{"id":12974,"date":"2013-08-08T06:15:11","date_gmt":"2013-08-08T05:15:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12974"},"modified":"2013-08-08T06:15:11","modified_gmt":"2013-08-08T05:15:11","slug":"wohin-solls-denn-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12974","title":{"rendered":"Wohin soll\u00c2\u00b4s denn gehen?"},"content":{"rendered":"<p>Fragt der Taxifahrer den \u00d6konom: \u201eWohin soll\u00c2\u00b4s denn gehen?\u201c.<\/p>\n<p>In der Regel kann der \u00d6konom eine pr\u00e4zise Aussage zu seinem Fahrtziel machen. Fragt der Taxifahrer dann w\u00e4hrend der Fahrt den \u00d6konom, wohin es denn mit der Wirtschaft gehen soll, ist die Antwort nicht eindeutig. Die Schar der \u00d6konomen teilt sich dann mindestens in zwei Lager:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der einen Gruppe ist klar, dass es nat\u00fcrlich in die Dienstleistungswirtschaft geht \u2013 und gehen soll. Schlie\u00dflich w\u00e4chst mit steigendem Wohlstand quasi automatisch die Nachfrage der Menschen nach Dienstleistungen. Wenn die materiellen Bed\u00fcrfnisse erst einmal gr\u00f6\u00dftenteils gedeckt sind, dann kann das verbleibende und ansteigende Einkommen f\u00fcr (h\u00f6herwertige) Dienstleistungen verausgabt werden. Beispiele daf\u00fcr sind Finanz- und Versicherungsdienste, Gesundheits- und Wellnessleistungen sowie Unterhaltungsdienstleistungen der vielf\u00e4ltigsten Art. In der Tat nahm in Deutschland und anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften langfristig der Dienstleistungsanteil an den privaten Konsumausgaben zu.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist das Leben in modernen Gesellschaften hoch komplex, sodass viele Dienstleistungen \u2013 zum Beispiel im Informations- und Kommunikationsbereich \u2013 vielen nahezu \u201e\u00fcberlebenswichtig\u201c erscheinen. Nicht zuletzt setzt auch der wachsende Konkurrenzdruck durch die aufstrebenden Volkswirtschaften den traditionellen Industriebetrieben zu. Den fortgeschrittenen L\u00e4ndern bleibt da mehr oder weniger nur noch die Flucht aus der vermeintlich \u201ealten\u201c und international hart umk\u00e4mpften Industrie in die hochmodernen Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Die Vertreter der anderen Gruppe sind sich dagegen nicht sicher, wohin der Strukturwandel gehen soll und gehen wird, und zwar aus folgenden Gr\u00fcnden:<strong><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Anma\u00dfung von Wissen?<\/strong> Die aktuelle Wirtschaftsstruktur eines Landes ist \u2013 zumindest in einer Marktwirtschaft \u2013 das Ergebnis vielz\u00e4hliger unternehmerischer Entscheidungen. Nat\u00fcrlich haben Wirtschaftspolitiker immer wieder auch mit Strukturpolitik und Industriepolitik versucht, die Wirtschaft ihres Landes in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die empirischen Erfolgsbefunde sind jedoch sp\u00e4rlich. In einer Marktwirtschaft entdecken die Unternehmen selbst das f\u00fcr sie relevante Produkt, mit dem sie ihr \u00dcberleben sichern wollen. Normative Empfehlungen in Richtung einer bestimmten Wirtschaftsstruktur m\u00fcssen zumindest den Beweis f\u00fchren, dass es Dienstleistungs\u00f6konomien (oder Industriel\u00e4ndern) langfristig besser geht. Und dazu gibt es durchaus unterschiedliche Befunde (ohne an dieser Stelle das gro\u00dfe Fass der Wohlstandsmessung \u00f6ffnen zu wollen): Das Pro-Kopf-Einkommen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit einem vergleichsweise hohen Dienstleistungsanteil ist h\u00f6her als in den aufstrebenden L\u00e4ndern mit einem vergleichsweise hohen und langfristig stabilen Industrieanteil. Das zeigt uns zumindest der Blick auf das aktuelle Einkommensniveau. Dem Konvergenzprozess \u2013 also dem Aufholen der \u00e4rmeren L\u00e4nder \u2013 stand ihr hoher Industriesektor aber nicht im Weg. Nur mit Dienstleistungen w\u00e4ren viele L\u00e4nder m\u00f6glicherweise nicht so gut und schnell vorangekommen. Auch in der Gruppe der fortgeschrittenen L\u00e4nder gibt es kein eindeutiges Bild. Das gilt sowohl f\u00fcr den Blick auf das Einkommensniveau als auch auf die Einkommensdynamik. Ein klarer Wohlstandsvorteil der Dienstleistungsl\u00e4nder ist hier nicht zu erkennen. Au\u00dferdem ist zu vernehmen, dass auch Politiker ihre Meinung \u00e4ndern: W\u00e4hrend sie vor Jahren noch mehrheitlich der Dienstleistungsmonstranz hinterherliefen, hat ein nicht geringer Teil die Industrie wieder f\u00fcr sich entdeckt. Die globale Finanzmarktkrise von 2009 hat hierzu ma\u00dfgeblich beigetragen. Zu den Konvertiten geh\u00f6rt zum Beispiel auch die EU-Kommission. Nach ihren Vorstellungen soll es in der EU zu einer Reindustrialisierung kommen und der Industrieanteil soll auf 20 Prozent ansteigen. Und auch die USA ist wieder auf dem Industrietrip \u2013 nachdem sie jahrzehntelang als Vorbild f\u00fcr den erfolgreichen Strukturwandel und als Muster zur Berechnung von Dienstleistungsl\u00fccken diente.<strong><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Krisenanf\u00e4lligkeit?<\/strong> Industriel\u00e4nder galten bislang als anf\u00e4lliger f\u00fcr Konjunkturkrisen. In der Tat ist die Wertsch\u00f6pfung im Industriebereich deutlich volatiler als im Servicesektor. Industriewaren sind handelbare Produkte mit einem oftmals sehr hohen Exportanteil. Das macht sie f\u00fcr die Wechsellagen der Weltwirtschaft empfindlicher. In Deutschland ist das Verarbeitende Gewerbe immer noch der konjunkturelle Taktgeber, obwohl rund 70 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung auf den Dienstleistungssektor entfallen. Ein Teil dieser Dienste \u2013 etwa im Staats-, Gesundheits- und Bildungsbereich \u2013 kennt einfach keine oder kaum Konjunktur. Gleichwohl darf nicht ignoriert werden, dass die letzte gro\u00dfe Rezession im Kern eine Dienstleistungskrise war. Die Krise der Jahre 2008 und 2009 nahm ihren Anfang im Banken- und Immobilienbereich. Diese Probleme \u2013 vor allem die Kreditklemmen in vielen L\u00e4ndern \u2013 beeintr\u00e4chtigten schlie\u00dflich den globalen Investitionszyklus und infizierten auf diesem Weg die Industrieunternehmen<strong>.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Alt versus modern?<\/strong> Die Industrie wird oftmals als ein traditioneller oder sogar alter Wirtschaftsbereich tituliert. Dienstleistungen gelten dagegen meist als modern. Zum einen ist dies falsch. Zum anderen bringt dies in der Diskussion \u00fcber den Strukturwandel nicht weiter. Bei der Bewertung der sogenannten \u201ealten\u201c Industriebereiche \u2013 greifen wir hierzu den Maschinenbau oder die Chemieindustrie auf \u2013 wird oftmals fahrl\u00e4ssig \u00fcbersehen, dass die Unternehmen dieser traditionellen Branchen mit hochmodernen und innovativen Produkten auf den M\u00e4rkten pr\u00e4sent sind. Das Gleiche gilt f\u00fcr ihre innovativen Produktionsprozesse. Entscheidend f\u00fcr den Wohlstand sind letztlich die Produktivit\u00e4t der Wirtschaftsbereiche und der Wertsch\u00f6pfungsgehalt der Produkte. Zweifelsohne gibt es hochproduktive und wertsch\u00f6pfungsintensive Dienstleistungen (wie etwa Unternehmensnahe Dienste) \u2013 aber auch das Gegenteil (wie etwa Haushaltsnahe Dienste). Die Bezeichnung \u201ealt\u201c oder \u201emodern\u201c hat mit der Branche nichts zu tun<strong>.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Industrie versus Dienstleistungen?<\/strong> Es ist diskussionsw\u00fcrdig, ob diese Unterscheidung heutzutage noch \u00f6konomischen Sinn macht. Industrieprodukte sind ohne produktbegleitende Dienstleistungen schwerer zu verkaufen. Wettbewerbsvorteile auf den Industriem\u00e4rkten entstehen oftmals durch diese Dienste \u2013 wie etwa Montage- und Wartungsleistungen. Umgekehrt machen manche dieser Dienste ohne die begleitende Industrieware keinen Sinn. Industrieware und Dienstleistungen leben quasi in einer Symbiose, die in der Regel historisch gewachsen ist. Industrie- und Servicesektor sind also nicht substitutiv, sondern eher komplement\u00e4r; beide sind nicht austauschbar, sondern sie erg\u00e4nzen sich wechselseitig. Gleichwohl hat die Industrie bestimmte Produktionsprozesse, die sie von einem Gro\u00dfteil der Dienstleistungen unterscheidet. Auch spielen bestimmte Standortfaktoren f\u00fcr die Industrie eine andere Rolle als f\u00fcr Servicefirmen. Das gilt zum Beispiel f\u00fcr Energie- und Rohstoffkosten. Auch das Innovationsumfeld und die Offenheit der Volkswirtschaft sind f\u00fcr die Industrie im Durchschnitt wichtiger als f\u00fcr die Dienstleistungsunternehmen \u2013 so eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln aus dem Jahr 2012.<strong><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>5. Nachfrage?<\/strong> Bef\u00fcrworter der Dienstleistungswirtschaft f\u00fchren zu Recht an, dass mit steigendem Wohlstand die Nachfrage nach Dienstleistungen w\u00e4chst. Das bedeutet aber nicht, dass dadurch die Industrie verschwinden muss. Lediglich ihre relative Bedeutung im Konsumbudget und in der damit einhergehenden Branchenstruktur nimmt dann ab. Ob es auch zu einem absoluten R\u00fcckgang der industriellen Wertsch\u00f6pfung kommt, ist dabei noch weit offen. Dazu kommt, dass f\u00fcr viele Unternehmen \u2013 und dies gilt auch f\u00fcr Dienstleistungsfirmen mit handelbaren G\u00fctern \u2013 der Weltmarkt immer mehr zum relevanten Markt wird oder werden kann. F\u00fcr st\u00e4rker industriebasierte und weltmarktorientierte Volkswirtschaften bleibt es damit offen, wohin sich in einer expandierenden Weltwirtschaft ihre Branchenstruktur wandelt. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass im Gefolge des globalen Investitionsbooms, der vor gut einer Dekade einsetzte, die Industrie im gesamtwirtschaftlichen Branchengef\u00fcge an Bedeutung gewonnen hat. L\u00e4nder mit einem hohen Investitionsg\u00fcteranteil waren einfach in einer besseren Ausgangsposition, um diese starke globale Nachfrage nach ihren Produkten zu bedienen. Genauso gut kann das Gegenteil wieder eintreten, wenn die weltweite Investitionst\u00e4tigkeit mehr oder weniger stark nachl\u00e4sst. Entscheidend wird auch sein, ob und wie stark aufstrebende Volkswirtschaften bei der Produktion moderner Industrieg\u00fcter zu Konkurrenten werden und heimische Unternehmen verdr\u00e4ngen. Die Perspektive einer wachsenden Weltbev\u00f6lkerung, die ausschlie\u00dflich in den \u00e4rmeren und nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben unterversorgten Regionen w\u00e4chst, die gewaltigen Anpassungslasten durch Rohstoffknappheit und Klimawandel lassen es allerdings auch weiterhin offen, welche L\u00e4nder mit welcher Wirtschaftsstruktur besser fahren. Damit landet man wieder beim ersten Punkt: Vor diesem Hintergrund ist Politikern zu raten, eine m\u00f6glichst wenig verzerrende Wirtschaftspolitik zu vertreten. Weder sind industriepolitische F\u00fcllh\u00f6rner notwendig, um nunmehr wieder der Industriemonstranz hinterherzulaufen. Jede branchenspezifische Subventionierung diskriminiert gleichzeitig viele andere Unternehmen, die nicht in den Genuss einer aktuell modernen Wirtschaftsf\u00f6rderung kommen. Der \u00d6konom sollte aufpassen, dass er den Taxifahrer (und den Politiker) nicht in die falsche Richtung schickt. Die \u201erichtige\u201c Richtung kennt er selbst nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragt der Taxifahrer den \u00d6konom: \u201eWohin soll\u00c2\u00b4s denn gehen?\u201c. In der Regel kann der \u00d6konom eine pr\u00e4zise Aussage zu seinem Fahrtziel machen. 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