{"id":12560,"date":"2013-06-21T00:01:23","date_gmt":"2013-06-20T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560"},"modified":"2013-06-19T15:05:56","modified_gmt":"2013-06-19T14:05:56","slug":"wie-weit-tragt-ethisch-motivierter-konsuminformationsasymmetrien-als-ursache-fehlender-ethischer-standards","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560","title":{"rendered":"Wie weit tr\u00e4gt ethisch motivierter Konsum?<br \/><small>Informationsasymmetrien als Ursache fehlender ethischer Standards<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem j\u00fcngsten<a title=\"verheerenden Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/bangladesch-tote-bei-brand-in-textilfabrik-a-898912.html\"> Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch<\/a>, bei dem mehr als tausend Menschen zu Tode gekommen sind, haben mehrere renommierte Modeketten aufgrund des \u00f6ffentlichen Drucks in den L\u00e4ndern, in denen diese Modeketten ihre Produkte absetzen, bekundet, zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Bangladesch beitragen zu wollen. In der \u00d6ffentlichkeit wird dar\u00fcber gestritten, inwieweit diese internationalen Firmen mitverantwortlich sind f\u00fcr den Tod der N\u00e4herinnen in der eingest\u00fcrzten Fabrik. Haben internationale Unternehmen die Verpflichtung, ihre Zulieferer zu kontrollieren, ob und inwieweit sie die Arbeitsrechte ihrer Arbeiterinnen verletzen? Verhalten sich die Unternehmen unmoralisch? Und k\u00f6nnen wir, die Kunden dieser Produkte, dies beeinflussen? Sind wir mitschuldig, wenn wir solche Produkte kaufen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wenn es f\u00fcr die Unternehmen keine einschl\u00e4gigen gesetzlichen Regelungen gibt, wird oft und gerne argumentiert, dass sie aufgrund der Konkurrenzsituation gar nicht anders k\u00f6nnen als sich zumindest teilweise unmoralisch zu verhalten, an die Grenzen des Erlaubten zu gehen. Die anderen Firmen \u2013 die Konkurrenten \u2013, so das Argument, machen dies schlie\u00dflich auch. Dann wird geschlussfolgert, der Kunde, der Konsument der Textilien, m\u00fcsse die Unternehmen durch seine Kaufentscheidungen beeinflussen, sich richtig zu verhalten. Konsumentenethik ist das Zauberwort.<\/p>\n<p>Richtig ist: Unternehmen sind weder gut noch b\u00f6se. Sie sind in einer Marktwirtschaft dazu da, den Haushalten Einkommen zu bescheren. Sie dienen als Arbeitgeber, sie dienen zudem als Kapitalanlagem\u00f6glichkeit, und sie dienen als Innovationsmotor. Auf der anderen Marktseite befriedigen sie die Konsumentenw\u00fcnsche. Und sie sollen sie so gut und so genau wie m\u00f6glich befriedigen. Um ihnen einen Anreiz dazu zu bieten, motiviert das marktwirtschaftliche System die Unternehmen mit der M\u00f6glichkeit der Erzielung von Gewinnen. Damit diese Gewinne wiederum schmal bleiben und sich die Unternehmen nicht daran bereichern k\u00f6nnen, werden die Firmen einem Wettbewerbsprozess ausgesetzt. Dem Wettbewerbsdruck folgend m\u00fcssen die Unternehmen alles m\u00f6glichst punktgenau so umsetzen, wie die Haushalte (als Faktoranbieter oder G\u00fcternachfrager) es wollen. Sonst werden sie aus dem Markt konkurriert. Ihre Gewinne verwandeln sich in Verluste, sie m\u00fcssen schlie\u00dfen, sie verschwinden vom Markt. Verschwendung oder Fehlverhalten werden ihnen im Wettbewerb nicht verziehen. Der Wettbewerbsprozess diktiert ihnen jedoch damit auch, wie viel Moral sie sich leisten k\u00f6nnen. Denn Moral ist kostspielig (ansonsten leisten sie sich alle Unternehmen gerne). Ist der Wettbewerb intensiv, bleibt wenig Spielraum f\u00fcr moralisches Handeln. Moral wird wegkonkurriert, sie f\u00e4llt dem Wettbewerb zum Opfer. Die Unternehmen werden zu Grenzmoralisten. Sie bewegen sich mit ihrer Moral an der Grenze des gesetzlich Erlaubten.<\/p>\n<p>Doch manche Firmen sind selbst unter Wettbewerbsbedingungen in der Lage, moralisch saubere Entscheidungen treffen. Auch der Wettbewerbsprozess l\u00e4sst n\u00e4mlich unter Umst\u00e4nden einen Handlungsspielraum hierf\u00fcr offen. Um die Handlungen der Unternehmen innerhalb dieser Spielr\u00e4ume in die gesellschaftlich gew\u00fcnschten, moralisch als richtig empfundenen Bahnen zu lenken, ist \u2013 so ist zumindest die Idee der Konsumentenethik \u2013 Druck von au\u00dferhalb des Betriebs in das Unternehmen hinein erforderlich. F\u00fcr die Unternehmen sind vor allem die Konsumenten besonders wichtig, sie legitimieren den Bestand des Unternehmens in einer Marktwirtschaft. Durch ihre Kaufentscheidungen entscheiden sie \u00fcber die wirtschaftliche Existenz der Unternehmen. Handelt ein Unternehmen gegen die Erwartungen seiner Kunden, k\u00f6nnen diese ihm durch Kaufboykott seine <em>licence to operate <\/em>entziehen.<\/p>\n<p>Somit werden Konsumenten zu Tr\u00e4gern ethischer Verantwortung in jenen Unternehmen, in denen sie G\u00fcter kaufen. Sie k\u00f6nnen Unternehmen bewusst durch den Boykott von Produkten sanktionieren, wenn diese wider die verbreiteten Moral- und Wertvorstellungen handeln. Verhalten sich Firmen jedoch vorbildlich, k\u00f6nnen sie sich eine positive Reputation und somit Wettbewerbsvorteile erarbeiten. Der Kunde ist der Prinzipal, der seinem Agenten, dem Unternehmen, den Auftrag erteilt, ihm ein Produkt anzubieten, das seinen Bed\u00fcrfnissen und damit auch seinen ethischen Vorstellungen entspricht. Der gestiegene Wohlstand bringt es mit sich, dass auch moralische Motive heutzutage f\u00fcr die Kaufentscheidung ausschlaggebend sein k\u00f6nnen. Fast alle Menschen w\u00fcnschen heute, dass soziale und \u00f6kologische Standards im Produktionsprozess eingehalten werden. Allerdings: Sie setzen diese Pr\u00e4ferenzen selten in ihren Kaufentscheidungen um.<\/p>\n<p>Dies hat seine Gr\u00fcnde: Die Moralvorstellungen beeinflussen zwar die Kaufentscheidungen, sie sind indes nur ein Einflussfaktor unter vielen. G\u00fcnstige Preise, die Produktqualit\u00e4t, die Reputation der Marke oder die spontane Entscheidung am Verkaufsort: Dies alles ist bei der Kaufentscheidung als relevant zu beachten. Viele dieser Motive beziehen sich auf direkt sichtbare kaufrelevante Produkteigenschaften. F\u00fcr die ethischen Standards, die ein Unternehmen befolgt, gilt diese direkte Sichtbarkeit nicht. Hier muss sich der Kunde erst einschl\u00e4gig kundig machen. Die potenziellen Kunden sind in ihrer Informationsbeschaffung jedoch von der Auskunftsbereitschaft und der Wahrheitsliebe der jeweiligen Firma abh\u00e4ngig. Da Sozial- oder Umweltvertr\u00e4glichkeit eines Produktionsprozesses ja vom Kunden nicht durch blo\u00dfes Betrachten evaluiert werden kann, fallen nicht nur hohe Informationssuchkosten f\u00fcr den Nachfrager an. Es liegt eine so genannte asymmetrische Informationsverteilung vor, die sich von Kundenseite aus in vielen F\u00e4llen \u00fcberhaupt nicht \u00fcberwinden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Konsument ist mangels Informationen deshalb zumeist nicht in der Lage, selbst wenn er wollte, einen vollst\u00e4ndig fairen, moralischen Konsum auszu\u00fcben. Stellt der Kunde dennoch einmal und meist durch eine eher zuf\u00e4llige Enth\u00fcllung in den Medien fest, dass ein Unternehmen sich nicht wie gew\u00fcnscht ethisch korrekt verh\u00e4lt, kann er allenfalls mittels Boykottdrohung versuchen, dieses Unternehmen zu strafen und damit eine Strategie\u00e4nderung im Unternehmen einzuleiten. Ob ein Kaufboykott das Unternehmen aber tats\u00e4chlich dazu bewegt, unmoralisches Verhalten zu \u00e4ndern und nicht nur ein neues CSR-Konzept vorzulegen, dass dann nie wirklich realisiert wird, bleibt fraglich. Aus Unternehmenssicht gen\u00fcgt es n\u00e4mlich bei Informationsasymmetrie, dem Kunden vorzut\u00e4uschen, die Strategie hinsichtlich der ethischen Standards und ihrer Einhaltung habe sich ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Kunden wissen wiederum um diese T\u00e4uschungsm\u00f6glichkeit. Dies d\u00fcrfte einer der zentralen Gr\u00fcnde sein, warum viele Menschen bei ihrer Kaufentscheidung das (vermeintliche) Einhalten ethischer Standards durch die Unternehmen weitgehend ignorieren. Das Argument, der Kunde habe ja am (zu niedrigen) Preis sehen k\u00f6nnen, dass mit der Produktion etwas im Argen liegt, ist dabei unsinnig: Am Preis des Produktes l\u00e4sst sich die Einhaltung von Moral in der Produktion leider nicht ablesen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem j\u00fcngsten Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch, bei dem mehr als tausend Menschen zu Tode gekommen sind, haben mehrere renommierte Modeketten aufgrund des \u00f6ffentlichen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWie weit tr\u00e4gt ethisch motivierter Konsum?<br \/><small>Informationsasymmetrien als Ursache fehlender ethischer Standards<\/small>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":122,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30,21],"tags":[1173,1174,349,227,1172],"class_list":["post-12560","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ethisches","category-unternehmerisches","tag-grenzmoral","tag-informationsasymmetrie","tag-markt","tag-moral","tag-sozialstandards"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wie weit tr\u00e4gt ethisch motivierter Konsum?Informationsasymmetrien als Ursache fehlender ethischer Standards - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wie weit tr\u00e4gt ethisch motivierter Konsum?Informationsasymmetrien als Ursache fehlender ethischer Standards - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Nach dem j\u00fcngsten Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch, bei dem mehr als tausend Menschen zu Tode gekommen sind, haben mehrere renommierte Modeketten aufgrund des \u00f6ffentlichen &hellip; \u201eWie weit tr\u00e4gt ethisch motivierter Konsum?Informationsasymmetrien als Ursache fehlender ethischer Standards\u201c weiterlesen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2013-06-20T23:01:23+00:00\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Michael Neumann\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Michael Neumann\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"5\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12560\"},\"author\":{\"name\":\"Michael Neumann\",\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/#\/schema\/person\/7d6d290c77526d2f8569045c77de95a2\"},\"headline\":\"Wie weit tr\u00e4gt ethisch motivierter Konsum? 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