{"id":12624,"date":"2013-06-17T00:01:13","date_gmt":"2013-06-16T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12624"},"modified":"2013-06-16T15:25:40","modified_gmt":"2013-06-16T14:25:40","slug":"vom-anti-dumping-zoll-zum-handelskrieg-oder-wie-du-mir-so-ich-dir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12624","title":{"rendered":"Vom Anti-Dumping-Zoll zum Handelskrieg oder: wie du mir, so ich dir!"},"content":{"rendered":"<p>Die EU-Kommission hat seit vergangenem Donnerstag (6.6.2013) vorl\u00e4ufige Anti-Dumping-Z\u00f6lle gegen\u00fcber chinesischen Herstellern von Solarmodulen eingef\u00fchrt. Sie betragen zun\u00e4chst 11,7 Prozent, sollen aber \u2013 wenn in den n\u00e4chsten zwei Monaten keine Einigung erzielt wird \u2013 auf 47,5 Prozent angehoben werden. Einigung bedeutet dabei, dass die chinesischen Hersteller ein Exportkartell bilden und sich \u201efreiwillig\u201c bereit erkl\u00e4ren, ihre Preise deutlich anzuheben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Solche Entwicklungen treten immer wieder auf, obwohl sich nahezu alle \u00d6konomen einig sind, dass internationaler Freihandel zu einer effizienten Ressourcenallokation f\u00fchrt und die Wohlfahrt der beteiligten L\u00e4nder optimiert. Die Vorteile des internationalen Handels lassen sich dabei insbesondere zur\u00fcckf\u00fchren auf:<\/p>\n<ul>\n<li>Spezialisierungs- und Tauschgewinne gem\u00e4\u00df komparativer Kostenvorteile,<\/li>\n<li>Skalenvorteile aufgrund gr\u00f6\u00dferer M\u00e4rkte,<\/li>\n<li>zunehmende Produktvielfalt und bessere Befriedigung der Nachfragepr\u00e4ferenzen,<\/li>\n<li>Ideenaustausch durch Kommunikation und Wanderung,<\/li>\n<li>Technologietransfer durch Investitionen und G\u00fcteraustausch sowie<\/li>\n<li>erh\u00f6hte Innovationsanreize.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor diesem Hintergrund stellt der aktuelle Fall des Anti-Dumping-Zolls gegen\u00fcber chinesischen Herstellern von Solarmodulen ein Paradebeispiel f\u00fcr das Wirken protektionistischer Ma\u00dfnahmen und die dahinter stehenden Interessen dar. Dies soll zun\u00e4chst kurz mit Hilfe von Abbildung 1 verdeutlicht werden. Zur Vereinfachung soll dabei von einer partialanalytischen Betrachtung ausgegangen werden, die sich auf den betroffenen Sektor beschr\u00e4nkt. Es wird ferner \u2013 ohne die G\u00fcltigkeit der qualitativen Aussagen zu beeintr\u00e4chtigen \u2013 angenommen, dass es sich beim Inland um ein kleines Land handelt und der Inlandsmarkt wettbewerblich organisiert ist. Vor diesem Hintergrund f\u00fchrt internationaler (Frei-)Handel dazu, dass gesunkene Weltmarktpreise \u2013 in diesem Fall f\u00fcr Solarmodule \u2013 die Exportangebotsfunktion Chinas (EA) auf EA1 verschieben. Die Preissenkung von Pw auf Pw1 f\u00fchrt nun zu Anpassungsprozessen, in deren Verlauf die Produktion im Inland von x1 auf x3 sinkt, weil ein Teil der inl\u00e4ndischen Anbieter zum neuen Freihandelspreis nicht mehr kostendeckend anzubieten vermag. Zugleich fragen die Konsumenten aber aufgrund des gesunkenen Preises eine gr\u00f6\u00dfere Menge nach (x4), wodurch die importierte Menge insgesamt von Im auf Im1 ansteigt. Kommt es nun \u2013 vor dem Hintergrund sektorspezifischer Angebots-Interessen \u2013 zur Einf\u00fchrung protektionistischer Ma\u00dfnahmen, verschiebt dies die Exportangebotsfunktion EA1 wieder in die urspr\u00fcngliche Lage zur\u00fcck und die zuvor aufgezeigten Anpassungsprozesse werden \u00fcberfl\u00fcssig. Mit dem Schutz vor Auslandskonkurrenz \u2013 hier durch einen Anti-Dumping-Zoll \u2013 b\u00fc\u00dft das Inland jedoch an Wohlfahrt ein. Der Nettowohlfahrtsverlust entspricht \u2013 wie hinreichend bekannt \u2013 den Fl\u00e4chen der beiden Dreiecke 1 und 3. Das Rechteck 2 spiegelt die Zolleinnahmen des Staates wider. Neben dem Wohlfahrtsverlust kommt es auch hier zu einer Umverteilung, und zwar zu Lasten der Konsumenten und zu Gunsten des Staates sowie der Produzenten in diesem Sektor. Die Verlierer des eingeschr\u00e4nkten internationalen Handels sind also zweifelsfrei die Konsumenten, die eine geringere Menge des Gutes nur zu einem k\u00fcnstlich verteuerten Preis kaufen k\u00f6nnen. Gesamtwirtschaftlich gesehen sinkt die Wohlfahrt, weil die Verluste der Konsumenten gr\u00f6\u00dfer sind als die Gewinne der gesch\u00fctzten Produzenten und des Staates.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/smee1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Z\u00f6lle\" src=\"\/wordpress\/bilder\/smee1.png\" alt=\"Z\u00f6lle\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Der Aufbau der Solarindustrie in Europa und insbesondere in Deutschland ist in den zur\u00fcckliegenden Jahren durch umfangreiche staatliche Ma\u00dfnahmen vorangetrieben worden. In Deutschland erfolgte dies allerdings nicht \u00fcber eine direkte Subventionierung der Solarmodulanbieter, sondern vielmehr \u00fcber die Nachfrageseite mit Hilfe der Einspeiseregelung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Die unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohe Einspeiseverg\u00fctung l\u00f6ste einen starken Anstieg der Nachfrage nach Solarmodulen aus, der die Branche (zun\u00e4chst) boomen lie\u00df. Die damit verbundenen positiven Einsch\u00e4tzungen \u2013 die sich zum Beispiel in steigenden B\u00f6rsenkursen niederschlugen \u2013 waren (zuletzt) aber weniger den innovativen Entwicklungen der Branche geschuldet, sondern vielmehr der Hoffnung auf weiter sprudelnde Subventionen. Als es jedoch aufgrund st\u00e4ndig steigender Subventionierungskosten zu einer Senkung der Einspeiseverg\u00fctung kam, verst\u00e4rkte sich der Preisdruck, da die Entscheidung zum Kauf eines Moduls ma\u00dfgeblich von den Anschaffungskosten beeinflusst wurde. Hinzu kam, dass weltweit immer gr\u00f6\u00dfere (\u00dcber-)Kapazit\u00e4ten aufgebaut wurden, in deren Folge der Preiswettbewerb zunehmend intensiver wurde. Und genau diesen Wettbewerb versucht man nun durch einen Zollschutz gegen\u00fcber chinesischen Herstellern zu vermindern oder ganz zu unterbinden.<\/p>\n<p>Nutznie\u00dfer einer solchen Politik sind aber bestenfalls die unmittelbar betroffenen bzw. gesch\u00fctzten Anbieter sowie die dort Besch\u00e4ftigten \u2013 in diesem Falle also die europ\u00e4ischen Hersteller von Solarmodulen wie etwa die Bonner Firma Solarworld, die das Verfahren auch ma\u00dfgeblich vorangetrieben hat. Sie werden k\u00fcnstlich (wieder) wettbewerbsf\u00e4hig gemacht, wodurch eventuell Arbeitspl\u00e4tze erhalten bleiben.<\/p>\n<p>Es gibt aber im konkreten Fall auch zahlreiche Verlierer einer solchen Politik. Hierzu z\u00e4hlen zun\u00e4chst:<\/p>\n<ul>\n<li>europ\u00e4ische Zulieferer aus dem Maschinenbau- und Chemiebereich, die aufgrund der sinkenden Produktion weniger Vorprodukte nach China liefern,<\/li>\n<li>deutsche Installateure, deren Anlagen teurer werden mit der Folge sinkender Nachfrage und<\/li>\n<li>m\u00f6glicherweise sogar der (deutsche) Staat, der seine umweltpolitischen Ziele aufgrund sinkender Nachfrage nach Solaranlagen nicht realisieren kann.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hinzukommen ferner Anbieter (Exporteure) in anderen Branchen, die sich Vergeltungsz\u00f6llen gegen\u00fcbersehen. Dies gilt gegenw\u00e4rtig bereits f\u00fcr die europ\u00e4ischen Weinproduzenten, doch auch die europ\u00e4ische Automobilindustrie bef\u00fcrchtet \u00e4hnliche Gegenma\u00dfnahmen. Nicht nur freih\u00e4ndlerische Gesinnung, sondern auch die Furcht vor solchen Retorsionsz\u00f6llen waren es wohl, die dazu gef\u00fchrt haben, dass sich 18 Mitgliedsl\u00e4nder \u2013 darunter die Bundesrepublik Deutschland \u2013 gegen die Einf\u00fchrung der Anti-Dumping-Z\u00f6lle ausgesprochen haben. Obgleich es in der Vergangenheit immer wieder zu Anti-Dumping- Verfahren \u2013 insbesondere gegen\u00fcber China \u2013 gekommen ist, ragt das aktuelle Verfahren aufgrund eines Importwerts von ca. 21 Mrd. Euro heraus.<\/p>\n<p>Auch dieses Beispiel macht einmal mehr deutlich, dass es insbesondere die Nachfrager sind, die unter solchen protektionistischen Ma\u00dfnahmen leiden. In diesem Falle sogar in zweifacher Hinsicht: Aktuell, indem sie durch die Zollerhebung am Ende bis zu 50 Prozent mehr f\u00fcr das Material ihrer Solaranlagen bezahlen m\u00fcssen. Bereits vorher haben aber die Verbraucher \u00fcber einen erh\u00f6hten Strompreis die nationalen Subventionen f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der deutschen Solarindustrie getragen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die chinesischen Anbieter gibt es auf der anderen Seite kaum einen Anreiz, \u201efreiwillig\u201c ihre Preise f\u00fcr Solarmodule deutlich anzuheben (im Grenzfall sogar um die ansonsten von der EU angedrohten 47,5 Prozent). Das einzige Argument besteht in der M\u00f6glichkeit, durch (eigene) Preissteigerungen einen Teil der mengenbedingten Umsatzeinbu\u00dfen zu kompensieren. Bei einem Zoll f\u00e4llt diese Einnahme hingegen der EU zu. F\u00fchrt der Preisanstieg jedoch dazu, dass die Preiswettbewerbsf\u00e4higkeit vollkommen verloren geht, greift dieses Argument nicht mehr. Je st\u00e4rker die Abschottung nach au\u00dfen wirkt, desto gr\u00f6\u00dfer wird allerdings auch die Gefahr, dass man sich hinter diesen Zollmauern im Inland einrichtet und damit die Innovationsanreize zunehmend verloren gehen.<\/p>\n<p>Nun f\u00fchlt man sich beim Dumping allerdings berechtigt, Gegenma\u00dfnahmen zu ergreifen, weil es sich \u2013 angeblich \u2013 um eine unfaire Konkurrenz aus dem Ausland handelt. Unabh\u00e4ngig davon, dass diese Einsch\u00e4tzung unter \u00d6konomen seit langem h\u00f6chst umstritten ist, kommt hinzu, dass das eigentliche Feindbild, das nun auch von der EU bem\u00fcht wird, wenig \u00fcberzeugt. Das so genannte \u201er\u00e4uberische Dumping\u201c basiert auf der These, dass ausl\u00e4ndische Billigimporte zun\u00e4chst die gesamten Anbieter (und die entsprechenden Arbeitspl\u00e4tze) in der EU verdr\u00e4ngen, um danach die Preise deutlich heraufzusetzen. Die Preisvorteile f\u00fcr die Nachfrager w\u00e4hrend der Dumpingphase w\u00fcrden dann sp\u00e4ter ins Gegenteil umschlagen. Auf offenen M\u00e4rkten ist eine solche Entwicklung jedoch h\u00f6chst unwahrscheinlich, da die hohen Preise wiederum einen Anreiz f\u00fcr (neue) nationale Anbieter bilden, (wieder) in den Markt einzutreten, um mit dem vermeintlichen Monopolisten aus dem Ausland in Konkurrenz zu treten. Allein die Gefahr potenzieller Konkurrenz kann diesen Disziplinierungseffekt herbeif\u00fchren.<\/p>\n<p>China hat im Zusammenhang mit einem Anti-Dumping- oder Anti-Subventions-Verfahren allerdings den Nachteil, dass es im Rahmen der WTO (noch) nicht als Marktwirtschaft anerkannt wird. Dies hat zur Folge, dass der Dumping-Vorwurf leichter belegt und die (zu ermittelnde) Dumping-Spanne sowie die darauf basierenden Schutzma\u00dfnahmen wesentlich h\u00f6her ausfallen k\u00f6nnen. Nicht umsonst hat China im Zusammenhang mit der Staatsschuldenkrise Hilfe in Aussicht gestellt, wenn es im Gegenzug im Rahmen der WTO als Marktwirtschaft anerkannt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Einem m\u00f6glichen Besch\u00e4ftigungsgewinn in der unmittelbar gesch\u00fctzten Branche drohen damit deutlich h\u00f6here Besch\u00e4ftigungsverluste in anderen Bereichen gegen\u00fcberzustehen. Wenn sich die urspr\u00fcngliche Ma\u00dfnahme dann noch zu einem Handelskrieg nach dem Motto \u201ewie du mir, so ich dir\u201c ausweitet, f\u00fchrt das dazu, dass letztlich alle Beteiligten mit Sicherheit verlieren, denn dadurch wird der Handel in immer mehr Bereichen be- oder gar verhindert. Die deutsche Solarindustrie sollte sich also nicht auf einen Preiskampf mit chinesischen Herstellern einlassen, den sie mit hoher Wahrscheinlichkeit verlieren wird, sondern sich auf ihre Innovationskraft besinnen und mit neuen Produkten die Solarm\u00e4rkte (wieder) erobern. Die dann vorhandene (tempor\u00e4re) Monopolstellung sichert Vorsprungsgewinne, ohne dass man auf staatlichen Schutz zur\u00fcckgreifen muss.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EU-Kommission hat seit vergangenem Donnerstag (6.6.2013) vorl\u00e4ufige Anti-Dumping-Z\u00f6lle gegen\u00fcber chinesischen Herstellern von Solarmodulen eingef\u00fchrt. 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