{"id":144,"date":"2008-06-28T06:15:48","date_gmt":"2008-06-28T05:15:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=144"},"modified":"2008-06-28T14:07:56","modified_gmt":"2008-06-28T13:07:56","slug":"armes-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=144","title":{"rendered":"Armes Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Achtel aller Bundesb\u00fcrger lebt in Armut. Ohne staatliche Transfers w\u00e4re es sogar ein Viertel. Dies ist die zentrale Botschaft des j\u00fcngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. In den Augen vieler hat die Armut in Deutschland mittlerweile eine Gr\u00f6\u00dfenordnung erreicht, die den sozialen Frieden gef\u00e4hrdet und auf l\u00e4ngere Sicht sogar den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft bedroht. Politisches Gegensteuern sei deshalb nicht nur im Interesse der Armen, sondern auch der Gesellschaft insgesamt erforderlich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Niemand mag ernsthaft bestreiten wollen, dass die Ungleichheit in Deutschland zugenommen hat und dass die Nettoeinkommen von Geringverdienern seit einer Reihe von Jahren real sogar r\u00fcckl\u00e4ufig sind. Gleichwohl sind zwei methodische Anmerkungen angezeigt, die den Befund des Armuts- und Reichtumsberichts besser nachvollziehbar machen und die seine politische Brisanz ein wenig relativieren.<\/p>\n<p>Die erste Anmerkung bezieht sich darauf, das Armut im allgemeinen Sprachverst\u00e4ndnis als absoluter, im Bericht der Bundesregierung dagegen als relativer Begriff verstanden wird. Nach der Definition des Armuts- und Reichtumsberichts gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verf\u00fcgung hat. F\u00fcr Alleinlebende liegt diese Grenze derzeit bei 781 Euro netto pro Monat, f\u00fcr eine Familie mit zwei Kindern bei 1.640 Euro. Wenn es gelingen sollte, durch h\u00f6heres Wirtschaftswachstum alle Einkommen steigen zu lassen, so w\u00e4re damit keineswegs ein R\u00fcckgang der so gemessenen Armut garantiert. W\u00fcrden sich beispielsweise alle Einkommen verdoppeln, dann w\u00fcrde sich auch die Armutsgrenze verdoppeln, und die Armutsquote in der Gesellschaft bliebe unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Dies ist mehr als nur ein semantisches Problem: In der \u00f6ffentlichen Diskussion geht die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Armut vollkommen unter. Dort wird die Zunahme der relativen Armut in einem Atemzug mit den exorbitanten Geh\u00e4ltern von Spitzenmanagern, den Steuerhinterziehungen in Liechtenstein und dem r\u00fcden Arbeitsplatzabbau bei Nokia und Siemens\/BenQ genannt und unkritisch in das Arsenal der Argumente gegen die Marktwirtschaft eingereiht. Entsprechend undifferenziert wird dann nach Abhilfe durch die Politik gerufen.<\/p>\n<p>Wie verbreitet diese Fehlinterpretation ist, zeigt eine aktuelle Studie von McKinsey, die zur Armutsbek\u00e4mpfung eine umfassende Wachstumsstrategie empfiehlt. Dass bei einem Erfolg einer solchen Strategie die absolute Armut reduziert w\u00fcrde, ist wohl unstrittig, doch wie auf diese Weise die relative Armut und das angebliche Verschwinden der Mittelschicht bek\u00e4mpft werden soll, beantwortet die Studie nicht.<\/p>\n<p>Selbst Wirtschaftsminister Michael Glos ist offenbar nicht ganz gefeit vor diesem Trugschluss. Er wirft dem Bericht, der im Wesentlichen im Hause von Minister Olaf Scholz erarbeitet wurde, vor, mit den Daten des Jahres 2005 zu argumentieren, w\u00e4hrend die Aufschwungphase der Jahre 2006 und 2007 doch ganz merklich zur Armutsreduzierung beigetragen habe. Ja, Herr Minister, zur Reduzierung der absoluten Armut schon, aber wohl kaum zur Reduzierung der relativen Armut, da auch nach 2005 die oberen Einkommen rascher als die unteren gestiegen sind.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend sei noch darauf hingewiesen, dass die relative Armut in Europa ausgepr\u00e4gter ist als in Indien, wo es zwar eine sehr gut verdienende Oberschicht gibt, die aber im Vergleich zu den vielen Armen, die alle nicht weit \u00fcber dem Existenzminimum leben, statistisch nicht so stark ins Gewicht f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Die zweite methodische Anmerkung bezieht sich auf das Konzept des &#8222;bedarfsgewichteten \u00c4quivalenzeinkommens&#8220;: Da die Kosten der Haushaltsf\u00fchrung pro Kopf in Mehrpersonenhaushalten niedriger sind als in Einpersonenhaushalten, werden die im Armutsbericht ausgewiesenen Pro-Kopf-Einkommen nicht durch einfaches Aufsummieren aller im Haushalt anfallenden Einkommen und anschlie\u00dfendes Dividieren durch die Anzahl der Haushaltsmitglieder ermittelt, sondern der Haushaltsvorstand wird mit dem Faktor 1, jedes weitere erwachsene Haushaltsmitglied mit 0,5 und jedes Kind mit 0,3 gewichtet.<\/p>\n<p>Dieses Verfahren hat durchaus seine Logik, aber es f\u00fchrt zu bemerkenswerten Ergebnissen, wenn sich die Haushaltsgr\u00f6\u00dfen \u00e4ndern. Leben beispielsweise zwei Erwachsene mit je 15.000 Euro Jahreseinkommen in einem Haushalt, dann betr\u00e4gt ihr bedarfsgewichtetes \u00c4quivalenzeinkommen pro Kopf 20.000 Euro (30.000 : 1,5). Wenn sie sich trennen und zwei Einzelhaushalte gr\u00fcnden, sinkt ihr \u00c4quivalenzeinkommen auf 15.000 Euro, obwohl sich an den tats\u00e4chlichen Einkommen nichts ge\u00e4ndert hat. Wie eine bisher noch unver\u00f6ffentlichte Studie der OECD zeigt, hat der Trend zum Single-Haushalt ganz ma\u00dfgeblich zum Anstieg der statistisch gemessenen relativen Armut in Deutschland und zum vermeintlichen Verschwinden der Mittelschicht beigetragen.<\/p>\n<p>Auch bei dieser Anmerkung geht es vor allem um die politischen Schlussfolgerungen, die in der \u00f6ffentlichen Debatte aus dem Armutsbericht gezogen werden. Dort wird aus dem Befund einer steigenden Armutsquote ganz unmittelbar auf sozialpolitischen Korrekturbedarf geschlossen. Doch soweit der Anstieg der statistisch gemessenen Armutsquote aus ver\u00e4nderten Lebensgewohnheiten und daraus folgenden ver\u00e4nderten Haushaltsgr\u00f6\u00dfen resultiert, ist ein kompensierendes Eingreifen der Sozialpolitik wohl kaum angezeigt.<\/p>\n<p>In der Tagespolitik m\u00fcssen die Ergebnisse des Armuts- und Reichtumsberichts sogar daf\u00fcr herhalten, die angebliche Notwendigkeit eines fl\u00e4chendeckenden Mindestlohns zu untermauern. Dass ein Mindestlohn, der vielen Geringqualifizierten den Zugang zum Arbeitsmarkt endg\u00fcltig versperren w\u00fcrde, die relative (und absolute) Armut in Deutschland eher vergr\u00f6\u00dfern als verkleinern w\u00fcrde, kann diese Argumentation offenbar nicht st\u00f6ren. Doch vollends verwirrt ist der geneigte Beobachter, wenn die gleichen Personen, die einen Mindestlohn zur Armutsbek\u00e4mpfung einfordern, zugleich nach Branchen differenzierte Mindestl\u00f6hne f\u00fcr notwendig halten. Das Argument, weshalb relative Armut von der Branchenzugeh\u00f6rigkeit abh\u00e4ngen soll, muss erst noch erfunden werden.<\/p>\n<p>\u00c2\u00a0<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Achtel aller Bundesb\u00fcrger lebt in Armut. Ohne staatliche Transfers w\u00e4re es sogar ein Viertel. 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