{"id":12673,"date":"2013-07-03T00:01:28","date_gmt":"2013-07-02T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12673"},"modified":"2013-07-03T09:01:45","modified_gmt":"2013-07-03T08:01:45","slug":"ungleichheit-heute-14ungleichheit-und-krisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12673","title":{"rendered":"<small>Ungleichheit heute (14)<\/small><br>Ungleichheit und Krisen"},"content":{"rendered":"<p>Kann eine ungleiche Verteilung der Einkommen Krisen verursachen? Die \u00f6konomische Literatur hat in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Theorien hervorgebracht, welche kausalen Zusammenh\u00e4nge zwischen zunehmender Ungleichverteilung der Einkommen und \u00f6konomischen Krisen aufzeigen. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 kam es zu einer deutlichen Intensivierung dieser Diskussion. Wenn Ungleichheit zu einer Destabilisierung der \u00d6konomie f\u00fchrt, so gibt die steigende Ungleichheit neben normativen \u00dcberlegungen auch aus Effizienzgesichtspunkten Anlass zur Sorge. Dieser Beitrag illustriert die wesentlichen Studien der vergangenen 15 Jahre und zeigt, dass der Zusammenhang zwischen einer zunehmend ungleichen Einkommensverteilung und \u00f6konomischen Krisen durchaus ambivalent ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>I<br \/>\n\u00d6konomische Theorien<\/strong><\/p>\n<p>Die Literatur kennt eine Reihe von Theorien, welche die Wirkung von ungleichen Einkommensverteilungen auf Krisen beschreiben. Die wichtigsten dieser Theorien sind:<\/p>\n<p><em>Joseph Stiglitz und die Liquidit\u00e4tsflut<\/em><\/p>\n<p>Der Columbia-\u00d6konom und Ex-Weltbank-Chefvolkswirt Joseph Stiglitz <a href=\"http:\/\/www.realclearpolitics.com\/articles\/2009\/01\/drunkdriving_on_the_uss_road_t.html\">argumentiert<\/a>, dass eine zunehmend ungleiche Verteilung der Einkommen dazu f\u00fchrt, dass Liquidit\u00e4t von \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten zu reicheren Bev\u00f6lkerungsschichten flie\u00dft. W\u00e4hrend die \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsschicht die Mittel konjunkturwirksam f\u00fcr konsumptive Zwecke ausgegeben w\u00fcrde, hat die reichere Bev\u00f6lkerungsschicht keine M\u00f6glichkeit, die zus\u00e4tzliche Liquidit\u00e4t f\u00fcr Ausgaben zu verwenden. Die Einkommen werden daher f\u00fcr Spekulationsgesch\u00e4fte auf dem Finanzmarkt eingesetzt und \u00c2\u00a0nicht f\u00fcr realwirtschaftliche Zwecke verwendet. Die Suche nach hohen Zinsen f\u00fchrt letztlich zu einer Zunahme riskanter Gesch\u00e4fte, was im schlimmsten Fall eine Finanzkrise ausl\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Stiglitz beschreibt noch einen weiteren, \u00e4hnlichen Kanal: Wenn die Realeinkommen stagnieren, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Haushalte am unteren Ende der Einkommensverteilung verschulden, um den wachsenden Lebensstandard zu wahren. Die zunehmende Verschuldung von Kreditnehmern mit geringer Bonit\u00e4t erh\u00f6ht die Zahl der Zahlungsausf\u00e4lle, was den Druck auf den expandierenden Finanzsektor erh\u00f6ht. Somit kann es auch \u00fcber diesen Kanal zu einer Finanzkrise kommen.<\/p>\n<p><em>Raghuram Rajan und die Polit\u00f6konomie<\/em><\/p>\n<p>Der Chicago-\u00d6konom und Ex-IWF-Chefvolkswirt Raghuram Rajan argumentiert \u00e4hnlich wie Stiglitz \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.project-syndicate.org\/commentary\/how-inequality-fueled-the-crisis\">zunehmende Verschuldung der \u00e4rmeren Haushalte<\/a>. Anders als Stiglitz macht Rajan allerdings die Politik f\u00fcr den Anstieg der Kreditvergabe verantwortlich. Nach Ansicht von Rajan reagiert die Politik auf eine steigende Ungleichverteilung in den meisten F\u00e4llen mit einer Ausweitung der Kreditvergabe an die privaten Haushalte. Hierzu werden staatliche Kreditinstitutionen dazu angehalten, vermehrt in \u201elow-income lending\u201c zu investieren. Gleichzeitig werden Anreize f\u00fcr private Finanzinstitute gesetzt, eine \u00e4hnliche Politik in ihrer Kreditvergabe zu verfolgen. Vor allem dann, wenn der direkte Weg der Umverteilung \u00fcber den politischen Prozess versperrt ist, wird der Staat den indirekten Weg \u00fcber die Kreditvergabe gehen.<\/p>\n<p><em>Joseph Gyourko, Christopher Mayer, Todd Sinai und die Superstar-Cities<\/em><\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.nber.org\/papers\/w12355.pdf\">Ansatz<\/a>, den die beiden Pennsylvania-\u00d6konomen Joseph Gyuorko und Todd Sinai zusammen mit Christopher Mayer von der Columbia entwickelt haben, zielt auf die H\u00e4userpreise in besonders beliebten Stadtteilen ab. Wenn die Zahl der Hocheinkommensbezieher durch die steigende Einkommensungleichheit w\u00e4chst, dann f\u00fchrt der Anstieg der Nachfrage nach H\u00e4usern in beliebten St\u00e4dten oder Stadtteilen zu einer Zunahme der H\u00e4userpreise. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das Angebot an entsprechenden Wohngegenden starr ist. \u00dcber die Zeit f\u00fchrt der Preisanstieg zu einer Blase am H\u00e4usermarkt, der in letzter Konsequenz zu einer Finanzmarktkrise f\u00fchren kann.<\/p>\n<p><em>Alberto Alesina, Roberto Perotti und die politische Instabilit\u00e4t<\/em><\/p>\n<p>Die \u00d6konomen Alesina (Harvard) und Perotti (Columbia) <a href=\"http:\/\/homepage.ntu.edu.tw\/~kslin\/macro2009\/Alesina%20&amp;%20Perotti%201996EER.pdf\">argumentieren<\/a>, dass eine steigende Einkommensungleichheit vor allem auch Auswirkungen auf die politische Stabilit\u00e4t nach sich zieht. Politische Instabilit\u00e4ten bleiben jedoch in aller Regel nicht ohne Auswirkungen auf die \u00f6konomische Situation und k\u00f6nnen so auch realwirtschaftliche Krisen ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>II<br \/>\nEmpirische Evidenz<\/strong><\/p>\n<p>Viele der vorgestellten Theorien entstanden im Nachwirken der Finanzkrise von 2007. Einige empirische \u00dcberpr\u00fcfungen, die sich auf die Zeit kurz vor und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise beziehen, best\u00e4tigen die vorgestellten Hypothesen im Wesentlichen. So zeigen etwa <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=HY1V19yWOJUC&amp;pg=PA21&amp;lpg=PA21&amp;dq=rajan+fault+lines+let+them+eat+credit&amp;source=bl&amp;ots=jZydMuLRR0&amp;sig=UyPXqhPWBLbEWk76QuK1shr3kU8&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ei=GGekUfWXBIqH4gS7u4GgBw&amp;ved=0CGMQ6AEwAzgK#v=onepage&amp;q=rajan%20fault%20lines%20let%20them%20eat%20credit&amp;f=false\"><em>Rajan<\/em><\/a> (2010) und <a href=\"http:\/\/www.cepr.org\/pubs\/new-dps\/dplist.asp?dpno=8179.asp\"><em>Kumhof<\/em> und <em>Ranci\u00c3\u00a8re<\/em><\/a> (2011), dass die steigende Einkommensungleichheit in den USA zu einem Kreditboom gef\u00fchrt hat, welcher letztendlich zur Ausl\u00f6sung der Finanzkrise beigetragen hat. Die Autoren zeigen \u00fcberdies, dass der Gro\u00dfen Depression eine \u00e4hnliche Entwicklung vorweggegangen ist und kommen so zu dem Schluss, dass empirisch ein grunds\u00e4tzlicher Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und Krisen existiert.<\/p>\n<p>Im selben Licht zeigen sich auch die Ergebnisse von <a href=\"http:\/\/www.nber.org\/papers\/w12355.pdf?new_window=1\"><em>Gyourko<\/em>, <em>Mayer<\/em> und <em>Sinai<\/em><\/a> (2006), die darauf hindeuten, dass die Zunahme der Zahl von Hocheinkommensbezieher tats\u00e4chlich zu einem gro\u00dfen Teil zur Bildung der H\u00e4usermarktblase beigetragen hat und damit als Mitausl\u00f6ser f\u00fcr die Finanzkrise gelten kann. Die Ergebnisse erscheinen aufgrund der Tatsache, dass Gyourko, Mayer und Sinai die entsprechende Untersuchung im Juli 2006 und damit rund ein Jahr vor Ausbruch der Finanzkrise ver\u00f6ffentlicht haben, umso plausibler.<\/p>\n<p>Die Einkommensungleichheit scheint also ihren Teil zur Entstehung der Finanz- und Wirtschaftskrise beigetragen zu haben. Die entscheidende Frage ist nun allerdings, ob hier tats\u00e4chlich ein grundlegendes \u00f6konomisches Gesetz wirkt. Ein solches m\u00fcsste sich unmittelbar auf alle Krisen anwenden lassen. Die <a href=\"http:\/\/www.nber.org\/papers\/w17896.pdf\">Studie<\/a> von <em>Bordo<\/em> und <em>Meissner <\/em>(2012) zeigt jedoch, dass eben dies nicht der Fall ist. Auf Basis der Daten von 14 entwickelten L\u00e4ndern zwischen 1920 und 2000 demonstrieren die Autoren, dass Kreditbooms tats\u00e4chlich Ausl\u00f6ser von Finanzkrisen sein k\u00f6nnen. Allerdings zeigt sich, dass die Einkommensungleichheit nur einen sehr kleinen Beitrag zur Erkl\u00e4rung von Finanzmarktblasen beisteuert.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse k\u00f6nnen leicht mit Hilfe einiger deskriptiver Statistiken reproduziert werden. Abbildung 1 illustriert den Anstieg des inl\u00e4ndischen Kreditvolumens innerhalb der letzten f\u00fcnf Jahre in einem Sample, das 187 L\u00e4nder zwischen 1960 und 2010 umfasst. Die Daten liegen zwar nicht vollst\u00e4ndig vor, das Panel ist mit 5.632 Beobachtungen dennoch relativ umfangreich. In der Abbildung werden zwei F\u00e4lle betrachtet: Jahre, in denen eine Bankenkrise auftrat und solche, in denen es nicht zu einer Bankenkrise kam. Derartige Krisen sind in einem umfangreichen Sample durchaus keine Seltenheit: In rund 11% der F\u00e4lle war die jeweilige \u00d6konomie zum jeweiligen Zeitpunkt von einer Bankenkrise betroffen. Die Abbildung zeigt, dass die Kreditsumme in den f\u00fcnf Jahren vor einer Bankenkrise durchschnittlich um 10,36% angewachsen ist. In den Jahren, in denen es nicht zu einer Bankenkrise kam, betrug der durchschnittliche Anstieg nur lediglich 2,78%.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Kredite und Bankkrisen\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc1.png\" alt=\"Kredite und Bankkrisen\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Bankkrisen sind also in den meisten F\u00e4llen begleitet von einem starken Anstieg der begebenen Kreditsumme. Innerhalb des Samples l\u00e4sst sich zudem leicht die Krisenwahrscheinlichkeit in Abh\u00e4ngigkeit des Kreditanstiegs berechnen. Stieg die begebene Kreditsumme nicht oder nur unwesentlich, so liegt die Krisenwahrscheinlichkeit bei knapp unter 10%. Ein Anstieg der Kreditsumme um 50% innerhalb der letzten f\u00fcnf Jahre f\u00fchrt hingegen in einem von vier F\u00e4llen zu einer Bankenkrise. Wird auf weitere Effekte kontrolliert, etwa die Rechtsstaatlichkeit, Demokratie oder das Inlandsprodukt, so steigt der Einfluss der Kreditsumme deutlich an.<\/p>\n<p>Der Einfluss der vergebenen Kredite auf die Wahrscheinlichkeit einer Krise tritt damit recht deutlich zu Tage, was exakt den Studien von <em>Kumhof<\/em> und <em>Ranci\u00c3\u00a8re<\/em> (2011), <em>Rajan<\/em> (2010) und <em>Bordo<\/em> und <em>Meissner <\/em>(2012) entspricht. Doch wie steht es mit der Ungleichheit? Nur dann, wenn die Ungleichheit der Ausl\u00f6ser f\u00fcr einen derartigen Kreditanstieg war, kann tats\u00e4chlich auch eine Verbindung zwischen steigender Ungleichheit und Krisenwahrscheinlichkeit konstruiert werden. <em>Bordo<\/em> und <em>Meissner <\/em>(2012) finden nur einen schwachen Zusammenhang zwischen den beiden Variablen. Dieser Einfluss wird in Abbildung 2 verdeutlicht. Abgebildet ist jeweils der Zusammenhang zwischen der vergebenen Kreditsumme und dem Einkommensanteil der oberen 1%, wobei f\u00fcr Letztere einmal der absolute Wert und einmal der Anstieg innerhalb der letzten 5 Jahre abgetragen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Top-1% und Kreditsumme\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc2.png\" alt=\"Top-1% und Kreditsumme\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen zeigt die Ausgleichgerade zwar einen positiven Zusammenhang, dieser ist jedoch jeweils nur sehr schwach ausgepr\u00e4gt. Die Korrelation betr\u00e4gt 11% (absolut) bzw. 28% (relativ). Um exakte Werte zu ermitteln, m\u00fcsste auch in diesem Fall f\u00fcr eine Reihe von Effekten kontrolliert werden. Dennoch ist eine grundlegende Tendenz schon in diesem bivariaten Vergleich zu erkennen.<\/p>\n<p>Doch was ist mit der Hypothese von Joseph Stiglitz, dass die Kreditsumme in stagnation\u00e4ren Phasen ansteigt? Zwar argumentiert Stiglitz \u00fcber die Kreditsumme, die an Niedrigeinkommensbezieher verliehen wird. Dies kann jedoch mangels Verf\u00fcgbarkeit eines hinreichenden Datenumfangs nicht sinnvoll \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg f\u00fcr verschiedene L\u00e4nder \u00fcberpr\u00fcft werden. Einen ersten Anhaltspunkt bietet jedoch auch die absolute Kreditsumme. Abbildung 3 zeigt den Anstieg der vergebenen Kreditsumme im Anschluss an Jahre mit und ohne Stagnation. Eine Stagnation ist dabei definiert als ein Anstieg des BIP pro Kopf von unter 1% im Schnitt der letzten drei Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Stagnation und Kreditsumme\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc3.png\" alt=\"Stagnation und Kreditsumme\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es zeigt sich, dass die Kreditsumme im Anschluss an stagnation\u00e4re Perioden nicht angestiegen, sondern gar geschrumpft ist. Lag in der Vergangenheit hingegen keine Stagnation vor, so betrug der durchschnittliche Anstieg der Kredite rund 3,6%. Insgesamt lag in rund 12% der betrachteten Perioden Stagnation vor. In eine \u00e4hnliche Richtung deuten auch die <a href=\"http:\/\/www.nber.org\/chapters\/c12622.pdf\">Ergebnisse<\/a> von <a href=\"http:\/\/scholar.harvard.edu\/files\/glaeser\/files\/can_cheap_credit_explain_the_housing_boom.pdf\"><em>Glaeser<\/em>, <em>Gottlieb<\/em> und <em>Gyourko<\/em><\/a><em> <\/em>(2010). Die Autoren zeigen, dass die von Stiglitz beschriebene Liquidit\u00e4tsflut lediglich ein F\u00fcnftel des Anstiegs der H\u00e4userpreise im Vorfeld der Finanzkrise ausmachte.<\/p>\n<p>Auch <em>Atkinson<\/em> und <em>Morelli<\/em> (2009) <a href=\"http:\/\/isites.harvard.edu\/fs\/docs\/icb.topic457678.files\/ATKINSON%20paper.pdf\">untersuchen<\/a> den historischen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Krisen. Die Ergebnisse sind ebenfalls ern\u00fcchternd: W\u00e4hrend es in 10 F\u00e4llen im Vorfeld einer Krise zu einem starken Anstieg der Ungleichheit kam, reduzierte sich die Ungleichheit in 7 anderen F\u00e4llen vor Eintritt der Krise teils deutlich. Zudem konnten h\u00e4ufig \u00e4hnliche Anstiege der Ungleichheit wie im Vorfeld der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 beobachtet werden \u2013 ohne, dass es allerdings im Anschluss zu einer Krise kam. Von einem grundlegenden \u00f6konomischen Gesetz kann also auch hier keine Rede sein.<\/p>\n<p>Auch die Ergebnisse von Atkinson und Morelli lassen sich sch\u00f6n grafisch veranschaulichen. Exemplarisch zeigen die Abbildungen 4 bis 6 die Entwicklung der Top-1% \u00fcber die Zeit. In der Grafik sind die jeweiligen Finanzkrisen mit einer grauen Fl\u00e4che eingezeichnet. Abbildung 4 illustriert den Zusammenhang f\u00fcr die USA, die Grafiken 5 und 6 bilden den Verlauf f\u00fcr Japan und Norwegen ab. Deutschland ist hier aufgrund der \u00e4u\u00dferst bruchst\u00fcckhaft vorliegenden Daten leider kein geeignetes Anschauungsobjekt. F\u00fcr die USA ist deutlich erkennbar, dass es im Vorfeld der Gro\u00dfen Depression und der Gro\u00dfen Rezession zu einem Anstieg der Ungleichheit kam. Dieser Zusammenhang kann jedoch nicht f\u00fcr die Savings-and-Loan-Krise Mitte der 1980er Jahre beobachtet werden. Hier blieben der Einkommensanteil der oberen 1% im Vorfeld bemerkenswert stabil.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc4.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Top-1% und Finanzkrise\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc4.png\" alt=\"Top-1% und Finanzkrise\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlich ambivalentes Bild zeigt die Entwicklung in Japan. W\u00e4hrend die Finanzkrisen in den 1920er Jahren begleitet waren von einem Anstieg des Anteil der Top-1%, kam es im Vorfeld der Japankrise von 1991 nicht zu einem Anstieg der Ungleichheit. Dies ist deshalb umso bemerkenswerter, als dass die Japankrise in ihren Ursachen durchaus vergleichbar ist mit der Finanzkrise von 2007. Auch in Japan f\u00fchrte das Platzen einer Blase am Immobilienmarkt zu schwerwiegenden Folgen f\u00fcr den Finanzsektor und die Realwirtschaft.<\/p>\n<p>Auch die Entwicklung in Norwegen steht im Widerspruch zu einer generellen Kausalit\u00e4t zwischen der Einkommensverteilung und \u00f6konomischen Krisen. Norwegen hat sich in der Vergangenheit als bemerkenswert resistent gegen Finanzmarktkrisen gezeigt. Die einzige Krise, die im Betrachtungszeitraum auftrat (1987-1992), wurde \u00e4hnlich wie die Japankrise ausgel\u00f6st durch eine Blase am Immobilienmarkt, welche durch die zeitgleiche Deregulierung des Finanzsystems und negative Realzinsen verst\u00e4rkt wurde. Im Vorfeld der Krise kam es allerdings nicht zu einem Anstieg der Einkommensungleichheit, sondern zu einer Reduktion. Der r\u00fcckl\u00e4ufige Trend der Ungleichheit in Norwegen im Vorfeld der Krise war zudem sehr langfristig. So sank der Einkommensanteil der Top-1% mit einigen Ausnahmen relativ konstant zwischen 1950 und 1987. Im Anschluss an die Finanzkrise konnte zum ersten Mal ein signifikanter Aufw\u00e4rtstrend festgestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc5.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Top-1% und Finanzkrise Japan\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc5.png\" alt=\"Top-1% und Finanzkrise Japan\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc6.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Top-1% und Finanzkrise Norwegen\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc6.png\" alt=\"Top-1% und Finanzkrise Norwegen\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Insgesamt ist der Einfluss der Einkommensungleichheit auf Krisen also \u00fcber alle Studien hinweg ambivalent. Doch die Ergebnisse, die einen positiven Einfluss der Einkommensungleichheit auf die Krisenwahrscheinlichkeit festhalten, sehen sich einem weiteren Problem gegen\u00fcber. <em>Paul Krugman<\/em> (2010) hat bereits <a href=\"http:\/\/krugman.blogs.nytimes.com\/2010\/06\/28\/inequality-and-crises\/\">darauf hingewiesen<\/a>, dass eine einfache empirische Korrelation zwischen Ungleichheit und Krisen keinen Hinweis auf einen kausalen Zusammenhang bieten muss. Die Schlussfolgerung, Ungleichheit l\u00f6se Krisen aus, w\u00e4re in dem Fall post hoc ergo propter hoc. So argumentieren etwa <em>Atkinson und Morelli<\/em> (2009), dass die starke Finanzmarktliberalisierung zum einen zu einem Anstieg der Krisenwahrscheinlichkeit gef\u00fchrt hat und zum anderen \u00fcber gro\u00dfe Einkommenssteigerungen im Finanzsektor zum Anstieg der Ungleichheit beigetragen hat. Die Finanzmarktliberalisierung h\u00e4tte demnach als dritte Gr\u00f6\u00dfe sowohl den Anstieg der Einkommensungleichheit, als auch die Finanzkrise mitverursacht.<\/p>\n<p>Abbildung 7 zeigt, dass diese Hypothese nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die Abbildung illustriert den Grad der Freiheit der Akteure am Finanzmarkt (gemessen am <a href=\"http:\/\/www.heritage.org\/index\/financial-freedom\">Financial Freedom Index<\/a> der Heritage Foundation) im Vergleich mit der Summe der vergebenen Kredite im Zeitraum 1960-201 und dem Wachstum der Top-1% zwischen 1995 und 2000. Beide Zeitr\u00e4ume orientieren sich an der Datenverf\u00fcgbarkeit. Es zeigt sich, dass der Einfluss jeweils positiv ist. Die St\u00e4rke der Korrelation ist dabei in beiden F\u00e4llen in etwa vergleichbar und liegt bei rund 50%. M\u00f6glicherweise tr\u00e4gt also auch der Grad der finanziellen Freiheit dazu bei, dass Krisen in einigen F\u00e4llen von einem Anstieg der Ungleichheit begleitet sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc7.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Financial Freedom und ungleichheit\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ineqc7.png\" alt=\"Financial Freedom und Ungleichheit\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Einen g\u00e4nzlich anderen Ansatz verfolgen die Studien, welche die politische Instabilit\u00e4t infolge ungleicher werdender Verteilungen analysieren. Es gibt eine ganze Reihe dieser Studien, wobei die <a href=\"http:\/\/dash.harvard.edu\/bitstream\/handle\/1\/4553018\/alesina_incomedistribution.pdf?sequence=2\">Ergebnisse<\/a> von <em>Alesina<\/em> und <em>Perotti<\/em> (1996) wohl am prominentesten sind. Die Autoren argumentieren \u00fcber politische Gewalt, soziale Unruhen und damit gesellschaftspolitische Instabilit\u00e4ten, die damit in letzter Konsequenz auch zu Krisen f\u00fchren k\u00f6nnen. Vor allem eine starke Mittelschicht wirkt hier stabilisierend. Die Ergebnisse sind bemerkenswert stabil und deuten tats\u00e4chlich auf die Richtigkeit ihrer Hypothesen hin. Allerdings sind derartige politische Instabilit\u00e4ten in entwickelten Volkswirtschaften h\u00f6chst unwahrscheinlich, gerade aufgrund der Existenz starker Mittelschichten. Damit bleibt der von Alesina und Perotti beschriebene Wirkungskanal f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder durchaus relevant, bietet jedoch f\u00fcr entwickelte Volkswirtschaften keine zufriedenstellende allgemeine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>III<br \/>\nFazit<\/strong><\/p>\n<p>Der Harvard-\u00d6konom Edward Glaeser <a href=\"http:\/\/economix.blogs.nytimes.com\/2010\/12\/14\/does-economic-inequality-cause-crises\/\">schrieb vor Kurzem<\/a> zum Thema Ungleichheit und Krisen: \u201e<em>I don\u00c2\u00b4t like inequality any more than the next person, but that doesn\u00c2\u00b4t mean that inequality is responsible for every bad thing that has happened to America<\/em>.\u201c\u009d Damit trifft Glaeser den Punkt recht gut. Ungleichheit mag man aus normativen \u00dcberlegungen heraus schlecht finden. Der Beitrag, den die Ungleichheit zur Wahrscheinlichkeit von \u00f6konomischen Krisen leistet, ist hingegen ambivalent. Unbestritten ist, dass es \u2013 zumindest in den USA \u2013 im Vorfeld der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem starken Anstieg der Ungleichheit kam. Auch die Parallelen zu den 1920er Jahren sind kaum von der Hand zu weisen.<\/p>\n<p>Dennoch ist hier kein grundlegendes \u00f6konomisches Gesetz am Werk, wie die Untersuchungen dokumentieren, die eine Vielzahl unterschiedlicher Krisen in verschiedenen L\u00e4ndern analysieren. Es zeigt sich, dass es im Vorfeld von Wirtschaftskrisen in einigen F\u00e4llen zu einem Anstieg der Einkommensungleichheit kam, in anderen F\u00e4llen war eine solche Tendenz hingegen nicht zu beobachten. Die Ungleichheit kann damit bis zu einem gewissen Grad zur Ausl\u00f6sung von Krisen beitragen, das hei\u00dft jedoch im Umkehrschluss nicht, dass jeder Anstieg der Ungleichheit automatisch zu einer Krise f\u00fchrt. Gerade die Frage nach der Kausalit\u00e4t bleibt ungekl\u00e4rt. Die Tatsache, dass viele Krisen nicht von einem Anstieg der Ungleichheit begleitet waren, zeigt, dass die Verteilung der Einkommen sicher nicht den wesentlichen Treiber von \u00f6konomischen Krisen darstellt. Der New York Times Kolumnist David Brooks hat w\u00e4hrend der Finanz- und Wirtschaftskrise <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2009\/01\/16\/opinion\/16brooks.html?_r=2&amp;bl&amp;ex=1232427600&amp;en=bba60ccedc96eb41&amp;ei=5087%0A&amp;\">geschrieben<\/a>: \u201e<em>Every recession has its own unique spirit<\/em>\u201c. Jede Krise hat ihre eigene Geschichte. Einkommensungleichheit kann Teil dieser Geschichte sein \u2013 muss es aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge der Serie <em>\u201cUngleichheit heute\u201c\u009d<\/em>:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12107\">&#8222;Reichtum ist distributive Umweltverschmutzung&#8220;. H\u00f6here Steuern oder mehr Wettbewerb?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12214\">Ungleichheit und Wachstum<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11892\">Der amerikanische Traum \u2013 Bremst Ungleichheit die soziale Mobilit\u00e4t?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11933\">Der Staat pfl\u00fcgt die Verteilung um <\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11584\">Die Ungleichheit wird m\u00e4nnlicher<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656\">Krieg der Modelle. Technologie oder Institutionen?<\/a><\/p>\n<p>Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11703\">Einkommensverteilung \u2013 Vorsicht vor der Konjunktur!<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11140\">Die deutsche \u201cMitte\u201c\u009d ist stabil. Wie lange noch?<\/a><\/p>\n<p>Eric Thode: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11396\">Die Mittelschicht schrumpft \u2013 Wo liegt der Handlungsbedarf?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11388\">Geringe Stundenl\u00f6hne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11133\">Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?<\/a><\/p>\n<p>Simon Hurst: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10879\">Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10851\">Einkommensungleichheit in OECD-L\u00e4ndern. Wo stehen wir?<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann eine ungleiche Verteilung der Einkommen Krisen verursachen? 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