{"id":14008,"date":"2014-01-01T00:01:48","date_gmt":"2013-12-31T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14008"},"modified":"2013-12-31T15:29:40","modified_gmt":"2013-12-31T14:29:40","slug":"hat-die-europaeische-krisenpolitik-die-finanzmaerkte-ueberzeugt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14008","title":{"rendered":"Hat die europ\u00e4ische Krisenpolitik die Finanzm\u00e4rkte \u00fcberzeugt?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 breitete sich die Finanzkrise zunehmend auch in Europa aus. Es folgte der globale wirtschaftliche Abschwung im Jahr 2009, der in vielen L\u00e4ndern zur gr\u00f6\u00dften Depression seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren f\u00fchrte. Das dritte Stadium der Krise begann 2010, als zun\u00e4chst Griechenland \u2013 gefolgt von Irland, Portugal, Italien und Spanien \u2013 unter den Druck ausufernder Staatsschulden, anhaltender Instabilit\u00e4t des Finanzsektors und eines erneuten Einbruchs der Konjunktur gerieten. Mit dem Ziel, die Unsicherheit in den M\u00e4rkten zu reduzieren und Ansteckungseffekte zu vermeiden, einigten sich die europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs auf weitreichende finanzielle Hilfen, strengere Regeln f\u00fcr die nationalen Haushalte sowie eine Verbesserung der Bedingungen f\u00fcr Wachstum und strukturelle Reformen. W\u00e4hrend dieser Zeit wurde das europ\u00e4ische Krisenmanagement zu einer Angelegenheit von h\u00f6chster politischer Priorit\u00e4t und die Gipfeltreffen der EU Staats- und Regierungschefs sowie die dort vereinbarten Ma\u00dfnahmen das zentrale Instrument zur Krisenbew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der \u201eForschungsstelle f\u00fcr Europ\u00e4ische Wirtschaftspolitik\u201c untersucht, ob die Krisentreffen der europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs sowie deren Ergebnisse (signifikante) Auswirkungen auf die Finanzm\u00e4rkte in der W\u00e4hrungsunion und damit auf diejenigen Bedingungen hatten, denen sich die Mitgliedstaaten bez\u00fcglich ihres \u00f6ffentlichen Sektors, der Realwirtschaft, des Bankensektors und der gemeinsamen W\u00e4hrung gegen\u00fcber sahen.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Im Rahmen der empirischen Studie wurden die formellen und informellen Treffen der EU Staats- und Regierungschefs als \u201eEvents\u201c interpretiert, deren (\u00f6konomische) Auswirkungen durch die Entwicklung der (\u00dcberschuss-)Rendite an den Finanzm\u00e4rkten in den Tagen nach den jeweiligen Treffen bewertet werden. Dies geschieht in Form einer Event-Studie, die auf Tagesdaten f\u00fcr sieben Mitgliedstaaten der Eurozone (Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien) basiert und den gesamten Krisenzeitraum von September 2008 bis April 2012 umfasst. Daneben wurde der Zeitraum der europ\u00e4ischen Staatsschuldenkrise ab Januar 2010 separat untersucht. Dabei wurden Zeitfenster von zwei bis 15 Tagen vor und nach den jeweiligen \u201eEvents\u201c betrachtet. Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Investoren \u2013 bezogen auf den hier\u00c2\u00a0 ber\u00fccksichtigten Beobachtungszeitraum \u2013 das wirtschaftliche und politische Krisenmanagement f\u00fcr unzureichend und die Kommunikationsstrategie als wenig \u00fcberzeugend ansahen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Einzelnen zeigen die Ergebnisse, dass der Einfluss der Gipfeltreffen auf die nationalen Aktienkurse begrenzt war. Lediglich Frankreich und Deutschland wiesen eine signifikant positive Entwicklung ihrer Leitindizes unmittelbar nach den Treffen auf. Die im Fokus der \u00d6ffentlichkeit stehenden Krisenl\u00e4nder konnten hingegen weder kurz- noch mittelfristig von der Signalwirkung der Gipfeltreffen profitieren. Auch die ausgew\u00e4hlten Aktienkurse europ\u00e4ischer Banken zeigten keine signifikante Reaktion. Die negativen Vorzeichen einiger Testergebnisse deuten vielmehr darauf hin, dass \u2013 vor allem in Griechenland und Irland \u2013 die \u00dcberschussrenditen der Aktienkurse nach den Events sanken. Diese Entwicklung ist insbesondere in der zweiten Untersuchungsperiode ab 2010 zu beobachten. Die Ergebnisse hinsichtlich der \u00dcberschussrendite f\u00fcr zehnj\u00e4hrige Staatsanleihen zeigen, dass nur Deutschland von einem (kurzfristigen) R\u00fcckgang seiner Risikopr\u00e4mien profitierte. Die Regierungen der meisten anderen Staaten der Stichprobe sahen sich hingegen h\u00f6heren Finanzierungskosten f\u00fcr ihre Schulden gegen\u00fcber, wodurch diese F\u00e4lle als \u201eMisserfolge\u201c klassifiziert wurden. Die Sitzungen der EU Staats- und Regierungschefs erwiesen sich abschlie\u00dfend auch mit Blick auf die Entwicklung des Wechselkurses gegen\u00fcber dem US-Dollar als wenig einflussreich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Kontrolle weiterer Effekte wurden auch die Wirkungen der zins- sowie liquidit\u00e4tspolitischen Ma\u00dfnahmen der EZB sowie deren Ank\u00e4ufe von Staatsanleihen auf die Finanzm\u00e4rkte untersucht. Dabei gibt es einige Anzeichen daf\u00fcr, dass die Staatsanleihenk\u00e4ufe kurzfristig mit positiven Effekten auf die Renditen von Staatspapieren derjenigen L\u00e4nder einhergingen, die in besonders starkem Ma\u00dfe in den Genuss des Ankaufsprogramms kamen: Griechenland, Italien und Spanien. Darauf lassen die negativen Vorzeichen der entsprechenden (allerdings nicht signifikanten) Koeffizienten schlie\u00dfen. Diese Entspannung kehrte sich jedoch insbesondere im Falle Griechenlands bereits nach wenigen Tagen wieder um. Es zeigt sich daher erneut, dass staatliche Marktinterventionen in den meisten F\u00e4llen keinen nachhaltigen Effekt auf die jeweiligen Preise haben. Ein signifikanter Anstieg der nationalen Aktienkurse als Folge der Anleihenk\u00e4ufe ist nur in Italien aufgetreten. Abschlie\u00dfend ergaben die Untersuchungen, dass die Zins- und Liquidit\u00e4tspolitik der EZB kurzfristig jeweils eine signifikante Abwertung des Euro gegen\u00fcber dem US-Dollar zur Folge hatte. Dieses Ergebnis spiegelt zweifelsfrei die durchweg h\u00f6chst expansive Geldpolitik w\u00e4hrend des Beobachtungszeitraums wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass die in den Medien intensiv begleiteten Europ\u00e4ischen Ratstreffen die Finanzm\u00e4rkte allenfalls kurzfristig beeinflussen konnten. Die Reaktion der Aktienkurse entsprach lediglich in Frankreich und Deutschland dem gew\u00fcnschten Effekt, wohingegen Griechenland vor allem im Bankensektor mit signifikant niedrigeren Kursen konfrontiert war. In Bezug auf die Verzinsung zehnj\u00e4hriger Staatsanleihen war nur die deutsche Regierung in der Lage, von den besseren (Re-)Finanzierungsbedingungen nach den Gipfeltreffen zu profitieren. Im Gegensatz dazu sahen sich die europ\u00e4ischen Krisenstaaten und Frankreich einem Anstieg der Risikopr\u00e4mien gegen\u00fcber. Der Euro-Dollar Wechselkurs zeigte keine signifikanten Reaktionen. Dies deutet darauf hin, dass die Marktteilnehmer die aktuellen Entwicklungen in erster Linie als Krise einiger hoch verschuldeter Mitgliedsl\u00e4nder der Eurozone beurteilen und weniger als eine Krise der gemeinsamen W\u00e4hrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die umfangreiche theoretische und empirische Literatur zur Kommunikation von Zentralbanken kann m\u00f6glicherweise Antworten auf die Frage geben, warum EU-Gipfeltreffen nur einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die Finanzm\u00e4rkte hatten. So kann die Bereitstellung von Informationen \u00fcber die wirtschaftlichen Aussichten kriselnder Staaten und die k\u00fcnftige europ\u00e4ische Politik gegen\u00fcber diesen L\u00e4ndern die Finanzm\u00e4rkte nur dann positiv beeinflussen, wenn sie glaubw\u00fcrdig und konsistent erfolgt. Die Krise zeigt jedoch, dass Prognosen von Organisation wie dem IWF oder der EU oftmals zu Gunsten des betreffenden Landes verzerrt sind, um so die laufenden Hilfsma\u00dfnahmen zu legalisieren. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Vorstellungen der Staats- und Regierungschefs, wie man der Krise gerecht wird und sie bew\u00e4ltigt, h\u00f6chst unterschiedlich sind, was zu einer Vielzahl sich teils widersprechender Stimmen f\u00fchrte. Ein weiteres Argument f\u00fcr die fehlende \u00dcberzeugungskraft der Gipfeltreffen liegt m\u00f6glicherweise in der dezentralen Struktur europ\u00e4ischer Entscheidungsprozesse. Da die Ergebnisse der Treffen \u2013 zumindest in bestimmten F\u00e4llen \u2013 von den nationalen Parlamenten ratifiziert werden m\u00fcssen, sind es m\u00f6glicherweise erst diese endg\u00fcltigen Ergebnisse, die die relevanten Nachrichten (allerdings dann erst zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt) reflektieren. Schlie\u00dflich muss man die grundlegenden Unterschiede zwischen Zentralbanken und den EU-Gipfeltreffen im Hinterkopf behalten: Zentralbanken kommunizieren vor allem bekannte und allgemein akzeptierte Ziele und Instrumente. Sie konnten dar\u00fcber hinaus vielfach bereits eine entsprechende Reputation aufbauen. Diese beiden Argumente zu Gunsten von Zentralbanken lassen sich jedoch bestenfalls zu einem geringen Teil oder auch gar nicht auf die Treffen der europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs \u00fcbertragen.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Smeets, Dieter und Marco Zimmermann: Did the EU Summits Succeed in Convincing the Markets during the Recent Crisis?, Journal of Common Market Studies, Band 51 (2013), S.1158-1177.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 breitete sich die Finanzkrise zunehmend auch in Europa aus. 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