{"id":1308,"date":"2009-08-01T00:16:01","date_gmt":"2009-07-31T23:16:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1308"},"modified":"2009-08-01T18:04:10","modified_gmt":"2009-08-01T17:04:10","slug":"ordnungsruf-krise-am-finanzmarkt-krise-auch-im-elfenbeinturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1308","title":{"rendered":"<small>Ordnungsruf: <\/small><br\/>Krise am Finanzmarkt \u2013 Krise auch im Elfenbeinturm?"},"content":{"rendered":"<p>Reflektiert die aktuelle Finanzkrise eine Krise der \u00d6konomik? Selbstverst\u00e4ndlich tut sie das, wie zuletzt der <a href=\"http:\/\/www.economist.com\/displaystory.cfm?story_id=14030288\" target=\"_blank\">\u201eEconomist\u201c<\/a> anhand des gegenw\u00e4rtigen Zustands der Makro\u00f6konomik dargelegt hat. Der \u201eMethodenstreit\u201c, den sich die deutsche \u00d6konomenzunft gerade wieder geg\u00f6nnt hat, hat dazu beigetragen, <em>einen<\/em> Aspekt dieser Krise zu beleuchten: \u00d6konomen vernachl\u00e4ssigen nach wie vor die institutionellen Rahmenbedingungen des Wirtschaftens. Die Finanzkrise wirft nun ein grelles Licht auf mindestens ein weiteres Defizit \u00f6konomischer Theoriebildung: \u00d6konomen vernachl\u00e4ssigen die Determinanten und die <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/nachrichten\/wir-sollten-dem-bauch-vertrauen;2338246\" target=\"_blank\">Rationalit\u00e4t<\/a> realen menschlichen Verhaltens.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gegen diesen k\u00fchlen Krisenbefund regt sich jedoch temperamentvoller Widerstand. Jan Schnellenbach hat im \u201eVisier\u201c der Juni-Ausgabe von \u201e<a href=\"http:\/\/vahlen.becksche.de\/asp\/e_admin\/zeitschriften\/upload\/WiSt6-2009_Visier.pdf\">WiSt<\/a>\u201c, aber ausf\u00fchrlicher bereits im Mai in <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=818\" target=\"_blank\">diesem Blog<\/a> die These vertreten, die aktuelle Finanzkrise sei \u201ekeine Krise der \u00d6konomik\u201c. Denn weder h\u00e4tten die \u00d6konomen als Prognostiker versagt noch h\u00e4tten ihre fr\u00fcheren \u201ePolitikempfehlungen\u201c zum Entstehen der Krise beigetragen. Die in diese beiden Richtungen zielende \u201epopul\u00e4re Kritik\u201c basiere auf \u201efalschen Voraussetzungen\u201c.<\/p>\n<p>Diese These ist, wie ich zeigen m\u00f6chte, verk\u00fcrzt. Sie beruht, zweitens, auf einer fragw\u00fcrdigen Immunisierungsstrategie. Drittens ist sie potentiell kontraproduktiv f\u00fcr den wissenschaftlichen Fortschritt innerhalb der \u00d6konomik.<\/p>\n<p>(1.) Warum <em>verk\u00fcrzt<\/em>? Schnellenbach schreibt erstens, eine \u201eReihe von \u00d6konomen\u201c (z.B. <a href=\"http:\/\/www.irrationalexuberance.com\/\" target=\"_blank\">Shiller, 2005<\/a>) h\u00e4tten schon fr\u00fch auf \u201eeine Preisblase auf den Verm\u00f6gensm\u00e4rkten als Folge einer expansiven Geldpolitik in den USA\u201c hingewiesen. Abgesehen davon, dass dies nur eine winzige Minderheit von \u00d6konomen betrifft, belegt diese Beobachtung exakt, was Schnellenbach eigentlich widerlegen m\u00f6chte. Die M\u00f6glichkeit eines Beinahe-Kollaps des Finanzsystems wurde <em>nicht<\/em> in Erw\u00e4gung gezogen, und der Fokus wurde einseitig auf <em>monet\u00e4re<\/em> Ursachen gelegt. Eine Wissenschaft wie die \u00d6konomik, die sich mit komplexen Ph\u00e4nomenen besch\u00e4ftigt, ger\u00e4t bei ihren Versuchen, die Realit\u00e4t vereinfachend abzubilden, nat\u00fcrlich stets in die Gefahr, versehentlich solche Aspekte auszublenden, die sich ex post als wesentlich herausstellen. Hier war es der enge Fokus auf die Geldpolitik als Verursacher krisenhafter Entwicklungen, vermutlich zur\u00fcckzuf\u00fchren (u.a.) auf den pr\u00e4genden Einfluss, den <a href=\"http:\/\/eh.net\/bookreviews\/library\/rockoff\" target=\"_blank\">Milton Friedmans<\/a> Beitr\u00e4ge auf die \u201eherrschende Meinung\u201c \u00fcber die Ursachen der Gro\u00dfen Depression der sp\u00e4ten 1920er und fr\u00fchen 1930er Jahre hatten. Die mikro\u00f6konomischen Faktoren, insbesondere die Fehlanreize durch missgestaltete \u201eSpielregeln\u201c in der Finanzbranche gerieten dabei offenbar nicht hinreichend ins Blickfeld. Sie tun dies nach wie vor nicht, was man daran erkennen kann, dass in der US-amerikanischen Diskussion um Auswege aus der Krise der Schwerpunkt klar auf geld- und fiskalpolitischen Instrumenten liegt, nicht auf der (nat\u00fcrlich ungleich anspruchsvolleren) Neujustierung des institutionellen Rahmens. Dank der soliden ordnungspolitischen Ausbildung der meisten deutschen \u00d6konomen stellt sich dieses Problem hierzulande nicht in gleichem Ma\u00dfe. Ob neben der \u201einstitutionellen Blindheit\u201c auch eine \u201everhaltenswissenschaftliche Blindheit\u201c die Qualit\u00e4t der makro\u00f6konomischen Theoriebildung getr\u00fcbt hat, diese also von einer falschen Vorstellung \u201erationalen\u201c Verhaltens am Kapitalmarkt ausgegangen ist, wie etwa <a href=\"http:\/\/press.princeton.edu\/titles\/8967.html\" target=\"_blank\">Akerlof und Shiller (2009)<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/nachrichten\/wir-sollten-dem-bauch-vertrauen;2338246\" target=\"_blank\">Gigerenzer<\/a> argumentieren, sei dahingestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die \u00d6konomen bis zum Ausbruch der n\u00e4chsten Finanzkrise rasch genug dazulernen.<\/p>\n<p>Schnellenbach schreibt zweitens, \u00d6konomenrufe nach Deregulierung seien nicht mitverantwortlich f\u00fcr die Krise gewesen, denn es sei gerade nicht die \u201eAbwesenheit des Staates\u201c gewesen, die zur Krise f\u00fchrte. Dieses Argument \u00fcbersieht, dass sich (nach heutigem Erkenntnisstand) unter der Vielzahl kausaler Faktoren auch eine Reihe von deregulierenden Ma\u00dfnahmen finden, die zur Versch\u00e4rfung der Finanzkrise in den USA beigetragen haben. Zu nennen w\u00e4ren etwa der <em>Commodities Futures Modernization Act<\/em> (2000), der auf eine Nichtregulierung von sogenannten \u201ecredit default swaps\u201c hinauslief, der <em>Sarbanes Oxley Act<\/em> (2002), der u.a. die effektiv prozyklisch wirkenden \u201efair value\u201c-Regeln einf\u00fchrte sowie die Entscheidung der US-B\u00f6rsenaufsicht SEC aus dem Jahre 2004, im Gegenzug f\u00fcr eine (letztlich recht zahnlose) Aufsicht die Eigenkapital-Richtlinien f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften US-Investmentbanken zu lockern.<\/p>\n<p>Aber sind \u00d6konomen angesichts der bekannten Beratungsresistenz eigenn\u00fctziger Politiker f\u00fcr derlei Fehlentwicklungen \u201everantwortlich\u201c? Sie sind es nur ganz ausnahmsweise <em>direkt<\/em>, insofern sie n\u00e4mlich an obengenannten Regulierungen als politische Entscheidungstr\u00e4ger unmittelbar beteiligt waren. Sie sind es hingegen stets <em>indirekt<\/em>, n\u00e4mlich in dem Sinne, dass sie die Wahrnehmung \u00f6konomischer Probleme und Probleml\u00f6sungen in Prozessen der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung und v.a. in jenen Zirkeln pr\u00e4gen, die \u00fcber die Ausrichtung der Politik entscheiden. Die Bedeutung subjektiver \u201ebeliefs\u201c im politischen Prozess ist mittlerweile <a href=\"http:\/\/www.springerlink.com\/content\/ffmxmx45pf90yd8q\" target=\"_blank\">anerkannt<\/a>. Es ist dieser Einflusskanal, auf den John M. Keynes anspielte, als er in seiner <a href=\"http:\/\/ebooks.adelaide.edu.au\/k\/keynes\/john_maynard\/k44g\" target=\"_blank\">\u201cGeneral Theory\u201c\u009d<\/a> (1935: Kap. 24) schrieb: \u201ePractical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist\u201c\u009d. Noch einmal anders ausgedr\u00fcckt: Wenn eigenn\u00fctzige Politik gute \u00d6konomen-Ideen nicht umsetzen, hat die Politik den schwarzen Peter. Aber wenn die Ideen selbst nicht gut waren, dann m\u00fcssen die \u00d6konomen sich der Kritik stellen.<\/p>\n<p>(2.) Warum <em>\u201eImmunisierungsstrategie\u201c<\/em>? Schnellenbach macht zun\u00e4chst einen Unterschied zwischen der seiner Ansicht nach illegitimen \u201epopul\u00e4ren Kritik\u201c seitens \u00f6konomischer \u201eLaien\u201c (\u201eDie \u00d6konomen haben doch alle versagt\u201c) und der \u201elegitimen\u201c Kritik innerhalb der Zunft. Kritik sollte jedoch nicht anhand des Bildungsgrades des Absenders, sondern strikt inhaltlich beurteilt werden. Wenn sich dem interessierten Laien am Stammtisch der Eindruck aufdr\u00e4ngt, dass makro\u00f6konomische Modelle (um Paul Krugman zu zitieren) \u201espectacularly useless at best, and positively harmful at worst\u201c gewesen seien, konvergiert dies offenbar mit Kritik, die <a href=\"http:\/\/delong.typepad.com\/sdj\/2009\/07\/but-the-economics-profession-right-now-is-useless.html\" target=\"_blank\">innerhalb der Zunft<\/a> ge\u00e4u\u00dfert wird. Manches mag zugespitzt sein, aber das hei\u00dft noch lange nicht, dass auf der Basis \u201efalscher Voraussetzungen\u201c argumentiert wird. Wenn Laien dar\u00fcber hinaus die Abwesenheit perfekt informierter wohlwollender Despoten beklagen, die die Krise \u201eh\u00e4tten verhindern k\u00f6nnen\u201c, reflektiert das ja nicht ein Unbehagen an der \u00f6konomischen Theoriebildung, sondern gewisse vordemokratische Ideale politischer Organisation.<\/p>\n<p>Schnellenbach immunisiert die \u00d6konomik aber vor jeder Kritik, wenn er als Indikatoren f\u00fcr das Vorliegen einer Krise nur (a) die Nicht-Existenz einigerma\u00dfen korrekter Prognosen sowie (b) den direkten Einfluss defizit\u00e4rer \u201ePolitikempfehlungen\u201c auf die politische Praxis akzeptiert. Weder (a) noch (b) werden wir <em>jemals<\/em> beobachten k\u00f6nnen \u2013 das liegt an der \u00fcblichen Varianz \u00f6konomischer Prognosen und an den allseits bekannten Mechanismen des politischen Prozesses. Wir sollten stattdessen dann die Courage haben, eine Krise einzur\u00e4umen, wenn sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit \u00f6konomischer Theorieangebote auftut. Und das ist gegenw\u00e4rtig offenkundig der Fall.<\/p>\n<p>(3.) Warum ist es schlie\u00dflich sogar <em>kontraproduktiv<\/em>, eine \u201eKrise der \u00d6konomik\u201c rundheraus abzustreiten? Es ist gef\u00e4hrlich, da es zu einer selbstzufriedenen Haltung f\u00fchren kann. Es kann Studierende der VWL von notwendigen kritischen Fragen abhalten. Die aktuelle Finanzkrise mit ihren komplexen Ursachen und desastr\u00f6sen Auswirkungen auf die Realwirtschaft sollte \u00d6konomen gerade zum umgekehrten Schluss verleiten: Die \u00d6konomik kann sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht dadurch entledigen, dass sie auf die Komplexit\u00e4t ihres Untersuchungsobjekts und die Beratungsresistenz der Politik verweist; und sie ist niemals \u201efertig\u201c, steckt in diesem Sinne immer in der \u201eKrise\u201c, und sollte das konstruktiv, n\u00e4mlich als Ansporn verstehen, mit dem Lernen nie aufzuh\u00f6ren \u2013 oder, wie es ein <a href=\"http:\/\/www.onlinekunst.de\/goethe\/tischbein_1787.jpg\" target=\"_blank\">bekannter Dichter<\/a> ausdr\u00fcckt: \u201eIndem wir die Irrt\u00fcmer unserer Vorfahren einsehen lernen, so hat die Zeit schon wieder neue Irrt\u00fcmer erzeugt, die uns unbemerkt umstricken\u201c.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reflektiert die aktuelle Finanzkrise eine Krise der \u00d6konomik? 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