{"id":13621,"date":"2013-10-29T00:01:18","date_gmt":"2013-10-28T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13621"},"modified":"2022-08-17T07:11:01","modified_gmt":"2022-08-17T06:11:01","slug":"ueber-den-umgang-mit-unsicherheit-und-offenheiterfahrungen-eines-wirtschaftsjournalisten-nach-fuenf-jahren-finanz-und-wirtschaftskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13621","title":{"rendered":"\u00dcber den Umgang mit Unsicherheit und Offenheit<br \/><small>Erfahrungen eines Wirtschaftsjournalisten nach f\u00fcnf Jahren Finanz- und Wirtschaftskrise<\/small>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><b>I. <\/b><b>Einleitung<a title=\"\" href=\"#_ftn1\"><b>[1]<\/b><\/a><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leert jemand ein vollst\u00e4ndig mit Wasser gef\u00fclltes Viertelliterglas vor den Augen einer Beobachtergruppe bis auf die H\u00e4lfte, sagt der \u00fcberwiegende Teil derer, die das beobachten, nun sei das Glas \u201ehalb leer\u201c. Wenn aber dasselbe Glas zun\u00e4chst leer ist, dann aber mit einem Achtelliter Wasser gef\u00fcllt wird, sagt dieselbe Gruppe wie aus einem Munde, nun sei das Glas \u201ehalb voll\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass man ein Glas mit gleichem Recht als \u201ehalb voll\u201c oder \u201ehalb leer\u201c bezeichnen kann, ist trivial. Wovon es aber abh\u00e4ngt, welche Beschreibung wir mehrheitlich benutzen, ist schon weniger trivial. \u201eFraming-Effekt\u201c nennen Psychologen die Tatsache, dass es der Kontext \u2013 oder besser: der Rahmen \u2013 ist, welcher die unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation eines Sachverhaltes bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wir in den vergangenen f\u00fcnf Jahren seit dem H\u00f6hepunkt der Finanzkrise nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank erlebt haben, meine Damen und Herren, ist tats\u00e4chlich ein Re-Framing, eine Neuvermessung unserer Welt. Damit hatte niemand gerechnet, nicht die \u00d6konomen, nicht die Politiker, auch die Neunmalklugen nicht, die seither mit dem Gesch\u00e4ftsmodell \u201eKrisenpropheten\u201c hausieren gehen, und schon gar nicht wir Journalisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will Ihnen heute Abend in ein paar Ann\u00e4herungen aus der subjektiven Perspektive eines Wirtschaftsjournalisten berichten vom Wechselbad der Gef\u00fchle in den vergangenen Jahren, welches auch ein Wechselbad der Interpretationen und Deutung war dessen, was gerade passierte. Durch Erfahrungen wird man klug, sagt der Volksmund. Deshalb soll am Ende die Frage stehen, ob wir denn jetzt wirklich kl\u00fcger geworden sind und wenn ja, inwiefern?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>II. <\/b><b>Die Ankunft der Unsicherheit<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paradiese sind gef\u00e4hrliche Orte. Adam und Eva k\u00f6nnen ein Lied davon singen. Es ist die gr\u00f6\u00dfte Gefahr des paradiesischen Zustands, dass all jene, die in ihm leben, denken, es werde immer so bleiben. Paradiese verleiten zu Unaufmerksamkeit und Sorglosigkeit. Sie n\u00e4hren das Gef\u00fchl falscher Sicherheit. Umso gr\u00f6\u00dfer ist der Schrecken, wenn es vorbei ist. K\u00f6nnte es nicht sogar sein, dass dieser Schrecken selbst erst den fr\u00fcheren Zustand als paradiesisch erkennbar macht, w\u00e4hrend zuvor, mangels alternativer Erfahrung, die Gegenwart des goldenen Zeitalters gar nicht recht gew\u00fcrdigt wurde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Mitte der achtziger Jahre lebten die Menschen in einer Art irdischem Paradies, gewiss mit Schw\u00e4chen und gewiss vielen Ungerechtigkeiten. Aber zumindest in der reichen Welt Amerikas und Europas konnten die Menschen der Meinung sein, \u00f6konomische \u2013 und wohl auch politische &#8211; Katastrophen blieben ihnen erspart und ihr Wohlstand werde sich \u2013 wenngleich nicht immer zu ihrer vollsten Zufriedenheit und nicht f\u00fcr alle gleichm\u00e4\u00dfig \u2013 auf lange Sich noch mehren. \u201eDas zentrale Problem der Depressions-Vermeidung haben wir gel\u00f6st\u201c, deklarierte \u00d6konomie-Nobelpreistr\u00e4ger Robert Lucas im Jahre 2003.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat jene Jahre die Zeit der \u201egro\u00dfen M\u00e4\u00dfigung\u201c (\u201eThe Great Moderation\u201c) genannt. Das mag jene \u00fcberraschen, die gewohnt sind, der Dominanz von Wall Street Unm\u00e4\u00dfigkeit vorzuwerfen. Doch darum geht es hier nicht. Mit \u201eGreat Moderation\u201c ist gemeint, dass die Ausschl\u00e4ge des Konjunkturzyklus ged\u00e4mpft und die Erfahrung dauernden Wechsels zwischen wirtschaftlichem Auf- und Abschwung abgemildert, eingeebnet, wenn nicht gar abgeschafft schienen. Allein, dass dies eine Welt ohne (oder allenfalls mit nur geringer) Inflation war, kann gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden, wenngleich das Verschwinden der Inflation alsbald mit Selbstverst\u00e4ndlichkeit genommen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Jahre der \u201eGreat Moderation\u201c, in denen ich als Wirtschaftsjournalist gro\u00df geworden bin, waren sicherer Zeiten. Und gerade darin steckte ihre gr\u00f6\u00dfte Gefahr. Denn Sicherheit ist verf\u00fchrerisch: Sie verf\u00fchrt dazu, Risiken falsch einzusch\u00e4tzen. Zumal dann, wenn alle anderen sich auch so verhalten. Dann hat das Risiko einen zu geringen Preis, oder, anders formuliert: Der Einstiegskurs f\u00fcr riskante Abenteuer (und Investitionen) ist verf\u00fchrerisch niedrig. Das aber wird sp\u00e4ter sich r\u00e4chen. Doch wer wollte damals davon wissen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann kam der Schock des Herbstes 2008, als im Abstand von wenigen Wochen \u00fcber Inflation, Rezession, Deflation und Depression gesprochen wurde. Und als in rascher Abfolge aus einer Finanzkrise eine Weltwirtschaftskrise wurde, die aus Furcht vor Beschw\u00f6rungsfolgen nur keiner so nennen wollte. Erst war unklar, ob das Geld noch sicher ist, dann machte sich die Sorge um die Jobs breit. Erst flehten die Banken um Geld vom Staat, dann bettelten die Autofirmen um Rettung. Alles Unheil schien pl\u00f6tzlich irgendwie mit der Finanzkrise in Zusammenhang zu stehen. Schlie\u00dflich kam der Markt als Ordnungsprinzip generell unter Verdacht. In gr\u00f6\u00dferer Unordnung hatte man die Welt lange nicht gesehen. L\u00e4hmung und Mutlosigkeit ergriff die Menschen: Auch Depression kann anstecken. Und je mehr Menschen von ihr erfasst sind, umso schwerer wurde es, sich aus der Krise zu befreien: Ein Teufelskreis sich selbst erf\u00fcllender negativer Erwartungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unsicherheit war so gro\u00df, dass sich die Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbr\u00fcck vor genau f\u00fcnf Jahren im Oktober 2008 vor die Kameras stellten um zu beteuern, die Spareinlagen der B\u00fcrger seien sicher. Sp\u00e4testens da wusste jeder, wie gro\u00df die Unsicherheit gewesen sein musste \u2013 die Gefahr des Bankruns war ganz und gar real. Schon hatte die Bundesbank der deutschen Regierung gemeldet, dass an deutschen Bankautomaten 500-Euro-Noten in gef\u00e4hrlich hoher St\u00fcckzahl abgehoben w\u00fcrden. Und die Regierung hatte klugerweise niemandem davon ein Sterbensw\u00f6rtchen verrraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei waren wir Journalisten und auch weite Teile der \u00d6ffentlichkeit wenige Wochen vor dem Lehman-Zusammenbruch der Meinung gewesen, das Schlimmste l\u00e4ge bereits hinter uns. \u201eIch sehe keinerlei Indizien f\u00fcr eine neue Krise\u201c, sagte uns Josef Ackermann, der damalige Chef der Deutschen Bank, in einem Interview. Ackermann, den wir damals entspannt an einem sch\u00f6nen Tag im Mai 2008 in Z\u00fcrich trafen, war stolz darauf, dass auch unter den Bedingungen der Globalisierung das Krisenmanagement funktioniert hat. \u201eWir haben das bew\u00e4ltigt.\u201c Auch die Bankeliten hatten den Glauben \u2013 und wollten ihn nat\u00fcrlich auch haben, wie wir heute wissen -, es habe sich um eine zwar ungewohnt heftige, aber letztlich doch lokal begrenzte amerikanische Immobilienkrise gehandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist paradox: Wir hatten die Krise f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt, als sie noch lange nicht ihren H\u00f6hepunkt erreicht hatte. Wir ahnten nicht, dass das Schlimmste noch vor uns lag &#8211; die erste gro\u00dfe Schrumpfung der Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert. Es kam die Pleite von Lehman und die Beinahepleite des amerikanischen Risikoversicherers AIG; alles Ereignisse, welche die gesamte Weltwirtschaft in eine Art Schockstarre versetzt haben. Allein die Deutschen f\u00fchlten sich gen\u00f6tigt, mit viel Geld ihre Hypothekenbank HRE zu verstaatlichen, der angeschlagenen Commerzbank und einem halben Dutzend Landesbanken unter die Arme zu greifen und zus\u00e4tzlich 85 Milliarden Euro in die Konjunktur zu pumpen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wir damals ebenfalls noch nicht wussten: Auf die Finanzkrise folge eine Staatsschuldenkrise, deren Ausma\u00df mindestens ebenso gro\u00df, wenn nicht noch heftiger war wie das der Finanzkrise. Als n\u00e4mlich der Europ\u00e4ische Rat, ebenfalls im Oktober 2008, als Reaktion auf die Bankenkrise jeden Mitgliedsstaat dazu verpflichtete, sogenannte systemrelevante Banken nicht mehr Pleite gehen zu lassen, sondern auf eigene Rechnung zu retten, wurden die Kapitalm\u00e4rkte hellh\u00f6rig, die bis dahin den Eurostaaten zu historisch einmalig niedrigen Zinsen Kredit gegeben hatten. Auch die Eurozone hatte bis 2008 im Paradies der Great Moderation gelebt; W\u00e4hrungsstabilit\u00e4t, Inflationsfreiheit und risikolose Verschuldungsm\u00f6glichkeiten zum Ausbau paradiesischer Sozialstaaten schienen der Lohn zu sein. Jetzt pl\u00f6tzlich zweifelten sie daran, dass schw\u00e4chere Eurostaaten in der Lage sein w\u00fcrden, die B\u00fcrde der Bankengarantie zu tragen. Infolgedessen stiegen die Zinsspannen zwischen den Staatsanleihen der schw\u00e4cheren Eurostaaten und den Staatsanleihen der st\u00e4rkeren Staaten, insbesondere Deutschland, an. Das Retten der Krisenl\u00e4nder \u2013 nichts anderes als eine k\u00fcnstliche Zinsverbilligung durch Eurogl\u00e4ubigerl\u00e4nder und EZB &#8211; nahm seinen Lauf. Es h\u00e4lt bis heute, mehr schlecht als recht. Und niemand kann sagen, wie und wo es endet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsicherheiten sind, nach der Erkenntnis des Chicago-\u00d6konomen Frank Knight, m\u00f6gliche Ereignisse, f\u00fcr deren Eintreten wir keine Wahrscheinlichkeiten angeben k\u00f6nnen. Das ist zutiefst beunruhigend. Risiken dagegen sind insofern weniger be\u00e4ngstigend und lange nicht so gef\u00e4hrlich, als wir die Wahrscheinlichkeit des Eintretens solcher Ereignisse berechnen k\u00f6nnen. Deshalb lebt es sich in einer Welt des Risikos komfortabler als in einer Welt der Unsicherheit. Gegen Risiken k\u00f6nnen wir uns versichern, gegen Unsicherheiten nicht. Was wir aber offenkundig \u00fcbersehen haben: Der Prozess der Transformation von Unsicherheiten in Risiken war, allen Fortschritten der Mathematik zum Trotz, doch nicht so erfolgreich verlaufen, wie wir gedacht hatten. W\u00e4re es anders gewesen, h\u00e4tten wir Wahrscheinlichkeiten des Eintretens der gro\u00dfen Finanz- und Eurokrise angeben k\u00f6nnen, welche sich auch in den Preisen der Staatsanleihen oder der verbrieften Hypothekenkrediten h\u00e4tte widerspiegeln m\u00fcssen. Der gerne verspottete ehemalige amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sprach von \u201eunknown unknowns\u201c: Ereignisse, die wir nicht nur nicht kennen, sondern von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir sie nicht kennen. Das ist viel gef\u00e4hrlicher als zu wissen, dass es eine bestimmte Gefahr geben k\u00f6nnte, die wir nur noch nicht kennen. Die Finanzkrise hat uns \u00fcberw\u00e4ltigt als ein solches \u201eunknown unknown\u201c. Und wir hatten gemeint, wir lebten in einer Welt berechenbarer und beherrschbarer Risiken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt war alles auf einmal da: Bankenkrisen und Staatenkrisen. Das System des Kapitalismus selbst erwies sich, v\u00f6llig unerwartet, als fragil. Gewiss, Kapitalismus und Marktwirtschaft standen hierzulande immer unter skeptischer Beobachtung und blieben h\u00f6chst umstritten. Der Kapitalismus hatte ein gro\u00dfes Problem: ein Gerechtigkeitsproblem, zwar effizient, aber nicht gerecht. Deshalb wurde und wird bis heute gefragt, wie viel Ungleichheit wir in unserer Gesellschaft zulassen wollen. Je nachdem, wie man diese Frage beantwortet, pl\u00e4dieren die einen f\u00fcr mehr und die anderen f\u00fcr weniger Umverteilung. Das ist der bekannte Kapitalismusdiskurs. Dass aber der Kapitalismus nicht nur ein Gerechtigkeits- und Verteilungsproblem, sondern auch eine systemisches Problem hat, als Ganzes kippen k\u00f6nnte, das war das Neue, womit weder Linke noch Liberale gerechnet hatten. Dabei h\u00e4tten sie nur in die Geschichtsb\u00fccher schauen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>III. Die Wiederentdeckung der Wirtschafts- und Ideengeschichte oder: \u201eSchlag nach bei Marx &amp; Co.\u201c<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie konnte das passieren? Ich komme zu den Reaktionen im Deutungsumgang mit der Krise. Dabei geht es zentral um das Vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer heute \u00fcber die gro\u00dfe Krise des beginnenden 21. Jahrhunderts nachdenkt, muss vor allem \u00fcber das Vergessen reden. \u201eIl n&#8217;y a de nouveau que ce qui est oubli\u00c3\u00a9\u201c, wusste schon Rose Bertin, die Schneiderin der Marie Antoinette: \u201eEs gibt nichts Neues &#8211; mit Ausnahme dessen, was wir vergessen haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sache ist einigerma\u00dfen paradox. Denn das Vergessen ist kein Versagen, sondern ein ungemein erfolgreiches Verm\u00f6gen der Zivilisation. \u201eZu allem Handeln geh\u00f6rt Vergessen\u201c, wusste Friedrich Nietzsche. Wenn er recht hat, dann geh\u00f6rt auch zu allem Wirtschaften das Vergessen. Und das ist gut so, so paradox es klingen mag. W\u00fcrden die Menschen und Staaten sich stets daran erinnern, in welch desastr\u00f6se Lage die Fehleinsch\u00e4tzung von Risiken und Unsicherheiten sie in fr\u00fcheren Zeiten schon einmal gef\u00fchrt hat, sie lie\u00dfen allen Wagemut und allen Tatendrang resigniert bleiben: Die Erinnerung an alle fr\u00fcheren Krisen w\u00fcrde jegliche Investitions- und Konsumneigung ersticken. Der \u00dcbermut folgt aus der Blindheit gegen\u00fcber der Vergangenheit. Das Vergessen bietet einen gro\u00dfen Nutzen, so noch einmal Nietzsche, birgt es doch die einmalige Chance, \u201eTh\u00fcren und Fenster des Bewusstseins zeitweilig zu schlie\u00dfen; von dem L\u00e4rm und Kampf, mit dem unsere Unterwelt von dienstbaren Organen f\u00fcr und gegen einander arbeitet, unbehelligt zu bleiben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der Preis des Vergessens ist hoch. Die Wiederkehr des Vergessenen als des Verdr\u00e4ngten kommt regelm\u00e4\u00dfig als Schock daher. Als wir anfingen, die Finanzkrise zu verstehen, sahen wir pl\u00f6tzlich, dass wankende Banken nicht zum ersten Mal die ganze Wirtschaft zum Einsturz brachten. Und als wir anfingen, die Eurokrise zu verstehen, sahen wir pl\u00f6tzlich, dass wankende Staaten, \u00fcbertreiben sie es mit dem Schuldenmachen, ganze Gemeinwesen an den Abgrund f\u00fchren k\u00f6nnen. Bankenkrisen und Staatspleiten sind, historisch gesehen, nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das Reframing, von dem ich am Anfang sprach, muss also mit Erinnerungsarbeit beginnen \u2013 mit einem Blick in das Geschichtsbuch. Wenn das Verh\u00e4ltnis von Ausnahme und Regel sich \u00e4ndert, \u00e4ndert sich auch die gesamte Wahrnehmung auf den Kapitalismus als Wirtschaftsform.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was also sagt der Blick ins Geschichtsbuch? Die Antwort ist eindeutig: Krisen geh\u00f6ren zum Kapitalismus wie, sagen wir, die Nacht zum Tag, der Kater zur Trunkenheit oder die Entt\u00e4uschung zur Liebe. Noch einmal: Krisen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Grund liegt darin, dass die Wirtschaftsgeschichte zyklisch verl\u00e4uft. Eine der gro\u00dfen Entdeckungen der vergangenen Krisenjahre ist die Wiederentdeckung des Zyklus, die ewige Wiederkehr des Gleichen im stetigen Auf und Ab, die gewaltiger ausf\u00e4llt als es die Verniedlicher eines beherrschbaren Konjunkturzyklus sich gedacht hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir Wirtschaftsjournalisten haben in diesem Prozess der Aneignung des Vergessenen vor allem die Ideen von drei Klassikern der Wirtschaftstheorie (wieder)entdeckt: Karl Marx, John Maynard Keynes und Friedrich A. von Hayek. Ich erlaube mir angesichts der mir vorgegebenen Zeit zu allen dreien nur kurze Anmerkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Karl Marx<\/b> formulierte nicht nur als einer der ersten die Einsicht, dass der Kapitalismus seinem Wesen nach instabil ist und der wirtschaftliche Strukturwandel Zyklen durchl\u00e4uft, Zyklen von Aufschwung, Boom und Rezession, sondern er f\u00fchrte auch die \u201e\u00fcberaus hilfreiche Unterscheidung\u201c (Werner Plumpe) ein zwischen \u201eKrisen an sich\u201c und \u201eKrisen f\u00fcr sich\u201c: \u201eAn sich\u201c lassen sich alle Umschw\u00fcnge vom Aufschwung zum Abschwung als Krise begreifen, aber ob sie in einem manifesten Sinn auch Krisen \u201ef\u00fcr sich\u201c werden, h\u00e4ngt nicht nur von ihrer wirtschaftlichen Dimension ab, sondern auch davon, wie die Zeitgenossen auf das wirtschaftliche Geschehen reagieren. Es gibt sozusagen eine Feedbackbeziehung wechselseitiger Verst\u00e4rkung von Krisen und Krisenreaktion. Da haben wir also wieder das Framing unseres Wasserglases, jetzt aber deutlich raffinierter: Denn Marx war der Meinung, dass das Framing die Krise selbst beeinflusst. Realwirtschaft und ihrer Wahrnehmung sind nicht unabh\u00e4ngig voneinander. Wie wir die Welt designen, so wirkt die Welt auf uns zur\u00fcck. Marx Krisentheorie sagt nicht nur etwas \u00fcber das Wesen des Kapitalismus aus, sondern auch \u00fcber den Zusammenhang von Erkenntnis und Erfahrung. Nur <i>eine <\/i>Prophezeiung von Marx ist bis heute nicht eingetroffen: dass n\u00e4mlich der Kapitalismus an seinen inneren Widerspr\u00fcchen und seinen sich verschlimmernden Krisen zugrunde gehen wird. \u00c2\u00a0\u201eDer Kapitalismus verf\u00fcgt \u00fcber die beinahe grenzenlose F\u00e4higkeit, sich selbst neu zu erfinden\u201c, sagt Dani Rodrik, ein linker Harvard-\u00d6konom, der die Folgen der Globalisierung sehr skeptisch ansieht. Rodrik bekennt aus vollem Herzen: \u201eEs gibt nichts Gleichwertiges zum Kapitalismus, wenn es darum geht, die kollektive \u00f6konomische Energie menschlicher Gesellschaften freizusetzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gedanke, dass Aufschwung und Abschwung nicht nur von \u201eobjektiven\u201c Daten, sondern auch von subjektiven Gef\u00fchlen abh\u00e4ngt, wurde von dem britischen \u00d6konomen <b>John Maynard Keynes<\/b> noch viel st\u00e4rker betont als von Karl Marx. Weil Menschen n\u00e4mlich von \u201eAnimal spirits\u201c, von \u201eanimalischen Trieben\u201c geleitet werden, sind sie manchmal euphorisch, manchmal \u00e4ngstlich; beides beeinflusst ihr wirtschaftliches Handels zutiefst und ist letztlich der Grund f\u00fcr den Wechsel von Boom und Bust. Keynes f\u00fchrt also die \u00d6konomie zur\u00fcck auf Psychologie. Weil wir aber die menschliche Natur weder \u00e4ndern k\u00f6nnen noch wollen, m\u00fcssen wir mit Wirtschaftskrisen leben, auch wenn jede Generation zu denken pflegt, \u201ethis time is different\u201c, dieses mal ist alles anders und wird es uns aufgrund wissenschaftlicher Einsicht oder politischer Strategie gelingen, die menschliche Natur und das \u00f6konomische Gesetz zu \u00fcberlisten und in das Paradies der \u201eGreat Moderation\u201c einzuziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Friedrich August von Hayek<\/b> schlie\u00dflich, Keynes\u201c\u02dc gro\u00dfer Antipode, w\u00fcrde seinem Widersacher emphatisch zustimmen darin, dass der Zyklus das gro\u00dfe Wunder der Wirtschaftsgeschichte ist. W\u00e4hrend Keynes aber mit Strategien einer intervenierenden Fiskal- und Geldpolitik die Schockstarre der Nachfrage im Krisental zu \u00fcberwinden sucht, liegt f\u00fcr Hayek die Wurzel alles \u00dcbels schon im Aufschwung begr\u00fcndet. Zumeist ist es zu billiges Geld, das die Wirtschaftsakteure zu verschwenderischen Investitionen verf\u00fchrt, die am Ende nur zur Bildung von Blasen f\u00fchren. Hayek h\u00e4lt Keynes vor, seine Instrumente k\u00e4men nicht nur zu sp\u00e4t, sondern legten bereits den Ausgangspunkt zur n\u00e4chsten Krise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen das im Einzelnen hier nicht weiter verfolgen. Wenn Sie es nicht l\u00e4ngst schon getan haben, rate ich Ihnen, sich den wunderbaren Rap zu Keynes und Hayek anzusehen, dann merken Sie, worauf es mir ankommt: Die Wiederentdeckung der zyklischen Struktur des Wirtschaftskreislaufes f\u00fchrt, bei aller Gemeinsamkeit, zu fundamental divergierenden Erz\u00e4hlungen. Das best\u00e4tigen auf wunderbare Weise auch die beiden diesj\u00e4hrigen Nobelpreise an Vertreter der \u00d6konomie der Finanzm\u00e4rkte. W\u00e4hrend Eugene Fama aus Chicago die Hayek-Linie st\u00e4rkt, wonach M\u00e4rkte effizient und alle verf\u00fcgbaren Informationen l\u00e4ngst eingepreist sind, weshalb es niemandem verg\u00f6nnt ist, den Markt zu schlagen, bewegt Robert Shiller sich in der Linie von Keynes: Preise an Finanzm\u00e4rkten spiegeln nicht nur objektive Informationen, sondern werden von Angst und Gier systematisch verzerrt. Wir haben zwar in der Finanzkrise Denker von fr\u00fcher entdeckt, aber ihre Lehren sind nicht zur Deckung zu bringen. Deshalb auch wird so erbittert gestritten \u00fcber die Strategien der Rettung aus der Krise. Austerit\u00e4t oder Wachstumsstimulus hei\u00dft bekanntlich die Alternative in der Eurokrise. \u201eBail out\u201c oder \u201eBail in\u201c hie\u00df die Alternative bereits in der Finanzkrise. Soll man Staaten und Banken pleite gehen lassen, damit sie haften f\u00fcr ihre Risikolust in der Vergangenheit und das n\u00e4chste Mal vorsichtiger werden? Oder soll man sie mit anderer Leute Geld retten, weil andernfalls der Schaden f\u00fcr alle nur noch gr\u00f6\u00dfer w\u00fcrde. Sie sehen: Die Krise hat uns gelehrt, dass es einen Kapitalismus ohne Unsicherheit nicht gibt. Was aber der rechte Umgang mit der Unsicherheit ist, da trennen sich die Erz\u00e4hlungen, welche die B\u00fccher der Wirtschafts- und Ideengeschichte feil bieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>IV. <\/b><b>Die Wiederentdeckung der Literatur: \u201eSchlag nach bei Shakespeare &amp;Co.\u201c <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will zumindest noch kurz auf eine zweite Wiederentdeckung in der Krise eingehen, die Entdeckung der Literatur f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Wirtschaft. Blickt man n\u00e4mlich mit ein wenig Distanz auf die Erfahrung der vergangenen f\u00fcnf Jahr, so zeigt sich, dass sowohl Finanz- wie auch Eurokrise im Kern Schuldenkrisen sind. Banken haben mehr Geld ausgeliehen als es gut gewesen w\u00e4re, weil sie an die Solvenz ihrer Schuldner \u2013 im Nachhinein zu leichtfertig \u2013 geglaubt haben und sich satte Gewinne erwarteten, mit denen sie die fetten Boni ihrer Investmentbanker bedienen konnten. Staaten haben sich zu billigem Zins am internationalen Kapitalmarkt mehr Geld geborgt als ihnen gut tat (und Maastricht erlaubt h\u00e4tte), weil sie darauf setzten, dass im Fall eines Falles sie schon von den Br\u00fcdern und Schwestern der Eurozone herausgepaukt w\u00fcrden. So ist es auch gekommen, aber nur um den Preis eines schmerzhaften Austerit\u00e4tsprogramms.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hohe Schulden also stehen an der Quelle der gro\u00dfen Krise. Finanzielle Schulden aber kommen allein schon sprachlich sehr schnell in die N\u00e4he zur moralischen Schuld. Vom \u201ePumpkapitalismus\u201c sprach der Soziologe Ralf Dahrendorf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist die Sache durchaus ambivalent. Kreditnehmer und Gl\u00e4ubiger stehen nicht nur in einem Schuld-, sondern auch in einem Vertrauensverh\u00e4ltnis. Der Schuldner hat die Chance, seine Investitions- oder Konsumtr\u00e4ume zu verwirklichen. Der Gl\u00e4ubiger freut sich dar\u00fcber, sein Geld zu einem guten Preis (den wir in diesem Fall Zins nennen) verkauft zu haben. Beide glauben sie, dass der Ertrag aus dem geliehenen Geld gr\u00f6\u00dfer sein wird als die Kosten, die daf\u00fcr anfallen. Der Gl\u00e4ubiger muss an den Schuldner glauben und daran, dass dessen Einkommen steigt. Denn nur so wird dieser seine Schuld zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Und der Schuldner muss eine Gesch\u00e4ftsidee haben, die ihn davon \u00fcberzeugt sein l\u00e4sst, dass sich am Ende die Verschuldung lohnt. Kein Wunder, dass, wo hier soviel von Glauben die Rede ist, das lateinische Wort Kredit von <i>credere<\/i>, glauben, stammt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kredit hat etwas Verf\u00fchrerisches, eben weil das Versprechen sofortigen Genusses lockt und sich die Frage der R\u00fcckzahlung verdr\u00e4ngen l\u00e4sst. Dass wei\u00df auch der Kreditgeber, weshalb er sich in der Regel mit dem Zins allein nicht zufrieden gibt, der nur den Preis f\u00fcr den gekauften zeitlichen Aufschub und seinen eigenen Konsum- und Triebverzicht darstellt, aber nichts damit zu tun hat, ob der Schuldner seine Schuld auch tilgen kann. Weil das trotz allen Vertrauens riskant ist, verlangt der Schuldner nach Sicherheiten als Pfand. Er kann sich auch einen B\u00fcrgen suchen, der im Falle eines Falles geradestehen und haften muss. Weist der Kredit einerseits auf das n\u00f6tig interpersonale Vertrauen der Vertragspartner, so weist er, aus Sicht des Kreditnehmers, als \u201eSchuld\u201c (\u201eSchulden\u201c), auch auf die rechtliche und moralische Verpflichtung, den Vertrag zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verf\u00fchrerische ist, wie immer, auch das Gef\u00e4hrliche. Schulden k\u00f6nnen s\u00fcchtig machen. Kein Wunder, dass in der Literatur der Kredit gerne als \u201ePakt mit dem Teufel\u201c diabolisiert wurde. Der Kreditgeber in Gestalt des Teufels verspricht alle Annehmlichkeiten dieser Welt, und zwar sofort, l\u00e4sst den Schuldner daf\u00fcr aber bis in alle Ewigkeit zahlen und fordert zudem als Pfand seine Seele. Doktor Faustus hat seine Erfahrungen mit dieser t\u00fcckischen Vertragsbeziehung gemacht. Theologisch haftet den Kreditpartnern immer schon etwas S\u00fcndhaftes an: \u201eKein Borger sei und auch kein Verleiher nicht\u201c, warnt Polonius in Shakespeares <i>Hamlet<\/i> seinen Sohn Laertes. Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood, die ein sch\u00f6nes Buch \u00fcber \u201eSchulden und die Schattenseiten des Wohlstands\u201c geschrieben hat, erinnert daran, dass es im englischen Vaterunser nicht nur \u201eForgive us our trespasses\u201c, unsere \u00dcbertretungen, sondern auch \u201eForgive us our debt\u201c, unsere Schuld, hei\u00dfen kann und im Aram\u00e4ischen ein einziges Wort \u201eSchuld\u201c und \u201eS\u00fcnde\u201c gemeinsam bezeichnet. Im Deutschen wurde im biblischen Vaterunser immer schon \u201eVergib uns unsere Schuld\u201c \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Meisterst\u00fcck \u00fcber die Ambivalenz der Verschuldung ist nat\u00fcrlich Shakespeares <i>Kaufmann von Venedig,<\/i> <i>das<\/i> Schauspiel zur Finanzkrise, in dem wir erleben, dass Schulden deswegen so gef\u00e4hrlich und verf\u00fchrerisch sind, weil, wenn die Sache schief geht, der Kredit den Schuldner erdr\u00fccken, w\u00e4hrend das Pfand, mit dem er hoffte, den Kredit abl\u00f6sen zu k\u00f6nnen, am Ende wertlos ist. Bei Shakespeare hatte der Bankier Shylock, ein Jude, einen Kredit an Antonio, den Kaufmann gegeben, der am Ende sich als Pleitier erweist. Als Pfand f\u00fcr Shylock aber taugen weder dessen Schiffe, die am Meeresgrund zerschollen, noch \u201eein Pfund von dessen Fleisch\u201c, das Shylock zwar rachel\u00fcstig einforderte, aber am Ende nicht bekommt, weil er nichts davon gehabt h\u00e4tte. In der Finanzkrise aber waren die H\u00e4user am Ende nichts mehr wert, als der Immobilienmarkt zusammenbrach, die doch als Kollateral zur Tilgung der Schuldenlast gedacht waren. Und auch in der Eurokrise w\u00e4re ein Zugriff auf die hohen Verm\u00f6gen etwa der Spanier als Sicherheit f\u00fcr die zinsg\u00fcnstigen ESM-Kredite politisch mindestens ebenso irreal und hirnrissig wie der Zugriff auf ein Pfund lebendig Fleisch des Kaufmanns von Venedig.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>V. <\/b><b>Und die Moral von der Geschicht?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich breche an dieser Stelle ab, weil Sie ja auch noch feiern wollen, frage am Ende aber, wie versprochen, nach der \u201eMoral von der Geschicht\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfahrungen der vergangenen f\u00fcnf Jahre haben uns geweckt aus dem bequemen Schlaf der \u201eGreat Moderation\u201c und konfrontiert mit einer Welt der Unsicherheit, die kein Ausnahme-, sondern die der Normalzustand ist. Eine Welt der Unsicherheit auszuhalten ist nicht ganz einfach, erfordert mehr psychische, politische und \u00f6konomische Kraft als gedacht. Wir m\u00fcssen uns von dem Gedanken verabschieden, nach ein paar Jahren der Krise, k\u00e4men wir wieder in eine Welt der W\u00e4rme und berechenbarer Sicherheit. Oder pr\u00e4ziser: Sollten wir den Eindruck haben, wir lebten wieder in einer Zeit der \u201eGreat Moderation\u201c, in der Wachstum der Normalzustand, der Zyklus \u00fcberwunden und Depressionen von gestern seien, w\u00e4re dieser Eindruck h\u00f6chstes Alarmsignal daf\u00fcr, dass ein neues Aufb\u00e4umen der Krise unmittelbar bevorsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr noch: Der Umgang mit der Krise\u00c2\u00a0 den vergangen Jahren hat uns nicht nur gelehrt, dass Schulden gef\u00e4hrlich und die Weltgeschichte krisenhaft sind, sondern dar\u00fcber hinaus, dass Schulden und Krisen zutiefst ambivalente Erfahrungen sind, nie nur positiv oder nur negativ. Ambivalenzen aushalten zu k\u00f6nnen, ist zwar einerseits eine St\u00e4rke des Menschen, erfordert aber eben auch genau dies: St\u00e4rke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Einsichten, \u00fcber die ich hier gesprochen habe, kamen indessen \u00fcber Umwege zustande, die in Wirklichkeit gar keine Umwege sind: \u00dcber die Besch\u00e4ftigung mit Ideen- und Wirtschaftsgeschichte und \u00fcber die Besch\u00e4ftigung mit Literatur. So kann ich schlie\u00dfen mit einem Rat an Sie, den ich nun auch wieder dem gro\u00dfen John Maynard Keynes verdanke: . Keynes schreibt \u00fcber seinen Lehrer Alfred Marshall und dar\u00fcber, was aus seiner Sicht ein \u00d6konom sein muss: \u201eEr muss einen hohen Standard in mehreren verschiedenen Richtungen erreichen und Talente miteinander kombinieren, die man nicht oft zusammen findet. Er darf, wenn er \u00d6konom sein will, nicht nur sich mit \u00d6konomie besch\u00e4ftigen. Er muss Symbole verstehen und in Worten sprechen. Er muss das besondere im Zusammenhang mit dem Allgemeinen begreifen, und Abstraktes wie Konkretes im selben Gedankengang ertasten. Er muss die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit studieren f\u00fcr die Zwecke der Zukunft. Kein Teil der menschlichen Natur oder seiner Institutionen darf sich v\u00f6llig au\u00dferhalb seines Blickes befinden.\u201c Ich zitiere das nicht, um Sie zu schrecken. Ich zitiere das, um Sie zu ermuntern, sich in vollen Z\u00fcgen in die Welt zu st\u00fcrzen und sich da zu tummeln. Es wird sie von ihrer Profession nicht abbringen, sondern besser zu ihr hinf\u00fchren. In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen allen zu diesem Abschluss.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Festrede zur Akademischen Feier der accadis Hochschule in Bad Homburg am 25. Oktober 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. 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