{"id":13246,"date":"2013-09-04T05:22:03","date_gmt":"2013-09-04T04:22:03","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13246"},"modified":"2013-09-04T06:15:13","modified_gmt":"2013-09-04T05:15:13","slug":"chefvolkswirt-das-euro-drama-die-parallelwaehrung-als-loesungsweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13246","title":{"rendered":"<small>Chefvolkswirt<\/small><br> Das Euro-Drama<br \/><small>Die Parallelw\u00e4hrung als L\u00f6sungsweg<\/small>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>1. Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Jubel, Sekt und Feuerwerk: So wurde vor zehn Jahren zu Silvester die Einf\u00fchrung der Euro-M\u00fcnzen und Scheine gefeiert. Europa w\u00e4chst zusammen. Heute ist die Euro-Party einer Katerstimmung gewichen. F\u00fcr 2013 wird f\u00fcr die Euro-Zone ein R\u00fcckgang des BIP um 0,3 Prozent prognostiziert (vgl. Eurostat, 2013). In Griechenland wird das Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um 20 Prozent unter dem Wert von 2008 liegen. Mehr noch: Die unterschiedlichen Krisenreaktionspfade in den Mitgliedsl\u00e4ndern f\u00fchren zu Schlagzeilen, die weniger die Gemeinsamkeiten als die Divergenzen betonen.<\/p>\n<p>Dabei galt der Euro als ein weiterer Schritt zur Integration. Wie kommt es, dass ausgerechnet das Einigungsprojekt W\u00e4hrungsunion zu einer Entfremdung zwischen den V\u00f6lkern beitr\u00e4gt? Und gibt es einen Weg zwischen Austritt und Deflationszenario? Dieser Beitrag setzt sich mit den Vorschl\u00e4gen f\u00fcr eine Parallelw\u00e4hrung auseinander, die in einzelnen Mitgliedsstaaten neben dem Euro die Einf\u00fchrung einer weiteren W\u00e4hrung vorsehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2. Die Ursachen der Euro-Krise<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2.1. Ein Gedankenexperiment \u2013 Zwei K\u00f6nigreiche Westfalen und Rheinland<\/strong><\/p>\n<p>Zum Einstieg in die Argumentation dient das &#8211; historisch fragw\u00fcrdige &#8211; Gedankenexperiment mit zwei K\u00f6nigreichen Westfalen und Rheinland. Beide K\u00f6nige geben in ihren L\u00e4ndern eigene Papierw\u00e4hrungen aus. Die K\u00f6nigreiche handeln miteinander, aber akzeptieren als Tauschw\u00e4hrung nur Gold. Angenommen, im leichtlebigen Rheinland steigen Preise und L\u00f6hne in heimischer W\u00e4hrung schneller als im bed\u00e4chtigen Westfalen. Nun sind, eine weitere Annahme, beide K\u00f6nige weise und haben sich darauf geeignet, dass die Handelsbilanz zwischen beiden L\u00e4ndern ausgeglichen sein soll: Kein Land soll dauerhaft Export\u00fcbersch\u00fcsse im Handel mit dem anderen Land erzielen. Wie kann das erreicht werden, obwohl im Rheinland die G\u00fcterpreise schneller steigen als in Westfalen? Die L\u00f6sung liegt in einer entsprechenden Abwertung der rheinischen W\u00e4hrung gegen\u00fcber dem Gold. Dies bedeutet dann beispielsweise, dass der westf\u00e4lische Importeur von rheinischen Waren f\u00fcr eine Unze Gold nicht mehr zehn rheinische W\u00e4hrungseinheiten erh\u00e4lt, sondern elf. So wird die unterschiedliche Preisentwicklung in den K\u00f6nigreichen ausgeglichen, und es kommt nicht zu preisgetriebenen Ex- oder Import\u00fcbersch\u00fcssen. Im Fachjargon hei\u00dft es, die Kaufkraftparit\u00e4t sei erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Mit diesem System entwickeln sich beide K\u00f6nigreiche hervorragend, bis sich \u2013 ganz schicksalshaft &#8211; der Prinz von Westfalen und die Prinzessin aus dem Rheinland ineinander verlieben. Sie heiraten unter der Zustimmung ihrer Eltern, schaffen das gemeinsame K\u00f6nigreich Rheinland-Westfalen und f\u00fchren eine gemeinsame W\u00e4hrung ein.<\/p>\n<p>Im Rheinland sinken durch die W\u00e4hrungsunion die nominalen Zinsen auf das Niveau Westfalens. Dies befeuert die Konjunktur in dieser Region, L\u00f6hne und Preise f\u00fcr nicht handelbare G\u00fcter steigen schneller als in dem anderen Landesteil. Aber f\u00fcr den Handel sind pl\u00f6tzlich rheinische Produkte nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig. Dennoch erh\u00f6ht sich zun\u00e4chst das Bruttoverm\u00f6gen der Menschen im Rheinland, denn Produkte aus Westfalen werden auf Kredit gekauft. Aus dem Handelsbilanzgleichgewicht wird ein Ungleichgewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2.2. Ein Gedankenexperiment &#8211; Die L\u00f6sung der Krise in Rheinland-Westfalen<\/strong><\/p>\n<p>Bevor aber die Verschuldung der Rheinl\u00e4nder h\u00f6her als der Kahle Asten wird, suchen die jungen Regenten nach einer L\u00f6sung. Die Optionen lauten:<\/p>\n<ol>\n<li>Ende der W\u00e4hrungsunion: Rheinland-Westfalen l\u00f6st die W\u00e4hrungsunion zwischen den Landesteilen auf und f\u00fchrt den fr\u00fcheren Abwertungsmechanismus wieder ein. Aber das wollen die beiden K\u00f6nigskinder nicht, weil sie immer noch unzertrennlich sind.<\/li>\n<li>Inflation in Westfalen: L\u00f6hne und Preise in Westfalen sollen steigen, wie es die westf\u00e4lischen Gewerkschaften empfehlen. Aber die Mehrheit der gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Westfalen lehnt diesen Weg ab, da sie um den realen Wert ihrer Sparguthaben f\u00fcrchten. Au\u00dferdem wei\u00df niemand am K\u00f6nigshof, wie man Inflation gezielt erzeugen und steuern k\u00f6nnte.<\/li>\n<li>Deflation im Rheinland: L\u00f6hne und Preise im Rheinland sinken. Dazu muss die G\u00fcternachfrage kleiner als das Angebot sein. Der Anpassungsprozess impliziert eine Rezession mit sinkendem Konsum und steigender Arbeitslosigkeit. Die Mehrheit der lebenslustigen Rheinl\u00e4nder lehnt diesen Weg ab.<\/li>\n<li>Die Einf\u00fchrung einer tempor\u00e4ren Parallelw\u00e4hrung als Kompromiss: Dabei w\u00fcrde die W\u00e4hrungsunion bestehen bleiben und gleichzeitig eine zweite W\u00e4hrung im Rheinland eingef\u00fchrt werden, auf die alle inl\u00e4ndischen Stromgr\u00f6\u00dfen umgestellt werden. Eine Abwertung der rheinischen W\u00e4hrung gegen\u00fcber der Gemeinschaftsw\u00e4hrung w\u00e4re m\u00f6glich, der Abwertungsmechanismus w\u00fcrde so &#8222;durch die Hintert\u00fcr&#8220; zur\u00fcckkehren.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2.3. Der Teufelskreis der Euro-Krise<\/strong><\/p>\n<p>Diese Geschichte erz\u00e4hlt eine Analogie zur Entwicklung der Euro-Zone. Durch deren Einfachheit werden zwei Aspekte besonders hervorgehoben:<\/p>\n<ol>\n<li>Weder die Bev\u00f6lkerung des einen noch des anderen Landes ist &#8222;schuld&#8220; an dem Dilemma. Es ist das Zusammenspiel von L\u00f6hnen und Preisen von handelbaren und nicht handelbaren G\u00fctern, das zu den Divergenzen f\u00fchrt.<\/li>\n<li>Die Geschichte wurde ohne Staatsverschuldung und ohne Bankinsolvenzen erz\u00e4hlt. In der Realit\u00e4t verst\u00e4rken sich mehrere Kriseneffekte gegenseitig (vgl. Abb. 1).<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/vogelsang1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Schema der Dreifachkrise in der W\u00e4hrungsunion\" alt=\"Schema der Dreifachkrise in der W\u00e4hrungsunion\" src=\"\/wordpress\/bilder\/vogelsang1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>3. Die Idee der Parallelw\u00e4hrung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>3.1. Einordnung und Literatur\u00fcberblick<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Eurozone existieren etwa 30 neuere unterschiedliche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Parallelw\u00e4hrung (vgl. Schuster, 2012). Dabei flie\u00dfen mehrere Literaturstr\u00f6mungen zusammen. Einen Gesamt\u00fcberblick \u00fcber alternative Geldkonzepte gibt Degens (2013).<\/p>\n<ul>\n<li>Die Theorie der Regiogelder, die auch als Komplement\u00e4r- oder Kommunalw\u00e4hrungen diskutiert werden. Dabei handelt es sich um lokal ausgegebene Ersatzw\u00e4hrungen, mit denen i.d.R. \u00fcber eine h\u00f6here Umlaufgeschwindigkeit der heimische G\u00fcterumlauf stimuliert werden soll. Die \u00dcbertragung des Regiogeld-Gedankens auf Griechenland diskutieren seit 2011 mehrere Autoren (vgl. Behrens, 2011; Bossone \/ Sarr, 2011; Kennedy \/ Schuster, 2011), \u00fcber Erfahrungen mit dem Ovolos in Griechenland berichtet Sotiropoulou (2011). Ein Ideengeber f\u00fcr diesen Literaturstrang ist Silvio Gesell (\u201eFreigeld\u201c).<\/li>\n<li>Aus der w\u00e4hrungspolitischen Literatur stammen Beitr\u00e4ge zu &#8222;currency boards&#8220; und &#8222;currency substitution&#8220;. Die W\u00e4hrungssubstitution umfasst dabei auch die Analyse der offiziellen oder inoffiziellen Parallel-Nutzung von ausl\u00e4ndischen W\u00e4hrungen im Inland (vgl. BIS, 2003, S. 22 ff.).<\/li>\n<li>Als in den 1970er Jahren eine einheitliche europ\u00e4ische W\u00e4hrung erstmalig ernsthaft diskutiert wurde, spielten die Parallelw\u00e4hrungen eine Rolle (vgl. Graumann, 1979; Optica, 1976; Vaubel, 1978).<\/li>\n<li>Aus geldpolitischer Sicht wird die Frage diskutiert, ob und wie ein negativer Nominalzins erzielt werden kann (vgl. Goodfriend, 2000; van Suntum et al, 2011). Eine M\u00f6glichkeit ist die Trennung von Recheneinheit und Zahlungsmittelfunktion des Geldes, d.h. eine neue W\u00e4hrung wird als numeraire eingef\u00fchrt. Als Begr\u00fcnder dieses Ansatzes gelten Robert Eisler und Luigi Einudi.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die aktuellen Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung der Euro-Krise unterscheiden sich nach Emittent der Parallelw\u00e4hrung (Banksystem, Staat, Regierung oder Zentralbank), Unterlegung der Emission, m\u00f6glichen geldpolitischen Ma\u00dfnahmen, Konvertibilit\u00e4t, Wechselkursregime, Dauer der Parallelw\u00e4hrung und ggfs. R\u00fcckf\u00fchrung. Eine Parallelw\u00e4hrung kann in den wirtschaftlich starken L\u00e4ndern eingef\u00fchrt werden. Eine &#8222;Guldenmark&#8220; k\u00f6nnte \u00fcber eine W\u00e4hrungskonkurrenz auf alle L\u00e4nder disziplinierend wirken (vgl. Kerber, 2012). Andere Autoren bef\u00fcrworten die Einf\u00fchrung einer Parallelw\u00e4hrung in den Krisenl\u00e4ndern. F\u00fcr Griechenland wird exemplarisch die Einf\u00fchrung einer Neuen Drachme vorgeschlagen (vgl. Vaubel, 2012; Lucke, 2012; Vogelsang, 2012). Diese Vorschl\u00e4ge formulieren das Ziel, durch die Parallelw\u00e4hrung die Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu steigern. Andere Motivationen sind die Schonung der Euro-Liquidit\u00e4t, die leichtere Finanzierung von staatlichen Aufgaben oder die Senkung des Zinsniveau auf dem Kapitalmarkt (vgl. Schuster, 2012). Eine dritte Variante ist ein System von nationalen Parallelw\u00e4hrungen (vgl. Meyer, 2012; ten Dam, 2012).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>&#8212; Den <strong>gesamten Beitrag<\/strong> und die dazugeh\u00f6rige Literatur finden Sie in <a href=\"http:\/\/vahlen-online.beck.de\/?modid=665&amp;node=42699\" target=\"blank\">WiSt &#8211; Wirtschaftswissenschaftliches Studium<\/a>, Heft 8, 43. Jg. (2013), S. 445-449. &#8212;<\/i><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Einleitung Jubel, Sekt und Feuerwerk: So wurde vor zehn Jahren zu Silvester die Einf\u00fchrung der Euro-M\u00fcnzen und Scheine gefeiert. Europa w\u00e4chst zusammen. 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