{"id":13284,"date":"2013-09-20T05:38:54","date_gmt":"2013-09-20T04:38:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13284"},"modified":"2013-09-20T05:38:54","modified_gmt":"2013-09-20T04:38:54","slug":"griechenlandhilfe-endlich-reiner-wein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13284","title":{"rendered":"Griechenlandhilfe: Endlich reiner Wein?"},"content":{"rendered":"<p>Bundesfinanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble hat k\u00fcrzlich einger\u00e4umt, dass Griechenland k\u00fcnftig zus\u00e4tzliche Hilfen von den Euro-Rettern ben\u00f6tigen wird. Damit m\u00f6chte er den W\u00e4hlern reinen Wein einschenken und wohl auch einen Schlusspunkt setzen unter die aktuelle Debatte dazu, ob Griechenland \u00fcber die bisherigen Hilfen hinaus einen weiteren Schuldenschnitt ben\u00f6tigt oder nicht. Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bei den von Sch\u00e4uble in Aussicht gestellten zus\u00e4tzlichen Hilfen, die nach Aussage von Sch\u00e4uble keine \u201eRiesensumme\u201c betragen werden und die nach Sch\u00e4tzung der griechischen Regierung in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von zehn Milliarden Euro liegen sollen, geht es im Wesentlichen um die Anschlussfinanzierung, die Griechenland nach Ablauf der derzeitigen Hilfsprogramme ben\u00f6tigen wird. Insgesamt summieren sich die beiden von den Eurol\u00e4ndern, der EU und dem Internationalem W\u00e4hrungsfonds bereitgestellten Griechenland-Pakete auf 237 Mrd. Euro. Sie sind bis Ende des Jahres 2014 befristet, d.h. danach gibt es keine neuen Kredite der Euro-Retter mehr und die bereits gew\u00e4hrten Kredite aus den alten Rettungsprogrammen laufen sukzessive aus.<\/p>\n<p>Vermutlich hatte schon im Jahr 2010, als das erste Rettungspaket geschn\u00fcrt wurde, kaum jemand wirklich geglaubt, dass Griechenland seine Staatsschuld nach Auslaufen der Hilfen wieder selbst\u00e4ndig finanzieren k\u00f6nne. Vollends verflogen ist diese Hoffnung sp\u00e4testens im M\u00e4rz 2012, als es zum Schuldenschnitt kam, bei dem private Gl\u00e4ubiger auf rund 53 Prozent ihrer Forderungen verzichteten mussten und dar\u00fcber hinaus l\u00e4ngere Laufzeiten und niedrigere Zinsen als urspr\u00fcnglich vereinbart auferlegt bekamen. Private Investoren werden kaum geneigt sein, noch einmal \u00e4hnliche Erfahrungen zu machen und ab 2015 wieder neue griechische Staatsanleihen zu kaufen. Es wird also \u2013 wie von Sch\u00e4uble erkl\u00e4rt \u2013 unvermeidlich sein, nach Auslaufen der gegenw\u00e4rtigen Rettungspakete ein neues, drittes Rettungspaket zu schn\u00fcren. Ob die in diesem Zusammenhang genannte Summe von zehn Milliarden Euro daf\u00fcr ausreichen wird, darf abgewartet werden.<\/p>\n<p>Auf einem v\u00f6llig anderen Blatt steht die Frage, ob Griechenland \u2013 mit oder ohne drittem Rettungspaket &#8211; jemals in der Lage sein wird, seine bisher aufgelaufenen Schulden zur\u00fcckzuzahlen. Diese Schulden betragen derzeit knapp 300 Mrd. Euro, das entspricht 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Abb. 1). Wenn f\u00fcr diesen Schuldenstand die am Kapitalmarkt geforderten Zinsen von derzeit 11 Prozent zu zahlen w\u00e4ren, m\u00fcsste die griechische Regierung etwa 20 Prozent des Sozialprodukts f\u00fcr Zinsen aufwenden \u2013 das entspricht etwa den gesamten Steuereinnahmen des Landes.<\/p>\n<p>Zweifel an der Schuldentragf\u00e4higkeit Griechenlands wecken zun\u00e4chst einmal die Erfahrungen mit dem Schuldenschnitt vom M\u00e4rz 2012, der dazu dienen sollte, die griechische Staatsschuldenquote von damals 170 Prozent auf 120 Prozent zu reduzieren. Im Gefolge dieser Ma\u00dfnahme ging die griechische Staatsschuldenquote aber nur auf knapp 160 Prozent zur\u00fcck. Das lag zum einen daran, dass der Entlastungseffekt durch den Schuldenschnitt relativ gering war, weil die privaten Schuldner damals nur noch rund ein Drittel der griechischen Staatsschuldtitel hielten. Vor allem aber gelang es der griechischen Regierung nicht, die L\u00fccke zwischen Einnahmen und Ausgaben im Staatshaushalt zu decken, d.h. die Entlastung durch den Schuldenschnitt wurde durch die Neuverschuldung rasch wieder aufgefressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/klodtgr1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Staatsverschuldung Griechenlands\" alt=\"Staatsverschuldung Griechenlands\" src=\"\/wordpress\/bilder\/klodtgr1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Noch gravierendere Zweifel wecken die Fundamentaldaten des griechischen Staatshaushalts: Um den Zinsverpflichtungen nachkommen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen zun\u00e4chst einmal die laufenden Staatsausgaben ohne Zinszahlungen geringer ausfallen als die laufenden Staatseinnahmen. Bisher war die griechische Regierung weit davon entfernt, \u00fcberhaupt einen solchen sogenannten Prim\u00e4r\u00fcberschuss zu erzielen. Erst in j\u00fcngster Zeit ist aus dem Prim\u00e4rdefizit ein Prim\u00e4r\u00fcberschuss geworden &#8211; allerdings nur deshalb, weil der griechische Staat derzeit weitgehend darauf verzichtet, seine Rechnungen gegen\u00fcber der Privatwirtschaft zu bezahlen. Der griechische Staat lebt also nach wie vor weit \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse, wozu vor allem der immer noch \u00fcberdimensionierte \u00f6ffentliche Dienst beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nach dem <a href=\"http:\/\/www.ifw-kiel.de\/wirtschaftspolitik\/politikberatung\/ifw-schuldenbarometer\/das-ifw-schuldenbarometer\" target=\"blank\">\u201eSchuldenbarometer\u201c<\/a> des Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft m\u00fcsste der griechische Staat einen Prim\u00e4r\u00fcberschuss (Differenz zwischen Staatseinnahmen und -ausgaben ohne Zinszahlungen) von mehr als zehn Prozent seines Bruttoinlandsprodukts erzielen, um die Schuldenquote zumindest stabil halten zu k\u00f6nnen. Das ist, wie alle historischen Erfahrungen zeigen, schlichtweg illusorisch.<\/p>\n<p>Trotz aller Beteuerungen der Politik f\u00fchrt also kein Weg an der Erkenntnis vorbei: <em>Die griechische Staatsschuld ist untragbar hoch<\/em>. Eine R\u00fcckzahlung der ausstehenden internationalen Kredite wird die griechische Regierung aus eigener Kraft nie schaffen k\u00f6nnen. Wir sollten also nicht allzu \u00fcberrascht sein, wenn uns nach der Bundestagswahl verk\u00fcndet werden sollte, ein Schuldenschnitt f\u00fcr Griechenland sei \u201ealternativlos\u201c. Erst nach diesem Eingest\u00e4ndnis wird der den B\u00fcrgern eingeschenkte Wein tats\u00e4chlich rein sein.<\/p>\n<p>Wie hoch der Schuldenschnitt ausfallen muss, l\u00e4sst sich nicht auf die Nachkommastelle genau angeben. Jedenfalls sollte er nicht zu zaghaft und mit zittriger Hand erfolgen, denn nichts w\u00e4re schlimmer als wenige Monate sp\u00e4ter mit einem weiteren Schuldenschnitt nachbessern zu m\u00fcssen. Geht man von der vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds genannten 120-Prozent- Grenze aus, bis zu der eine Staatsschuldenquote tragf\u00e4hig ist, dann erg\u00e4be sich angesichts der aktuellen Quote von rund 180 Prozent ein notwendiger Schnitt von einem Drittel. In einer aktuellen Studie des Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft wird nicht auf diese 120-Prozent- Grenze abgestellt, sondern auf den erreichbaren Prim\u00e4r\u00fcberschuss (Schrader\/Bencek\/Laaser, 2013). Daraus leiten die Autoren ab, dass der Schuldenschnitt (je nach Szenario zu den griechischen Wachstumsperspektiven) in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von 64 Prozent bis 71 Prozent liegen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Um die daraus resultierenden finanziellen Folgen f\u00fcr Deutschland absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wird als \u201ebest guess\u201c der folgenden \u00dcberschlagsrechnung von einem Schuldenschnitt von 50 Prozent ausgegangen. Als weiteres Element der \u00dcberschlagsrechnung werden Informationen dazu ben\u00f6tigt, wie sich die griechischen Staatsschulden auf die verschiedenen Gl\u00e4ubiger verteilen. Nach Sch\u00e4tzung des Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft entfallen 67 Mrd. Euro der Gesamtsumme von 297 Mrd. Euro auf IWF und EZB, die sich gem\u00e4\u00df ihrer Statuten nicht an einem Schuldenschnitt beteiligen d\u00fcrfen (Abb. 2). Die \u00fcbrigen Gl\u00e4ubiger m\u00fcssten demnach entsprechend h\u00f6here Einschnitte hinnehmen \u2013 nach unserer \u00dcberschlagsrechnung w\u00e4ren das 65 Prozent, um f\u00fcr die Gesamtschuld auf einen Satz von 50 Prozent zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/klodtgr2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Gl\u00e4ubigerstruktur der griechischen Staatsverschuldung\" alt=\"Gl\u00e4ubigerstruktur der griechischen Staatsverschuldung\" src=\"\/wordpress\/bilder\/klodtgr2.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die Beteiligung Deutschlands an den Griechenland-Hilfen entspricht seinem Kapitalanteil an der EZB \u2013 das sind 27,15 Prozent. Bei einem Abschreibungsbedarf von 65 Prozent auf die von den Euro-L\u00e4ndern gehaltenen Schulden von 161 Mrd. Euro w\u00fcrden sich also f\u00fcr Deutschland Abschreibungen in H\u00f6he von 28 Mrd. Euro ergeben.<\/p>\n<p>Ob die zu erwartende Entschuldung tats\u00e4chlich als expliziter Schuldenschnitt erfolgen wird, ist dabei aus \u00f6konomischer Sicht von untergeordneter Bedeutung. Stattdessen k\u00f6nnte sich die Politik auch daf\u00fcr entscheiden, dem griechischen Staat auf Dauer die Zinszahlungen zu erlassen und die Laufzeit der Kredite ins Unendliche zu verl\u00e4ngern (entsprechende Vorschl\u00e4ge hat der griechische Finanzminister Giannis Stournaras bereits gemacht). Das w\u00e4re reine Kosmetik, mit der sich das Unwort Schuldenschnitt formal vermeiden lie\u00dfe, de facto aber ebenso wie bei einem expliziten Schuldenschnitt auf die R\u00fcckzahlung der Kredite verzichtet w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Eine notwendige Schlussbemerkung: Ein (expliziter oder impliziter) Schuldenschnitt ist unvermeidlich, aber er reicht nicht aus, die griechische Staatsschuldenkrise nachhaltigen zu l\u00f6sen. Solange die laufenden Ausgaben im Staatshaushalt die laufenden Einnahmen \u00fcbersteigen, werden immer wieder neue Schulden nachwachsen, die dann \u00fcber kurz oder lang neue Rettungspakete und neue Schuldenschnitte notwendig machen werden. Der eigentliche Schl\u00fcssel liegt bei den notwendigen Strukturreformen, die einen eigenen Beitrag in diesem Forum wert w\u00e4ren. Der zu erwartende Schuldenschnitt kann die Strukturreformen nur begleiten \u2013 nicht ersetzen.<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<p>SCHRADER, K.\/BENCEK, D.\/LAASER, C.-F. (2013), <a href=\"http:\/\/www.ifw-kiel.de\/pub\/kd\/2013\/kd522_523.pdf\" target=\"blank\">IfW-Krisencheck: Alles wieder gut in Griechenland?<\/a> <em>Kieler Diskussionbeitr\u00e4ge 522\/523<\/em>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundesfinanzminister Wolfgang Sch\u00e4uble hat k\u00fcrzlich einger\u00e4umt, dass Griechenland k\u00fcnftig zus\u00e4tzliche Hilfen von den Euro-Rettern ben\u00f6tigen wird. 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