{"id":13768,"date":"2013-11-17T06:20:55","date_gmt":"2013-11-17T05:20:55","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13768"},"modified":"2013-11-17T06:20:55","modified_gmt":"2013-11-17T05:20:55","slug":"muetterrenten-ausbleibende-beitragssenkungen-und-renten-fuer-langjaehrig-versicherteverschieben-sich-die-politischen-machtverhaeltnisse-zu-den-rentnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13768","title":{"rendered":"M\u00fctterrenten, ausbleibende Beitragssenkungen und Renten f\u00fcr langj\u00e4hrig Versicherte<br\/><small>Verschieben sich die politischen Machtverh\u00e4ltnisse zu den Rentnern?<\/small>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i>Auf dem Weg in die Gerontokratie\u2026?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2002 verfassten die beiden M\u00fcnchener Finanzwissenschaftler Hans-Werner Sinn und Silke \u00dcbelmesser (heute Universit\u00e4t Jena) eine kurze, aber pr\u00e4gnante Studie \u00fcber das rasche Herannahen gerontokratischer Verh\u00e4ltnisse in Deutschland. In der Studie mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;ved=0CDAQFjAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.cesifo-group.de%2Fdms%2Fifodoc%2Fdocs%2Frts%2Frts-mitarbeiter%2FIFOMITARBSINNCV%2FCVSinnPDF%2FCVSinnPDFrefjournalsbis2006%2Fuebelmesser__214074_en.pdf&amp;ei=OBWCUquvAYjItQajvoGQBg&amp;usg=AFQjCNEpWWCf0hv0gMzoByrHhK3Wk1ALEg&amp;bvm=bv.56146854,d.Yms&amp;cad=rja\">\u201ePensions and the path to gerontocracy in Germany\u201c<\/a> zeigen sie, dass Deutschland etwa ab dem Jahr 2016 eine Gerontokratie sein wird, wobei Gerontokratie als ein Zustand zu verstehen ist, in dem keine strukturelle politisch-gesellschaftliche Mehrheit mehr gegen die Interessen alter Menschen m\u00f6glich ist. Konkret argumentieren die Autoren, dass insbesondere keine Rentenreformen mit Einschnitten bei den Rentnern mehr durchsetzbar sein werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man die gegenw\u00e4rtigen Koalitionsverhandlungen, dann kann leicht der Eindruck entstehen, dass CDU, CSU und SPD in einer Art vorauseilendem Gehorsam bereits die zuk\u00fcnftige Gerontokratie vorwegnehmen wollen. In der Diskussion sind u.a. M\u00fctterrenten und Renten f\u00fcr langj\u00e4hrig Versicherte, die \u2013 vor allem, wenn sie durch ausbleibende Beitragssenkungen finanziert werden \u2013 die Balance des Rentensystems zugunsten der Rentnerinnen und Rentner und zulasten der arbeitenden Bev\u00f6lkerung verschieben w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Altersabh\u00e4ngige W\u00e4hlerinteressen<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass eine solche (intergenerationale) Umverteilung von den Jungen zu den \u00c4lteren eine kaum vermeidbare Konsequenz des demokratischen Prozesses in L\u00e4ndern mit umlagefinanzierten Rentensystemen sei, wurde bereits in dem ber\u00fchmten Artikel <a href=\"http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1465-7295.1975.tb00255.x\/abstract\">\u201eWhy the social insurance budget is too large in a democracy\u201c<\/a> von Edgar Browning (Texas A&amp;M University) aus dem Jahr 1975 ausgef\u00fchrt. Browning und zahlreiche Autoren nach ihm argumentieren, dass die Wahlinteressen der Menschen \u2013 auch \u2013 altersabh\u00e4ngig sind. Je j\u00fcnger ein Mensch ist, desto weiter liegt sein Ruhestand in der Zukunft und desto l\u00e4nger wird er noch Beitr\u00e4ge in das Rentensystem einzahlen. Ein Mensch am Anfang seines Berufslebens wird demgem\u00e4\u00df die Vorteilhaftigkeit eines Rentensystems beurteilen, indem er die (Beitrags-)Kosten w\u00e4hrend eines langen Arbeitslebens und die Renten(-Nutzen) der erwarteten Bezugszeit miteinander verrechnet. Weil er alle zuk\u00fcnftigen Beitrags- und Bezugsjahre im Barwert gegeneinander abw\u00e4gt, ist die von ihm gew\u00fcnschte Kombination aus Beitragssatz und Rentenniveau als effizient anzusehen (sofern er nicht seinerseits Lasten auf zuk\u00fcnftige, evtl. noch nicht einmal geborene Generationen verschieben kann).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u00e4lterer Mensch, dessen Berufsleben sich dem Ende zuneigt, wird seine Zukunft anders bewerten: wenigen Beitragsjahren stehen relativ viele Rentenbezugsjahre entgegen, d.h. ein hoher Beitragssatz stellt f\u00fcr ihn kein gravierendes Problem dar, weil er davon nur kurz betroffen sein wird. Daf\u00fcr wird er aber sp\u00e4ter von h\u00f6heren Rentenzahlungen profitieren, die \u2013 und dies ist das Problem des Umlagesystems \u2013 von der nachfolgenden Generation durch h\u00f6here Beitr\u00e4ge zu zahlen sein werden. Die Beitragssatz-Rentenniveau-Kombination wird hierbei \u2013 zulasten j\u00fcngerer Kohorten und Generationen \u2013 in Richtung eines h\u00f6heren Rentenniveaus oder h\u00f6herer Rentenleistungen verzerrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man schlie\u00dflich die Rentner, so ist anzunehmen, dass die genannte Verzerrung sogar einen H\u00f6hepunkt erreicht. Die Rentner profitieren in Brownings Modell uneingeschr\u00e4nkt von einer Erh\u00f6hung des Rentenniveaus, da sie keine Beitr\u00e4ge mehr zahlen. F\u00fcr sie darf der Beitrag also gerne kr\u00e4ftig steigen (solange die negativen Arbeitsangebotsanreize der Beitragszahler nicht zu gro\u00df werden).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die entscheidende Frage des Modells ist nun, wer die Kombination aus Beitragssatz und Rentenniveau politisch bestimmen wird. Browning argumentiert, dass dies \u2013 gem\u00e4\u00df dem Medianw\u00e4hlertheorem \u2013 der W\u00e4hler im Medianalter sein wird (bei ihm ist die eine H\u00e4lfte der W\u00e4hler \u00e4lter und die andere H\u00e4lfte j\u00fcnger als er selbst). Das Medianalter der deutschen W\u00e4hlerschaft liegt heute bei etwa 50 Jahren und ist damit dem Renteneintritt deutlich n\u00e4her als dem Berufsstart, so dass aus dem Modell eine zu umfangreiche Umverteilung von den Jungen zu den Alten zu erwarten w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die M\u00fctterrente<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Wirkungszusammenhang scheint sich auch in den aktuellen Koalitionsverhandlungen widerzuspiegeln, in denen mit Verve \u00fcber die so genannte M\u00fctterrente gestritten wird, bei der zus\u00e4tzliche Rentenleistungen f\u00fcr M\u00fctter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, eingef\u00fchrt werden sollen. Die M\u00fctterrente ist f\u00fcr die Betroffenen vor allem deshalb attraktiv, weil sie als \u201eWindfall gain\u201c (Mitnahmeeffekt) auftreten wird. In der (finanziellen) Lebensplanung spielte die M\u00fctterrente bisher keine Rolle, weil sie von den Betroffenen zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Kinder nicht antizipiert werden konnte. Zudem werden der Rentenaufstockung kaum substanzielle eigene Beitragszahlungen entgegenstehen, so dass die Relation von Kosten zu Nutzen sehr g\u00fcnstig ausfallen wird. Bezahlen m\u00fcssen dies \u2013 ganz wie das Modell es vorhersagt \u2013 die j\u00fcngeren Arbeitnehmerkohorten, deren Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung eine derartige M\u00fctterrente sicherlich nicht vorsehen w\u00fcrde. F\u00fcr sie (und die Gesellschaft als Ganzes) w\u00e4ren eher Zusatzrentenleistungen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Kinder von Interesse, weil diese keinen Mitnahmeeffekt darstellen, sondern die Entscheidung, Kinder zu bekommen, positiv beeinflussen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Ist der polit\u00f6konomische Ansatz gerechtfertigt?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche polit\u00f6konomische Opportunit\u00e4tsbetrachtung der M\u00fctterrente wird nicht auf ungeteilte Zustimmung treffen, allerdings wird im Folgenden gezeigt, dass es durchaus stichhaltige Argumente gibt, die Vorhersagen der politischen \u00d6konomie der Rentenversicherung und des Modells von Browning ernst zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der naheliegende Einwand, dass Brownings Modell (und damit die weiterf\u00fchrenden \u00dcberlegungen zur M\u00fctterrente) zu sehr vereinfachten, weil zu stark von realen Institutionen abstrahiert werde, ist dabei wenig stichhaltig. In der Nachfolge von Brownings Artikel wurden zahlreiche inhaltliche Erweiterungen des Modells vorgenommen, die eine gr\u00f6\u00dfere Realit\u00e4tsn\u00e4he mit sich gebracht haben. So l\u00e4sst sich bspw. zeigen, dass die \u2013 gerne im Sinne einer vermeintlichen \u201esozialen Gerechtigkeit\u201c geforderte \u2013 Ber\u00fccksichtigung von intragenerationaler Umverteilung im Rentensystem (also von reichen zu armen Beitragszahlern bzw. Rentnern) das grundlegende Generationenproblem nicht aufl\u00f6sen kann. Es schafft lediglich einen (zus\u00e4tzlichen) Anreiz f\u00fcr Reiche und Arme, eine Koalition gegen die arbeitende Mittelschicht einzugehen. Die erst genannten beiden Gruppen zahlen wenig bis gar keine Beitr\u00e4ge in die Rentenversicherung (Reiche sind i.d.R. von der Beitragspflicht freigestellt), haben aber ein Interesse an hohen Rentenleistungen f\u00fcr die Armen (Reiche deshalb, weil sie dann weniger stark \u00fcber das Steuersystem zur Finanzierung von Leistungen f\u00fcr die Armen herangezogen werden). Betrachtet man die Realit\u00e4t des deutschen Rentensystems und der aktuellen Koalitionsverhandlungen, dann sind es in der Tat die \u201egew\u00f6hnlichen\u201c Beitragszahler bzw. Arbeitnehmer, die als Finanzierungsquelle f\u00fcr die neuen Leistungen ausgemacht worden sind, weil ihr Anspruch auf eine Beitragssenkung aufgehoben werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus st\u00e4rken ganz pragmatische politische Erw\u00e4gungen die Aussagen von Brownings Ansatz. So ist die Wahlbeteiligung \u00e4lterer Menschen deutlich h\u00f6her als die Wahlbeteiligung junger Menschen, so dass die Parteien ihre Wahlchancen mit einer Politik zugunsten \u00e4lterer W\u00e4hlerschichten auch vor diesem Hintergrund verbessern. Zugleich ist die Altersstruktur der meisten Parteien, aber auch vieler anderer institutionalisierter und am politischen Prozess beteiligten Gruppen (z.B. Gewerkschaften, Kirchen usw.) oftmals noch gerontokratischer als die der Gesellschaft bzw. W\u00e4hlerschaft selbst. Auch von dieser Seite werden politische Forderungen wie die M\u00fctterrente daher eher unterst\u00fctzt als in Frage gestellt. Dass die M\u00fctterrente momentan eine solch zentrale politische Rolle spielt, d\u00fcrfte schlie\u00dflich auch der Tatsache geschuldet sein, dass die betroffenen M\u00fctter sich aktuell ungef\u00e4hr im Alter des Medianw\u00e4hlers befinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wie alt muss man sein, um altruistisch zu handeln?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun mag der weitergehende Vorwurf laut werden, dass die polit\u00f6konomischen Modelle der Rentenversicherung ein zu negatives Bild \u00e4lterer Menschen entwerfen, weil sie unterstellen, dass diese ausschlie\u00dflich eigenn\u00fctzig zu ihren Gunsten und zulasten ihrer eigenen Nachkommen handelten. Dies sei aber gar nicht der Fall. Vielmehr w\u00fcrde ein intergenerationaler Altruismus zwischen Alten und Jungen \u2013 und zwar in beide Richtungen \u2013 existieren. Generationenkonflikte zwischen Jun und Alt, wie sie die genannten Modellwelten suggerieren, w\u00fcrden daher realiter nicht vorkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem Argument wohnt eine gewisse Berechtigung inne, wie Jens Ruhose (ifo Institut M\u00fcnchen) und der Verfasser dieses Beitrags in ihrem aktuellen Artikel <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1007\/s11127-013-0064-z\">\u201eHoney, I shrunk the kids\u201c\u02dc benefits \u2013 revisiting intergenerational conflict in OECD countries\u201c<\/a> zeigen. Betrachtet man \u00e4ltere W\u00e4hler jenseits einer Altersgrenze von 70 Jahren, so sind diese eher altruistisch eingestellt und bef\u00fcrworten durchaus staatliche Ausgaben zugunsten von Familien und Kindern. Dies ist bei W\u00e4hlern in einem Alter um den Renteneintritt (ca. 60 bis 69 Jahre) anders. Sie lehnen die entsprechenden Ausgaben eher ab. Dies l\u00e4sst sich durch einen \u00dcbergangsprozess erkl\u00e4ren: Die Erwartung oder Erfahrung sinkender Einkommen als Folge des eigenen Renteneintritts wirkt sich offenbar negativ auf die Bereitschaft aus, \u00fcber das Steuer- und Beitragssystem j\u00fcngere Kohorten (jenseits der eigenen Familie) zu unterst\u00fctzen. Erst mit der Gew\u00f6hnung an die neuen Einkommensverh\u00e4ltnisse verkehrt sich dieses Verhalten in h\u00f6herem Alter wieder in sein Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die Perspektiven<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbertr\u00e4gt man das Ergebnis dieser Studie in die politische Arena, dann l\u00e4sst sich wenig Erfreuliches f\u00fcr j\u00fcngere Menschen und Familien erwarten. Da sich das Medianalter der W\u00e4hler in Richtung des Renteneintrittsalters entwickelt, werden knappe Ressourcen eher in Richtung \u00e4lterer Menschen umgeleitet werden. Gleichzeitig wird das politische Interesse an den j\u00fcngeren Generationen sinken, obwohl gerade deren Bildung und Ausbildung die entscheidende Grundlage f\u00fcr wirtschaftliches Wachstum und damit eine gro\u00dfz\u00fcgigere zuk\u00fcnftige Umverteilung bilden w\u00fcrde. Es ist zu bef\u00fcrchten, dass diese Effekte ab dem omin\u00f6sen Jahr 2016 und dem danach immer mehr einsetzenden demographischen Wandel noch verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aktuellen Koalitionsverhandlungen und die politischen Diskussionen \u00fcber die M\u00fctterrente werden nur ein Vorgeschmack darauf sein, wie die gerontokratischen Mehrheiten der Zukunft (mit einem Medianw\u00e4hler an der Renteneintrittsgrenze) die staatlichen Systeme strukturell ineffizienter und staatliche Leistungen zugunsten junger Generationen vom Wohlwollen der \u00c4lteren abh\u00e4ngig machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg in die Gerontokratie\u2026? 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