{"id":13423,"date":"2013-10-15T00:01:00","date_gmt":"2013-10-14T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13423"},"modified":"2013-10-14T14:19:20","modified_gmt":"2013-10-14T13:19:20","slug":"meinungsumfragen-zur-volksverdummungwie-geht-es-ihnen-denn-heute-so-soziale-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13423","title":{"rendered":"Meinungsumfragen zur Volksverdummung:<br \/>Wie geht es Ihnen denn heute so, Soziale Marktwirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Meinungsumfragen sind in einer Demokratie wichtig. Sie helfen den politischen Entscheidungstr\u00e4gern, ein Bild davon zu erhalten, was in einer Gesellschaft mehrheitlich gew\u00fcnscht wird und was nicht. Sie evaluieren zudem, was die Menschen von der politischen Umsetzung ihrer W\u00fcnsche halten. So liefern sie erheblichen Mehrwert an Informationsgehalt im Vergleich zu den nur alle vier Jahre stattfindenden Wahlen. Doch gerade bei den Umfragen zu gesellschaftlich wichtigen Themen ist es wichtig, Meinungsumfragen auch so zu gestalten, dass die Umfrage interpretierbar ist und es zudem nicht bei der Befragung bereits feststeht, wie die Antwort ausfallen wird und soll. Dann handelt es sich bei der Umfrage n\u00e4mlich nicht um Informationsgewinnung, sondern um Meinungsmache.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Beispiel hierf\u00fcr liefern die Umfragen zur Zukunft der sozialen Marktwirtschaft. Allj\u00e4hrlich erhebt zum Beispiel der Bankenverband bei 1.000 Befragten die Meinung dazu, ob sich die soziale Marktwirtschaft bew\u00e4hrt hat oder nicht. Nach einem Tief im Jahr 2010, als die Zustimmung einmalig auf unter 50 Prozent absank, ist seitdem der Anteil der Zustimmung wieder deutlich auf mittlerweile 67 Prozent gestiegen. Dies ist ein dramatischer Anstieg: Immerhin adressiert die Frage die Grundlage unseres Wirtschaftssystems. Da sich aber an unserem System gar nicht viel ge\u00e4ndert hat, d\u00fcrften die Befragten statt der eigentlich gestellten Frage die Frage beantwortet haben, ob sie mit den gegenw\u00e4rtigen \u00f6konomischen Auswirkungen der Marktwirtschaft zufrieden sind. Damit haben sie implizit nach 2000 zur hohen Arbeitslosigkeit und nach 2008 dann zu den Folgen der Finanzmarktkrise ihre Meinung kundgetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neum1a.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Die Soziale Marktwirtschaft hat sich bew\u00e4hrt\" alt=\"Die Soziale Marktwirtschaft hat sich bew\u00e4hrt\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neum1a.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Dies ist an sich kein Problem f\u00fcr die Umfrage \u2013 allerdings muss man die Ergebnisse eben zur\u00fcckhaltend interpretieren. Eine generelle Aussage zum System der sozialen Marktwirtschaft darf man aus der Umfrage deshalb kaum ziehen.<br \/>\nSetzen wir jedoch den Fall, die Befragten geben tats\u00e4chlich ihre Meinung zum System Soziale Marktwirtschaft ab. Dann stellt sich als n\u00e4chstes Problem die Frage, was mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft gemeint ist.<\/p>\n<p>Die Aussage, die Soziale Marktwirtschaft habe sich nicht bew\u00e4hrt, kann hei\u00dfen<\/p>\n<ol>\n<li>dass die auf den ordoliberalen Grunds\u00e4tzen von Walter Eucken basierende Wirtschaftsordnung \u201eSoziale Marktwirtschaft\u201c aus normativer Sicht anderen Wirtschaftssystemen unterlegen ist und daher politisch \u00c4nderungen gew\u00fcnscht sind, oder<\/li>\n<li>dass sich die Soziale Marktwirtschaft in positiver Sichtweise im Wettbewerb der Systeme nicht durchsetzen konnte, was bedeuten w\u00fcrde, dass wir in Deutschland keine soziale Marktwirtschaft mehr h\u00e4tten, obwohl diese aus normativer Sicht vielleicht die bessere L\u00f6sung w\u00e4re.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aufgrund dieser Doppeldeutigkeit lassen sich die Ergebnisse von Umfragen zur sozialen Marktwirtschaft kaum mehr sinnvoll einordnen.<\/p>\n<p>Deutlich zu Tage tritt die Problematik des Durcheinanders von normativen und positiven Fragestellungen zum Beispiel in der Infratest\/dimap Umfrage von 2012. Hier dominieren die positiven Einordnungen: 77 Prozent der Befragten sind der Meinung, die Marktwirtschaft mache die Reichen reicher und die Armen \u00e4rmer. Dies ist zun\u00e4chst einmal eine deskriptive Meinungs\u00e4u\u00dferung \u00fcber die Folgen der Auspr\u00e4gung des Systems in Deutschland ohne eine normative Bewertung, ob eine solche \u00c4nderung der Einkommensverteilung w\u00fcnschenswert ist oder nicht (auch wenn eine zunehmende Einkommensspreizung von den meisten Menschen normativ als unerw\u00fcnscht interpretiert werden d\u00fcrfte). Die Zustimmung zur Aussage \u201eDie soziale Marktwirtschaft ist f\u00fcr Deutschland immer noch am besten\u201c hingegen ist rein normativer Natur \u2013 ein Werturteil und jeglichen Empiriegehalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neum2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Die Soziale Marktwirtschaft...\" alt=\"Die Soziale Marktwirtschaft...\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neum2.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Was soll ein Politiker aus einer solchen Umfrage lernen? Interpretiert man die Ergebnisse b\u00f6swillig (also nicht so, wie es die Abbildung eher suggerieren m\u00f6chte), kommt man zu folgendem Schluss: 77 Prozent der Befragten stimmen zu, dass die soziale Marktwirtschaft die Reichen reicher macht. 65 Prozent bejahen gleichzeitig die Aussage, die soziale Marktwirtschaft sei f\u00fcr Deutschland immer noch am besten. Steigender Reichtum der Reichen ist wohl ein erfreuliches Ergebnis: Alle Menschen haben in einer Marktwirtschaft einen starken Anreiz, reich zu werden. Denn dann werden sie in unserem System schnell noch reicher. Und Reichtum ist in unseren Werten ja ein positiv belegter Begriff. Ob dies die Ergebnisse der Befragung uns verraten wollen?<\/p>\n<p>Die soziale Marktwirtschaft ist f\u00fcr die derzeit gute Lage in Deutschland verantwortlich (so die Umfrage). Dies ist eine normative wie positive Aussage: Die Lage hierzulande ist gut (normativ!), die Marktwirtschaft ist verantwortlich hierf\u00fcr (positiv!). Aber: Die derzeitige Lage ist offenbar kein relevantes Kriterium: 51 Prozent (die Mehrheit!) stimmen zu, dass die soziale Marktwirtschaft grundlegend ver\u00e4ndert werden muss. Sie ist aber f\u00fcr Deutschland jedoch immer noch am besten (65 Prozent Zustimmung)! Was soll man hieraus jetzt f\u00fcr politische Schl\u00fcsse ziehen?<\/p>\n<p>Meinungsumfragen sind wichtig. Dies gilt auch f\u00fcr Umfragen zur sozialen Marktwirtschaft, und dies sowohl aus normativer wie auch aus positiver Sicht. Normativ ist es wichtig zu evaluieren, ob unsere Soziale Marktwirtschaft die richtige Wirtschaftsordnung, also jene, die unsere Werte und Normen ad\u00e4quat formuliert, f\u00fcr uns ist. In einer Demokratie muss die Wirtschaftsordnung vom Volk mehrheitlich legitimiert werden. Eine solche Legitimationsbasis kann erodieren, wenn sich grundlegende Werte der Menschen ver\u00e4ndern. Wenn etwa ein Wertewandel in Form eines Abr\u00fcckens vom Freiheits- zum Gleichheitsprinzip zu beobachten ist, so ist die Politik aufgefordert, konstruktive Reformen zur Umsetzung des Wertewandels in die Wirtschaftsordnung einzuleiten. Ob dies der Fall ist, und welche Werte, auf denen unsere Wirtschaftsordnung basiert, sich ver\u00e4ndern, wird in den Umfragen zur Sozialen Marktwirtschaft leider nicht thematisiert. F\u00fcr Parteien wie in diesem Fall f\u00fcr die FDP w\u00e4ren solche Aussagen aber hochrelevant: Wird Freiheit ein weniger gesch\u00e4tzter Wert? Und in welchen Bereichen verzichten Menschen auf Freiheit und w\u00fcnschen sich mehr Staat? Oder ist Freiheit in den meisten gesellschaftlichen Bereichen nach wie vor von hoher Bedeutung?<\/p>\n<p>Zudem k\u00f6nnen sich auch Normen ver\u00e4ndern, ohne dass sich die dahinter stehenden Werte mit ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Technischer Fortschritt oder der Globalisierungsprozess sorgen daf\u00fcr, dass neue Herausforderungen an die Wirtschaftsordnung entstehen. Die Globalisierung etwa liefert hier viel Diskussionsstoff, man denke nur etwa an die Ausbeutung von Rohstoffen in den Krisenregionen der Welt wie etwa der Demokratischen Republik Kongo. Welche Antwort hat unsere Wirtschaftsordnung auf das Problem, dass Eigentumsrechte dort nichts wert sind und der Markthandel mit den Rohstoffen dieser Region die Kriegsherren im Kongo finanziell unterst\u00fctzt? Oder nehmen wir die Folgen des demografischen Wandels: Der Wert, Menschen sollten in W\u00fcrde altern k\u00f6nnen, hat sich m\u00f6glicherweise nicht ver\u00e4ndern. Aber die gesellschaftliche Norm, wie dies sicher zu stellen ist, hat sich in den Jahrzehnten zunehmender Kinderlosigkeit vieler Menschen von der (Gro\u00df-)familie wegbewegt und wird vermehrt als \u00f6ffentliche Aufgabe betrachtet. Aussagen \u00fcber die Relevanz von Werten und Normen zu gewinnen ist f\u00fcr die politische Umsetzung von Werten und Normen absolut w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>Auch die positive Sicht zur Sozialen Marktwirtschaft in der Gesellschaft abzufragen macht Sinn. Denken die Menschen in Deutschland tats\u00e4chlich, dass wir noch eine soziale Marktwirtschaft haben? Was verstehen sie unter Marktwirtschaft, was halten sie f\u00fcr sozial? Denken Sie, dass die Marktwirtschaft die Reichen reicher und die Armen \u00e4rmer macht? Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom April 2011 denken 71 Prozent der B\u00fcrger, dass wir in Deutschland eine soziale Marktwirtschaft haben. Von dieser erwarten sie vor allem gleiche Bildungschancen f\u00fcr alle, geringe Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum. Andere zentrale Items sind die H\u00f6he der Staatsschulden oder die F\u00f6rderung des Umweltschutzes. Von den tats\u00e4chlichen Merkmalen einer sozialen Marktwirtschaft (freie Preisbildung; offene M\u00e4rkte; Eigentumsrechte; Haftung) ist in der Auflistung, was der B\u00fcrger von einer Marktwirtschaft erwarten kann, gar nichts zu finden. Diese aber m\u00fcsste man in der Umfrage auch abfragen \u2013 ansonsten redet die Umfrage den Befragten (f\u00e4lschlicherweise) ein, die H\u00f6he der Staatsschulden habe etwas mit der Wahl der Wirtschaftsordnung zu tun.<\/p>\n<p>Interessant wird die positive Sicht vor allem dann, wenn man sie mit den tats\u00e4chlichen Daten und Fakten kontrastieren kann. Dann l\u00e4sst sich \u00fcberpr\u00fcfen, was die Deutschen \u00fcber ihre Wirtschaftsordnung wissen und wie gut sie \u00fcber ihre Folgen informiert sind. Stellt sich heraus, sie sind schlecht informiert, ist Aufkl\u00e4rung im Sinne \u00f6konomischer Bildung gefordert. Diese w\u00fcrde unmittelbar zur Volksbildung beitragen. Die Umfragen, wie sie bisher durchgef\u00fchrt werden, sind jedoch wohl zu einem Teil einfach ungl\u00fccklich gestellt, und zu einem anderen Teil wohl der politischen Meinungsmache zuzuschreiben. So f\u00fchren sie statt zur Volksbildung eher zu Volksverdummung.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinungsumfragen sind in einer Demokratie wichtig. 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