{"id":14219,"date":"2014-01-18T00:01:06","date_gmt":"2014-01-17T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14219"},"modified":"2026-04-03T10:46:02","modified_gmt":"2026-04-03T09:46:02","slug":"gastbeitragdeutschlands-leistungsbilanzueberschuesse-in-der-kritik-worauf-zu-achten-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14219","title":{"rendered":"Deutschlands Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse in der Kritik<br\/><font size=3; color=grey>Worauf zu achten ist<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><i>Politischer Druck<\/i><\/p>\n<p>Ein Dauerbrenner\u00c2\u00a0 in der wirtschaftspolitischen Debatte zur Euro-Schuldenkrise ist die heftige Kritik an die anhaltend hohen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse Deutschlands. Von 2008 bis 2013 sind diese \u00dcbersch\u00fcsse von 6,2 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt auf 7 Prozent angestiegen (2008-13: durchschnittlich 6,5 Prozent; Quelle: Deutsche Bundesbank). F\u00fcr das laufende Jahr 2014 erwarten die Wirtschaftsforschungsinstitute (Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2013) erneut einen \u00dcberschuss von mindestens 7 Prozent. Die Export\u00fcbersch\u00fcsse, die im Au\u00dfenhandel erzielt werden, liegen noch etwas dar\u00fcber (traditionell weisen die anderen Teilbilanzen der Leistungsbilanz, mit Ausnahme der Bilanz der grenz\u00fcberschreitenden Erwerbs- und Verm\u00f6genseinkommen, einen negativen Saldo aus).<\/p>\n<p>Internationale Organisationen (IMF), ausl\u00e4ndische Regierungen (USA) und Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger (Krugman) werfen Deutschland vor, die Weltwirtschaft im Allgemeinen und die Eurozone im\u00c2\u00a0 Besonderen gravierenden Ungleichgewichten auszusetzen. Die Krisenl\u00e4nder S\u00fcdeuropas beschweren sich lauthals dar\u00fcber, dass Deutschlands Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse ihnen die wirtschaftliche Sanierung geh\u00f6rig erschwert. Auf G20-Gipfeln wird Deutschland unverhohlen vorgehalten, auf Kosten der Defizitl\u00e4nder (auch nichteurop\u00e4ische wie vor allem die USA) zu wirtschaften. \u00c2\u00a0Immer wieder hei\u00dft es, die deutsche Binnennachfrage sei zu schwach, die Bundesregierung betreibe eine zu restriktive Finanzpolitik und die Unternehmen verschafften sich \u00fcber eine moderate Lohnentwicklung unlautere Wettbewerbsvorteile gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischen Anbietern. Die Kritik verstummt selbst dann nicht, wenn die Binnennachfrage der wichtigste Konjunkturmotor ist und der\u00c2\u00a0 Au\u00dfenbeitrag zum Wachstum negativ ausf\u00e4llt (wie in 2013 und voraussichtlich 2014) und obwohl Deutschland zu den importst\u00e4rksten L\u00e4ndern der Welt z\u00e4hlt (nach den USA und China und weit vor Frankreich). \u00c2\u00a0Dieses keynesianische Denken findet sich auch hierzulande bei manchen Politikern, Gewerkschaftsf\u00fchrern, Wirtschaftsjournalisten und Makro\u00f6konomen, die allesamt die deutschen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse als anst\u00f6\u00dfig, weil gegen\u00fcber den S\u00fcdl\u00e4ndern \u201eunsolidarisch\u201c brandmarken. Die Europ\u00e4ische Kommission pr\u00fcft jetzt, ob der deutsche Leistungsbilanz\u00fcberschuss \u201e\u00fcberm\u00e4\u00dfig\u201c ist und die wirtschaftliche Erholung in den Krisenl\u00e4ndern behindert. Gem\u00e4\u00df europ\u00e4ischen <i>Six Pack <\/i>ist die Obergrenze f\u00fcr einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss 6 Prozent. Unter Umst\u00e4nden droht Deutschland ein Sanktionsverfahren und ein Bu\u00dfgeld von bis zu 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (rund 3 Mrd. Euro). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Europ\u00e4ische Kommission die S\u00fcdl\u00e4nder nachdr\u00fccklich ermahnt, alles zu tun, um die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Wirtschaft zu erh\u00f6hen, und zugleich Deutschland wegen seiner hohen Wettbewerbsf\u00e4higkeit kritisch be\u00e4ugt!<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In dieser Debatte l\u00e4uft einiges durcheinander, vieles ist zu kurz gedacht und wird zu sehr vereinfacht. Grundlegende Erkenntnisse der Au\u00dfenwirtschaftstheorie werden \u00fcbergangen, einschl\u00e4gige Fakten werden ignoriert oder interessengeleitet interpretiert, empirische Tests zu diesem Thema werden nicht\u00c2\u00a0 ber\u00fccksichtigt. Das Prinzip des Wettbewerbs und der Marktoffenheit wird hintangestellt. In den Kritiker- Kreisen gilt das \u201ePrimat der Politik\u201c. Es eignet sich bestens daf\u00fcr, um die\u00c2\u00a0 \u00d6ffentlichkeit von inl\u00e4ndischen Fehlentwicklungen abzulenken und das Ausland \u2013 in diesem Fall Deutschland \u2013 zum Buhmann zum machen und f\u00fcr finanzielle Hilfen ins Obligo zu nehmen.<\/p>\n<p><i>Zehn Thesen zur Orientierung<\/i><\/p>\n<p>Nach meinem Daf\u00fcrhalten verbieten sich Schnellsch\u00fcsse. Mit Hilfe der folgenden zehn Thesen m\u00f6chte ich versuchen, etwas mehr Ordnung in die Argumentation zu bringen.<\/p>\n<p>(1) Wie hoch ein Leistungsbilanz\u00fcberschuss \u201esein darf\u201c, das l\u00e4sst sich wissenschaftlich nicht\u00c2\u00a0 beantworten. Ob es in einem gemeinsamen W\u00e4hrungsraum, sprich im intra-europ\u00e4ischen Handel \u00fcberhaupt sinnvoll ist,\u00c2\u00a0 Leistungsbilanzsalden zu fokussieren, kann f\u00fcglich\u00c2\u00a0 bezweifelt werden (innerhalb des amerikanischen Dollarraums beklagt niemand einen eventuellen Leistungsbilanz\u00fcberschuss Kaliforniens gegen\u00fcber, sagen wir, Pennsylvania). Die europ\u00e4ische 6-Prozent-Obergrenze wurde rein willk\u00fcrlich festgelegt, politisch halt. In der nach au\u00dfen offenen Marktwirtschaft, bei weltwirtschaftlichem Wachstum, und in einem System flexibler Wechselkurse sind die internationalen G\u00fcter- und Kapitalstr\u00f6me normalerweise niemals im Gleichgewicht. Daraus m\u00fcssen aber nicht Stabilit\u00e4tsprobleme entstehen. Entscheidend ist, wie der Nettokapitalexport, der dem Leistungsbilanz\u00fcberschuss vorangeht (intertemporaler Ansatz vom B\u00f6hm-Bawerk), im Empf\u00e4ngerland verwendet wird: f\u00fcr produktive Investitionen, die die Trendrate f\u00fcr das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial heben, oder f\u00fcr konsumtive Zwecke ohne nachhaltige Wachstumseffekte? Im ersten Fall ist der Leistungsbilanz\u00fcberschuss unter Stabilit\u00e4tsgesichtspunkten unproblematisch, in welcher H\u00f6he auch immer. Im zweiten Fall \u00c2\u00a0ist er es nicht, auch wenn weniger als 6 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt verzeichnet werden. Zum Teil ist letzteres hinsichtlich der Euro-Krisenl\u00e4nder geschehen (umfangreicher Immobilienerwerb auf Mallorca und andere Tourismusgegenden; Kauf von gutverzinslichen, aber riskanten Staatsanleihen). Dementsprechend waren die Leistungsbilanzdefizite in diesen L\u00e4ndern, die das aus Deutschland und anderen L\u00e4ndern zuflie\u00dfende Kapital erm\u00f6glicht hatte, untragbar, unabh\u00e4ngig davon, dass die im europ\u00e4ischen <i>Six Pack<\/i> politisch festgelegte Obergrenze (4 Prozent) in Griechenland, Portugal und Spanien deutlich \u00fcberschritten wurde.<\/p>\n<p>(2) Dass der deutsche Export\u00fcberschuss einen gleich hohen \u00dcberschuss der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis \u00fcber die gesamtwirtschaftlichen Investitionen im Inland widerspiegelt ist richtig \u2013 und tautologisch. Der saldenmechanische Zusammenhang sagt nichts \u00fcber Ursache-Wirkungsketten aus nach dem Motto, Deutschland exportiere so viel, weil im Land \u00fcberm\u00e4\u00dfig gespart und zu wenig investiert werde. Die Export-, Spar- und Investitionsfunktionen beinhalten bekanntlich unterschiedliche Determinanten. Dass deutsche Unternehmen sich stark dem Exportgesch\u00e4ft zuwenden, weil die Binnennachfrage nach ihren Produkten schwach ist, kann empirisch nicht nachgewiesen werden. Wir wissen auch nichts dar\u00fcber, welche Sparquote und welche Investitionsquote optimal w\u00e4ren. Vergleiche mit anderen Industriel\u00e4ndern, wie sie immer wieder angestellt werden, liefern nicht eine wissenschaftlich abgesicherte Benchmark. Die seit geraumer Zeit zu beobachtende Investitionszur\u00fcckhaltung der Unternehmen im Inland d\u00fcrfte Ursachen haben, die mit der Standortqualit\u00e4t Deutschlands im Vergleich zu der anderer L\u00e4nder zu tun haben (tats\u00e4chliche oder gef\u00fchlte Nachteile bei Steuern, Abgaben, Arbeitskosten, Regulierungen u.dgl.m.); mit der Exportneigung hat das nichts zu tun.<\/p>\n<p>(3) Die Exportaktivit\u00e4t in Deutschland ist keine staatliche Veranstaltung, kann es in einer marktwirtschaftlichen Ordnung auch gar nicht sein. Es gibt keine staatliche F\u00f6rderung des Exports und auch keinen Importprotektionismus (wie in China und Japan, zwei L\u00e4nder mit hohen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcssen). Und nat\u00fcrlich ist es nicht eine Aufgabe des Staates, den Export zu drosseln (z.B. durch Exportsteuern) und den Import zu stimulieren (z.B. durch Subventionen).<\/p>\n<p>(4) Die G\u00fcterstruktur im deutschen Au\u00dfenhandel steht im Gro\u00dfen und Ganzen im Einklang mit dem Theorem der komparativen Kosten. Angesichts der relativ guten Faktorausstattung mit qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften, Sachkapital und technischen Forschungskapazit\u00e4ten ist es effizient, dass im Export Investitionsg\u00fcter des Maschinenbaus und der Elektroindustrie, Fahrzeuge und chemische Erzeugnisse ein sehr gro\u00dfes Gewicht haben (\u00fcber 60 Prozent des gesamten Exportwertes). Dieser Typ von Waren wird in anderen L\u00e4ndern gebraucht, um wirtschaftlich voranzukommen, namentlich in den Schwellenl\u00e4ndern. Dementsprechend ist die Exportnachfrage f\u00fcr deutsche Waren sehr einkommenselastisch und eher preisunelastisch, wie \u00f6konometrische Sch\u00e4tzungen zur deutschen Exportfunktion belegen. F\u00fcr den deutschen Export ist in erster Linie die Produktions- und Einkommensentwicklung europa- und weltweit ma\u00dfgebend, nicht der Euro-Wechselkurs. Das Klagen der deutschen Exportunternehmen bei einer Aufwertung des Euro, zu der es wiederholt gekommen ist, hat sich tats\u00e4chlich in Grenzen gehalten; Preisnachteile lassen sich offenbar durch attraktive Produkteigenschaften (Qualit\u00e4t, Umweltvertr\u00e4glichkeit, Kundendienst u.\u00e4.) kompensieren.<\/p>\n<p>(5) Der Gro\u00dfteil des deutschen Export\u00fcberschusses stammt aus dem Warenhandel mit Drittl\u00e4ndern, nicht mit Eurol\u00e4ndern. Das Bild von Deutschland als Hauptgewinner der W\u00e4hrungsunion, das immer wieder gezeichnet wird, ist realit\u00e4tsfern. Der Euro-Raum verliert im deutschen Au\u00dfenhandel an Gewicht: im Jahre 2012 gingen 37 Prozent der Gesamtexporte in den Euro-Raum, im Jahre 2000 waren es noch 45 Prozent; bei den Warenimporten sind es 37 Prozent bzw. 42 Prozent (Quelle: EZB). Gleichzeitig ist der Importgehalt der deutschen Exporte nach Sch\u00e4tzungen des BDI auf 45 Prozent gestiegen. Dies ist eine Folge des kostensparenden <i>outsourcing<\/i> und <i>offshoring <\/i>im deutschen Unternehmenssektor und der vertieften Arbeitsteilung mit ausl\u00e4ndischen Zulieferern. Auf diese Weise wirkt die deutsche Exportst\u00e4rke wie ein Antrieb f\u00fcr die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t in anderen L\u00e4ndern. Spanien beispielsweise macht gerade diese Erfahrung bei der Ausweitung seiner Exporte, die dem Land bei der \u00dcberwindung der Rezession so sehr hilft.<\/p>\n<p>(6) Das Dr\u00e4ngen nach einem Abbau des deutschen Export\u00fcberschusses durch Kr\u00e4ftigung der Binnennachfrage mittels\u00c2\u00a0 kreditfinanzierter Konjunkturprogramme\u00c2\u00a0 und kr\u00e4ftiger, \u00fcber den Produktivit\u00e4tsfortschritt hinausgehende Lohnerh\u00f6hungen ist kontraproduktiv. Den Euro-Krisenl\u00e4ndern w\u00fcrde das wenig helfen, wie Simulationsergebnisse des Sachverst\u00e4ndigenrates und der Deutschen Bundesbank im\u00c2\u00a0 Rahmen makro\u00f6konometrischer Mehr-L\u00e4nder-Modelle zeigen.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>(7) Eine wieder zunehmende Staatsverschuldung w\u00e4re wegen der Verdr\u00e4ngung unternehmerischer Investitionen (<i>crowding out<\/i>) und der Verengung des finanzpolitischen Handlungsspielraums des Staates dem Wirtschaftswachstum abtr\u00e4glich. Dies ist die Ratio f\u00fcr die Defizit- und Schuldenobergrenzen des europ\u00e4ischen Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes (3 Prozent bzw. 60 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt) und f\u00fcr die ab 2016 geltende Verschuldungsregel des Grundgesetzes (0,35 Prozent Defizitlimit f\u00fcr den Bund). Der Grundgedanke des Rogoff-Reinhard-Modells, dass n\u00e4mlich niedrige Staatsschulden auf Dauer besser sind als hohe, ist trotz der wissenschaftlichen Kritik, die aufgrund aufgedeckter Fehler bei den Berechnungen gemacht wurde, nach wie vor richtig und empirisch abgesichert.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Wenn Deutschland hier erneut s\u00fcndigen w\u00fcrde (wie vor zehn Jahren unter der damaligen Schr\u00f6der-Regierung), werden die anderen Eurol\u00e4nder in ihrer Haushaltspolitik f\u00fcnf gerade sein lassen. Wir h\u00e4tten aus der Schuldenkrise nichts gelernt!<\/p>\n<p>(8) Die Lohnerh\u00f6hungsempfehlung unterstellt, dass die Arbeitnehmer den zus\u00e4tzlichen Lohn wirklich ausgeben, statt zu sparen (z.B. f\u00fcr die Altersvorsorge), und dass sie damit keine deutschen G\u00fcter kaufen, auch keine G\u00fcter aus Drittstaaten, sondern allein Waren aus S\u00fcdeuropa. Das sind wegen der Konsumentensouver\u00e4nit\u00e4t, die konstitutiv zu einer freien Gesellschaft geh\u00f6rt, absolut unrealistische Annahmen. Zudem m\u00fcsste auch noch unterstellt werden, dass die s\u00fcdeurop\u00e4ischen Anbieter eine nach Qualit\u00e4t und Preis attraktive Produktpalette haben, um deutsche Konsumenten f\u00fcr sich zu gewinnen. Eine heroische Annahme! Zu den Fundamentalproblemen der Euro-Krisenl\u00e4nder z\u00e4hlte ja gerade, dass die Lohnst\u00fcckkosten \u00fcber mehrere Jahre vergleichsweise stark angestiegen waren, die Arbeitsproduktivit\u00e4t sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lie\u00df, viele Unternehmen sich mit Produktinnovationen zur\u00fcckhielten und dies alles mit sp\u00fcrbaren Verlusten an internationaler Wettbewerbsf\u00e4higkeit einherging. Die Erfolgsstory des spanischen Modeunternehmens Zara ist die Ausnahme, die die Regel best\u00e4tigt. Die Bef\u00fcrworter lohnpolitischer Expansionsma\u00dfnahmen blenden zudem ganz aus, dass der zus\u00e4tzliche Lohn, sofern er nicht durch Produktivit\u00e4t gedeckt ist, bei den Unternehmen erh\u00f6hte Kosten verursacht, die deren preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit schm\u00e4lern und sie zu Personalentlassungen zwingt, was wiederum die Konsumnachfrage schw\u00e4cht. Alles in allem w\u00fcrde die Eurozone insgesamt im globalisierten Wettbewerb zur\u00fcckfallen. Der EZB-Pr\u00e4sident Mario Draghi hat das k\u00fcrzlich auf den Punkt gebracht: \u201eDen St\u00e4rksten zu schw\u00e4chen st\u00e4rkt nicht die Schwachen\u201c.<\/p>\n<p>(9) Deutschlands Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse sind nicht der Grund daf\u00fcr, dass die Euro-Krisenl\u00e4nder wegen ihrer Leistungsbilanzdefizite von den Finanzmarktakteuren mit hohen Risikopr\u00e4mien bei der Refinanzierung der Staatsschuld und der Emission von Unternehmensanleihen abgestraft wurden. Der eigentliche Grund ist, dass sich die\u00c2\u00a0 Defizit-L\u00e4nder im Ausland verschuldeten, um vor allem Konsumg\u00fcter zu importieren\u00c2\u00a0 oder um soziale staatliche Wohltaten zu finanzieren, und dass sie gleichzeitig strukturelle Verwerfungen zulie\u00dfen, die die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Wirtschaft aushebelten. Deshalb m\u00fcssen die Euro-Defizitl\u00e4nder, nicht Deutschland, f\u00fcr Remedur sorgen. Die Vorstellung von gemeinsam zu tragenden Anpassungslasten (<i>burden sharing<\/i>) ist politisch popul\u00e4r, aber \u00f6konomisch nicht stichhaltig, weil daraus Fehlanreize (<i>moral hazard<\/i>) erwachsen, sprich der Reformdruck von finanzwirtschaftlich und strukturell angeschlagenen Staaten genommen w\u00fcrde. Die Defizitkorrektur muss \u00fcber eine \u201einterne Abwertung\u201c in Form von Preis-, Lohn- und Rentensenkungen bewerkstelligt werden. Genau dies ist geschehen: In den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenl\u00e4ndern hat sich zwischen 2009 und 2012 das jeweilige Leistungsbilanzdefizit deutlich zur\u00fcckgebildet, und zwar nicht nur wegen eines rezessionsbedingten R\u00fcckgangs der Importnachfrage, sondern auch dank einer durch Haushaltskonsolidierung und Strukturreformen wieder verbesserten Wettbewerbsf\u00e4higkeit, die zu steigenden Exporten gef\u00fchrt hat. In Griechenland ist das Leistungsbilanzdefizit von -11,2 Prozent auf -3 Prozent gesunken, in Portugal\u00c2\u00a0 von -10,9 Prozent auf -1,5 Prozent und in Spanien von \u00c2\u00a0-5,5 Prozent auf -0,6 Prozent (Quelle: Eurostat). Im gleichen Zeitraum blieb der deutsche Leistungsbilanz\u00fcberschuss hoch. Der unabdingbare Anpassungskurs in den Krisenl\u00e4ndern d\u00e4mpft zwar regional die deutsche Exportnachfrage, aber nicht global &#8211; und in S\u00fcdeuropa wahrscheinlich nicht auf Dauer.<\/p>\n<p>(10) Sollte das freie Spiel von Angebot und Nachfrage den Leistungsbilanz\u00fcberschuss verkleinern, so w\u00e4re das f\u00fcr Deutschland aus zwei Gr\u00fcnden von Vorteil: Zum einen w\u00fcrde ein gr\u00f6\u00dferer Teil der heimischen Ersparnisse f\u00fcr inl\u00e4ndische Investitionen verwendet, statt im Kapitalexport zu verschwinden. Mehrinvestitionen z.B. in die Verkehrsinfrastruktur oder zu Kapazit\u00e4tserweiterungen in den Betrieben w\u00fcrden das gesamtwirtschaftliche Potenzialwachstum mittelfristig anheben. Zum anderen w\u00fcrde Deutschland weniger Finanzverm\u00f6genswerte gegen\u00fcber dem Ausland akkumulieren und damit das Verlustrisiko bei einer Zahlungsunf\u00e4higkeit eines Schuldnerlandes (Schuldenschnitt) oder bei Bankenkrisen begrenzen. Dies l\u00e4ge im Eigeninteresse der deutschen Anleger (Sparer), die wohl nicht vergessen haben, dass sie w\u00e4hrend der globalen Finanzkrise und der anschlie\u00dfenden Euro-Schuldenkrise vielfach erhebliche Abschreibungen bei Wertpapieren hinnehmen mussten. Aber: Die Effizienzbedingung verlangt, dass der Leistungsbilanz\u00fcberschuss sich im Marktprozess korrigiert; per Order di Mufti geht das nicht.<i><br \/>\n<\/i><\/p>\n<p><i>Das Richtige tun<\/i><\/p>\n<p>Die Debatte um Deutschlands Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse verstellt unn\u00f6tig den Blick f\u00fcr das, worauf es hierzulande und in den anderen Eurol\u00e4ndern eigentlich ankommt: die Pflege guter gesamtwirtschaftlicher Rahmenbedingungen f\u00fcr unternehmerische Investitionen und Innovationen sowie f\u00fcr eine\u00c2\u00a0 gute Ausbildung der Erwerbst\u00e4tigen. Das ist angesichts des intensiven globalen Standortwettbewerbs um Kapital und\u00c2\u00a0 kluge K\u00f6pfe eine Daueraufgabe. Vieles\u00c2\u00a0 kann getan werden, ohne die \u00f6ffentlichen Kassen zu belasten, z.B. durch B\u00fcrokratieabbau und die Deregulierung von Dienstleistungsm\u00e4rkten. Wo spezielle Zusatzausgaben erforderlich sind, etwa bei Infrastrukturinvestitionen, muss innerhalb des \u00f6ffentlichen Haushalts umgeschichtet werden oder k\u00f6nnen finanzielle Spielr\u00e4ume durch das Streichen von marktwidrigen Subventionen und die Aufhebung des verzerrenden reduzierten Satzes der Umsatzsteuer \u00c2\u00a0gewonnen werden. Das gilt auch f\u00fcr die Finanzierung von sinnvollen Steuerentlastungen trotz knapper \u00f6ffentlicher Kassen wie die Korrektur der \u201ekalten Progression\u201c (Mittelstandsbauch) in der Einkommensteuer.<\/p>\n<p>Mit solchen Ans\u00e4tzen k\u00f6nnten inl\u00e4ndische Wachstumskr\u00e4fte freigesetzt werden, und die Bundesregierung h\u00e4tte gute Argumente gegen die Kritiker des deutschen Leistungsbilanz\u00fcberschusses. Allerdings stellt der j\u00fcngste Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD die Weichen nicht in diese Richtung. Die schwarz-rote Bundesregierung scheint es vorzuziehen, die Belastbarkeit der Wirtschaft zu testen (Mindestlohn, Finanztransaktionssteuer, Mietpreisbremse, Reregulierung des Arbeitsmarktes, neue Sozialleistungen). Wenn durch diesen ordnungspolitisch bedenklichen Weg im Endeffekt auch die Exportf\u00e4higkeit der deutschen Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen w\u00fcrde, k\u00e4me es zu einem Abbau der Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse. Aber um welch einen hohen Preis!<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, <i>Chancen f\u00fcr einen stabilen Aufschwung<\/i>, Jahresgutachten 2010\/11, Ziffern 191-211. \u2013 Deutsche Bundesbank, \u201eZu den makro\u00f6konomischen Effekten einer Anhebung des Lohnniveaus\u201c, <i>Monatsbericht<\/i>, 65. Jg., Februar 2013, S. 19-22.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. Studien aus der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich und\u00c2\u00a0 der Europ\u00e4ischen Zentralbank: Cecchetti, S., M. Mohanty u. F. Zampolli, \u201cThe Real Effects of Debt\u201c\u009d, <i>BIS Working Papers<\/i>, Nr. 352, September 2011. \u2013 Checherita, C. u. P. Rother, \u201cThe Impact of High and Growing Governnment Debt on Economic Growh: An Empirical Investigation for the Euro Area\u201c\u009d, <i>ECB Working Paper Series<\/i>, Nr. 1237, August 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Blogbeitr\u00e4ge zu Leistungbilanzsalden:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henning Klodt: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14130\">Die deutschen Export\u00fcbersch\u00fcsse und die Lohnpolitik<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13782\">Deutschland auf der Anklagebank. Der Euro verzerrt die Leistungsbilanzsalden<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieter Smeets: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13703\">Der Euro beg\u00fcnstigt den deutschen Au\u00dfenhandel in der W\u00e4hrungsunion<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gunter Schnabl: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13279\">Deutschland ist stark. Und soll es auch bleiben. Die Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse als Achillesferse wirtschaftlicher Stabilit\u00e4t<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gunter Schnabl: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10263\">Vier Generationen von Leistungsbilanzungleichgewichten<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9352\">Herakles und die Euro-Hydra. Banken-, Staatsschulden- und Zahlungsbilanzkrisen<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8893\">Mythen und Fakten zur deutschen Exportdominanz<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8912\">Steht das \u201cGesch\u00e4ftsmodell Deutschland\u201c\u009d auf der Kippe? Euro-Rettungsschirme sind \u201cstruktureller Merkantilismus\u201c\u009d<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=7809\">Nicht von ungef\u00e4hr \u2013 zum Zusammenhang von Wirtschaftsstruktur und Leistungsbilanz<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wolf Sch\u00e4fer: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=4528\">Erst Lagarde, nun auch Geithner: Deutschland exportiert zu viel!<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politischer Druck Ein Dauerbrenner\u00c2\u00a0 in der wirtschaftspolitischen Debatte zur Euro-Schuldenkrise ist die heftige Kritik an die anhaltend hohen Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse Deutschlands. 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