{"id":13846,"date":"2013-11-28T00:01:47","date_gmt":"2013-11-27T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13846"},"modified":"2013-11-27T16:53:31","modified_gmt":"2013-11-27T15:53:31","slug":"life-below-zero-wie-sinnvoll-sind-negativzinsen-der-ezb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13846","title":{"rendered":"&#8218;Life Below Zero&#8216; &#8211; Wie sinnvoll sind Negativzinsen der EZB?"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Monaten halten sich hartn\u00e4ckig Ger\u00fcchte, die Europ\u00e4ische Zentralbank k\u00f6nnte den Zinssatz der Einlagefazilit\u00e4t, den sie an die Kreditinstitute zahlt, von derzeit null Prozent auf minus 0,1 Prozent senken. Dies meldete k\u00fcrzlich eine Nachrichtenagentur (Bloomberg, 2013). Damit h\u00e4tten die Gesch\u00e4ftsbanken in der Eurozone erstmals eine Geb\u00fchr zu zahlen, wenn sie \u00fcbersch\u00fcssige Liquidit\u00e4t bei der Zentralbank anlegen wollten. Negative Einlagenzinss\u00e4tze w\u00e4ren geldpolitisches Neuland, das bislang nur von der Schwedischen Reichsbank und der D\u00e4nischen Nationalbank betreten worden ist. Neben dem Eurosystem denkt derzeit aber auch die Bank of England dar\u00fcber nach, Geb\u00fchren f\u00fcr das \u201eParken\u201c von Liquidit\u00e4t bei der Zentralbank zu verlangen (Bank of England, 2013; Bossone, 2013).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr das Erheben negativer Habenzinss\u00e4tze war in D\u00e4nemark der betr\u00e4chtliche Zustrom von Liquidit\u00e4t aus dem Euro-W\u00e4hrungsraum, der nach Ausbruch der europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise einsetzte. Weil D\u00e4nemark als \u201esicherer Hafen\u201c galt, dessen W\u00e4hrung \u00fcber das EWS II an den Euro gebunden ist, hatten viele europ\u00e4ische Einleger Anlagen in D\u00e4nemark gesucht (Nordea, 2013). Die D\u00e4nische Nationalbank reagierte darauf, indem sie im Juli 2012 den Zinssatz f\u00fcr die von ihr ausgegebenen Geldmarktzertifikate auf minus 0,2 Prozent senkte. Sie hat diesen Zinssatz inzwischen jedoch wieder auf minus 0,1 Prozent angehoben, verbleibt aber im negativen Territorium.<\/p>\n<p>Auch wenn das Eurosystem denselben Weg gehen sollte, w\u00e4ren die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Erheben von Negativzinsen andere als in D\u00e4nemark, weil ein Zustrom von Liquidit\u00e4t aus dem Ausland nicht abgeschreckt werden soll. Vielmehr d\u00fcrfte das Motiv sein, die Kreditvergabe der Gesch\u00e4ftsbanken an den Nichtbankensektor anzuregen. Diese sinkt seit einigen Quartalen, weil die Nichtbanken mehr Kredite bei den Gesch\u00e4ftsbanken tilgen als neue von ihnen aufzunehmen. Verteuerte sich die Liquidit\u00e4tshaltung, stiegen die Anreize f\u00fcr Gesch\u00e4ftsbanken, mehr Kredite ausreichen und so die gesamtwirtschaftliche Aktivit\u00e4t in der Eurozone anzuregen.<\/p>\n<p>Allerdings sind Zweifel angebracht, ob negative Einlagenzinsen durch das Eurosystem derzeit tats\u00e4chlich wirksam und sinnvoll sind. Dazu lohnt ein Blick in die konsolidierte Bilanz des Eurosystems. Danach haben Gesch\u00e4ftsbanken im Euroraum \u2013 neben der Bargeldhaltung \u2013 die M\u00f6glichkeit, Liquidit\u00e4t auf verschiedenen Konten beim Eurosystem zu halten. Neben der Einlagefazilit\u00e4t unterhalten sie vor allem Einlagen auf Girokonten, die traditionell vornehmlich der Erf\u00fcllung des Mindestreservesolls dienen; dort halten sie zudem (traditionell niedrige) \u00dcberschussreserven als Liquidit\u00e4tspuffer, um eine Untererf\u00fcllung des Mindestreservesolls zu verhindern. Alle drei Guthaben werden zumindest nominell unterschiedlich verzinst: Auf Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t wird der Einlagesatz gezahlt; das Mindestreservesoll auf Girokonten wird zum Hauptrefinanzierungszinssatz verzinst und die \u00dcberschussreserven (ebenfalls auf Girokonten) werden nicht verzinst. Damit wendet das Eurosystem auf Einlagen der Gesch\u00e4ftsbanken prinzipiell drei unterschiedliche Zinss\u00e4tze an.<\/p>\n<p>Die nachfolgende Abbildung zeigt die Entwicklung aller drei Einlagenformen seit Juni 2012, als der Zinssatz f\u00fcr die Einlagefazilit\u00e4t noch bei plus 0,25 Prozent lag. Die H\u00f6he der \u00dcberschussreserve kann nur monatlich f\u00fcr das jeweilige Ende der Mindestreserveerf\u00fcllungsperiode angegeben werden. Es wird deutlich, dass die Gesch\u00e4ftsbanken anf\u00e4nglich beinahe 800 Mrd. Euro in der Einlagefazilit\u00e4t hielten, diese aber sofort betr\u00e4chtlich reduzierten, nachdem die EZB den Zinssatz f\u00fcr die Einlagezinssatz am 11. Juli 2012 auf null Prozent gesenkt hatte. Offensichtlich haben europ\u00e4ische Gesch\u00e4ftsbanken ihre Liquidit\u00e4t von Konten der jetzt nicht mehr verzinsten Einlagefazilit\u00e4t auf die Girokonten bei der EZB und damit in die ebenfalls zinslose \u00dcberschussreserve umgeschichtet (die jetzt zwar keinen Zinsnachteil mehr aufweist, aber als Puffer gegen eine Untererf\u00fcllung der Mindestreservesolls verwendet werden kann). Die Grenzkosten der Liquidit\u00e4tshaltung auf Girokonten waren auf null gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/konsbil.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Konsolidierte Bilanz\" alt=\"Konsolidierte Bilanz\" src=\"\/wordpress\/bilder\/konsbil.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In den Folgeperioden haben die Gesch\u00e4ftsbanken ihre Guthaben sowohl in der Einlagefazilit\u00e4t als auch ihre \u00dcberschussreserve betr\u00e4chtlich abgebaut. Dies geschah vor allem, indem sie ihre Verbindlichkeiten aus l\u00e4ngerfristigen Refinanzierungsgesch\u00e4ften tilgten, die im Juni 2012 noch mehr als 1000 Mrd. Euro betrugen. Sie stammten insbesondere aus den beiden Dreijahrestendern (\u201eDicke Bertha\u201c), die das Eurosystem zum Jahreswechsel 2011\/2012 ausgereicht hatte, die die Gesch\u00e4ftspartner aber vorzeitig zur\u00fcckzahlen durften, wovon sie reichlich Gebrauch gemacht haben. Inzwischen betragen die verbliebenen Verbindlichkeiten aus l\u00e4ngerfristigen Refinanzierungsgesch\u00e4ften in Tabelle 1 nur noch 651 Mrd. Euro. Die Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t sind auf lediglich 52 Mrd. Euro (oder 2 Prozent der konsolidierten Bilanzsumme des Eurosystems) gesunken, und die \u00dcberschussreserven auf Girokonten umfassten im Oktober 2013 lediglich 165 Mrd. Euro.<\/p>\n<p>Damit d\u00fcrften Negativzinss\u00e4tze f\u00fcr die Einlagefazilit\u00e4t aus verschiedenen Gr\u00fcnden kaum wirksam sein. Erstens sind die verbliebenen Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t inzwischen, wie gezeigt, vernachl\u00e4ssigbar gering, sodass das Potenzial f\u00fcr eine zus\u00e4tzliche Kreditvergabe hieraus bescheiden ist. Zweitens k\u00f6nnten die Gesch\u00e4ftsbanken sofort in die bislang zinslose \u00dcberschussreserve wechseln, die ein sehr enges Substitut zur Einlagefazilit\u00e4t darstellt \u2013 falls das Eurosystem nicht auch hierauf Negativzinsen verlangte, was allerdings die Wirkungsweise des Mindestreserveinstruments beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte. Drittens d\u00fcrften die Gesch\u00e4ftsbanken verst\u00e4rkt ihre Verbindlichkeiten aus l\u00e4ngerfristigen Refinanzierungsgesch\u00e4ften tilgen und ihre \u00dcberschussreserven abbauen, um Negativzinsen auf die Liquidit\u00e4tshaltung bei der Zentralbank zu vermeiden. Schlie\u00dflich bliebe den Gesch\u00e4ftsbanken immer noch der Ausweg, ihre Liquidit\u00e4tsreserve in Bargeld zu halten, was zwar hohe Transaktionskosten verursachte, bei hohen Strafzinsen jedoch profitabel sein kann, wenn mit deren Fortsetzung f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit gerechnet wird (Bank of England, 2013). Um solch eine Flucht ins Bargeld zu verhindern, m\u00fcsste die EZB weitere Restriktionen f\u00fcr die Bargeldabhebung einf\u00fchren, was nicht absehbare Konsequenzen f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des Bankensektors haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zweifel sind auch anzumelden, ob niedrige Zentralbankzinsen \u2013 selbst wenn sie noch knapp \u00fcber null Prozent liegen \u2013 sinnvoll sind, um die Kreditvergabe an den Nichtbankensektor anzuregen. Sofern bei Niedrigzinsen auch die Zinsmargen gering ausfallen, wird die Finanzintermediation beeintr\u00e4chtigt, falls die Nettozinsertr\u00e4ge der Banken nicht mehr ausreichen, um die operativen Kosten des Bankbetriebs zu decken. Niedrige Leitzinss\u00e4tze schaffen zudem Anreize f\u00fcr Gesch\u00e4ftsbanken, Kreditausf\u00e4lle aus \u201enon-performing loans\u201c nicht abzuschreiben, weil die Opportunit\u00e4tskosten einer Kreditverl\u00e4ngerung an \u201eZombie-Unternehmen\u201c sinken. Dies erschwert gesunden Unternehmen den Zugang zu Bankkrediten und gef\u00e4hrdet das Wirtschaftswachstum, worauf japanische Erfahrungen bereits aus den 1990er Jahre hinweisen (Nakaso, 2001). Schlie\u00dflich k\u00f6nnte der Interbankenzins, der stets im Korridor aus Spitzenrefinanzierungssatz und Einlagesatz liegt, bei einem negativen Einlagesatz auf (nahe) null Prozent sinken. Dann deckten die Zinsertr\u00e4ge nicht mehr die operativen Kosten, mit der Konsequenz, dass der Interbankenhandel zusammenbr\u00e4che und die Liquidit\u00e4tsversorgung einzelner Banken nicht mehr sichergestellt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Im Ergebnis machen Negativzinsen durch die EZB wenig Sinn und sind kaum geeignet, die Kreditvergabe von Gesch\u00e4ftsbanken an die privaten Nichtbanken im Euroraum anzuregen. Auch die Bank of England hat bislang aus solchen Gr\u00fcnden die Einf\u00fchrung von Negativzinsen f\u00fcr Bankeinlagen verworfen (Bank of England, 2013). Negativzinsen treiben Anleger in die Bargeldhaltung, behindern die Finanzintermediation und verringern das Angebot an Bankdarlehen. Allerdings erh\u00f6hen sie die Attraktivit\u00e4t von Kapitalmarktpapieren von privaten und \u00f6ffentlichen Emittenten, deren Kreditaufnahme am Kapitalmarkt erleichtert wird. Dies gilt auch f\u00fcr Emittenten aus den Peripheriel\u00e4ndern \u2013 ein Schelm, wer B\u00f6ses dabei denkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Bank of England (2013): Note on Negative Interest Rates for Treasury Committee, Mimeo, London, Mai. Verf\u00fcgbar <a href=\"http:\/\/www.parliament.uk\/business\/committees\/committees-a-z\/commons-select\/treasury-committee\/news\/negative-interest-rates\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Bloomberg (2013): ECB Said to Consider Minus 0.1 Percent Deposit Rate. Verf\u00fcgbar <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/news\/2013-11-20\/ecb-said-to-consider-mini-deposit-rate-cut-if-more-easing-needed.html\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Bossone, B. (2013): Unconventional Monetary Policies Revisited (Part I), VoxEU, 4. October 2013. Verf\u00fcgbar <a href=\"http:\/\/www.voxeu.org\/article\/unconventional-monetary-policies-revisited-part-i\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Nakaso, H. (2001): The Financial Crisis in Japan during the 1990s: How the Bank of Japan Responded and the Lessons Learnt, Bank for International Settlements, BIS Paper No. 6, Basel.<\/p>\n<p>Nordea Research (2013): Denmark Update. Negative Interest Rates \u2013 the Danish Experience, 30 April 2013. Verf\u00fcgbar <a href=\"http:\/\/research.nordeamarkets.com\/en\/2013\/04\/30\/negative-interest-rates-the-danish-experience\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Monaten halten sich hartn\u00e4ckig Ger\u00fcchte, die Europ\u00e4ische Zentralbank k\u00f6nnte den Zinssatz der Einlagefazilit\u00e4t, den sie an die Kreditinstitute zahlt, von derzeit null Prozent &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13846\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e&#8218;Life Below Zero&#8216; &#8211; Wie sinnvoll sind Negativzinsen der EZB?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":115,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,33,12,434],"tags":[1361,982,1065,147,121,1360,755],"class_list":["post-13846","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-makrooekonomisches","category-monetares","category-waehrungspolitisches","tag-bank-of-england","tag-danemark","tag-einlagefazilitat","tag-euro","tag-ezb","tag-liquiditaet","tag-negativzinsen"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&#039;Life Below Zero&#039; - Wie sinnvoll sind Negativzinsen der EZB? 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