{"id":1275,"date":"2009-07-22T00:26:08","date_gmt":"2009-07-21T23:26:08","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1275"},"modified":"2009-07-22T14:37:45","modified_gmt":"2009-07-22T13:37:45","slug":"metapher-statt-prophetie-was-oekonomen-von-geisteswissenschaftlern-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1275","title":{"rendered":"Metapher statt Prophetie <br\/><small>Was \u00d6konomen von Geisteswissenschaftlern lernen k\u00f6nnen<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Der Anforderungskatalog, den John Maynard Keynes f\u00fcr gute \u00d6konomen aufstellte, hat es in letzter Zeit (auch in diesem Blog) zu einiger Ber\u00fchmtheit gebracht. Keynes schreibt \u00fcber seinen Lehrer Alfred Marshall (und kennt in seiner eigenen Person gewiss zumindest noch einen \u00d6konomen, auf den all das zutrifft): \u201eEr (i.e. ein Meister\u00f6konom) muss einen hohen Standard in mehreren verschiedenen Richtungen erreichen und Talente miteinander kombinieren, die man nicht oft zusammen findet. Er muss Mathematiker, Historiker, Staatsmann, Philosoph sein \u2013 bis zu einem gewissen Grad. Er muss Symbole verstehen und in Worten sprechen. Er muss das besondere im Zusammenhang mit dem Allgemeinen begreifen, und Abstraktes wie Konkretes im selben Gedankengang ertasten. Er muss die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit studieren f\u00fcr die Zwecke der Zukunft. Kein Teil der menschlichen Natur oder seiner Institutionen darf sich v\u00f6llig au\u00dferhalb seines Blickes befinden.\u201c<\/p>\n<p><!--more-->Seit Ausbruch der Finanzkrise wird dar\u00fcber diskutiert, ob inzwischen die Vielfalt der Eigenschaften eines \u00d6konomen einer stil- und normbildenden Einfalt gewichen ist, wonach er vor allem und ausschlie\u00dflich Mathematiker sein m\u00fcsse. Genau dieses Modell der Wirtschaftswissenschaft, focusiert auf\u00c2\u00a0 Mathematik (und Physik), k\u00f6nnte zu der irrigen Annahme verleitet haben, das heute alle Unw\u00e4gbarkeiten des Lebens beherrschbar und in den Risikomodellen der \u00d6konomen bereits antizipiert seien. Unknown unknowns \u2013 mit Donald Rumsfeld zu sprechen &#8211; Ereignisse, die wir nicht nur nicht kennen, sondern von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie nicht kennen, sind in einer derart mathematisch beherrschten Welt nicht vorgesehen. Wenn sie dann doch eintreten wie jetzt, ist der Grad der Traumatisierung entsprechend hoch. \u201eWhat went wrong with economics\u201c fragt der britische \u201eEconomist\u201c in der Titelgeschichte (18. Juli 209) seiner j\u00fcngsten<a href=\"http:\/\/www.economist.com\/printedition\/displayStory.cfm?Story_ID=14031376\"> Ausgabe<\/a> und empfiehlt \u2013 neben den Irrwegen der Makro\u00f6konomen &#8211; vor allem die Theorie effizienter M\u00e4rkte der Finanzleute in hohem Ma\u00dfe zur \u00dcberarbeitung.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberarbeitung \u00fcberlassen wir gerne den \u00d6konomen. Mir geht es an dieser Stelle im Kern um die Frage, ob es eine privilegierte Referenzwissenschaft f\u00fcr die \u00d6konomie geben soll, oder \u2013 mit Keynes \u2013 ob es nicht besser ist, wissenschaftstheoretisch eine Pluralit\u00e4t von Referenzfolien zuzulassen. Vertreter einer an Hayek orientierten Evolutions\u00f6konomie bringen statt der Physik regelm\u00e4\u00dfig die Biologie als Bezugsrahmen ins Spiel, hat doch Darwin spontane Ordnungen besser verstanden als Newton und gibt es spontane Ordnungen nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gesellschaft und Kultur. Anh\u00e4nger der alten Schule der deutschen Ordnungspolitik und Finanzwissenschaft w\u00fcrden dagegen die Medizin als Referenz nennen: Wie der Arzt die Gesundheit des Patienten und dessen gutes Leben im Auge hat, so gibt der \u00d6konom der Wirtschaftspolitik Rat, damit das Verh\u00e4ltnis von Markt und Staat in gute Ordnung kommt, der Sozialstaat nicht noch kr\u00e4nker und der Steuerstaat nicht noch gefesselter wird. Und wie der Arzt, der dem Patienten r\u00e4t, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren und sich gesund zu ern\u00e4hren, h\u00f6rt der Patient zwar die guten Ratschl\u00e4ge seines Doktors, ist aber zu schwach, sich daran zu halten.<\/p>\n<p>Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, aber h\u00f6chst anregend, ist es indes, die \u00d6konomie als eine Geistes- oder Literaturwissenschaft zu betrachten. Selbst Keynes, dessen Bloomsbury-Freundschaft mit Virginia Woolf daf\u00fcr einen Sinn h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen (das kann man demn\u00e4chst in Gerald Braunbergers Buch: Keynes f\u00fcr Jedermann,\u00c2\u00a0 FAZ-Buch September 2009, nachlesen), wollte nicht so weit gehen: die Philosophie reichte ihm. Radikaler argumentiert die amerikanische \u00d6konomin Deirdre McCloskey (Chicago), die seit den 80er Jahren (damals noch als Mann unter dem Namen Donald McCloskey) an dem Projekt des \u201eNew Economic Criticism\u201c arbeitet. McCloskey zu lesen ist in diese Krise (aber nicht nur wegen der Krise) au\u00dferordentlich wohltuend.<\/p>\n<p>McCloskey stammt aus der Chicago-Schule, ist Sch\u00fclerin Milton Friedmans, versteht sich bis heute als Liberale im europ\u00e4ischen Sinn, hat aber ihr stupendes kulturhistorisches und literarisches Wissen dazu genutzt, die \u00d6konomie als eine hermeneutische Wissenschaft zu entwerfen. \u201eThe literary character of Economics\u201c und \u201eStorytelling in Econmics\u201c hei\u00dfen die ihre grundlegenden <a href=\"http:\/\/deirdremccloskey.org\/articles\/index.php\">Aufs\u00e4tze<\/a> (http:\/\/deirdremccloskey.org\/articles\/index.php). Ihre These: \u201e\u00d6konomen erz\u00e4hlen Geschichten und schreiben Gedichte.\u201c\u00c2\u00a0 Die Konsequenz: \u00d6konomie ist Fiktion, Belletristik, nicht (nur) Spiegelung und schon gar nicht mathematisch exaktes Abbild der sozialen Welt, sondern (auch) Konstruktion dieser Wirklichkeit und von vergleichbarem Wahrheitsgehalt wie die Literatur. Bei McCloskey \u2013 wie f\u00fcr jeden Literaturwissenschaftler &#8211; ist das alles andere als eine Abwertung. Im Gegenteil: Die Welt muss gedeutet werden, und Deutung ist immer Vielfalt und nicht (naiv) Einfalt. Und diese Deutung vollzieht sich entweder in Geschichten oder in Metaphern.<\/p>\n<p>Zur Veranschaulichung der \u00f6konomischen Literaturtheorie hier zwei Beispiele:<br \/>\n1.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 \u00c2\u00a0Geschichten. Nehmen wir den Mindestlohn. Juristen (und viele Politiker, Gewerkschafter und andere Zeitgenossen) erz\u00e4hlen die Geschichte von menschenw\u00fcrdiger Arbeit. \u201eMan muss von seinem Lohn auch leben k\u00f6nnen.\u201c Eine gesetzliche Untergrenze, so diese Geschichte (\u201eLesart\u201c) sch\u00fctzt die Menschen vor Ausbeutung. Ein Mindestlohngesetz hat somit einen positiven Effekt: Der Mindestlohn sch\u00fctzt Arbeiter vor Ausbeutung und garantiert ein anst\u00e4ndiges Leben. \u00d6konomen sehen ganz andere Effekte: Verursacht ein Arbeiter mehr Kosten als er dem Unternehmer Geld einbringt, wird er entlassen. Das Mindestlohngesetz, sofern der Mindestlohn \u00fcber dem Marktlohn ist, macht ihn somit arbeitslos, was schlimmer ist als Arbeit bei einem seiner Produktivit\u00e4t entsprechendem Lohn. Die \u00f6konomische \u201estory\u201c erz\u00e4hlt die \u201eunbeabsichtigten Effekte\u201c, die juristische die \u201eintendierten Effekte\u201c. Welche Geschichte stimmt? Der New Economic Criticism pl\u00e4diert daf\u00fcr, die unterschiedlichen Deutungen auszuhalten und die Spannung gerade nicht aufzul\u00f6sen.<br \/>\n2.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 \u00c2\u00a0Metaphern. Metaphern sind nicht uneigentliche Rede, im Gegenteil: Sie erweitern die Sprache und ihre Ausdrucks- und Deutungsm\u00f6glichkeiten \u201eMetaphorische Rede pr\u00e4zisiert, indem sie mit der Dialektik von Vertrautheit und Verfremdung arbeitet\u201c (Eberhard J\u00fcngel). Durch die verfremdete Benennung erweitert sich die Bedeutung eines Sachverhalts. Das Standardbeispiel seit Aristoteles hei\u00dft: Achill ist ein L\u00f6we. Klar ist: Achill ist nicht wirklich ein L\u00f6we. Aber er ist wie ein L\u00f6we. McCloskeys \u00f6konomische Beispiele sind: die \u201eunsichtbare Hand\u201c, der \u201eZyklus\u201c oder das \u201eHumankapital\u201c. Als Metapher gelesen, l\u00e4sst sich die gezielte Provokation der Begriffe besser verstehen. Nat\u00fcrlich gibt es im Markt keine unsichtbare Hand. Aber wie durch eine unsichtbare Hand verwandelt sich Eigennutz in Gemeinnutz. Metaphern zu bilden ist ein sprachsch\u00f6pferisches Beispiel, das nat\u00fcrlich auch misslingen kann.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Finanzkrise: \u201eStorytelling makes it clearer why economists disagree\u201c, schreibt McCloskey. Wer hat recht: Keynes oder Friedman? Woher kommt die Erl\u00f6sung: Von der Geld- oder von der Fiskalpolitik? Es gibt nicht nur eine Wahrheit. K\u00f6nnte es sein, dass der Zwang zur Eindeutigkeit und die Suggestion mathematisch kontrollierbarer Wissenschaftlichkeit der sozialen Welt nicht angemessen ist. So lange zwei Storys einander widersprechen und die Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise erz\u00e4hlen, zwingt dieser Widerspruch, auf der Hut zu sein. Wenn aber Ambivalenzen und Ambiguit\u00e4ten aus einer Wissenschaft verbannt werden, kann sich rasch Sorglosigkeit einnisten: Wo wird denn noch ein Risiko sein, wenn die Mathematiker alles im Griff haben?<\/p>\n<p>Weil \u00d6konomie eine Art von Sozialgeschichte oder Kulturwissenschaft ist, taugt sie nicht zur Prophetie, die die k\u00fcnftige wirtschaftliche Entwicklung vorherzusagen w\u00fcsste. Seit der Krise ist es wohlfeil, dies zu behaupten und dient zumeist strategisch dem Bekenntnis der \u00f6konomischen Unschuld. McCloskey hat das aber aus wissenschaftstheoretischen Erw\u00e4gungen schon vor zwanzig Jahren gesagt \u201eViele halten die \u00d6konomen f\u00fcr eine Art Vorhersager des sozialen Wetters. Und ungl\u00fcckseligerweise nehmen \u00d6konomen f\u00fcr ihre Prognosen auch noch Geld. Aber genau so wenig, wie es in die Kompetenz von Seismographen f\u00e4llt, ein Erdbeben vorher zu sagen, und genauso wenig wie Politologen einen Wahlausgang kennen, k\u00f6nnen die \u00d6konomen etwas vorher wissen.\u201c McCloskey erg\u00e4nzt: \u201eIf they were so smart they would be rich.\u201c<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anforderungskatalog, den John Maynard Keynes f\u00fcr gute \u00d6konomen aufstellte, hat es in letzter Zeit (auch in diesem Blog) zu einiger Ber\u00fchmtheit gebracht. 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