{"id":12429,"date":"2013-05-11T00:01:15","date_gmt":"2013-05-10T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12429"},"modified":"2013-05-11T05:39:32","modified_gmt":"2013-05-11T04:39:32","slug":"gastbeitragprognos-studie-kann-negative-folgen-einer-ruckkehr-zur-d-mark-nicht-belegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12429","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag<\/small><br>Bertelsmann-Prognos-Studie kann negative Folgen einer R\u00fcckkehr zur D-Mark nicht belegen"},"content":{"rendered":"<p>Ende April erschien eine von Prognos erstellte Studie<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> mit dem Titel \u201eWirtschaftliche Vorteile der Euro-Mitgliedschaft f\u00fcr Deutschland\u201c. Demnach profitiere Deutschland \u201ein erheblichem Ma\u00dfe\u201c vom Euro, selbst wenn bis zu 60% der Forderungen gegen\u00fcber den vier s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenl\u00e4ndern Griechenland, Portugal, Spanien und Italien abgeschrieben werden m\u00fcssten. \u201eEine R\u00fcckkehr zur D-Mark w\u00fcrde erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. Die Deutschen w\u00fcrden Einkommen und Arbeitspl\u00e4tze verlieren\u201c, hei\u00dft es dazu in einer Presseerkl\u00e4rung. Im Einzelnen wird ein langfristig um 0,5 Prozentpunkte niedrigeres Wachstum des BIP prognostiziert, verbunden mit dem Verlust von 200.000 Arbeitspl\u00e4tzen. Dagegen ergebe sich bei Beibehaltung des Euro ein \u201eGewinn\u201c von fast 1,2 Billionen Euro (aufaddiert f\u00fcr die Jahre 2013 bis 2025). Werde dieser Betrag auf alle Bundesb\u00fcrger verteilt, so hei\u00dft es weiter, ergebe dies f\u00fcr den Fall eines Euroaustritts \u201eeinen kumulierten Einkommensverlust von 14.000 Euro pro Bundesb\u00fcrger\u201c.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Und weiter: \u201eVerlie\u00dfe Deutschland den Euro, w\u00fcrde die W\u00e4hrungsunion mit hoher Wahrscheinlichkeit vollst\u00e4ndig zusammenbrechen. Die Folgen w\u00e4ren unkalkulierbar.\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit haben diese Aussagen hohe Aufmerksamkeit erfahren. Sie sind auch f\u00fcr den Bundestagswahlkampf von hoher Relevanz, denn es gibt mit der Alternative f\u00fcr Deutschland zumindest eine ernstzunehmende Partei, welche sich explizit f\u00fcr eine geordnete Aufl\u00f6sung des Euroraums ausspricht. Im Folgenden wird gepr\u00fcft, inwieweit sich f\u00fcr die oben zitierten Thesen tats\u00e4chlich Belege in der Studie finden und wie die wissenschaftliche Vorgehensweise einzusch\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Berechnungsmodell ist nicht dokumentiert<\/strong><\/p>\n<p>Es handelt sich hier um kein umfassendes Gutachten, sondern um eine lediglich 40 Seiten umfassende \u201eKurzstudie\u201c, die zudem nur Ergebnisse, aber keine detaillierten Angaben zu den Berechnungsmethoden enth\u00e4lt. Die zentralen Ergebnisse wurden mithilfe eines Prognos-eigenen, sogenannten VIEW-Modells ermittelt. Dazu wird lediglich mitgeteilt, es handele sich um ein \u201eumfassendes makro\u00f6konomisches Modell, das 42 L\u00e4nder und damit 90 Prozent der Weltwirtschaft\u201c abdecke. Zur Konstruktion und den Wirkungsmechanismen im Einzelnen erf\u00e4hrt man nur so viel: \u201eEs behandelt neben der Entstehung und Verwendung der produzierten G\u00fcter und Dienstleistungen auch den Arbeitsmarkt und die \u00f6ffentlichen Finanzen und verbindet dabei alle beteiligten L\u00e4nder systematisch \u00fcber Exporte, Importe, Wechselkurse etc. miteinander\u201c.<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Weder im Quellenverzeichnis noch im Text noch auf der Prognos-website finden sich n\u00e4here Angaben zu diesem VIEW-Modell. Es handelt sich insoweit bei dem zentralen Baustein der Studie um eine Black Box, die keiner wissenschaftlichen Beurteilung zug\u00e4nglich ist. Es ist auch nicht erkennbar, ob das Modell \u00fcberwiegend auf keynesianischen Multiplikatoren beruht oder ob es auch angebots- und zahlungsbilanztheoretische Zusammenh\u00e4nge wie die Substituierbarkeit von Exporten durch inl\u00e4ndische Investitionen enth\u00e4lt, obwohl dies f\u00fcr die Beurteilung der Ergebnisse von entscheidender Bedeutung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Folgen einer R\u00fcckkehr zur D-Mark werden gar nicht behandelt<\/strong><\/p>\n<p>Es stellt sich zudem bei n\u00e4herer Lekt\u00fcre heraus, dass die Studie die Folgen einer R\u00fcckkehr zur D-Mark ausdr\u00fccklich gar nicht behandelt.<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> \u00c2\u00a0Dazu hei\u00dft es vielmehr, diese k\u00f6nnten \u201enicht seri\u00f6s gesch\u00e4tzt\u201c werden, da es dann \u201emit hoher Wahrscheinlichkeit\u201c zu einem Zusammenbruch des Eurosystems insgesamt komme mit \u201eunkalkulierbar(en)\u201c Folgen.<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> \u00c2\u00a0Keine dieser Aussagen wird belegt, weder mit eigenen Berechnungen noch mit Verweis auf andere Studien. Es handelt sich mithin um reine Mutma\u00dfungen, die keinen Zusammenhang mit dem eigentlichen Inhalt der Studie haben. Dieser bezieht sich n\u00e4mlich ausdr\u00fccklich nur auf die langfristigen Vorteile des Euro f\u00fcr Deutschland, und zwar f\u00fcr den Zeitraum bis 2025. Problematisch ist dabei die Verwendung des doppeldeutigen Begriffs \u201eunkalkulierbar\u201c, der sowohl \u201eimmens hoch\u201c als auch \u201enicht seri\u00f6s berechenbar\u201c bedeuten kann. W\u00e4hrend sich die Autoren der Studie offenbar auf die zweite Interpretation beziehen, ist in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcberwiegend die erste Interpretation angekommen, mit erheblichem Effekt auf die politische Diskussion.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Teilweise nicht nachvollziehbare Berechnung der Vorteile des Euro<\/strong><\/p>\n<p>Was die Studie tats\u00e4chlich behandelt, sind zwei Langfristszenarien, das eine mit Beibehaltung des Euro, das andere unter der Hypothese, dass es den Euro gar nicht gebe. Die Verfasser beziehen sich hier methodisch und inhaltlich ausdr\u00fccklich auf entsprechende Untersuchungen u.a. des BDI und des Sachverst\u00e4ndigenrates, welche <em>vor <\/em>Einf\u00fchrung des Euro erstellt wurden. Dabei stellen sie drei Vorteile einer gemeinsamen W\u00e4hrung in den Vordergrund:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Euro senkt die Transaktionskosten f\u00fcr Verbraucher und Unternehmen, da die Kosten und M\u00fchen der W\u00e4hrungsumrechnung innerhalb des Euroraums entfallen. Dieser ohne weiteres plausible und jedermann einsichtige Effekt wird unter Bezugnahme auf \u00e4ltere Studien mit 0,5% des BIP bzw. 12 Mrd. \u20ac pro im Jahr 2013 angesetzt. Das mag in der Gr\u00f6\u00dfenordnung plausibel sein, ergibt sich aber nicht aus eigenen Berechnungen, sondern geht als reine Setzung in das Modell ein.<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/li>\n<li>Als zweiten Vorteil nennen die Autoren den vermutlich geringeren Wechselkurs des Euro gegen\u00fcber anderen W\u00e4hrungen, verglichen mit der D-Mark. Erwartet wird eine reale Aufwertung der D-Mark um 23%, w\u00e4hrend f\u00fcr den Euro eine reale Abwertung von 7% angenommen wird. Mithin werde der deutsche Export durch den Euro beg\u00fcnstigt, und dies scheint auch der wesentliche Wirkungskanal zu sein, der dann im VIEW-Modell zu den erw\u00e4hnten Wachstums- und Arbeitsplatzeffekten f\u00fchrt. Wie weiter unten zu zeigen sein wird, wird dabei aber zum einen der Aufwertungseffekt der D-Mark in nicht nachvollziehbarer H\u00f6he abgeleitet. Zum anderen und vor allem aber wird nicht ber\u00fccksichtigt, dass eine R\u00fcckf\u00fchrung der deutschen Export\u00fcbersch\u00fcsse sowohl aus deutscher Sicht als auch aus Sicht der Defizitl\u00e4nder durchaus erw\u00fcnscht w\u00e4re (und ja auch politisch vehement von letzteren eingefordert wird).<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a><\/li>\n<li>Ein dritter Vorteil der W\u00e4hrungsunion wird darin gesehen, dass die internationale Preistransparenz und Wettbewerbsintensit\u00e4t dadurch steige. Das ist aber ein quantitativ schwer zu ermittelnder und wahrscheinlich minder bedeutsamer Effekt, zumal den h\u00f6heren Konsumentenpreisen entsprechende Mehreinnahmen der Unternehmen gegen\u00fcberstehen. Es ist den Autoren zwar zuzustimmen, dass unter dem Strich daraus ein volkswirtschaftlicher Nachteil verbleibt. Der Preissteigerungseffekt wird aber im Modell offenbar gar nicht berechnet, sondern ist durch einfache Setzung eines Preisaufschlages bzw. mark-ups (in nicht genannter H\u00f6he) von au\u00dfen eingef\u00fcgt worden.<a title=\"\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Erg\u00e4nzend wird noch (in nur einem Satz und ohne Berechnung) die These aufgestellt, eine (reale) Aufwertung der wiedereingef\u00fchrten D-Mark f\u00fchre zu Verlusten bei den in Euro nominierten Auslandsverm\u00f6gen der Deutschen.<a title=\"\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a> \u00c2\u00a0Das ist jedoch ein Denkfehler, da es nur auf den Wert der Auslandsforderungen in realen G\u00fctereinheiten ankommt. Dieser aber bleibt bei einer realen Aufwertung der D-Mark unver\u00e4ndert, so dass dieses Argument zu Recht offenbar keinen weiteren Eingang in die Berechnungen der Prognos-AG (wohl aber \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit) gefunden hat.<a title=\"\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Insgesamt werden die Vorteile der gemeinsamen W\u00e4hrung in der Studie zwar qualitativ \u00fcberwiegend zutreffend beschrieben. Die Quantifizierung beruht jedoch mit Ausnahme der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringen Transaktionskostenersparnisse \u00fcberwiegend auf nicht nachvollziehbaren Setzungen. So wird der erwartete (langfristige!) Aufwertungseffekt der D-Mark wie folgt abgeleitet:<a title=\"\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a><\/p>\n<p><em>\u201eZur Absch\u00e4tzung des hypothetischen Wechselkurses einer heutigen D-Mark greifen wir auf die historische Entwicklung des realen Wechselkurses seit 1999 zur\u00fcck. Seit Einf\u00fchrung der Gemeinschaftsw\u00e4hrung fiel der reale Wechselkurs Deutschlands um 23 Prozent. Der reale Wechselkurs des \u00fcbrigen Euro-Raums als Aggregat wertete hingegen um sieben Prozent auf. W\u00fcrde eine eigene deutsche W\u00e4hrung entsprechend aufwerten und der Euro (ohne Deutschland) entsprechend abwerten, w\u00e4re das reale Wechselkurs-Niveau von 1999 wieder erreicht.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Hier wird also einfach die Preisniveauentwicklung von Deutschland bzw. dem \u00fcbrigen Euroraum seit 1999 als Prognose f\u00fcr die vermutete reale D-Mark-Aufwertung genommen. Abgesehen davon, dass daf\u00fcr keinerlei n\u00e4here Begr\u00fcndung oder \u00f6konometrische Berechnung geliefert wird, ist das Vorgehen auch theoretisch wenig sinnvoll. Denn der <em>reale <\/em>Wechselkurs beschreibt ja gerade solche Aufwertungen, die <em>nicht <\/em>auf Inflationsdifferenzen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Zwar kann man f\u00fcr eine pl\u00f6tzliche R\u00fcckkehr zur D-Mark durchaus ein erhebliches \u00dcberschie\u00dfen ihres Wechselkurses gegen\u00fcber den Inflationsdifferenzen vermuten. Aber dieser Effekt m\u00fcsste v\u00f6llig anders abgesch\u00e4tzt werden und steht zudem hier gar nicht zur Debatte, da es in der Studie ja gerade um langfristige Wirkungen gehen soll. Damit ist die zentrale Annahme f\u00fcr die Prognos-Berechnungen unmotiviert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Vernachl\u00e4ssigung zentraler zahlungsbilanztheoretischer Zusammenh\u00e4nge<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, resultieren die behaupteten Wachstumseinbu\u00dfen von 0,5 Prozentpunkten pro Jahr (nicht zu verwechseln mit dem Einmaleffekt der Transaktionskosten in gleicher H\u00f6he) offenbar haupts\u00e4chlich aus Exportr\u00fcckg\u00e4ngen infolge einer aufwertenden D-Mark. Die Autoren erw\u00e4hnen zwar die berechtigte Kritik von Sinn an dieser Sichtweise, dass n\u00e4mlich die Finanzierung von Export\u00fcbersch\u00fcssen inl\u00e4ndisches Kapital bindet, welches ebenso gut in Inlandsinvestitionen flie\u00dfen k\u00f6nnte und vielleicht sogar sollte. Dann k\u00e4me es aber keineswegs zwangsl\u00e4ufig zu Arbeitsplatzverlusten, das Inland w\u00fcrde vielmehr die von ihm produzierten G\u00fcter vermehrt selbst verbrauchen und wohlstandsm\u00e4\u00dfig im Zweifel dabei sogar besser stehen, als wenn es diese gegen blo\u00dfe Targetsalden quasi ohne reale Gegenleistung exportiert.<a title=\"\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a> \u00c2\u00a0Zudem weist Sinn v\u00f6llig zu Recht auf den wohlfahrtssteigernden Effekt sinkender Importpreise im Falle einer realen Aufwertung hin.<\/p>\n<p>Die Verfasser zitieren zwar diese Kritik, relativieren sie aber sofort als wissenschaftlich umstritten, wobei als einziger Beleg daf\u00fcr eine Publikation des gewerkschaftsnahen Instituts f\u00fcr Makro\u00f6konomie und Konjunkturforschung angef\u00fchrt wird.<a title=\"\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a> Vor allem aber hat der von Sinn v\u00f6llig zu Recht in die Diskussion gebrachte Zusammenhang offenbar keine Ber\u00fccksichtigung in den Berechnungen des VIEW-Modells gefunden, obwohl er keineswegs umstritten ist, sondern zum volkswirtschaftlichen Grundwissen geh\u00f6rt.<a title=\"\" href=\"#_ftn15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigt wird lediglich ein anderer Effekt zugunsten der D-Mark, n\u00e4mlich das dann vermutlich niedrigere Zinsniveau in Deutschland gegen\u00fcber dem Euro-Szenario. Dieser Effekt f\u00fchrt sogar zu einem kurzfristigen Wachstumsschub im VIEW-Modell, tritt dann aber zugunsten der negativen Wirkungen des Exportr\u00fcckgangs stark zur\u00fcck. Warum das so ist und welche Vorg\u00e4nge sich in dieser zentralen Frage im VIEW-Modell abspielen, bleibt leider unerl\u00e4utert. Ebenso werden keinerlei Sensitivit\u00e4tsrechnungen vorgelegt, man erf\u00e4hrt buchst\u00e4blich nichts \u00fcber die im Modell verwendeten Gleichungen, Parameter und Wirkungskan\u00e4le, geschweige denn \u00fcber die Empfindlichkeit der Ergebnisse bez\u00fcglich eventueller Variationen. Angesichts der politischen Bedeutung der Ergebnisse sind das unverzeihliche Vers\u00e4umnisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Verwechslung von Brutto und Netto, Umsatz und Gewinn<\/strong><\/p>\n<p>In mehrfacher Hinsicht fehlerhaft ist auch die Berechnung der Vorteile, welche sich nach der Studie f\u00fcr den einzelnen B\u00fcrger aus dem Euro ergeben sollen. So wird f\u00fcr das Prognoseendjahr 2013 ein um rd. 2.200 \u20ac h\u00f6heres Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ausgewiesen als im D-Mark-Fall. Kommentiert wird dies wie folgt:<a title=\"\" href=\"#_ftn16\">[16]<\/a><\/p>\n<p><em>\u201eIm Jahr 2025 stehen einem durchschnittlichen Bundesb\u00fcrger in der Basisprognose im Durchschnitt rund 2.200 Euro mehr an j\u00e4hrlichem Einkommen zur Verf\u00fcgung als im D-Mark-Szenario\u201c <\/em><\/p>\n<p>Hier wird zum einen brutto mit netto und zum anderen Produktion mit Verf\u00fcgbarem Einkommen verwechselt. Denn das BIP gibt lediglich die inl\u00e4ndische Bruttoproduktion (d.h. vor Abschreibungen) an und nicht das verf\u00fcgbare Einkommen, schon gar nicht das der Privaten Haushalte. Ein Blick in das Rechenwerk der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zeigt, dass z.B. f\u00fcr 2012 dem BIP in H\u00f6he von 2.644 \u20ac ein Verf\u00fcgbares Einkommen der Privaten Haushalte von nur 1.697 (= 64% des BIP) gegen\u00fcbersteht, das Verf\u00fcgbare Einkommen der Gesamtwirtschaft betrug 2.262 \u20ac (=86% des BIP). Daher w\u00e4ren die ausgewiesenen Einkommensvorteile, sofern sie denn \u00fcberhaupt existieren, entsprechend zu k\u00fcrzen gewesen. Dar\u00fcber hinaus ist die Rechnung aber auch deswegen schief, weil f\u00fcr diese Einkommenszuw\u00e4chse ja auch gearbeitet und gespart werden muss. Sie k\u00f6nnen also z.B. nicht einfach gegen die Verluste aufgerechnet werden, welche aus Forderungsausf\u00e4llen gegen\u00fcber den Probleml\u00e4ndern oder aus der Entwertung von Ersparnissen durch finanzielle Repression infolge der aktuellen Niedrigzinspolitik resultieren. Einfach ausgedr\u00fcckt: Wenn der deutsche B\u00e4cker 1000.- \u20ac seines Verm\u00f6gens f\u00fcr die Rettung von Griechenland verliert, wird dies nicht schon dadurch kompensiert, dass er dann vielleicht auch f\u00fcr 1000 \u20ac mehr Br\u00f6tchen an griechische Kunden verkaufen kann.<\/p>\n<p>Es kommt hinzu, dass die errechneten Einkommenszuw\u00e4chse \u00fcberwiegend erst in k\u00fcnftigen Jahren anfallen und dementsprechend abgezinst werden m\u00fcssen. In der Studie findet sich aber kein Hinweis darauf, dass eine Abdiskontierung erfolgt w\u00e4re. Das hat erheblichen Einfluss auf die Gr\u00f6\u00dfenordnungen. So sind die f\u00fcr 2025 genannten 2.200 \u20ac pro Bundesb\u00fcrger selbst bei vorsichtiger Abzinsung mit lediglich 3% pro Jahr aus heutiger Sicht nur mit 1543 \u20ac bzw. rd. 70% ihres Nominalwertes anzusetzen.<\/p>\n<p>Insgesamt sind schon alleine diese handwerklichen Fehler ausreichend, um die in der Studie angegebenen Zahlenangaben zu disqualifizieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Nicht-Ber\u00fccksichtigung zentraler Nachteile des Euro<\/strong><\/p>\n<p>Die Prognos-Studie stellt den behaupteten Vorteilen des Euro auch einige vermeintliche Nachteile gegen\u00fcber. Insbesondere wird ein Schuldenschnitt von 60% f\u00fcr die privaten und \u00f6ffentlichen Forderungen der vier Problem-Eurol\u00e4nder Griechenland, Portugal, Spanien und Italien angenommen und berechnet, was zu entsprechenden Abschreibungen der deutschen privaten und \u00f6ffentlichen Gl\u00e4ubiger f\u00fchre. Diese Abschreibungen werden dann aber nicht als Verm\u00f6gensverlust von den \u201eWachstumsgewinnen\u201c aufgrund des Euro abgezogen, sondern es werden lediglich ihre indirekten Wirkungen auf das Wirtschaftswachstum ber\u00fccksichtigt.<a title=\"\" href=\"#_ftn17\">[17]<\/a> Diese sind ausweislich der Berechnungen vernachl\u00e4ssigbar gering und relativieren daher kaum die positiven Wirkungen eines Verbleibs im Euroraum.<\/p>\n<p>Dieses Vorgehen ist aus mehreren Gr\u00fcnden fehlerhaft:<\/p>\n<ul>\n<li>Einerseits m\u00fcsste man Abschreibungen auf Auslandsforderungen, wenn man sie als Kosten des Euro interpretiert, nicht nur mit ihren Wachstumswirkungen, sondern mit dem vollen Abschreibungsbetrag in Ansatz bringen, denn es handelt sich um reale Verm\u00f6gensverluste.<\/li>\n<li>Andererseits fallen diese Abschreibungen aber auch dann an, wenn Deutschland zur D-Mark zur\u00fcckkehrt, so dass sie eigentlich wenig mit der in der Studie behandelten Frage zu tun haben.<\/li>\n<li>Allerdings w\u00e4re es ohne den Euro und die damit verbundenen, billigen Verschuldungsm\u00f6glichkeiten der fr\u00fcheren Schwachw\u00e4hrungsl\u00e4nder vermutlich gar nicht zu der Staatsschuldenkrise in Europa gekommen. Die R\u00fcckkehr zur D-Mark kann an dem bereits eingetretenen Schaden zwar nichts mehr \u00e4ndern, wohl aber zuk\u00fcnftige Sch\u00e4den zumindest f\u00fcr Deutschland begrenzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die wichtigsten \u00f6konomischen Argumente der Bef\u00fcrwortet einer R\u00fcckkehr zur D-Mark werden in der Prognos-Studie dagegen gar nicht behandelt:<\/p>\n<ul>\n<li>Insbesondere g\u00e4be eine eigene W\u00e4hrung der Deutschen Bundesbank die Kontrolle \u00fcber die deutschen Zinsen und die deutsche Inflationsrate zur\u00fcck.<\/li>\n<li>Der Kauf deutscher Produkte durch andere L\u00e4nder mit inflation\u00e4r vermehrten Euro im Austausch gegen marode Schuldpapiere w\u00e4re nicht mehr m\u00f6glich.<\/li>\n<li>Die schleichende Enteignung der Sparer durch k\u00fcnstlich erzeugte Niedrigzinsen, welche nicht einmal die Inflationsrate kompensieren, h\u00e4tte zumindest in Deutschland ein Ende.<\/li>\n<li>Der Gefahr eines deutlichen Anstiegs der Inflationsrate aufgrund der aufgebl\u00e4hten Euro-Geldmenge k\u00f6nnte durch Wiedereinf\u00fchrung der D-Mark entgegengewirkt werden.<\/li>\n<li>Die Erpressbarkeit Deutschlands f\u00fcr immer neue Rettungsaktionen \u00fcber ESM, EFSF und EZB w\u00fcrde abnehmen.<\/li>\n<li>Der Weg f\u00fcr andere Eurol\u00e4nder, durch Einf\u00fchrung eigener Parallelw\u00e4hrungen wieder wettbewerbsf\u00e4higer zu werden, w\u00fcrde erleichtert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch auf die wichtige Frage, wie denn eine R\u00fcckkehr zur D-Mark konkret \u00fcberhaupt aussehen k\u00f6nnte, geht die Studie nicht ein. So ist es sicher ein gro\u00dfer Unterschied, ob ein solcher Schritt abrupt oder verteilt \u00fcber viele Jahre erfolgen w\u00fcrde, etwa durch Einf\u00fchrung der D-Mark zun\u00e4chst als Parallelw\u00e4hrung, wie es verschiedentlich vorgeschlagen wird. Man kann hier der Studie zugutehalten, dass sie ja explizit gerade nicht die \u00dcbergangsprobleme behandeln will. Damit geht sie aber auch gezielt an den wirklich entscheidenden Fragen vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die vorliegende Studie ist aus mehreren Gr\u00fcnden nicht geeignet, zur Diskussion um die R\u00fcckkehr zur D-Mark Relevantes beizutragen. Zum einen hat sie eine solche R\u00fcckkehr gar nicht zum Inhalt, sondern beschr\u00e4nkt sich ausdr\u00fccklich auf eine allgemeine Berechnung der langfristigen Vorteile der gemeinsamen W\u00e4hrung in Europa. Zum zweiten sind diese Vorteile nicht in wissenschaftlich nachvollziehbarer Weise dokumentiert, sondern beruhen entweder auf reinen Setzungen oder auf von au\u00dfen nicht nachvollziehbaren Berechnungen eines undokumentierten makro\u00f6konomischen Modells. Zum dritten werden die dabei angenommenen Wirkungskan\u00e4le weder genannt noch kritisch diskutiert. Sie beruhen offensichtlich auf einem recht kruden keynesianischen Denken, das zentrale Zahlungsbilanzzusammenh\u00e4nge negiert. Zum vierten gibt es keine Sensitivit\u00e4tsberechnungen, keine Dokumentation der verwendeten Gleichungen und Parameter und mithin auch keine M\u00f6glichkeit, die Ergebnisse des verwendeten Modells wissenschaftlich zu \u00fcberpr\u00fcfen oder auch nur gedanklich nachzuvollziehen. Hinzu kommen handwerkliche Fehler wie die Verwechslung von Bruttoinlandsprodukt und Verf\u00fcgbarem Einkommen und das Vers\u00e4umnis, k\u00fcnftige Ertr\u00e4ge abzuzinsen.<\/p>\n<p>Insgesamt vermittelt die Studie den Eindruck, mit zu hei\u00dfer Nadel gestrickt worden zu sein. Das ist umso bedauerlicher, als ihre publizistische und politische Resonanz betr\u00e4chtlich gewesen ist.<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Bertelsmann Stiftung (Hg.), Vorteile Deutschlands durch die W\u00e4hrungsunion. Szenarienrechnungen bis zum Jahr 2025. In der Studie selbst tritt die Prognos AG als Ersteller nicht auf, sie wurde jedoch dem Impressum zufolge von drei Prognos-Mitarbeitern erstellt und auch in der \u00d6ffentlichkeit als Prognos-Studie wahrgenommen. I.f. wird sie als \u201eStudie\u201c zitiert.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hg.), Wirtschaftliche Vorteile der Euro-Mitgliedschaft f\u00fcr Deutschland. Policy Brief 2013\/01 (i.f. zitiert als Policy Brief), S.1.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Vgl. Studie, a.a.O., S.4<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Bertelsmann Stiftung, Vorteile Deutschlands durch die W\u00e4hrungsunion,. Szenarienrechnungen bis zum Jahr 2025, (i.f. zitiert als Studie), o.O. o.Jg. , S. 8.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Darauf wird sowohl in der Studie (S. 4) als auch im Policy Brief (S.3) zwar ausdr\u00fccklich hingewiesen, es ist aber in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung \u00fcberwiegend nicht angekommen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Studie, S. 4<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Studie, S.10.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Vgl. dazu auch Teil II dieses Beitrags.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Studie, S.10.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Studie, S.11.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Den Zusammenhang verdeutlicht folgendes Beispiel: Anfangs sei 1 DM = 1 Euro, dann werte die D-Mark um 25% auf, d.h. 100 \u20ac nominales Auslandsverm\u00f6gen sind nur noch 80 DM wert. Da es sich um eine reale, d.h. nicht durch Inflationsdifferenzen bewirkte Aufwertung handeln soll, kann man aber f\u00fcr 80 DM immer noch die gleiche G\u00fctermenge kaufen wie f\u00fcr 100 \u20ac. Es ist also durch die Aufwertung kein realer Verlust eingetreten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Studie, S.11.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Vgl. z.B. H.W. Sinn, Sonderausgabe Euro-Krise, ifo Schnelldienst 63 (10), 2010, siehe <a href=\"www.cesifo-group.de\/portal\/pls\/portal\/docs\/1\/1193770.PDF\">hier<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a> Studie, S.11.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a> Vgl. auch das einfache formale Au\u00dfenwirtschaftsmodell im zweiten Teil des vorliegenden Beitrags.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a> Vgl. Studie, S. 23<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a> Vgl. Studie, S. 27<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Hinweis<\/strong><\/p>\n<p>Den vollst\u00e4ndigen Text finden Sie in der Serie &#8222;Beitr\u00e4ge zur angewandten Wirtschaftsforschung&#8220; des <a href=\"http:\/\/www.cawm.de\/\">CAWM<\/a><\/p>\n<p>VAN SUNTUM, U. (2013): Prognos-Studie kann negative Folgen einer R\u00fcckkehr zur D-Mark nicht belegen, <em>Beitr\u00e4ge zur angewandten Wirtschaftsforschung<\/em> Nr. 35, Centrum f\u00fcr angewandte Wirtschaftsforschung M\u00fcnster.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende April erschien eine von Prognos erstellte Studie[1] mit dem Titel \u201eWirtschaftliche Vorteile der Euro-Mitgliedschaft f\u00fcr Deutschland\u201c. 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