{"id":12011,"date":"2013-04-08T00:01:13","date_gmt":"2013-04-07T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12011"},"modified":"2013-04-07T14:43:51","modified_gmt":"2013-04-07T13:43:51","slug":"eine-kleine-pathologie-der-eurokrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12011","title":{"rendered":"Eine kleine Pathologie der Eurokrise"},"content":{"rendered":"<p>Griechenland stieg 2007 mit einer Verschuldungsquote von gut 107 Prozent in die Finanzmarktkrise ein, Italien mit \u00fcber 103 Prozent. Portugal lag bei etwas mehr als 68 und Zypern bei knapp 59. Dagegen wies Spanien nur einen Schuldenstand von 36 Prozent auf und Irland kam gerade einmal auf 25 Prozent. Gleichwohl ist allen diesen L\u00e4ndern gemein, dass sie wenig sp\u00e4ter zu den so genannten Probleml\u00e4ndern der Eurozone geh\u00f6rten, die entweder unter die Rettungsschirme von EFSF oder ESM schl\u00fcpften oder doch durch Wertpapierk\u00e4ufe der EZB einstweilen vor den Folgen krisenhafter Wertpapierkursverluste bewahrt wurden \u2013 und das bei Schuldenst\u00e4nden von zwischen 25 und 107 Prozent! In der Tat ist der Verweis auf eine intrinsische Schuldenneigung der zust\u00e4ndigen Finanzminister vor der Krise bei weitem nicht ausreichend, um die Ursachen der Eurokrise zu ergr\u00fcnden. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich \u2013 wenn man so will \u2013 auf einer mittleren Ebene der Ergr\u00fcndung jeder seine Lieblingshypothese dar\u00fcber heraussucht, was die wirklichen Hintergr\u00fcnde der Krise seien. Da finden die einen die Finanzm\u00e4rkte und \u00fcberhaupt das Versagen der M\u00e4rkte mitsamt ihren bisweilen z\u00fcgellosen Akteuren, w\u00e4hrend andere den \u00f6ffentlichen Sektor und seine Unf\u00e4higkeit zu nachhaltigem Finanzgebaren anprangern, und jeder mag am Ende in der einen oder anderen Hinsicht Recht haben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich finden sich alle diese Erkl\u00e4rungsmuster aber bestenfalls auf einer mittleren Ebene der Erkl\u00e4rung, denn alle dort identifizierten Erscheinungen d\u00fcrften ihrerseits Symptom einer noch tieferen Ursache sein. Und wenn das zutrifft, dann sind die Auseinandersetzungen \u00fcber die Frage, ob Staats- oder Marktversagen urs\u00e4chlich ist oder ob wir es mit Systemproblemen oder der ausufernden Gier in einer zunehmend hedonistischen Welt zu tun haben, alle reichlich fruchtlos. Nehmen wir stattdessen einmal an, dass wir Menschen immer und zu allen Zeiten eine Neigung dazu hatten, \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse zu leben oder \u2013 wie Eugen von B\u00f6hm-Bawerk es seinerzeit ausgedr\u00fcckt hat \u2013 den Gegenwartskonsum dem Zukunftskonsum vorzuziehen. Dann bedarf es bestimmter Mechanismen oder Regeln, um uns vor unliebsamen Sp\u00e4tfolgen dieser Neigung zu bewahren. So stehen private Haushalte ebenso wie hinreichend unbedeutende Unternehmen stets der Insolvenzdrohung gegen\u00fcber, die zwar nicht alle, aber doch die meisten von ihnen davor bewahrt, Schuldnerpositionen aufzubauen, die sie sp\u00e4ter nicht mehr bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Hierzu ist es allerdings n\u00f6tig, dass erstens die Folgen heutigen Handelns f\u00fcr die Zukunft hinreichend transparent sind und dass es zweitens keine M\u00f6glichkeiten gibt, diese Folgen auf andere abzuw\u00e4lzen. An beidem hat es wiederum \u00fcberall und zu allen Zeiten gemangelt, wenn auch in unterschiedlichem Ma\u00dfe.<\/p>\n<p>So haben \u00f6ffentliche Haushalte im Prinzip immer und \u00fcberall die Eigenschaft, die zweite Bedingung sehr unzureichend zu erf\u00fcllen und damit Schuldenpositionen aufzubauen, deren Folgen andere dann irgendwann einmal ausbaden m\u00fcssen. Auf diese Weise bricht sich im Rahmen gro\u00dfer Kollektive und Staaten die Neigung der Menschen Bahn, \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse zu leben. Konsequenterweise ist die Geschichte der Staatsverschuldung und der Staatspleiten lang und illustrativ. Finanzm\u00e4rkte haben dagegen eine ganz andere Eigenschaft, die den Menschen aber ebenfalls Raum daf\u00fcr geben kann, \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse zu leben, wenn die Regeln der Finanzm\u00e4rkte ungl\u00fccklich gesetzt sind. Das liegt daran, dass die Entscheidungen auf diesen M\u00e4rkten auf Informationen beruhen, \u00fcber die man erst in einer mehr oder weniger fernen Zukunft verf\u00fcgen wird. Oft ist nicht einmal die Wahrscheinlichkeitsverteilung dessen bekannt, was auf Finanzm\u00e4rkten einzusch\u00e4tzen ist, so dass ein vernunftgeleiteter Umgang mit der Unsicherheit und Unwissenheit erschwert ist.<\/p>\n<p>Wenn nun die Regelwerke der Finanzm\u00e4rkte Raum f\u00fcr Illusionen \u00fcber die Zukunft geben und vielleicht zus\u00e4tzlich noch die Erwartung gen\u00e4hrt wird, dass die Folgen von Fehlentscheidungen von der Gemeinschaft \u00fcbernommen werden, dann haben wir die besten Voraussetzungen daf\u00fcr vorliegen, dass Finanzm\u00e4rkte Blasen bilden. Solche Blasen beruhen im Grunde immer wieder darauf, dass an bestimmten Stellen \u2013 meist unbemerkt und nicht selten von niemandem gewollt \u2013 Kettenbriefsysteme gestartet werden, innerhalb derer neue Verm\u00f6genspositionen entstehen, ohne dass dies mit Wertsch\u00f6pfung verbunden ist, merkw\u00fcrdigerweise aber auch ohne dass jemand unmittelbare Verm\u00f6gensverluste realisieren muss. Alle Beteiligten an einer Folge von Markttransaktionen halten dann ihr pers\u00f6nliches Verm\u00f6gen f\u00fcr vergr\u00f6\u00dfert; aber mindestens einer der Beteiligten erwartet k\u00fcnftige Zahlungseing\u00e4nge, die es objektiv gesehen nie geben wird. Ob eine Folge von Finanzmarkttransaktionen einen solchen Kettenbriefcharakter oder aber einen auf Wertsch\u00f6pfung beruhenden Nachhaltigkeitscharakter hat, das wei\u00df man nie mit Gewissheit. H\u00e4tten wir n\u00e4mlich Gewissheit, dann w\u00fcrden Kettenbriefe gleich vor der ersten Zahlung abgebrochen, es sei denn, der letzte in der Kette h\u00e4tte die begr\u00fcndete Aussicht, seine Verluste wiederum auf andere abw\u00e4lzen zu k\u00f6nnen. Da wir aber keine Gewissheit haben, sind wir auch nie ganz vor Kettenbriefeffekten gesch\u00fctzt, seien sie nun gewollt oder ungewollt in Gang gesetzt worden.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen wir festhalten, dass Unsicherheit in Verbindung mit Anreizen zu unvorsichtigen Entscheidungen die Zutaten sind, die der Neigung von uns Menschen zum Leben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse den Raum gibt, den sie braucht, um Krisen zu erzeugen. Und die Anreize zu unvorsichtigem Verhalten erzeugt man durch implizite oder explizite Versprechen zur \u00dcbernahme von Verlusten, aber auch durch geldpolitische Strategien, welche durch niedrige Zinsen die Illusion fehlender Kapitalknappheit n\u00e4hrt. Und stellt sich dann irgendwann heraus, dass Kettenbriefeffekte ausgel\u00f6st wurden, dann werden die Verm\u00f6gensverluste der Kette sofort offenbar, und es muss ein Weg gefunden werde, diese zu verteilen. Daran geht schon rein sachlich kein Weg vorbei, auch wenn die Realit\u00e4t durch abermalige Verschuldung oder durch Geldsch\u00f6pfung verkleistert werden mag. Dass letzteres die Anpassungsleiden vermindert, ist eine Behauptung, die bis heute einer Begr\u00fcndung harrt, die aber zu Recht gern mit dem Schnaps verglichen wird, dem man einem Alkoholiker zur Linderung seiner Entzugsleiden verabreicht. Und wie beim Alkoholiker ist es immer mit Nebenwirkungen verbunden, wenn man die Anpassungsleiden einer Volkswirtschaft mit (abermaliger) Staatsverschuldung, Verlust\u00fcbernahmen oder mit der Gelddruckmaschine \u00fcberdeckt: Denn wie beim Alkoholiker untergr\u00e4bt es die Entstehung von Regeln, die man braucht, um sich nicht nur kurzfristig besser zu f\u00fchlen, sondern um Dauerhaft krisenfest zu werden, und das sind Regeln, welche die Neigung von uns Menschen im Zaum zu halten imstande sind, \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse zu leben \u2013 so wie ein Suchtkranker ja im Prinzip auch neue Regeln braucht, um sich selbst daran zu hindern, mit Hilfe des Suchtstoffs \u00fcber seine mentalen Verh\u00e4ltnisse zu leben.<\/p>\n<p>Als 1992 der Maastrichter Vertrag geschlossen wurde, da war klar, dass die darin enthaltene Verpflichtung zur Einf\u00fchrung einer Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion nur unter der Bedingung erfolgen kann, dass alle Mitgliedstaaten die gleichen \u2013 oder doch zumindest sehr \u00e4hnliche \u2013 Regeln f\u00fcr den Umgang mit der Neigung von uns Menschen einhalten, \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse zu leben. Das konnte bedeuten, dass alle Staaten einen gleicherma\u00dfen laxen oder dass alle einen gleicherma\u00dfen strikten Umgang damit pflegen w\u00fcrden. Die Deutschen, die Niederl\u00e4nder und einige andere wurden mit dem Versprechen f\u00fcr den Euro gewonnen, dass letzteres die Leitlinie sein sollte, und so kommt dies in der No-bail-out-Klausel, den Fiskalregeln von Maastricht, dem Statut der EZB und einigen anderen Regelungen in der Tat auch zum Ausdruck. Gleichwohl sind gerade die Deutschen gleich zu Anfang arg lax mit diesen Regeln umgegangen. Dann aber, als die Arbeitslosigkeit und die Sozialsysteme in Deutschland aus den Fugen zu geraten drohten, vollzog ausgerechnet Gerhard Schr\u00f6der mit der Agenda 2010 eine Kehrtwende. Seither laufen die Wirtschaftspolitiken in Europa auseinander, und die Folgen wurden im Nachgang der Subprime-Krise schonungslos offengelegt. Die folgende Abbildung zeigt Quartalsdaten eines Paneldatensatzes der elf urspr\u00fcnglichen Euro-L\u00e4nder plus Griechenland von 1999 bis 2012. Auf der horizontalen Achse ist ein Index der Lohnst\u00fcckkosten (1995=100) und auf der vertikalen Ache der Leistungsbilanzsaldo abgetragen, also im Wesentlichen die Differenz zwischen Exporten und Importen von G\u00fctern und Dienstleistungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/apol1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Lohnst\u00fcckkosten vs. Leistungsbilanz\" src=\"\/wordpress\/bilder\/apol1.png\" alt=\"Lohnst\u00fcckkosten vs. Leistungsbilanz\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Der Zusammenhang ist \u00fcberw\u00e4ltigend klar. Je h\u00f6her die Lohnst\u00fcckkosten in einem Euroland, desto kleiner ist sein Leistungsbilanz\u00fcberschuss (was f\u00fcr rund die H\u00e4lfte der F\u00e4lle bedeutet, dass das Leistungsbilanzdefizit gr\u00f6\u00dfer wird). Nimmt man die Daten von Luxemburg als einem Sonderfall mit Blick auf die Leistungsbilanz einmal heraus, so verschwindet der gr\u00f6\u00dfte Teil der grau hinterlegten Punktewolke rechts oberhalb der 100-Punkte-Marke der Lohnst\u00fcckkosten, so dass der Zusammenhang noch einmal deutlicher wird. Aber auch unter Einbezug den Daten Luxemburgs bleibt der Zusammenhang hochsignifikant. Selbst wenn man in einer Regression unbeobachtete L\u00e4nderspezifika (durch fixe L\u00e4ndereffekte) ber\u00fccksichtigt, dann sinkt der Leistungsbilanz\u00fcberschuss mit jedem Punkt Zunahme auf der Lohnst\u00fcckkostenskala um 0,53 Prozentpunkte. Das bedeutet, dass eine Zunahme der Lohnst\u00fcckkosten um zehn Indexpunkte den Leistungsbilanz\u00fcberschuss um 5,3 Prozentpunkte verringert. Der Zusammenhang ist hochsignifikant auf dem 1-Prozentniveau (t=-20.46 bei White-Standardfehlern) und erkl\u00e4rt 41 Prozent der gesamten Varianz in den Leistungsbilanzsalden (und immer noch 40 Prozent ohne Ber\u00fccksichtigung fixer L\u00e4ndereffekte).<\/p>\n<p>Nun streiten sich die Experten \u00fcber die Frage, inwieweit Lohnst\u00fcckkosten der zutreffende Indikator sind, weil letztere in Krisenzeiten durch Entlassungen abw\u00e4rts getrieben werden, wodurch der Zusammenhang verzerrt wird. Nimmt man daher den Preisindex des Bruttoinlandsprodukts als Ma\u00dfstab f\u00fcr die Produktionskosten eines Landes, so kommt man praktisch zum selben Ergebnis, wie die folgende Graphik zeigt. Hier sinkt der Leistungsbilanz\u00fcberschuss um 0,5 Prozentpunkte, wenn der Preisindex um einen Punkt ansteigt. Das Ganze ist unter Ber\u00fccksichtigung fixer L\u00e4ndereffekte ebenfalls auf dem 1-Prozentniveau hochsignifikant (t=-19,33) und erkl\u00e4rt knapp 35 Prozent der Gesamtvarianz.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/apol2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Preisniveau vs. Leistungsbilanz\" src=\"\/wordpress\/bilder\/apol2.png\" alt=\"Preisniveau vs. Leistungsbilanz\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Euro-Krise lag Griechenland bei 124 Prozent der Lohnst\u00fcckkosten Deutschlands, Spanien lag bei 131, Irland bei 122, Portugal bei 117 und Zypern bei 127. Unter solchen Bedingungen in Verbindung mit den gezeigten Effekten von Preis- und Kostensteigerungen auf die Leistungsbilanzsalden kann eine gemeinsame W\u00e4hrung auf Dauer nicht funktionieren, weil die unterschiedlichen Preis- und Kostenentwicklungen nicht mehr im Wege von Auf- und Abwertungen nationaler W\u00e4hrungen ausgeglichen werden k\u00f6nnen. Vielmehr sind wir zur\u00fcck in der oben beschriebenen Welt, in der mangelhafte Regelsysteme die Neigung von uns Menschen zum Leben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse den Raum geben, den sie braucht, um handfeste Verschuldungskrisen zu erzeugen \u2013 und genau das ist dann ja auch geschehen. Denn das Leben \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse spiegelt sich in den Nettoimporten der s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder wider, also in deren Leistungsbilanzdefiziten, weil diese ma\u00dfgeblich von Unterschieden in der Kosten- und Preisentwicklung getrieben werden \u2013 wie die Abbildungen zeigen.<sup><a id=\"anker1\" title=\"Zur Erl\u00e4uterung\" href=\"#fn1\">[1]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Und da spielt es zun\u00e4chst einmal keine Rolle, ob sich das alles \u00fcber Staatsverschuldung seinen Weg ebnet oder durch private Verschuldung auf sich aufbl\u00e4henden Finanz- und Immobilienm\u00e4rkten. Finanziert werden die Leistungsbilanzdefizite durch Sparer, die auf Konsum verzichten, die stattdessen ihr Geld \u2013 direkt oder indirekt \u00fcber das Finanzsystem \u2013 an Konsumenten in anderen L\u00e4ndern verleihen und die damit schlie\u00dflich einen spiegelbildlichen Leistungsbilanz\u00fcberschuss in ihren L\u00e4ndern erzeugen \u2013 oft genug in der Absicht, damit f\u00fcr ihre Alterseinkommen vorzusorgen und ebenso oft genug, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie das letzte Glied in einem Kettenbriefsystem sein k\u00f6nnten. Und gerade deshalb bleibt ein solches System genau solange vor dem Kollaps bewahrt, wie die Sparer glauben, dass sie mindestens den Barwert ihres angesparten Geldes zum geplanten Zeitpunkt wieder zur\u00fcckerhalten. Dabei spielt es wiederum keine Rolle, ob diese Geldgeber ihr Geld an private oder staatliche Stellen verliehen haben. Allein die Erwartung ist ma\u00dfgebend daf\u00fcr, welches Verm\u00f6gen die Menschen auf allen Seiten dieses Spiels zu haben glauben.<\/p>\n<p>In der Folge der Subprime-Krise wurden genau diese Erwartungen entt\u00e4uscht und mussten massiv nach unten korrigiert werden, weil \u00fcberall auf der Welt das Bruttoinlandsprodukt dramatisch fiel und weil damit die Schuldenquoten als Quotient aus Verschuldung und Bruttoinlandsprodukt anstiegen. So war die Subprime-Krise zwar nicht der Verursacher der Eurokrise, wohl aber der Funke, der das europ\u00e4ische Pulverfass entz\u00fcndete. Griechenland, das seine Schuldenquoten aufgrund des blasenhaften Wachstuns des BIP vor der Krise trotz rasanter Neuverschuldung ein Jahrzehnt lang bei 100 Prozent stabilisieren konnte, flog als erstem der betroffenen Euro-L\u00e4nder der Schuldenstand um die Ohren. Damit war die Krise offenbar, und die Erwartungen der Geldgeber waren ersch\u00fcttert; andere L\u00e4nder folgten und all-\u00fcberall mussten nun die Verluste aus der Abwertung von Finanzverm\u00f6gen verteilt werden. Verteilungsfragen sind immer konfliktgeladen, und wenn es um die Verteilung von Verlusten geht, h\u00f6rt meist die Freundschaft auf \u2013 so ist es leider folgerichtig, dass man mit einer gemeinsamen W\u00e4hrung bei auseinanderdriftenden Preis- und Kostenentwicklungen zun\u00e4chst die finanzielle Stabilit\u00e4t und in der Folge der zu verteilenden Verluste auch das friedliche Miteinander aufs Spiel setzt. Eine W\u00e4hrungsunion kann also bestenfalls unter genau spezifizierten Bedingungen zum friedlichen Miteinander beitragen, ansonsten hat sie leider das Potenzial f\u00fcr das ganze Gegenteil \u2013 das ist rein sachlich so, und deshalb hilft es wenig, wenn man die beschimpft, die darauf hinweisen.<\/p>\n<p>Werden diese Zusammenh\u00e4nge in \u00f6ffentlichen Diskussionen auseinandergelegt, so kann man sich eines bestimmten Einwandes fast schon sicher sein, und der lautet so: Wenn die Divergenz der Preis- und Kostenentwicklung bei Fehlen von Korrekturm\u00f6glichkeiten per Abwertung das Herzst\u00fcck der Probleme darstellt, dann h\u00e4tte es doch zwei M\u00f6glichkeiten gegeben: Entweder passten sich die L\u00e4nder mit den schneller steigenden Kosten und Preisen den anderen L\u00e4ndern an oder es passten sich die L\u00e4nder mit den weniger schnell steigenden Kosten und Preisen den anderen L\u00e4ndern an. W\u00e4re es demnach nicht besser gewesen, Deutschland h\u00e4tte sich den anderen L\u00e4ndern angepasst und seine L\u00f6hne und Kosten schneller steigen lassen? Mehr noch: Hat nicht gerade Deutschland mit seinen Arbeitsmarktreformen und seiner Lohnzur\u00fcckhaltung die divergierende Entwicklung \u00fcberhaupt erst ausgel\u00f6st? Hat Deutschland nicht damit auch interne Armutsprobleme erzeugt, die hier in Deutschland vielleicht gerade noch tragbar waren, in \u00e4rmeren L\u00e4ndern aber unzumutbar, so dass es diesen L\u00e4ndern unm\u00f6glich war, einer solchen Politik zu folgen?<\/p>\n<p>Das Argument hat eine gewisse Logik, denn f\u00fcr die Konvergenz der Preis- und Kostenentwicklung ist es zun\u00e4chst einmal egal, wer sich wem anpasst. Aber die weiteren Folgerungen aus dem Argument sind allesamt sachlich falsch, und dies erschlie\u00dft sich bereits durch einfache Anwendung dieser Logik selbst. Der Sinn einer expansiveren Preis- und Kostenentwicklung h\u00e4tte es sein m\u00fcssen, die Leistungsbilanzsalden zwischen den Eurol\u00e4ndern einzuebnen und damit die gegenseitige Verschuldung von vornherein zu verhindern. Sofern dies durch eine expansivere Lohn- und Kostenentwicklung in Deutschland gelungen w\u00e4re, dann h\u00e4tte dies schon viele Jahre zuvor einen R\u00fcckgang des Konsums in S\u00fcdeuropa erzwungen und damit ebenjene Reallohnsenkung vorweggenommen, die dort heute mangels Wechselkursanpassungen im Wege offener Preis- und Lohnsenkungen unter verst\u00e4ndlichem Unmut nachgeholt werden muss. Die Vorstellung, dass die s\u00fcdeurop\u00e4ischen Besch\u00e4ftigten bei einer expansiveren Lohnpolitik Deutschlands ein h\u00f6heres Reallohnniveau h\u00e4tten halten k\u00f6nnen und dass ganz nebenbei die deutschen Besch\u00e4ftigten ebenfalls h\u00f6here Reall\u00f6hne h\u00e4tten genie\u00dfen k\u00f6nnen, ist also sprichw\u00f6rtlich zu sch\u00f6n, um wahr zu sein \u2013 sie ist Teil einer Geschichte aus dem Schlaraffenland, in dem wir aber bekanntlich nicht leben. Auch in diesem Falle w\u00e4re es vielmehr zu einer Korrektur der Tendenz zum Leben \u00fcber die eigenen Verh\u00e4ltnisse gekommen, nur h\u00e4tte diese Korrektur gleich zu Beginn eingesetzt.<\/p>\n<p>Aber h\u00e4tten dann nicht zumindest die deutschen Besch\u00e4ftigten ein h\u00f6heres Reallohnniveau genie\u00dfen k\u00f6nnen? W\u00e4re es nicht weiterhin so gewesen, dass sich erst gar keine Leistungsbilanzsalden und damit auch keine Verschuldungsprobleme entwickelt h\u00e4tten, weil die schuldenfinanzierten G\u00fcterstr\u00f6me von vornherein nicht nach S\u00fcdeuropa geflossen w\u00e4ren? H\u00e4tten diese G\u00fcter dann nicht hier in Deutschland zur Verf\u00fcgung gestanden und mit ebenjenen h\u00f6heren Reall\u00f6hnen von den deutschen Arbeitnehmern gekauft werden k\u00f6nnen, welche der expansiveren Lohnpolitik gefolgt w\u00e4re? H\u00e4tte auf diesem Wege nicht die \u2013 so ziemlich genau mit dem Start der W\u00e4hrungsunion 1999 einsetzende \u2013 Stagnation des Konsums in Deutschland von Beginn an vermieden werden k\u00f6nnen? Leider sind auch diese Folgerungen vordergr\u00fcndig so einleuchtend wie sie sich bei n\u00e4herer Betrachtung als Geschichten aus dem Schlaraffenland entpuppen; denn sie ruhen allesamt auf einem einzigen Trugschluss. Um diesen zu sehen, muss man sich nur noch einmal die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Arbeitsmarktreformen der Schr\u00f6der-Regierung vor Augen f\u00fchren: Dies war vor allem einmal die hohe Arbeitslosigkeit. H\u00e4tte man mit dieser Hypothek eine Politik der Lohnsteigerungen in die Wege geleitet und auf die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 verzichtet, dann w\u00e4re die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter angestiegen und die Produktion w\u00e4re gesunken. Dann w\u00e4ren die G\u00fcter zwar ebenfalls nicht nach S\u00fcdeuropa geflossen und deren Finanzierung h\u00e4tte demnach auch keine Verschuldungskrise ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Aber hier in Deutschland h\u00e4tten sie nun ebenfalls nicht mehr zur Verf\u00fcgung gestanden, und zwar aus einem einfachen Grunde: Sie w\u00e4ren gar nicht entstanden, weil die dazu n\u00f6tigen Arbeitskr\u00e4fte keinen Job mehr gehabt h\u00e4tten, so wie es heute in den Krisenstaaten S\u00fcdeuropas ebenfalls der Fall ist.<\/p>\n<p>Die nun durch die Krise offengelegten Strukturprobleme in S\u00fcdeuropa mitsamt der hohen Arbeitslosigkeit und der Perspektivlosigkeit der jungen Menschen h\u00e4tten wir hingegen in Deutschland und anderen L\u00e4ndern ebenfalls, und damit w\u00e4re schlie\u00dflich niemandem geholfen. Das ist der Grund, warum es richtig war, die Arbeitsm\u00e4rkte in Deutschland zu reformieren und eine moderate Lohnpolitik zu betreiben. Es war also nicht egal, welche L\u00e4ndergruppe sich welcher anderen L\u00e4ndergruppe anpasst. Allerdings: Die Kombination der Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 mit der laxen Handhabung der Maastrichter Fiskalregeln durch den ehemaligen Bundeskanzler Schr\u00f6der r\u00e4cht sich heute bitter, weil die auf diesem Wege sturmreif geschossenen Regeln des Maastrichter Vertrags als Einladung verstanden werden mussten, innerhalb der W\u00e4hrungsunion sehr unterschiedliche Stabilit\u00e4tspolitiken zu betreiben.<\/p>\n<p>Wollen wir die W\u00e4hrungsunion vor dem Auseinanderfallen bewahren, dann m\u00fcssen wir zu gemeinsamen Grundregeln \u00fcber den Umgang mit der Neigung von uns Menschen zum Leben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse finden. Das k\u00f6nnen wie gesagt gemeinsame laxe oder gemeinsame strikte Regeln sein. Wenn wir aber nicht nur eine W\u00e4hrungsunion, sondern eine prosperierende und finanziell nachhaltige W\u00e4hrungsunion sein wollen, die ihren Kindern eine Zukunft bei niedriger Arbeitslosigkeit in Aussicht stellt, dann brauchen wir gemeinsame strikte Regeln. Freilich ist es das Recht eines jeden Souver\u00e4ns, hier\u00fcber andere Auffassungen zur Geltung zu bringen. Im Rahmen einer W\u00e4hrungsunion ist es aber nicht m\u00f6glich, hier strikten und dort laxen Regeln zu folgen. Denn dies w\u00fcrde immer neue Krisen erzeugen, und es w\u00fcrde die Bereinigung der Krisen immer wieder massive Konflikte \u00fcber die Verteilung der Verm\u00f6gensverluste ausl\u00f6sen, von deren Symptomen die sich derzeit wieder h\u00e4ufenden Bilder deutscher Oberlippenb\u00e4rtchen nur ein unappetitlicher Vorbote ist. Daher kann man es kaum eindringlich genug formulieren: Wenn wir es nicht schaffen, uns auf verbindliche Regeln \u00fcber den Umgang mit der Neigung von uns Menschen zum Leben \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse zu einigen, dann gibt es fast nichts, was dem europ\u00e4ischen Gedanken so abtr\u00e4glich ist wie eine W\u00e4hrungsunion. Das muss jedem \u00fcberzeugten Europ\u00e4er derzeit tiefen Anlass zur Sorge geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li id=\"fn1\"><a href=\"#anker1\">[1]<\/a>Wenn ein negativer Leistungsbilanzsaldo nicht durch verzerrte Preis- und Kostenentwicklungen, sondern von einem langfristigen Kapitalzufluss angetrieben wird \u2013 zum Beispiel durch Direktinvestitionen, mit denen neue Produktionsst\u00e4tten aufgebaut werden \u2013, dann kann das durchaus ein Symptom einer erfolgreichen Entwicklungsstrategie sein. Aber ein solcher Fall liegt im Euroraum nicht vor.<\/li>\n<\/ul>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Griechenland stieg 2007 mit einer Verschuldungsquote von gut 107 Prozent in die Finanzmarktkrise ein, Italien mit \u00fcber 103 Prozent. 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