{"id":11864,"date":"2013-04-05T00:01:57","date_gmt":"2013-04-04T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11864"},"modified":"2013-04-04T17:25:31","modified_gmt":"2013-04-04T16:25:31","slug":"buchermarktpatrik-schellenbauer-und-daniel-muller-jentsch-der-strapazierte-mittelstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11864","title":{"rendered":"<small>B\u00fccherMarkt<\/small><br\/>Patrik Schellenbauer und Daniel M\u00fcller-Jentsch: Der strapazierte Mittelstand<br \/>"},"content":{"rendered":"<p>Mythos Mittelschicht: Steht die Ampel f\u00fcr das R\u00fcckgrat der Bev\u00f6lkerung auf Rot? Rot ist die Leitfarbe des Buches \u201eDer strapazierte Mittelstand \u2013 Zwischen Ambition, Anspruch und Ern\u00fcchterung\u201c, das die Mittelschicht \u2013 in der Schweiz ist Mittelstand ein Synonym \u2013 unter die Lupe nimmt. Die Beitr\u00e4ge unterschiedlicher Autoren und Wissenschaftler lassen allerdings auch den Schluss zu, dass die Zukunft der mittleren Einkommensschichten nicht schwarz aussehen muss.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Einerseits: \u201eDie Schweiz hat es bisher wie kaum ein zweites Land geschafft, ihren hohen Wohlstand breit zu verteilen und damit sehr integrierend zu wirken, und zwar schon bevor der Staat umverteilend eingreift.\u201c Andererseits: \u201eViele Angeh\u00f6rige des Mittelstands haben das Gef\u00fchl, dass ihre Arbeit, ihre Anstrengungen und auch ihr Konsumverzicht nicht mehr richtig belohnt w\u00fcrden.\u201c Gerhard Schwarz, Direktor des Ko-Herausgebers Avenir Suisse, macht in seinem Vorwort deutlich, dass es eine deutliche Diskrepanz zwischen der tats\u00e4chlichen und gef\u00fchlten Verfassung der Schweizer Mittelschicht gibt. Doch Fakt ist auch, dass externe Kr\u00e4fte und eine diffuse Umverteilung des Staates die mittleren Einkommensgruppen schw\u00e4chen.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Die Schweizer Mittelschicht ist spitze<\/strong><\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge zweier Autorenteams der Universit\u00e4ten St. Gallen und Z\u00fcrich untermauern diese Thesen mit vielen empirischen Analysen, die gr\u00f6\u00dftenteils deskriptiver Natur sind. Wenn die Schweizer Mittelschicht eine Fu\u00dfball-Mannschaft w\u00e4re, w\u00fcrde sie bei Weltmeisterschaften regelm\u00e4\u00dfig um den Titel mitspielen. Deutschland m\u00fcsste dagegen zumindest um die Qualifikation f\u00fcr die K.o.-Runde bangen. Dies belegen OECD-Vergleiche von mittleren Einkommen, Erwerbsquote und Privatverm\u00f6gen. Auch bei der Ungleichheit schneidet die Schweiz, gemessen am Gini-Koeffizient, deutlich besser ab als die gro\u00dfen Nachbarl\u00e4nder Deutschland, Frankreich und Italien. Als eine Ursache nennt Ko-Herausgeber Daniel M\u00fcller-Jentsch \u201eflexible Arbeitsm\u00e4rkte und Sozialsysteme, die mehr auf Arbeitsanreize als Alimentierung ausgerichtet sind.\u201c (S. 36)<\/p>\n<p>Damit unterscheidet sich die Schweiz von den nordischen L\u00e4ndern, die eine geringe Einkommensspreizung durch ein hohes Ma\u00df an staatlicher Umverteilung erkaufen. Die Eidgenossen sind allerdings bislang \u2013 \u00fcbrigens \u00e4hnlich wie die Deutschen \u2013 nicht so stark mit Immobilien abgesichert. Das belegen die im europ\u00e4ischen Vergleich niedrigen Wohneigentumsquoten, wiewohl die Tendenz steigend ist. Daf\u00fcr ist das kapitalgedeckte Rentensystem in der Schweiz \u2013 anders als in Deutschland \u2013 l\u00e4ngst eine tragende S\u00e4ule, was k\u00fcnftig eine leichtere Anpassung an die demografische Entwicklung erm\u00f6glichen d\u00fcrfte. Auch die Wirtschafts- und Finanzkrise ging scheinbar spurlos an der Schweiz vorbei. Der Immobilienmarkt kollabierte nicht; die Besch\u00e4ftigung stieg zwischen 2007 und 2011 sogar an.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Die Schweizer Mittelschicht ist unzufrieden<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Schweizer Mittelschicht dennoch nicht mit ihrer Situation zufrieden und damit in guter Gesellschaft zu anderen L\u00e4ndern ist, zeigt das dritte Kapitel auf. Als externe Faktoren nennt M\u00fcller-Jentsch die Verdopplung des weltweiten Arbeitskr\u00e4ftepools durch die Globalisierung und den kompetenz-basierten technischen Fortschritt. Mit letzterem meint der Autor die Verschiebung der Arbeitsnachfrage von Routinearbeiten hin zu kreativen T\u00e4tigkeiten mit einem hohen Abstraktionsverm\u00f6gen (S. 68). Neben der Nachfrage nach Hochqualifizierten stieg in den meisten L\u00e4ndern (darunter auch Deutschland und die Schweiz) die Nachfrage nach Niedriglohnjobs. Begr\u00fcndet wird dies in der Literatur mit dem zunehmenden Verlangen nach Basisdiensten, f\u00fcr die einfache Qualifikationen ausreichen.<\/p>\n<p>Damit wird die Mittelschicht von zwei Seiten in die Mangel genommen. Ob durch diese Entwicklung die Lohnungleichheit gleicherma\u00dfen zunimmt, h\u00e4ngt allerdings von der Anpassungsf\u00e4higkeit des Arbeitsangebotes ab. Hoffnung d\u00fcrfte dem R\u00fcckgrat der Bev\u00f6lkerung auch machen, dass \u201eein erheblicher Teil des neuen Arbeitskr\u00e4ftereservoirs \u00fcber die letzten 20 Jahre in die globale Wirtschaft integriert worden ist und sich das Lohngef\u00e4lle zwischen Industrie- und Schwellenl\u00e4ndern langsam schliesst.\u201c (S. 85)<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Reall\u00f6hne sind deutlich gestiegen<\/strong><\/p>\n<p>Von der weiten Welt zur\u00fcck ins Schweizer Milieu: Im vierten und f\u00fcnften Kapitel wird die eidgen\u00f6ssische Mittelschicht als solches n\u00e4her untersucht. Die wichtigste Einkommensquelle dieser gro\u00dfen Bev\u00f6lkerungsgruppe ist das individuelle Arbeitseinkommen. Auch wenn die Reall\u00f6hne in den letzten zwei Jahrzehnten in der Schweiz insgesamt immerhin um 20 Prozent gestiegen sind, weist die Lohnentwicklung eine U-Form auf, was einen relativen R\u00fcckfall der mittleren Einkommensgruppen bedeutet. Begr\u00fcndet wird dies unter anderem mit einer Stagnation der Bildungspr\u00e4mie der Sekundarstufe II. Ein Teil des relativen Lohnr\u00fcckgangs dieser Stufe kann jedoch damit erkl\u00e4rt werden, dass es ambitionierte Absolventen einer Berufsausbildung zunehmend an Universit\u00e4ten und Fachhochschulen zieht:<\/p>\n<p>\u201eDas Mittelstandsparadox besteht darin, dass sich in der Mitte der Gesellschaft der Eindruck breit macht, man falle zur\u00fcck, obwohl das eigene Wohlstandsniveau absolut gestiegen ist und obwohl einem erheblichen Teil des Mittelstands sogar der Aufstieg gelungen ist.\u201c (S. 147)<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Umverteilung schadet der Mittelschicht<\/strong><\/p>\n<p>Von diesem Paradox wissen auch die Deutschen ein Lied zu singen. Genau wie der deutsche Mittelschichtler sieht sich zudem auch das Schweizer Pendant einer bisweilen \u201eunkoordinierten Fiskal- und Transferpolitik\u201c gegen\u00fcber. \u201eIm ung\u00fcnstigsten Fall f\u00fchren diese Umw\u00e4lzungen zu einem alimentierenden Sozialstaat, der oft jenem Bev\u00f6lkerungsteil schadet, dem die Unterst\u00fctzung urspr\u00fcnglich galt \u2013 dem arbeitenden Mittelstand.\u201c (S. 150) Um diesen eklatanten Missstand zu unterstreichen, haben die Herausgeber zu einer ungew\u00f6hnlichen Ma\u00dfnahme gegriffen. Auf dem Umschlag-R\u00fccken des Buches sind anstatt des Abstracts die Einkommensverteilungen der Haushalte im Erwerbsalter vor und nach staatlicher Umverteilung abgetragen. W\u00e4hrend der Verlauf vor Umverteilung einer typischen Schweizer Berg-Silhouette gleicht, wirkt die zackige Spitze des Verlaufs nach Abgaben und Erhalt von Staatsleistungen wie der Mount Everest im deutschen Voralpen-Flachland. Irgendwie fehl am Platz. Als Erkl\u00e4rung hei\u00dft es auf der R\u00fcckseite: \u201eDer Staat dr\u00fcckt grosse Teile des erwerbst\u00e4tigen Mittelstands an die Grenze zur Unterschicht. Die massive Belastung durch Steuern, Abgaben und Sozialbeitr\u00e4ge wird von den realen und finanziellen Leistungen des Staates f\u00fcr die aktive Bev\u00f6lkerung nicht aufgewogen.\u201c<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Nach Umverteilung verliert sich die heile Welt<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden Autoren des Kapitels \u00fcber die staatliche Umverteilungsmaschinerie und deren Folgen f\u00fcr die Mittelschicht bedienen sich der sogenannten Inzidenzanalyse, die die Wirkung der Staatst\u00e4tigkeit auf die Haushaltseinkommen beschreibt. Wie nicht anders zu erwarten, erh\u00f6hen sich die Einkommen vor Transfers von Quintil zu Quintil. Nach Umverteilung sieht die (heile) Welt indes anders aus: Die drei unteren Einkommensf\u00fcnftel unterscheiden sich bei den Einnahmen nach Abgaben und Transfers kaum. W\u00e4hrend die Abgabenquote entlang der Quintile leicht f\u00e4llt, kommen die Staatsleistungen prim\u00e4r dem ersten Einkommensf\u00fcnftel zugute:<\/p>\n<p>\u201eGem\u00e4\u00df der Inzidenzanalyse profitiert der Mittelstand somit viel weniger als die Unterschicht und kaum mehr als die Reichsten von den staatlichen Leistungen, tr\u00e4gt aber selber einen grossen Teil zu deren Finanzierung bei.\u201c (S. 155)<\/p>\n<p>Bedenklich ist auch, dass Haushalte mit sehr geringen Einkommen vor Transfers durch die Umverteilung in h\u00f6here Einkommensquantile aufsteigen k\u00f6nnen, und umgekehrt. Es findet also auch eine Verschiebung der Positionen in der Einkommensskala statt:<\/p>\n<p>\u201eDa die Einkommensunterschiede im Mittelstand relativ gering sind, haben die staatlichen Transfers in diesem Bev\u00f6lkerungsanteil viel gr\u00f6ssere Auswirkungen auf die relative Position. Im Mittelstand ist nicht so sehr das Vortransfereinkommen entscheidend f\u00fcr die Position nach der Umverteilung, sondern das Ausmass, in dem ein Haushalt von staatlichen Leistungen profitieren kann.\u201c (S. 160)<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>\u00c4ngste der Mittelschicht gleichen sich<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>\u00d6konomische Analysen bilden das Herzst\u00fcck des Buches. Garniert ist es mit Essays zum Selbstverst\u00e4ndnis der eidgen\u00f6ssischen Mittelschicht, einem Round-Table-Gespr\u00e4ch mit Experten sowie einer Untersuchung der Milieus und ihrer r\u00e4umlichen Verteilung. Die Leitfarbe des Buches ist wie eingangs erw\u00e4hnt rot. Sie ist auch notwendig, um bei der Bandbreite der Themen und Autorenschaft nicht den roten Faden zu verlieren. Ansonsten ist das Buch \u2013 nicht zuletzt wegen der vielen aufschlussreichen Grafiken \u2013 auch f\u00fcr den Nicht-Schweizer eine lesenswerte Lekt\u00fcre. Denn die \u00c4ngste der Mittelschicht sind in vielen westlichen L\u00e4ndern \u00e4hnlich gelagert.<\/p>\n<p>Die eidgen\u00f6ssische Mittelschicht ist sicherlich ein Sonderfall, da sie aufgrund der gesunden Wirtschaftsstruktur und Offenheit der Schweiz in guter Verfassung ist. Aber auch im Alpenstaat sind die mittleren Einkommen in den vergangenen 20 Jahren deutlich weniger gestiegen als die Verdienste der oberen Gruppe. Macht das eine Mittelstandspolitik notwendig? Ko-Herausgeber Patrik Schellenbauer gibt in seinem Fazit eine eindeutige Antwort:<\/p>\n<p>\u201eEine massgeschneiderte Politik f\u00fcr den Mittelstand ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zu unscharf ist die Abgrenzung, zu unterschiedlich sind die Anspr\u00fcche und Interessen, zu heterogen sind die Lebenslagen und \u2013ziele.\u201c (S. 267)<\/p>\n<p><strong>Hinweise:<\/strong> S\u00e4mtliche als Zitate gekennzeichnete Abschnitte sind entnommen aus: Patrik Schellenbauer, Daniel M\u00fcller-Jentsch: Der strapazierte Mittelstand (Z\u00fcrich: Avenir Suisse und Verlag Neue Z\u00fcrcher Zeitung).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/c177736dfefa466588c50d21e0af2e57\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mythos Mittelschicht: Steht die Ampel f\u00fcr das R\u00fcckgrat der Bev\u00f6lkerung auf Rot? 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