{"id":13727,"date":"2013-11-26T00:01:12","date_gmt":"2013-11-25T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13727"},"modified":"2013-11-25T18:27:40","modified_gmt":"2013-11-25T17:27:40","slug":"investitionskrise-in-europa-kaum-einer-traut-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13727","title":{"rendered":"Investitionskrise in Europa \u2013 kaum einer traut sich"},"content":{"rendered":"<p>Kapital ist scheu wie ein Reh. Wann immer sich Unsicherheiten breit machen, werden Investoren vorsichtig. Schlie\u00dflich erfordern Investitionen in der Regel eine lange Bindung. Und die geht nur derjenige ein, der das Arrangement zumindest mittelfristig als lohnenswert einsch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit jeher gelten Investitionen \u2013 und dabei geht es hier nicht um Finanzmarktanlagen, sondern um Investitionen in Maschinen, Gesch\u00e4ftsausstattungen, Fahrzeuge, Wohn-, Fabrik- und B\u00fcrogeb\u00e4ude sowie die gesamte private und staatliche Infrastruktur \u2013 als eine Gr\u00f6\u00dfe, die sehr stark auf die konjunkturellen Wechsellagen reagiert: Im Aufschwung und im Boom verzeichnen die Firmen eine gute Gesch\u00e4ftslage, sie hegen optimistische Umsatz- und Gewinnerwartungen f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit und sie haben nicht zuletzt das Geld f\u00fcr die Investitionen. Diese werden schlie\u00dflich auch mit den Gewinnen der Firmen finanziert. Zudem sind die Banken in einem von Wachstum bestimmten Umfeld gern bereit, Investitionen durch die Vergabe von Krediten zu finanzieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also in guten Zeiten das Investitionsbudget aufgestockt wird, setzen viele Unternehmenslenker bei sich eintr\u00fcbenden Gesch\u00e4ftsaussichten schnell den Rotstift an. Erst einmal abwarten, lautet die Devise. Auch die Finanzierungsm\u00f6glichkeiten wanken \u2013 die Gewinne werden geringer oder fallen ganz aus und die Banken werden bei der Kreditvergabe vorsichtiger und zur\u00fcckhaltender. Besonders kritisch wird es aber dann, wenn sich nicht nur eine konjunkturelle Talfahrt androht, sondern Pessimismus sich auf breiter Front festsetzt und die Gesch\u00e4fts- und Zukunftsperspektiven an einem Investitionsstandort schwinden.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Investitionst\u00e4tigkeit in Europa in letzter Zeit zeigt insgesamt kein gutes, aber ein vielschichtiges Bild:<\/p>\n<ol>\n<li>Die nominalen Bruttoanlageinvestitionen belaufen sich in der gesamten Europ\u00e4ischen Union (EU) im Jahr 2013 voraussichtlich auf gut 2.300 Milliarden Euro, im Euroraum werden es nach EU-Sch\u00e4tzungen gut 1.700 Milliarden Euro sein. Nach dem R\u00fcckgang in diesem und im vorigen Jahr wird das diesj\u00e4hrige Investitionsbudget der gesamten EU um 1,5 Prozent und das des Euroraums um 4,2 Prozent unter dem letzten Hoch des Jahres 2011 liegen. Der Investitionsrekord des Jahr es 2008 wird sogar um gut 12 Prozent (EU) und fast 14 Prozent (Euroraum) verfehlt. Gemessen an den damaligen Investitionsvolumina durchlebt Europa derzeit eine heftige Investitionskrise.<\/li>\n<li>Die Investitionen haben im Gefolge des aktuellen Investitionseinbruchs auch stark an gesamtwirtschaftlicher Bedeutung verloren. Nur noch knapp 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Euroraums werden in diesem Jahr auf Bruttoanlageinvestitionen entfallen \u2013 auf EU-Ebene sind es 17,6 Prozent. Das ist jeweils der niedrigste Wert seit Mitte der 1990er Jahre (Abbildung). Im Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2010 belief sich die Investitionsquote im Euroraum auf 20,5 Prozent und in der EU auf knapp 20 Prozent. Deutlich werden in der Abbildung auch die letzten gro\u00dfen Investitionszyklen \u2013 gepr\u00e4gt vom New Economy Boom in der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre und vom Investitionsboom 2005 bis 2008. Die Investitionsquote im Euroraum stieg beim ersten Boom auf 21,4 Prozent und beim zweiten Boom sogar auf 21,8 Prozent an. Dieser Investitionszyklus zeigte sich in den USA noch deutlicher. Im Gefolge der globalen Finanzmarktkrise, die in den USA im Jahr 2007 begann, gingen die Investitionsquoten m\u00e4chtig in die Knie. W\u00e4hrend die Quote in den USA nach dem starken Einbruch 2007 bis 2010 wieder stetig anstieg, blieb sie in Europa weiterhin r\u00fcckl\u00e4ufig. Sie ist zudem weit von dem Niveau entfernt, das unter normalen konjunkturellen Beeintr\u00e4chtigungen zu erwarten gewesen w\u00e4re. Die gegenw\u00e4rtige Wirtschaftskrise in Europa hat offensichtlich die Investitionsneigung markant st\u00e4rker getroffen, als dies bei konjunkturellen Einbr\u00fcchen bisher zu beobachten war.\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grominv1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Investitionsquoten\" alt=\"Investitionsquote\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grominv1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<\/li>\n<li>Auch die Investitionen je Einwohner sind in Europa derzeit deutlich niedriger als vor f\u00fcnf Jahren. Im Euroraum belief sich dieser Wert im Jahr 2012 auf 5.200 Euro, in der Europ\u00e4ischen Union auf 4.600 Euro. Damit werden die letzten H\u00f6chstwerte aus den Jahren 2007 und 2008 um 800 beziehungsweise um 700 Euro je Einwohner unterschritten. Gleichwohl darf dabei nicht \u00fcbersehen werden, dass das gegenw\u00e4rtige Investitionsvolumen je Einwohner trotz der aktuellen R\u00fcckg\u00e4nge immer noch kr\u00e4ftig, und zwar im Euroraum um 400 Euro, \u00fcber dem Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2005 liegt.<\/li>\n<li>Hinter diesen Durchschnittsbetrachtungen stehen erhebliche Unterschiede bei der Investitionsperformance innerhalb Europas (Tabelle): Dabei werden nominale Werte verwendet. Sie spiegeln die tats\u00e4chlichen Ausgaben f\u00fcr Investitionen wider. Au\u00dferdem sind die Verzerrungen durch unterschiedliche Preisentwicklungen geringer als diejenigen infolge der Preisbereinigungen.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grominv2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Nord-Sued-Gefaelle\" alt=\"Nord-Sued-Gefaelle\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grominv2.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es gibt eine Reihe von L\u00e4ndern, in denen die nominalen Bruttoanlageinvestitionen auch im Jahr 2013 weiterhin kr\u00e4ftig r\u00fcckl\u00e4ufig sein werden. Am heftigsten wird es wohl Zypern treffen, aber auch f\u00fcr Portugal, Spanien und Griechenland zeigt sich heuer noch kein Ende der Investitionskrise \u2013 zumindest beim Blick auf den Jahresdurchschnitt. Lediglich die Einbr\u00fcche fallen nicht mehr ganz so stark aus.<\/p>\n<p>Der Investitionsr\u00fcckgang ist in den genannten L\u00e4ndern zudem ein \u00fcber f\u00fcnf Jahre andauerndes Problem. In Griechenland und Zypern belaufen sich die nominalen Bruttoanlageinvestitionen im Jahr 2013 auf weniger als die H\u00e4lfte des Wertes von 2008. Spanien und Portugal verfehlen diesen Orientierungswert um rund 40 Prozent. Nicht nur die Unternehmen haben in diesem von hoher Unsicherheit gepr\u00e4gten Umfeld ihre Investitionen zur\u00fcckgefahren. Auch die staatlichen Investitionen fallen vor dem Hintergrund der prek\u00e4ren Finanzlage niedriger aus. Irland wurde in den Jahren 2009 bis 2011 stark in Mitleidenschaft gezogen. Inzwischen hat es zumindest die Talsohle durchschritten \u2013 die Investitionen belaufen sich aber trotzdem noch auf weniger als die H\u00e4lfte des Jahres 2008. Sicherlich bleibt zu hinterfragen, ob die damaligen Investitionsniveaus eine vern\u00fcnftige Bezugsgr\u00f6\u00dfe darstellen. Zum Teil waren diese Rekordinvestitionen auch von im Nachhinein \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Ausgaben \u2013 etwa im Immobilienbereich \u2013 \u00fcberzeichnet.<\/p>\n<p>Auch Italien und die Niederlande haben ein ernstes Investitionsproblem. In diesem und vor allem im vergangenen Jahr waren merkliche Einbr\u00fcche bei den Anlageinvestitionen zu beobachten. Die Werte des Jahres 2008 werden derzeit in Italien um fast 17 und in den Niederlanden um fast 19 Prozent verfehlt.<\/p>\n<p>Eine im Vergleich dazu eher schleppende Investitionst\u00e4tigkeit war in den letzten beiden Jahren in der Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland zu beobachten. Die Wirtschaftsprobleme in den europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4ndern haben schlie\u00dflich auch die Investitionsneigung in den robusteren L\u00e4ndern geschw\u00e4cht. F\u00fcr Deutschland beispielsweise ist der europ\u00e4ische Markt nach wie vor gro\u00df und wichtig. Probleme bei den Handelspartnern schlagen sich in einer abwartenden Investitionshaltung der Unternehmen nieder. Die Anlageinvestitionen waren dementsprechend hierzulande im vergangenen Jahr um 0,6 Prozent r\u00fcckl\u00e4ufig. In diesem Jahr ist ein Plus in gleicher Gr\u00f6\u00dfenordnung zu erwarten. Damit treten die Investitionen seit zwei Jahren mehr oder weniger auf der Stelle.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Volkswirtschaften in Europa, die mit Blick auf die Investitionen vergleichsweise ungeschoren durch die letzten Jahre kamen. Das gilt vor allem f\u00fcr die L\u00e4nder im Norden Europas. In Finnland, D\u00e4nemark, Schweden und Norwegen sind die Investitionen seit 2010 durchgehend angestiegen. In Schweden und Norwegen wurden die Werte von 2008 zuletzt sogar deutlich \u00fcbertroffen. Dies gilt auch f\u00fcr Luxemburg und \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Die derzeitige Investitionskrise in Europa ist kein konjunkturelles Ph\u00e4nomen. Sie ist Folge und Spiegelbild der Strukturprobleme in Europa. In einer Reihe von L\u00e4ndern fehlt es offensichtlich an Zuversicht und Perspektiven f\u00fcr die weitere wirtschaftliche Gangart. Auch m\u00f6gliche k\u00fcnftige Belastungen \u2013 infolge der hohen Schuldenlasten \u2013 beeintr\u00e4chtigen das Investitionsklima in vielen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die derzeit ausbleibenden Investitionen \u2013 und das gilt sowohl f\u00fcr die L\u00e4nder mit kr\u00e4ftig r\u00fcckl\u00e4ufigen Investitionen als auch f\u00fcr die mit einer schleppenden Investitionst\u00e4tigkeit \u2013 stellen nicht nur ein konjunkturelles Nachfrageproblem dar. Sie verschlechtern zugleich auch die Zukunftsperspektiven. Um die Wirtschaftsstrukturprobleme zu l\u00f6sen, sind Investitionen notwendig. Nur \u00fcber eine Verbesserung der Angebotsseite \u2013 und dies geschieht zum Teil \u00fcber eine Modernisierung des gesamtwirtschaftlichen Kapitalstocks \u2013 kann der Anschluss an die sich ver\u00e4ndernde globale Nachfrage geschafft werden. Je l\u00e4nger die Investitionskrise andauert, umso schwerer und hartn\u00e4ckiger werden die Strukturprobleme.<\/p>\n<p>An den finanziellen Rahmenbedingungen liegt es nur zum Teil. Die Europ\u00e4ische Zentralbank stellt den Banken zu sehr g\u00fcnstigen Bedingungen Geld zur Verf\u00fcgung. Trotzdem f\u00fchren die Probleme im Bankenbereich in einigen L\u00e4ndern zu einer restriktiven Kreditvergabe. Diese ist aber auch Folge der unsicheren wirtschaftlichen und politischen Perspektiven in den Krisenl\u00e4ndern. Die Unklarheiten \u00fcber den wirt\u00c2\u00acschaftspolitischen Kurs in den einzelnen L\u00e4ndern und in Europa stehen einer h\u00f6heren Investitionsbereitschaft der Unternehmen im Weg. Deshalb ist zumindest Folgendes zu tun:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Bankensektor muss dahingehend reformiert werden, dass er seiner Rolle als Finanzintermedi\u00e4r auch ohne Subventionierung durch Staat und Zentralbank wieder gerecht wird.<\/li>\n<li>F\u00fcr das \u00fcberbordende Staatsschuldenproblem muss eine tragf\u00e4hige L\u00f6sung gefunden werden. Noch ist bei weitem nicht erkennbar, welche zuk\u00fcnftigen Belastungen den privaten Haushalten und Unternehmen aus den Schuldenbergen und den bisher angestrengten Hilfsmechanismen erwachsen.<\/li>\n<\/ul>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapital ist scheu wie ein Reh. Wann immer sich Unsicherheiten breit machen, werden Investoren vorsichtig. Schlie\u00dflich erfordern Investitionen in der Regel eine lange Bindung. 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