{"id":13033,"date":"2013-08-21T00:01:27","date_gmt":"2013-08-20T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13033"},"modified":"2016-01-24T13:45:53","modified_gmt":"2016-01-24T12:45:53","slug":"wirtschaftliche-freiheit-versus-wirtschafts-wachstummacht-reichtum-die-menschen-gluecklicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13033","title":{"rendered":"Wirtschaftliche Freiheit versus Wirtschaftswachstum<br><small>Macht Reichtum die Menschen gl\u00fccklicher?<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Chinas Wirtschaftswachstum l\u00e4sst nach. Und dieser Wachstumseinbruch zeigt ein Ausma\u00df, dass die chinesische Politik sich Sorgen zu machen beginnt. Ein Wachstum von unter sieben Prozent sei &#8222;nicht akzeptabel&#8220;, schreibt (laut Spiegel online) die Nachrichtenagentur Xinhua. Die Zeitung &#8222;Xinjinbao&#8220; berichtet (nach derselben Quelle), Premier Li Keqiang habe eine Untergrenze von sieben Prozent f\u00fcr die j\u00e4hrliche Wachstumsrate gezogen. Die Politik Chinas m\u00f6chte um ihr Wirtschaftswachstumswunder k\u00e4mpfen. Dabei ist die Zeit, als Chinas Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr um mehr als zehn Prozent wuchs, wohl vorbei. Denn es handelt sich beim chinesischen Wachstum zu einem erheblichen Teil um einen Aufholprozess, eine allm\u00e4hliche Ann\u00e4herung an den Wohlstand der entwickelten Volkswirtschaften. Deutschland kennt dieses Ph\u00e4nomen aus den Wirtschaftswunderzeiten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auch das derzeitige deutsche Wachstum respektive die im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern gute konjunkturelle Lage hierzulande sind zum Teil einem Aufholwachstum geschuldet. Deutschland war zur Jahrtausendwende der kranke Mann Europas. Andere L\u00e4nder zogen wirtschaftlich gesehen vorbei oder enteilten. Seit den Arbeitsmarktreformen unter der Schr\u00f6der-Regierung funktioniert der deutsche Arbeitsmarkt jedoch wieder besser. Deutschland hat sich erholt, und Deutschland holt wieder auf. H\u00f6here Wachstumsraten als in den anderen wohlhabenden L\u00e4ndern der Welt sind eine logische Folge. Doch droht dieser Prozess nun zu Ende zu gehen (siehe auch Beitrag von Norbert Berthold vom 7.Juli 2013). Doch ist dies schlimm? Ben\u00f6tigen wir \u00fcberhaupt eine wachsende Wirtschaft? Die Politiker sind dieser Meinung und teilen sie mit vielen \u00d6konomen. Klar ist, dass Wirtschaftswachstum den Politikern ihr Handeln vereinfacht, denn es er\u00f6ffnet ihnen neue Spielr\u00e4ume, da sich mit dem Wachstum Einkommen und Steuern erh\u00f6hen. Doch Wirtschaftswachstum ist keineswegs alternativlos.<\/p>\n<p>Seit den Ver\u00f6ffentlichungen des \u00d6konomen Richard A. Easterlin wird in der Fachliteratur diskutiert, ob sich die allgemeine Lebenszufriedenheit der Menschen durch einen blo\u00dfen Einkommensanstieg aller in einer Gesellschaft und durch den damit einhergehenden zunehmenden Konsum von G\u00fctern \u00fcberhaupt bedeutsam ver\u00e4ndert. So ist das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands in den letzten 20 Jahren erkennbar angestiegen, der Wohlstand hat zugenommen. Trotzdem hat dieser Anstieg keinen erkennbaren Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden der Deutschen genommen, letzteres ist \u00fcber die Jahre hinweg konstant geblieben. Diese Beobachtung (steigender Wohlstand macht nicht gl\u00fccklicher) wird auch das Easterlin-Paradox genannt. Sie l\u00e4sst sich auch in anderen entwickelten Volkswirtschaften beobachten.<\/p>\n<p>Im internationalen Vergleich sind Menschen in reicheren Staaten und mit einem h\u00f6heren durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen allerdings sehr wohl gl\u00fccklicher als in \u00e4rmeren Staaten. Steigt das Einkommen in den weniger wirtschaftlich entwickelten L\u00e4ndern an, dann m\u00fcsste laut der Regressionskurve (zumindest im internationalen Vergleich) auch die Lebenszufriedenheit der Menschen dieser L\u00e4nder ansteigen. Jedoch gilt dies nur bis zu einem gewissen Punkt: Befragte Personen in den wirtschaftlich entwickelten L\u00e4ndern (mit gehobenem Durchschnittseinkommen) bringen einen weiteren Anstieg der Lebenszufriedenheit bei steigendem Wohlstand nicht mehr deutlich zum Ausdruck. Zwar gibt es auch f\u00fcr sie einen Zuwachs an Lebenszufriedenheit, aber dieser ist im Vergleich zu den wirtschaftlich schwachen L\u00e4ndern sehr gering. Die Regressionskurve verl\u00e4uft degressiv steigend.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neumann.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Einkommen vs. Wohlbefinden\" alt=\"Einkommen vs. Wohlbefinden\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neumann.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>F\u00fcr den degressiven Anstieg des durchschnittlichen subjektiven Wohlbefindens mit zunehmendem nationalen Wohlstand lassen sich mehrere plausible Argumente anf\u00fchren:<\/p>\n<p>-\u00c2\u00a0 Ein m\u00f6glicher Grund ist, dass es den Menschen ab einem gewissen Einkommen eher an Freizeit als an weiteren mit Preisen bewerteten G\u00fctern mangelt. Sie haben, was Konsumg\u00fcter angeht, eine S\u00e4ttigung erreicht, in der sie sich genug leisten k\u00f6nnen, um gl\u00fccklich zu sein, und dies ohne damit verbundene finanzielle Probleme. Zus\u00e4tzliche G\u00fcter weisen daher im Vergleich zur Freizeit einen abnehmenden Grenznutzen auf. Dieses Argument f\u00fchren zum Beispiel Frey \/ Frey Marti (2010) an.<\/p>\n<p>-\u00c2\u00a0 Die Tatsache, dass Menschen nicht viel gl\u00fccklicher bei h\u00f6herem Einkommen werden, kann zudem mit der Adaptionstheorie erkl\u00e4rt werden. Laut dieser gew\u00f6hnen sich Menschen sehr schnell an neue Situationen jeglicher Art &#8211; so auch an neue Einkommensverh\u00e4ltnisse. Langfristige Gl\u00fcckssteigerungen nach Einkommenserh\u00f6hungen sind mit dieser Theorie also nicht m\u00f6glich. Das Einkommen m\u00fcsste sich demnach in kurzen regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden erh\u00f6hen, um das damit verbundene Gl\u00fcck des Menschen aufrechterhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>-\u00c2\u00a0 Des Weiteren l\u00e4sst sich erkennen, dass Zufriedenheit nicht allein auf das Einkommen pro Kopf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Das Einkommen Russlands liegt zum Beispiel deutlich \u00fcber dem in Indien, das Wohlbefinden aber ist geringer. Kulturelle und politische Faktoren sind demnach auch ausschlaggebend f\u00fcr das subjektive Wohlbefinden. Insbesondere Religi\u00f6sit\u00e4t (was vermutlich das gute Abschneiden der lateinamerikanischen L\u00e4nder beim Wohlbefinden erkl\u00e4rt), Freiheit und Demokratie, Selbstbestimmung und Toleranz lassen sich als weitere positive Treiber der Lebenszufriedenheit ausmachen.<\/p>\n<p>-\u00c2\u00a0 Ein weiterer Grund f\u00fcr den degressiven Anstieg ist die Obergrenze der Messskala. Wohlbefinden wird \u2013 zumindest in der der Abbildung zugrundeliegenden Befragung des World Values Survey \u2013 auf einer Ordinalskala gemessen. 1 bedeutet hier \u201egar nicht zufrieden\u201c, 10 bedeutet \u201ein vollem Umfang zufrieden\u201c. Menschen neigen dazu, nie ganz zufrieden zu sein und immer mit dem Gedanken zu spielen, dass Situationen sich immer weiter verbessern k\u00f6nnen. Auch wenn es ihnen an nichts fehlt, geben sie auf dieser Skala daher oft keine H\u00f6chstwerte an, um Spielraum f\u00fcr weitere Verbesserungen bei der Evaluation ihres Wohlbefindens offenzuhalten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend zunehmender Reichtum also nur bedingt zu steigender Lebenszufriedenheit f\u00fchrt, erh\u00f6ht wirtschaftliche Freiheit direkt das subjektive Wohlbefinden. Geeignete demokratische, freiheitliche Institutionen sorgen f\u00fcr eine gl\u00fccklichere Bev\u00f6lkerung. Dies l\u00e4sst sich zum Beispiel f\u00fcr direkt-demokratische Elemente und einen dezentralen F\u00f6deralismus empirisch nachweisen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Freiheit ist gestaltbar, Wachstum ist es nicht: <\/strong>Politiker setzen die Rahmenbedingungen gesellschaftlichen Handelns durch einschl\u00e4gige Gesetze fest. Die von ihnen gew\u00e4hlte Rahmenordnung kann dabei mehr oder weniger freiheitliche Elemente beinhalten. Dies reicht von der sozialistisch gepr\u00e4gten Idee eines Staatsapparates bis hin zu einer radikalen freien Marktwirtschaft im Sinne Adam Smiths. Zwischen diesen Extremen k\u00f6nnen unterschiedliche Grade an wirtschaftlicher, aber auch an politischer Freiheit verwirklicht werden. Das Ausma\u00df an Freiheit in einer Gesellschaft ist also gestaltbar. Dabei soll nicht der Eindruck erweckt werden, radikale Marktwirtschaft sorge f\u00fcr maximale Freiheit. Denn eine Marktwirtschaft mit einem totalen Verzicht auf einen sozialstaatlichen Unterbau sorgt bei vielen Menschen eher f\u00fcr Existenzangst und verringert damit auch den gef\u00fchlten Freiheitsspielraum wieder erheblich. Wachstum hingegen ist eine Folge unternehmerischen Handels. Wachstum entsteht aus klugen unternehmerischen Entscheidungen, es ist eine Konsequenz von Innovation und Imitation. Wachstum l\u00e4sst sich nicht politisch administrieren.<\/li>\n<li><strong>Freiheit ist Voraussetzung f\u00fcr Wachstum: <\/strong>Wirtschaftliche Freiheit ist jedoch Voraussetzung f\u00fcr Wirtschaftswachstum. Wirtschaftliche Freiheit sorgt f\u00fcr Wettbewerb, und der Wettbewerbsprozess generiert Ideen, gute Produkte und Arbeitspl\u00e4tze. Dies f\u00fchrt zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Und wirtschaftliche Freiheit hat ma\u00dfgeblichen Einfluss auf das Wohlbefinden. Dies wird insbesondere am Arbeitsmarkt ersichtlich: Deregulierte Arbeitsm\u00e4rkte verringern das Problem unfreiwilliger Arbeitslosigkeit. Das Einkommen und das Wohlbefinden steigen an, w\u00e4hrend bei\u00c2\u00a0 Arbeitslosigkeit das Selbstwertgef\u00fchl der Menschen sinkt und die Lebenszufriedenheit darunter leidet.<\/li>\n<li><strong>Freiheit macht gl\u00fccklicher, Wachstum nicht: <\/strong>Subjektives Wohlbefinden ist insofern nicht mit Wirtschaftswachstum an sich verbunden, sondern eher mit den dem Wachstum zugrundeliegenden Ver\u00e4nderungen f\u00fcr die Individuen. Wirtschaftswachstum selbst ist kein (bedeutsamer) Treiber der Lebenszufriedenheit, wirtschaftliche Freiheit hingegen sorgt f\u00fcr eine h\u00f6here Lebenszufriedenheit und ein h\u00f6heres Wirtschaftswachstum.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein Schielen der Politiker auf die Wachstumsrate ist daher \u00fcberfl\u00fcssig. Es gilt vielmehr, die wirtschaftliche und politische Freiheit der Menschen im Blick zu behalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literaturverweise<\/strong><\/p>\n<p>Easterlin, R.A. (1974), Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence, Nations and Households in Economic Growth, in (Hrsg.): P. A. David and M. W. Reder, Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz, New York 89-125.<\/p>\n<p>Easterlin, R.A. und L. Angelescu (2009), Happiness and Growth the World Over: Time Series Evidence on the Happiness-Income Paradox, IZA Discussion Paper 4060, Bonn.<\/p>\n<p>Frey, B.S. und C. Frey Marti (2010), Gl\u00fcck \u2013 die Sicht der \u00d6konomie, R\u00fcegger Verlag, Z\u00fcrich\/Chur.<\/p>\n<p>Frey, B.S. und A. Stutzer (2000), Happiness, Economy and Institutions, The Economic Journal 110, 918-938.<\/p>\n<p>Inglehart, R., R. Foa, C. Peterson und C. Welzel (2008), Development, Freedom and Rising Happiness, Perspectives on Psychological Science 3(4), 264 \u2013 285.<\/p>\n<p>Kahneman, D. und A.B. Krueger (2006), Measurement of subjective well-being, Journal of Economic Perspectives 20(1), 3\u201324.<\/p>\n<p>World Values Survey (2011), Fifth Wave, abrufbar <a href=\"http:\/\/www.wvsevsdb.com\/wvs\/WVSAnalize.jsp\">hier<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chinas Wirtschaftswachstum l\u00e4sst nach. Und dieser Wachstumseinbruch zeigt ein Ausma\u00df, dass die chinesische Politik sich Sorgen zu machen beginnt. 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