4lt der <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11716\">Mindestlohn<\/a>. Vor allem f\u00fcr die USA wird immer wieder darauf hingewiesen, dass ein sinkender realer gesetzlicher Mindestlohn die steigende Ungleichheit im unteren Bereich der Lohnverteilung gut erkl\u00e4ren k\u00f6nne. Das gilt grunds\u00e4tzlich auch f\u00fcr jede Art sozialer Mindestl\u00f6hne, wie etwa das Arbeitslosengeld II in Deutschland. Ein Anstieg der Mindestl\u00f6hne, gesetzlich oder sozial, macht die Lohnverteilung gleichm\u00e4\u00dfiger. Das ist wohl wahr, schneidet er doch das untere Ende der Lohnverteilung ab. Damit ist aber das eigentliche Problem, n\u00e4mlich ungleich verteilte Arbeitseinkommen, noch nicht gel\u00f6st. Ob steigende Mindestl\u00f6hne auch zu steigenden Arbeitseinkommen f\u00fchren, h\u00e4ngt von der Reallohnelastizit\u00e4t der Arbeitsnachfrage ab. Die ist zwar kurzfristig relativ gering, liegt aber schon mittelfristig \u00fcber Eins. Weltweit offenere G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte haben sie weiter erh\u00f6ht. Ein Anstieg der Mindestl\u00f6hne macht zwar die Lohnverteilung gleicher, die Verteilung der Arbeitseinkommen aber ungleicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Technologie und den Institutionen gibt es bei der Suche nach den \u201eT\u00e4tern\u201c ungleicher verteilter L\u00f6hne zwei Hauptverd\u00e4chtige. Die steigende Ungleichheit im oberen Bereich der Lohnverteilung tr\u00e4gt eindeutig die Fingerabdr\u00fccke der Technologie. Ein qualifikationsverzerrender technischer Fortschritt erh\u00f6ht die Nachfrage nach hoch Qualifizierten sp\u00fcrbar. Aber erst ein mangelhaftes schulisches, akademisches und berufliches Bildungssystem tr\u00e4gt dazu bei, dass die L\u00f6hne in diesem Hoch-Lohn-Hoch-Qualifikations-Segment explodieren. Im unteren Bereich der Lohnverteilung f\u00fchrt die institutionelle Spur eher zu einer sinnvollen Erkl\u00e4rung. Globalisierung, technischer Fortschritt und Politik haben in den vergangenen Jahrzehnten sozial- und arbeitsmarktpolitische Institutionen geschaffen, die geholfen haben, die L\u00f6hne zu flexibilisieren. Das hat die Lohnverteilung ungleicher werden lassen. Allerdings ging auch die Arbeitslosigkeit zur\u00fcck. Ungleich verteilten Arbeitseinkommen wurde so die gr\u00f6\u00dfte Spitze genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Autor, D. (2010), The Polarization of Job Opportunities in the U.S. Labor Market. Implications for Employment and Earnings. Center for American Progress and Hamilton Project, 2010.<\/p>\n<p>Tinbergen, J. (1975), Income Distribution: Analysis and Policies. Amsterdam, 1975.<\/p>\n<p>Zenzen, J. (2013), Lohnverteilung in Deutschland 1984 \u2013 2008 &#8211; Entwicklungen und Ursachen. Hamburg, 2013.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/00641c24cd5849f2bdce06920025a9ea\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge der Serie <em>\u201cUngleichheit heute\u201c\u009d<\/em>:<\/strong><\/p>\n<p>Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11703\">Einkommensverteilung &#8211; Vorsicht vor der Konjunktur!<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11140\">Die deutsche &#8222;Mitte&#8220; ist stabil. Wie lange noch?<\/a><\/p>\n<p>Eric Thode: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11396\">Die Mittelschicht schrumpft \u2013 Wo liegt der Handlungsbedarf?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11388\">Geringe Stundenl\u00f6hne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11133\">Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?<\/a><\/p>\n<p>Simon Hurst: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10879\">Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10851\">Einkommensungleichheit in OECD-L\u00e4ndern. Wo stehen wir?<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge des Autors zum Thema \u201cUngleichheit\u201c\u009d:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11716\">Denn sie wissen, was sie tun. Mindestl\u00f6hne zerst\u00f6ren die Marktwirtschaft<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8599\">Wir sind die 99 Prozent. Rettet \u201cOccupy Wall Street\u201c\u009d die Marktwirtschaft?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4444\">Regionale Disparit\u00e4ten in Deutschland. Abschied von umverteilungspolitischen Glaubenss\u00e4tzen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=123\">Ungleichheit, Mitarbeiterbeteiligung und Politik<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=98\">Ungleichheit, soziale Mobilit\u00e4t und Humankapital<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=77\">Lokf\u00fchrer, Fl\u00e4chentarife und Verteilungsk\u00e4mpfe<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eF\u00fcr die Wirtschaftswissenschaft gibt es nur ein Sachgebiet &#8211; Produktion und Knappheit der Mittel. 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