{"id":14528,"date":"2014-03-11T00:01:23","date_gmt":"2014-03-10T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14528"},"modified":"2024-01-28T10:28:46","modified_gmt":"2024-01-28T09:28:46","slug":"100-jahre-institut-fuer-weltwirtschaft-in-kieldie-festschrift-herbert-giersch-zweimal-hs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14528","title":{"rendered":"100 Jahre Institut f\u00fcr Weltwirtschaft in Kiel<br\/><font size=3; color=grey>Die Festschrift, Herbert Giersch &#038; zweimal HS<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Das Kieler Institut f\u00fcr Weltwirtschaft (IfW) ist soeben 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Jubil\u00e4um gibt es eine Festschrift, in deren Zentrum die Pr\u00e4sidenten Bernhard Harms, der Begr\u00fcnder des Instituts im Jahre 1914, sowie seine Nachfolger Jens Jessen, Andreas Pred\u00f6hl, Fritz Baade, Erich Schneider, Herbert Giersch, Horst Siebert bis hin zum jetzigen Pr\u00e4sidenten Dennis Snower gew\u00fcrdigt werden. Der Wirtschaftsjournalist Harald Czychol fl\u00fcgelt gekonnt \u201elocker\u201c (das war die institutsseitig vorgegebene Konzeption) \u00fcber die pr\u00e4sidialen Epochen und die mit ihnen verbundenen wissenschaftlichen Institutspr\u00e4gungen hinweg, l\u00e4\u00dft sich aber doch auch bei dem einen oder anderen Pr\u00e4sidenten mit journalistisch-tiefergr\u00fcndiger Verweilung ob jeweils dessen spezifischen Wissenschafts- und Forschungsparadigma nieder. Das liest sich fein, wenn man die Wissenschaft von der \u00d6konomie und die sich mit ihr professionell Besch\u00e4ftigenden nicht allzu ernst nimmt. Bekanntlich geh\u00f6ren zu der Personengruppe, f\u00fcr die das zutrifft, vor allem Politiker, die sich in ihren wiederwahlorientierten strategischen Spielen durch unabh\u00e4ngige wissenschaftliche Expertisen von Professoren, Sachverst\u00e4ndigenr\u00e4ten, Wirtschaftsforschungsinstituten, Think Tanks und dergleichen gest\u00f6rt oder gar bedroht f\u00fchlen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Herbert Giersch, einem der institutspr\u00e4genden Giganten in der pr\u00e4sidialen Reihe des IfW ist nun in der Festschrift diesbez\u00fcglich eine besondere \u201eEhre\u201c zuteil geworden: Anstelle etwa von Robert Solow oder Jagdish Bhagwati, zwei weltber\u00fchmten Giersch-Vertrauten der \u00d6konomenzunft, durften sich eine ehemalige Ministerpr\u00e4sidentin (nennen wir sie HS) und ein ehemaliger Bundesfinanzminister, der sp\u00e4ter Bundeskanzler wurde (nennen wir ihn auch HS), \u00fcber den IfW-Pr\u00e4sidenten (1969-1989) \u00e4u\u00dfern: Mit Giersch war es streckenweise \u201eeinfach unterirdisch\u201c, analysiert die diplomierte Kieler Volkswirtin HS tiefgr\u00fcndig. Warum das? Weil bei den wirtschaftspolitischen Veranstaltungen der Kieler Woche, zu denen sie selbst in ihrer Amtszeit einlud, es \u201ebesonders schlimm\u201c herging: \u201eIch stand ganz brav da und hielt meine Rede, doch dann ging das fr\u00f6hliche Abwatschen der Wirtschaftspolitiker, mich eingeschlossen, los\u201c. Und Giersch machte zudem wie alle Pr\u00e4sidenten des IfW (\u201eau\u00dfer Professor Snower\u201c) \u201emehr auf nationale Wirtschaftspolitik als auf Weltwirtschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Man bewundert in dieser Analyse nicht nur die geschliffene Spracheleganz von HS, sondern auch ihren Mut zur Negation der Realit\u00e4t: Keine Weltwirtschaft bei Bernhard Harms, der ja das Institut dezidiert aus gerade diesem Fokus heraus gr\u00fcndete und es auch so benannte? Und keine Weltwirtschaft bei Herbert Giersch? \u201eUnser Feld ist die Welt\u201c, der Wettbewerb im globalen Strukturwandel, die \u00d6konomik der offenen Gesellschaft \u2013 das war das wissenschaftliche Credo Gierschs von Anbeginn seines Amtsantritts, und dementsprechend pr\u00e4gte er das IfW in seiner Amtszeit. Gerade das war ja das neue Forschungsparadigma, mit dem Giersch den eher \u201enational\u201c-\u00f6konomisch orientierten gro\u00dfen Vorg\u00e4nger Erich Schneider abl\u00f6ste, den damals ber\u00fchmten Wirtschaftstheoretiker, bei dem HS ja noch diplomiert wurde (\u201ewer den heil \u00fcberlebt hatte, f\u00fchlte sich wie zum Ritter geschlagen\u201c). Aber nat\u00fcrlich stand auch die nationale Wirtschaftspolitik, also die der beiden HS, im Fokus. Sie mu\u00dfte es auch ganz gewi\u00df, damals wie heute, denn wozu sind Wirtschaftsforschungsinstitute, die vom deutschen Steuerzahler finanziert werden, da? Giersch pr\u00e4gte das Wort von der Bringschuld, die die Wissenschaftler gegen\u00fcber der sie bezahlenden \u00d6ffentlichkeit zu bedienen h\u00e4tten. Diese Bringschuld kann und mu\u00df sich in gutachterlicher analytischer Sch\u00e4rfe ausdr\u00fccken, die die Politiker nicht in partei-sympathisierender Weise umschmeichelt, sondern deren Tun auf den Pr\u00fcfstand der unabh\u00e4ngigen \u00f6konomischen Evaluation stellt.<\/p>\n<p>Denn was ist gefragt: Politikberatung oder Politikerberatung? Politikberatung stellt die Analytik der Berater f\u00fcr gute und bessere L\u00f6sungen in den Fokus der gesamtwirtschaftlichen Wirkungen. Dabei entsteht Wettbewerb zwischen den Konzepten der unabh\u00e4ngigen Berater und denen der beratenen Politiker. Dagegen umschlie\u00dft Politikerberatung den Berater unmittelbar in den Kontext der vom Beratenen angestrebten Wiederwahl. Der Beratende und der Beratene bilden also ein politisches Kartell, das auf die Egozentriertheit der Machterhaltung des Politikers abzielt. Man kann durchaus die Frage nach der Effektivit\u00e4t des einen wie des anderen Ansatzes stellen: Ist z. B. der amerikanische Council of Economic Advisers (CEA), dessen Mitglieder vom Pr\u00e4sidenten der USA berufen und entlassen werden, beratungserfolgreicher als der deutsche Sachverst\u00e4ndigenrat (SVR), dessen Mitglieder zwar auch von der Politik bestimmt werden, aber doch <i>cum grano salis<\/i> als einigerma\u00dfen politikunabh\u00e4ngig agiert?<\/p>\n<p>Die beiden HS, von denen die IfW-Festschrift Interviews dokumentiert, lassen h\u00f6chste Zweifel an der generellen Wirksamkeit des deutschen Beratungsmodells erkennen. Giersch, der ja von 1964 bis 1970 konzeptionstreibendes Mitglied im SVR war, \u201ehatte regelrecht Spa\u00df daran, der Regierung einen \u00fcberzubraten\u201c, konstatiert die Kieler HS in der ihr innewohnenden sprachlichen und analytischen Abgewogenheit. Sie zeugt davon, da\u00df wissenschaftliche Politikkritik vor allem als provozierende Abstrafung denn als ernst zu nehmende Anregung gef\u00fchlt wird. Der ehemalige Finanzminister HS drehte nun in Bezug auf Herbert Giersch den Abstrafungsmodus um 180 Grad: \u201eDas Geltungsbed\u00fcrfnis, das einige deutsche Professoren dazu veranla\u00dft, sich in kritischen Situationen in die W\u00e4hrungsentscheidungen einzumischen, \u2026.., wirft die Frage auf, ob solche Institute weiterhin vom Staat finanziert werden sollten\u201c, zitiert die S\u00fcddeutsche Zeitung vom 29. Juni 1973. Und HS bekr\u00e4ftigt noch heute seine damalige Haltung, da\u00df Professoren \u201egro\u00dfe Weisheiten\u201c von sich g\u00e4ben, die als \u201eWichtigtuereien ziemlich unerw\u00fcnscht\u201c seien, \u201eweil sie die Zeitungsleser verr\u00fcckt machten\u201c (sic!).<\/p>\n<p>Es war die Zeit der Aufwertungsdebatte in Deutschland, nachdem das Bretton-Woods-System zusammengebrochen war. Die \u00c4u\u00dferungen von HS wurden nicht nur von Herbert Giersch und den Mitarbeitern des IfW, sondern auch in der gesamten Akademia sowie in der Medien\u00f6ffentlichkeit durchweg mit scharfer Kritik konfrontiert, denn sie zeugten von einer Politikerarroganz, die die Wissenschaftsergebenheit gegen\u00fcber der Politik einfordert und das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit die Luft abschneidet. Mit dieser Art autorit\u00e4rer Politik wurde das IfW im \u00dcbrigen schon einmal w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus konfrontiert, allerdings nat\u00fcrlich in faktisch existenzbedrohlicher Form, die vom damaligen Pr\u00e4sidenten Andreas Pred\u00f6hl in einer schwierigen Gratwanderung zwischen politischem Gefallen und Wissenschaftsfreiheit zu bew\u00e4ltigen war.<\/p>\n<p>W\u00e4hrungstheorie zu verstehen und darauf basierend gute W\u00e4hrungspolitik zu machen, ist kein leichtes Unterfangen, denn man ben\u00f6tigt ein breites und tiefes Wissen um die \u00f6konomische Komplexit\u00e4t der Zusammenh\u00e4nge. In der ganzen Welt gibt es Professoren an Universit\u00e4ten und Forschungsinstituten, die solches Wissen haben und durch Lehre und Gutachten exzellent vermitteln. Und da\u00df praktische W\u00e4hrungspolitik, wie HS stets betont, politisch hochrelevant ist, weil z. B. nationale Wechselkursarrangements externe Effekte auf andere L\u00e4nder erzeugen, ist f\u00fcr akademische Experten eine Binsenweisheit. In der ber\u00fchmten Aufwertungsdebatte der 1960er Jahre in Deutschland und vor dem Hintergrund der derzeitigen wissenschaftlichen Debatte um feste versus flexible Wechselkurse, die der damaligen an fixe Wechselkurse gew\u00f6hnten Politikergeneration fremd war und einem gro\u00dfen Teil der deutschen Industrie bedrohlich erschien, war u. a. Herbert Giersch \u2013 in seiner Funktion als SVR-Mitglied und sp\u00e4ter auch als IfW-Pr\u00e4sident \u2013 die treibende Kraft zur \u00f6ffentlichkeitswirksamen Vermittlung der Einf\u00fchrung flexible Wechselkurse, die ihm in der \u00d6ffentlichkeit nicht nur Ehre einbrachte. Schon gar nicht von HS.<\/p>\n<p>Denn von der Politik wurde dies nie recht akzeptiert: Die Konstrukte der W\u00e4hrungsschlange, des Floating-Blocks und des Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystems in den 1970er Jahren atmeten nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods nach wie vor den Geist der festen Wechselkurse mit der bekannten Folge, da\u00df auch diese W\u00e4hrungsarrangements scheiterten. Aber von diesem Geist wollte HS als Wirtschafts- und Finanzminister dennoch nicht ablassen: Nachdem der kluge Professor Karl Schiller, bei dem HS in Hamburg studiert hatte, als Wirtschafts- und Finanzminister 1972 aus Protest zur\u00fccktrat, weil sich die Bundesregierung gegen sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Freigabe des DM-Wechselkurses und f\u00fcr die Anwendung von Devisenkontrollen aussprach, wurde HS sein Nachfolger, der gegen seinen ehemaligen Lehrmeister Schiller die Kapitalverkehrskontrollen verteidigte. Auch damit scheiterte er.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich war und ist HS einer der f\u00fchrenden Protagonisten des impliziten Festkurssystems der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion. Eine gemeinsame europ\u00e4ische W\u00e4hrung, also implizit absolut feste Wechselkurse 1:1 zwischen den Mitgliedern der Euro-Zone, so kann man aus der Theorie und Historie der W\u00e4hrungsunionen lernen, funktioniert dann, wenn es innerhalb der W\u00e4hrungsunion keinen signifikanten realen Wechselkurs\u00e4nderungsbedarf gibt. Gibt es ihn doch, weil die \u00f6konomischen, politischen und kulturellen Heterogenit\u00e4ten zwischen den einzelnen Mitgliedern gro\u00df sind, dann entstehen Heterogenit\u00e4tskosten der W\u00e4hrungshomogenisierung, die in der Euro-Zone jetzt schon extraordin\u00e4r hoch sind und zur Zeit sicher besser noch durch partielle Wechselkursanpassungen denn durch politische Konstrukte der Einf\u00fchrung und Administration immer neuer Rettungsschirme und Kreditarrangements reduziert oder vermieden werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Aber das ist politisch inopportun, wenngleich \u00f6konomisch effizient. HS, der ein Anh\u00e4nger Karl Poppers und also dem an der Realit\u00e4t orientierten Fallibilismus in Bezug auf \u00f6konomische und politische Theorien verbunden ist, m\u00fc\u00dfte sein eigenes Politikerscheitern in W\u00e4hrungsdingen zur Grundlage seines Lernens aus Fehlern machen und nicht immerzu den \u201eProfessor in der akademischen Welt\u201c ver\u00e4chtlich abtun, der als \u201eMarktideologe\u201c, wie Giersch einer sei, nichts von Politik verst\u00fcnde: \u201eEin \u00d6konom versteht gar nicht, da\u00df in der Demokratie ein Gesetz nur zustande kommt, wenn vorher tausend Kompromisse geschlossen werden, damit man eine Mehrheit der Stimmen kriegt. Jedes Gesetz ist ein Geflecht von Kompromissen. Das kann sich ein Professor der \u00d6konomie gar nicht richtig vorstellen. Der findet das irrational und komisch.\u201c<\/p>\n<p>Wie kommt HS zu dieser Vorstellung? Er wei\u00df offensichtlich nicht, da\u00df die Forschung und Lehre an Deutschlands Hochschulen und Instituten l\u00e4ngst, und zwar seit Jahrzehnten, mit Politischer \u00d6konomie durchsetzt sind. Herbert Giersch war ein politischer \u00d6konom <i>par excellence<\/i>. Die Neue Politische \u00d6konomie, Public Choice, die Institutionen- und Konstitutionen\u00f6konomie und neuerdings die Verhaltens\u00f6konomie sind nur einige Beispiele f\u00fcr das Gegenteil dessen, was HS sich in Bezug auf die akademische \u00d6konomenzunft so vorstellt. Und im \u00dcbrigen: Eine Arbeits- und Wissensteilung zwischen akademischer Forschung und praktischer Politik steigert, wie jede Arbeitsteilung, die Produktivit\u00e4t. Der Wissenschaftler mu\u00df und darf nicht jeden Kompromi\u00df des Politikers schon im Vorwege gutachterlich mitliefern, er soll vielmehr die z. B. ordnungstheoretischen Leitlinien aufzeigen, an denen sich die sp\u00e4teren Kompromisse in ihren Kosten und Nutzen messen lassen, die dann die Politiker gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit zu verantworten haben. Aber was n\u00fctzt das alles, wenn der Politiker HS, wie er einmal zugestand, weder als Finanzminister noch als Kanzler die SVR-Gutachten gelesen hatte, weil ihn das, was Professoren der \u00d6konomie so schreiben, nicht interessierte. Unabh\u00e4ngig davon stimmt es aber wohl nach wie vor: Was \u00f6konomisch nicht tr\u00e4gt, hat auch politisch langfristig keinen Bestand. Und \u00f6konomisch nicht tragf\u00e4hig ist ein politischer Konstruktivimus, der sich in seinem Dominanzstreben gegen\u00fcber der \u00d6konomie zu wenig an den Marktgesetzen orientiert.<\/p>\n<p>Herbert Giersch hat in der 100-Jahr-Festschrift Pech gehabt, da\u00df nicht Solow und Bhagwati seine Lebensleistung w\u00fcrdigen konnten, sondern stattdessen den beiden HS Raum f\u00fcr Despektierliches gegeben wurde. Das ist bedauerlich.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kieler Institut f\u00fcr Weltwirtschaft (IfW) ist soeben 100 Jahre alt geworden. 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