{"id":14265,"date":"2014-01-26T00:01:49","date_gmt":"2014-01-25T23:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14265"},"modified":"2014-01-26T13:00:52","modified_gmt":"2014-01-26T12:00:52","slug":"ordnungspolitische-denker-heute-3was-wir-von-wilhelm-roepke-lernen-sollten-und-was-lieber-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14265","title":{"rendered":"<small\/>Ordnungspolitische Denker heute (3)<\/small><br\/>Was wir von Wilhelm R\u00f6pke lernen sollten \u2013 und was lieber nicht."},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eAuch die Schweizerische Eidgenossenschaft ist nicht dadurch entstanden, dass man zun\u00e4chst die kantonalen K\u00e4sereien zu einer K\u00e4se-Union verschmolzen hat.\u201c (Wilhelm R\u00f6pke 1957)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">So reich wir sind, d\u00fcnkt es uns doch gleichzeitig, als seien wir heute deswegen noch lange nicht die freiesten, sondern ganz im Gegenteil die hilfsbed\u00fcrftigsten und unselbst\u00e4ndigsten Menschen seit vielen Generationen. Der Eindruck stellt sich ein, wenn man Zahl und Aktivit\u00e4t staatlicher Instanzen betrachtet, die st\u00e4ndig damit befasst sind, m\u00f6glichst alle B\u00fcrger umfassend zu betreuen und ihnen finanzielle und andere Hilfe aller Art zuteil werden zu lassen. Die meisten der Berliner Ministerien sind Betreuungsministerien: Das Arbeitsministerium betreut Arbeitslose und Rentner, das Familienministerium umsorgt Kleinkinder, Familien, Frauen, Alleinerzieher und Pflegef\u00e4lle, das Bildungsministerium k\u00fcmmert sich um Sch\u00fcler, Studenten und Wissenschaftler und das Gesundheitsministerium sorgt sich um die Volksgesundheit. Ganz abgesehen vom Verbraucherschutzministerium (und neuerdings dem Justizministerium), welches die sch\u00fctzende Sorge des Staates schon im Namen f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der moderne Staat ist nicht nur Wohlfahrtsstaat, der die Menschen vor den F\u00e4hrnissen der gro\u00dfen Lebensrisiken (Krankheit, Alter, Pflegebed\u00fcrftigkeit, Arbeitslosigkeit) sch\u00fctzen und versichern will. Er ist l\u00e4ngst ein \u201epaternalistischer\u201c Betreuer geworden, der Vorschriften und Verbote erl\u00e4sst und mit Geld bestraft und belohnt, um seinen B\u00fcrgern zu ihrem Gl\u00fcck zu verhelfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der behauptet, dass er von reicht zu arm verteilt. In Wirklichkeit verteilt er Geld von den Mittelschichten zu den Mittelschichten. Niemand hat diese Paradoxie, wonach \u201edieser aufgebl\u00e4hte Wohlfahrtsstaat von heute im Grunde ein Anachronismus ist\u201c so pr\u00e4zise beschrieben wie der \u00d6konom <b>Wilhelm R\u00f6pke<\/b> (1899 bis 1966). R\u00f6pke hat zugleich beschrieben, warum dieser Anachronismus die Menschen nicht mit einem lauten Schrei aufbegehren und die staatliche Bevormundung absch\u00fctteln l\u00e4sst, sondern warum sie, ganz im Gegenteil, sich an die F\u00fcrsorge gew\u00f6hnt haben, von ihr abh\u00e4ngig sind wie S\u00fcchtige von ihrem Stoff. Das erkl\u00e4rt, warum die gro\u00dfe Koalition als erste Aktion eine Milliarden verschlingende Rentenreform ins Werk setzen kann, ohne dass die B\u00fcrger auf die Barrikaden gehen. Sie w\u00e4hnen sich als Profiteure (die M\u00fctter, die Fr\u00fchrentner) oder als Unbeteiligte und sehen nicht, dass sie ihr kleines Gl\u00fcck im wahrsten Sinne teuer erkaufen: Die Steuern werden erh\u00f6ht werden und die demographische Kehre, die die Verk\u00fcrzung des Rentenalters bedeutet, wird die junge Generation finanziell strangulieren und die immer \u00c4lteren in die Depression st\u00fcrzen, weil ihnen die Arbeit verweigert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wilhelm R\u00f6pke war in den f\u00fcnfziger Jahren einer der meistgelesenen \u00f6konomischen Publizisten in Deutschland. Heute ist er \u2013 sieht man von den einschl\u00e4gigen Ordokreisen ab \u2013 nahezu vergessen. Ich will zun\u00e4chst am Beispiel<b> (1) seiner Sozialstaatskritik und (2) seiner internationalen politischen \u00d6konomie und Europaidee auf R\u00f6pkes Aktualit\u00e4t hinweisen, um schlie\u00dflich (3) seine Kryptotheologie als Sp\u00e4tfolge der \u201ekonservativen Revolution\u201c der Weimarer Zeit<\/b> zu problematisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>1. <\/b><b>Die Tyrannei der F\u00fcrsorge: Neid statt Mitgef\u00fchl<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwie sind wir offenbar mit wachsendem Wohlstand immer unselbst\u00e4ndiger geworden. Als ob der Reichtum uns geschw\u00e4cht und nicht gest\u00e4rkt h\u00e4tte. \u201eSchlie\u00dflich wird dann in unseren Tagen das revolution\u00e4re Prinzip herrschend, das den Staat zu einem Tag und Nacht arbeitenden Pumpwerk der Einkommen macht, mit seinen R\u00f6hren und Ventilen, seinen Saug- und Druckstr\u00f6men\u201c, schreibt R\u00f6pke in seinem Sp\u00e4twerk \u201eJenseits von Angebot und Nachfrage\u201c von 1958. (Wichtige Werke dar\u00fcberhinaus sind die im Schweizer Exil entstandene Trilogie: \u201eGesellschaftskrise der Gegenwart, 1942, Civitas Humana 1944 und Internationale Ordnung 1945). Der Staat ist nicht nur Helfer in der Not, sondern Helfer in allen Lebenslagen, bei Tag und bei Nacht. Er hat uns mit unserem eigenen Geld entm\u00fcndigt. \u201eIn der Tat w\u00e4re der moderne Wohlfahrtsstaat unverst\u00e4ndlich, wenn wir nicht bedenken w\u00fcrden, dass sein Sinn inzwischen ein anderer geworden ist. Sein eigentlicher Zweck ist es nicht mehr, den Schwachen und Hilfsbed\u00fcrftigen zu helfen, deren Schultern zu schwach w\u00e4ren, die Last des Lebens und seiner Wechself\u00e4lle zu tragen. Darum handelt es sich immer weniger, und tats\u00e4chlich sind es oft gerade die Allerbed\u00fcrftigsten, die dabei zu kurz kommen. Der Wohlfahrtsstaat von heute ist inzwischen in immer mehr L\u00e4ndern zu einem Instrument der sozialen Revolution geworden, deren Ziel die m\u00f6glichst vollkommene Gleichheit der Einkommen und Verm\u00f6gen ist, und damit ist an die Stelle des Mitgef\u00fchlt der Neid als das beherrschende Motiv getreten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesen Zustand haben wir uns gew\u00f6hnt. F\u00fcr absurd halten deshalb die meisten Menschen den Gedanken, der beste Staat sei jener, der keine staatliche Wohlfahrt n\u00f6tig habe. Dass Eigenvorsorge vor Fremdvorsorge gehe, ist l\u00e4ngst nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Die B\u00fcrger haben sich an das \u201egro\u00dfe Pumpwerk der Einkommen\u201c gew\u00f6hnt: \u201eDas aber hei\u00dft nichts anderes, als dass den Massen das Geld aus der linken in die die rechte Tasche praktiziert wird. Auf dem Umwege \u00fcber den Staat und mit den gewaltigen Leistungsverlusten\u201c, so R\u00f6pke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4ngst hat die Gesellschaft sich vom Ideal der Selbstversorgung weg bewegt. W\u00e4re es anders, m\u00fcsste der Staat nur jenen helfen, die zur Selbstversorgung nicht in der Lage sind. F\u00fcr die Kombination von betreuendem Paternalismus \u00f6ffentlicher Instanzen und steigendem Abgabendruck wird zumeist das Wort \u201eSolidarit\u00e4t\u201c gebraucht. \u201eSolidarit\u00e4t\u201c ist urspr\u00fcnglich ein Begriff des r\u00f6mischen Rechts, der die Solidarhaftung (<i>in solidum<\/i>) des einzelnen Schuldners f\u00fcr eine Gemeinschaftsschuld bezeichnet, der dann im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert moralisch aufgeladen wurde und auf eine wechselseitige &#8211; mehr und mehr auch: finanzielle &#8211; Kooperationsverpflichtung zwischen den Individuen einer Gruppe oder einer ganzen Gesellschaft verweist. Solidarit\u00e4t ist, wie Hans Willgerodt \u2013 ein Neffe von Wilhelm R\u00f6pke -bemerkt hat, zugleich eine politische Waffe, die dazu dient, staatliche und sozialpolitische (inzwischen auch: europapolitische) Aktivit\u00e4ten einer kritischen Pr\u00fcfung zu entziehen und die Verteilstr\u00f6me im Nebel der Intransparenz zu belassen. Solidarit\u00e4t nimmt das Barmherzigkeitsgebot christlicher N\u00e4chstenliebe auf und deutet es um als kollektiv gesellschaftliche Verteilungs- und Betreuungspflicht noch f\u00fcr die Fernsten. Mit der Rhetorik der Solidarit\u00e4t wird der F\u00fcrsorgestaat zur Dauerinstitution; Solidarit\u00e4t ist das rhetorische Schmiermittel in R\u00f6pkes \u201ePumpwerk der Einkommen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgabe des Wohlfahrtsstaates ist offenbar l\u00e4ngst nicht mehr nur die Umverteilung von Geld von den Leistungsf\u00e4higeren zu den Leistungsschw\u00e4cheren. \u201eDaseinsvorsorge\u201c lautet das Stichwort, das die Staatstheorie f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Hilfsauftrag erfunden hat. Es soll zum Ausdruck bringen, dass die Grundbedingungen des materiellen, sozialen und kulturellen Lebens (vom durch die Sozialhilfe garantieren Grundeinkommen bis zum \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm) jedermann ohne Ansehen der Person oder seiner Leistungsf\u00e4higkeit gew\u00e4hrt werden m\u00fcsse. Daseinsvorsorge ist ein anderes Wort f\u00fcr eine staatliche Plan- und Betreuungswirtschaft, die ihren Auftrag aus der Rhetorik der Solidarit\u00e4t ableitet. Daseinsvorsorge ist somit die Staatstheorie des modernen Wohlfahrtstaates.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00f6pkes eigentliches Interesse gilt der Frage: Wie verwandeln sich auf dem Weg zum modernen Wohlfahrtsstaat die Menschen selbst, in ihrem Verhalten und ihren Beziehungen zu anderen Menschen, zum Staat und zur Gesellschaft (vgl. dazu auch Alfred Sch\u00fcller: Wilhelm R\u00f6pke und die Krise des modernen Wohlfahrtsstaates. In: Heinz Rieter\/Joachim Zweynert (Hg.): Wort und Wirkung. Wilhelm R\u00f6pkes Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart. 2. Aufl. Marburg 2009, 78ff.) Da zeigt sich, dass der Wohlfahrtsstaat nicht nur ein Finanzierungsproblem hat, sondern seine korrumpierende Wirkung tief in die Psyche der Menschen eingr\u00e4bt. R\u00f6pkes spricht vom \u201eRaub durch Stimmzettel\u201c, was eine herbe Kritik an der Mehrheitsdemokratie bedeutet: Die Politiker bestechen die B\u00fcrger mit ihrem eigenen Geld. Und die B\u00fcrger applaudieren diesem Verlustgesch\u00e4ft auch noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Dauer kann das nicht gut gehen, meint R\u00f6pke: \u201eJe mehr nun dieses Prinzip des Wohlfahrtsstaates ausgedehnt wird, um so n\u00e4her r\u00fcckt der Augenblick, da die riesige Pumpmaschine zu einer T\u00e4uschung f\u00fcr alle wird, zu einem Selbstzweck, der eigentlich niemandem mehr recht dient au\u00dfer den davon lebenden Maschinisten, der Sozialb\u00fcrokratie, die nat\u00fcrlich ein Interesse daran hat, diesen Sachverhalt zu verschleiern.\u201c Und schlie\u00dflich schl\u00e4gt der F\u00fcrsorgestaat um in den Zustand permanenter Unfreiheit: \u201eDas Verlangen nach Sicherheit, an sich nat\u00fcrlich und legitim, kann zu einer Besessenheit werden, f\u00fcr welche die Menschen, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, schlie\u00dflich den Preis der Freiheit und Menschenw\u00fcrde zahlen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>2. <\/b><b>Europa: Charity begins at home<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eCharity begins at home\u201c: Mit diesem Satz beschreibt R\u00f6pke einen zentralen Grundsatz seiner europapolitischen \u00dcberzeugungen. Er glaubt n\u00e4mlich, \u201edass die europ\u00e4ische Wirtschaftsintegration zuhause\u00c2\u00a0 beginnt, d.h. von einer gr\u00fcndlichen Revision der nationalen Politik zu erwarten ist.\u201c, wie er in einem Aufsatz \u00fcber das Thema \u201eGemeinsamer Markt und Freihandelszone\u201c im Ordo-Jahrbuch von 1958 schreibt (vgl. dazu auch Tim Petersen\/Michael Wohlgemuth: Wilhelm R\u00f6pke und die europ\u00e4ische Integration. In: Rieter\/Zweynert a.a.O., 205 bis 243). \u00c2\u00a0Das schlie\u00dft ein, dass freie M\u00e4rkte in der Welt die solide Fundierung eines offenen Marktes zuhause zur Voraussetzung haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich warnte R\u00f6pke damals schon: \u201eWenn wir versuchen wollten, Europa zentralistisch zu organisieren und gleichzeitig zu einem mehr oder weniger geschlossenen Block zu schmieden, so ist das nicht weniger als ein Verrat an Europa.\u201c Die Verr\u00e4ter kommen mit dem Slogan \u201eMehr Europa\u201c seit Beginn der Eurokrise gut voran. Sie nutzen die Krise, um ihr teleologisches Spiel zu spielen und die politische \u201eVollendung\u201c Europas als Lehre aus der Krise durchzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00f6pke w\u00e4re entsetzt gewesen. F\u00fcr ihn, der lange Jahre an der Universit\u00e4t Genf unterrichtet und der \u2013 kein Wunder \u2013 Jakob Burckhardt \u00fcber alles bewunderte, beruht das religi\u00f6s-philosophische Erbe Europas in einer konkreten Vielfalt des Lebens: viele Nationen sprechen viele Sprachen, haben vielf\u00e4ltige Gebr\u00e4uche, Sitten und Konfessionen, deren Organisationsprinzip am besten ein dezentraler F\u00f6deralismus gerecht wird. Die Schweiz als Konf\u00f6deration w\u00e4re daher die beste Blaupause f\u00fcr ein geeintes Europa, das seine Vielfalt und Unterschiede zum Bl\u00fchen bringt. Dezentralisierung, nicht Zentralisierung hei\u00dft die zugrunde liegende Leitidee. Diejenigen, die f\u00fcr eine zentralistische \u201eGleichschaltung\u201c pl\u00e4dierten schalt R\u00f6pke Jacobinische \u201eterribles simplificateurs\u201c \u2013 schreckliche Vereinfacher, wie Razeen Sally in seiner sch\u00f6nen Untersuchung \u00fcber \u201eClassical Liberalism and International Economic Order\u201c (Routledge London 1998) erz\u00e4hlt. Nicht zuletzt aus Gr\u00fcnden der kulturellen Vielfalt wandte R\u00f6pke sich in den f\u00fcnfziger Jahren gegen eine Europ\u00e4ische Union. Erst recht widersetzte er sich dem Weg, den Europa\u00c2\u00a0 danach gegangen ist, der danach trachtete, die politische Einigung \u00f6konomisch zu erzwingen. Auch die Schweizerische Eidgenossenschaft sei nicht dadurch entstanden, \u201edass man zun\u00e4chst die kantonalen K\u00e4sereien zu einer K\u00e4se-Union verschmolzen habe\u201c, spottete R\u00f6pke 1957 im Jahr der R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge. R\u00f6pke, der \u00d6konom, bek\u00e4mpfte den \u00d6konomismus der Europapolitik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Razeen Sally geh\u00f6rt R\u00f6pkes internationale Theorie der politischen \u00d6konomie (beschrieben vor allem in \u201eInternationale Ordnung\u201c von 1945) in die Tradition des klassischen Liberalismus, wie sie sich von Adam Smith und David Hume \u00fcber Krank Knight bis zu F.A. von Hayek herausgebildet hat (im Unterschiede zu seinem theologischen Denken, auf das ich unter Punkt 3 eingehe). R\u00f6pke ist Vertreter eines \u201eLiberalismus von unten\u201c, wonach man Freiheit selbst praktizieren muss, bevor man sie von anderen einfordert. R\u00f6pke ist gerade kein Anh\u00e4nger eines vollkommen rationalen Homo Oeconomicus und eines vollkommenen Wettbewerbs. Der \u201eLiberalismus von unten\u201c widersetzt sich der supranationalen Verf\u00fchrung, weil er in zentralen Gebilden in wachsendem Ma\u00dfe mit Staatsversagen rechnet. Er verlangt f\u00fcr die Durchsetzung von Freihandel keine Reziprozit\u00e4t: Von offenen M\u00e4rkten profitieren die Menschen selbst dann, wenn die anderen sich weigern mitzumachen. R\u00f6pke ist insofern im Kreis der Freiburger Neoliberalen die am meisten internationale, kosmopolitische Figur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Wunder, dass f\u00fcr R\u00f6pke das Europa vor 1914 als Ideal galt \u2013 als Vorbild f\u00fcr das Europa nach 1945: Eine Welt mit souver\u00e4nen Nationalstaaten, die ihre M\u00e4rkte weitestgehend \u00f6ffnen, in denen freier Personen- und Kapitalverkehr herrscht und keine Prohibitivz\u00f6lle erhoben werden. Eine stabile Rechtsordnung garantiert Vertragsfreiheit und Eigentumsrechte. Die W\u00e4hrungen sind frei konvertierbar; ihre Stabilit\u00e4t beruht auf ihrer Bindung an das Gold. Eine Einheitsw\u00e4hrung, soziale oder fiskalische Transfers sind gerade nicht erw\u00fcnscht, sie f\u00fchren in die Planwirtschaft des Kollektivismus oder Sozialismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joachim Starbatty hat in seiner Erfurter R\u00f6pke-Vorlesung von 2008 darauf hingewiesen, dass R\u00f6pkes Antizentralismus sein Denken in die N\u00e4he des katholischen Subsidiarit\u00e4tsprinzips gebracht hat. Das bedeutet, dass Wirtschaft und Gesellschaft stets von Einzelnen her zu denken sind. R\u00f6pke glaubte, dass sein Dezentralismus und das katholische Subsidiarit\u00e4tsprinzip kongruent seien. \u00d6konomisch entspricht Subsidiarit\u00e4t dem sogenannten Oates-Theorem (1972). In seiner knappsten Form besagt es, dass der Nutzen \u00f6ffentlicher Leistungen stets am h\u00f6chsten ist, wenn diese dezentral\/lokal bereit gestellt werden; zugleich sind dann die Kosten f\u00fcr diese Leistungen am niedrigsten. Als Grundsatz der Subsidiarit\u00e4t geh\u00f6rt dieses Prinzip von Anfang an zur Grundausstattung des europ\u00e4ischen Institutionendesigns, wurde aber meist entweder \u00fcbergangen oder zum Gebrauch von Festreden vorbehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Anliegen des Subsidiarit\u00e4tsgebots ist indessen gut: Es setzt auf die Entfaltung der individuellen F\u00e4higkeiten, der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Danach sollten Aufgaben, Handlungen und Probleml\u00f6sungen so weit wie m\u00f6glich selbstbestimmt und eigenverantwortlich unternommen werden, also wenn m\u00f6glich vom Einzelnen, vom Privaten, von der kleinsten Gruppe oder der untersten Ebene einer Organisationsform. Nur wenn dies nicht m\u00f6glich ist oder mit erheblichen H\u00fcrden und Problemen verbunden ist, sollen sukzessive gr\u00f6\u00dfere Gruppen, \u00f6ffentliche Kollektive oder h\u00f6here Ebenen einer Organisationsform die Aufgaben und Handlungen ersatzweise, eben subsidi\u00e4r unterst\u00fctzen und \u00fcbernehmen. Subsidiarit\u00e4t ist ein Grundsatz, dessen Urspr\u00fcnge nicht nur auf den Liberalismus, sondern auch auf die katholische Soziallehre zur\u00fcckgehen. So hei\u00dft es in der Sozialenzyklika Quadragesimo Anno von Paps Pius XI aus dem Jahr 1931, dass \u201edasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kr\u00e4ften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftst\u00e4tigkeit zugewiesen werden darf.\u201c Und weiter: \u201eSo verst\u00f6\u00dft es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende f\u00fchren k\u00f6nnen, f\u00fcr die weitere und \u00fcbergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen.\u201c Doch die Verf\u00fchrungskraft des Zentralismus (\u201emehr Europa\u201c) war f\u00fcr Politiker aller Schattierungen immer gr\u00f6\u00dfer. Und Subsidiarit\u00e4tsformeln, haben im Verfassungsrecht aus sich heraus noch nie gro\u00dfe Kraft entfaltet \u2013 die Solidarit\u00e4tsrhetorik der Zentralisten war immer st\u00e4rker, sie konnte sich sogar der Subsidiarit\u00e4t strategisch bedienen, um ihren Anspruch auf diese Weise zu unterlaufen. Mit anderen Worten: R\u00f6pke und die katholische Soziallehre haben sich nicht durchgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>3. <\/b><b>Ordoliberalismus als \u00f6konomische Ordnungstheologie (Philip Manow)<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die N\u00e4he zwischen R\u00f6pkes Dezentralismus und dem katholischen Prinzip der Subsidiarit\u00e4t verweist auf die verborgenen theologischen Wurzeln der Freiburger Schule. R\u00f6pke hat in seinen Briefen stets die Bedeutung seiner religi\u00f6sen Motivation f\u00fcr sein \u00f6konomisches Denken betont.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die scharfe Kritik des \u00fcberbordenden Wohlfahrtstaates und die bei\u00dfende Polemik gegen den linken antikapitalistischen Moralismus, welche die R\u00f6pke-Lekt\u00fcre auch heute noch zu einem intellektuellen Vergn\u00fcgen machen, sind eingebettet in eine zuvorkommende Theorie der M\u00e4rkte, welche die <em>\u201egeistig-moralische Klammer\u201c<\/em> f\u00fcr Angebot und Nachfrage rekonstruiert. R\u00f6pke zeigt (dar\u00fcber habe ich in diesem Blog am <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=114\">30. M\u00e4rz 2008<\/a> geschrieben), dass eine liberale Marktordnung von Voraussetzungen zehrt, die sie selbst nicht erzeugen kann. Sind diese Voraussetzungen aber versch\u00fcttet, kommen M\u00e4rkte nicht in Gang. Das genau macht R\u00f6pke zum Konservativen und unterscheidet ihn von Friedrich A. von Hayek, der der Meinung war, dass unpers\u00f6nliche M\u00e4rkte selbst eine von mehreren Quellen von Moralit\u00e4t in einer erweiterten Ordnung darstellen. <em>\u201eM\u00e4rkte als Moral<\/em><strong><i>verzehrer<\/i><\/strong><em>\u201c<\/em> (R\u00f6pke) oder <em>\u201eM\u00e4rkte als Moral<\/em><strong><i>generierer<\/i><\/strong><em>\u201c<\/em>, das pr\u00e4zise markiert den Unterschied zwischen konservativem Liberalismus und liberalen Liberalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das hat die Liberalen auch tats\u00e4chlich gespalten. \u201eBut R\u00f6pke realized at an early stage, perhaps earlier than most of\u00c2\u00a0 his contemporaries, that an economist who is nothing but an economist cannot be a good economist\u201c\u009d, hatte Hayek einst bewundernd notiert. Und genau das machte er seinem Mitstreiter R\u00f6pke sp\u00e4ter zum Vorwurf. Nicht nur Hayek, auch Ludwig von Mises, bezichtigten R\u00f6pke des Verrats am liberalen Glauben. Hayek, der zu jener Zeit Anfang der 60er Jahre an seiner <em>\u201eVerfassung der Freiheit\u201c <\/em>schrieb und bei dem R\u00f6pke auf mehr Verst\u00e4ndnis hoffte, zugleich aber <em>\u201eernste Vorbehalte\u201c <\/em>bef\u00fcrchtete, wendet sich ab. Bald darauf kommt es zur Trennung der beiden liberalen Denker. R\u00f6pke verl\u00e4sst 1962 entt\u00e4uscht die Mont-P\u00c3\u00a9l\u00c3\u00a9rin-Gesellschaft. Hayek und R\u00f6pke hatten fortan miteinander keinen Kontakt mehr (das kann man alles nachlesen in der Studie zur Entwicklung der Mont P\u00c3\u00a8leren Society von Philip Plickert: Wandlungen des Neoliberalismus. Stuttgart 2008).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sympathisch die Idee ist, ein \u00d6konom d\u00fcrfe sich nicht nur f\u00fcr \u00d6konomie interessieren (nicht nur Hayek, auch Keynes hatten dies gefordert: \u201eKein Teil der menschlichen Natur oder seiner Institutionen darf sich v\u00f6llig au\u00dferhalb seines Blickes befinden\u201c, meinte auch John Maynard Keynes) so offen bleibt zugleich, <i>was <\/i>denn nun zur Moral taugt, mit der die M\u00e4rkte gef\u00fcttert werden m\u00fcssen. Das ist die schwache Seite der Haltung, M\u00e4rkte seien Moralverzehrer, weswegen st\u00e4ndig (von wem, von den \u00d6konomen?) eine ordentliche Portion Moral nachgelegt werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei R\u00f6pke f\u00fchrt der Horror vor der Moralzersetzung in den modernen Riesenst\u00e4dten und die Abneigung gegen die moderne Massengesellschaft, die er mit Ortega Y Gasset, Elias Canetti oder Friedrich Georg J\u00fcnger teilt, von Anfang an in eine gedanklichen N\u00e4he zur konservativen Revolution der 30er Jahre (unter dem Titel \u201eOrdoliberalismus als \u00f6konomische Ordnungstheologie hat Philip Manow dar\u00fcber im Leviathan 2001 einen faszinierenden <a href=\"http:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007%2Fs11578-001-0012-z\">Aufsatz<\/a> geschrieben. Diese r\u00fcckw\u00e4rts gerichtete Idealisierung vergangener, irgendwie gl\u00fccklicherer Zeiten, ist Ausdruck eines Bedauerns \u00fcber die Abkehr von der christlich-abendl\u00e4ndischen Wertetradition. R\u00f6pke spricht von \u201ereligi\u00f6sem Resteverzehr\u201c. Letztlich ist es also die Religion \u2013 R\u00f6pke ist Protestant -, die die Ordnung garantiert. Der ordoliberale Ordnungsentwurf seit, so Manow, nur als Versuch zur Formulierung einer evangelischen Wirtschaftsethik angemessen zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kommt deshalb nicht umhin, es auszusprechen: R\u00f6pkes Liberalismus wird gespeist aus einer antiliberalen Tradition. Genau deshalb kommt sie uns heute so fremd vor. Ohnehin ist es kaum m\u00f6glich, den Ordo-Begriff als einen \u201elupenreinen\u201c liberalen Begriff zu labeln. Das Denken in Ordnungen geh\u00f6rt genauso in die st\u00e4ndisch-konservative Denktradition der 20er und 30er Jahre, in der die Freiburger Liberalen ihre formative Phase hatten. Es geht nicht nur um \u201eRule of Law\u201c, es geht auch um die von Gott gesetzte Ordnung im Unterschied zu den von Menschen gemachten Normen. Diese Ordnung entzieht sich der freien Verf\u00fcgbarkeit der Menschen. Die Soziale Marktwirtschaft ist somit nicht nur eine Melange aus Liberalismus und katholischer Soziallehre, sondern zugleich begr\u00fcndet in einem protestantischen \u201eNeoliberalismus\u201c, der mit dem klassischen Liberalismus immer seine Schwierigkeiten hatte, und sich selbst \u00fcber seine protestantisch-theologischen Wurzeln nicht aufgekl\u00e4rt hat. Woher sonst kommen die Schw\u00e4rmereien der Freiburger von einem Dritten Weg? Bis heute haben die Hagiographen der Freiburger Schule sich an diese wunde Stelle antiliberaler Inhalte innerhalb ihres liberalen Konzepts nie recht heran getraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Beitr\u00e4ge der Serie \u201cOrdnungspolitische Denker heute\u201c\u009d:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wolf Sch\u00e4fer: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13648\">Verkehrswege in Deutschland: Falsche Institutionen<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich van Suntum: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13779\" target=\"_blank\">Ordnungspolitische Leere: Es steht mehr auf dem Spiel als nur die Effizienz<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAuch die Schweizerische Eidgenossenschaft ist nicht dadurch entstanden, dass man zun\u00e4chst die kantonalen K\u00e4sereien zu einer K\u00e4se-Union verschmolzen hat.\u201c (Wilhelm R\u00f6pke 1957) So reich wir &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14265\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<small\/>Ordnungspolitische Denker heute (3)<\/small><br \/>Was wir von Wilhelm R\u00f6pke lernen sollten \u2013 und was lieber nicht.\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41],"tags":[246,1420,1419,238,1418],"class_list":["post-14265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ordnungspolitisches","tag-dezentralisierung","tag-dritter-weg","tag-sozialstaatskritik","tag-subsidiaritaet","tag-wilhelm-roepke"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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