{"id":14595,"date":"2014-03-25T00:01:09","date_gmt":"2014-03-24T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14595"},"modified":"2014-03-24T17:44:20","modified_gmt":"2014-03-24T16:44:20","slug":"niedrigzinspolitik-schrumpft-traditionelles-bankgeschaeft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14595","title":{"rendered":"Niedrigzinspolitik schrumpft traditionelles Bankgesch\u00e4ft"},"content":{"rendered":"<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank denkt \u00fcber weitere Zinssenkungen nach, von derzeit 0,25% beim Hauptrefinanzierungssatz auf nahe Null. Sie setzt entschlossen ihre Politik des billigen Geldes fort. Zinserh\u00f6hungen und ein Ausstieg aus der ungew\u00f6hnlichen geldpolitischen Lockerung sind auf absehbare Zeit nicht in Sicht. Inzwischen d\u00fcrfte unbestritten sein, dass die sehr expansive Geldpolitik vornehmlich der Stabilisierung der Finanzm\u00e4rkte dient. Doch als Nebeneffekt untergr\u00e4bt die Nullzinspolitik das traditionelle Gesch\u00e4ftsmodell der Banken und zwingt diese an den Tropf des Staates.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>So auf dem Geldmarkt, wo unter normalen Bedingungen Gesch\u00e4ftsbanken untereinander Liquidit\u00e4t handeln, um kurzfristige Schwankungen in der Finanzierung ihrer Kreditvergabeverpflichtungen auszugleichen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 ist der Geldmarkt ausgetrocknet, da die Banken sich misstrauen. Die Niedrigzinspolitik sorgt daf\u00fcr, dass dies so bleibt. Denn bei einem Zins nahe Null gibt es keinen Anreiz f\u00fcr Gesch\u00e4ftsbanken mit \u00dcberschussliquidit\u00e4t diese auf dem Geldmarkt anzubieten. Stattdessen wird die auf Rekordwerte gestiegene \u00dcberschussliquidit\u00e4t in der unverzinsten Einlagenfazilit\u00e4t der Europ\u00e4ischen Zentralbank geparkt. Banken mit Liquidit\u00e4tsbedarf d\u00fcrfen sich auf eine unbeschr\u00e4nkte Liquidit\u00e4tszufuhr durch die Europ\u00e4ische Zentralbank verlassen. Der Geldmarkt ist damit quasi verstaatlicht!<\/p>\n<p>Auf dem Kreditmarkt k\u00e4mpfen die Banken mit einem schleichenden Bedeutungsverlust. Die Kreditnachfrage der Unternehmen sinkt, weil diese durch die Nullzinspolitik direkt und indirekt subventioniert werden. Zum einen sinken die Zinslasten auf das ausstehende Fremdkapital, was die Gewinne nach oben treibt und das Eigenkapital relativ zum Fremdkapital wachsen l\u00e4sst. Zum anderen sinkt durch das Niedrigzinsumfeld die Renditeerwartung von Eigenkapitalgebern, so dass Eigenkapital billiger verf\u00fcgbar ist.<\/p>\n<p>Das Fremdkapital m\u00fcssen die Unternehmen sich nicht mehr zwingend bei den Banken besorgen. Durch die Niedrigzinspolitik werden derzeit die Aktienkurse von Gro\u00dfunternehmen nach oben getrieben. Der h\u00f6here Unternehmenswert erleichtert die direkte Finanzierung auf dem Kapitalmarkt durch die Emission von Unternehmensanleihen. Viele Gro\u00dfunternehmen k\u00f6nnen sich damit mittlerweile g\u00fcnstiger refinanzieren als Banken. Die Klein- und Mittelunternehmen werden hingegen oft aufgrund des h\u00f6heren Risikos von den labilen Banken geschm\u00e4ht. So ist die Ausgabe von Unternehmensanleihen mit Non-Investment-Grade j\u00fcngst auf Rekordwerte gestiegen. Die Anleger tendieren zu den risikoreicheren Papieren, weil die Verzinsung der sicheren Bankeinlagen l\u00e4cherlich ist.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4chst auch auf der Einlagenseite die Konkurrenz. Bei einem Einlagenzins nahe Null suchen die Sparer nach renditetr\u00e4chtigeren Anlageformen wie Aktien, Unternehmensanleihen oder Anlagen in aufstrebenden Volkswirtschaften. Zudem bieten Gro\u00dfunternehmen mit Banklizenz (z.B. Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz) \u00fcber ihre Bankent\u00f6chter Privatkunden vergleichsweise hochverzinste Festgeld- und Tagesgeldkonten an. Die gesammelten Einlagen werden in Form von g\u00fcnstigen Leasingangeboten oder Krediten an die Kunden weitergegeben, die aufgrund der niedrigen Verzinsung ihrer Ersparnisse kauffreudig geworden sind.<\/p>\n<p>Den letzten Rest tr\u00e4gt die Regulierung bei. Da unvorsichtige Kreditvergabe der Banken ein wesentlicher Grund f\u00fcr die Krise war, werden die Aufsicht verst\u00e4rkt und die Anforderungen hinsichtlich der Eigenkapitalvorschriften erh\u00f6ht (Basel III). Dies st\u00e4rkt die Schattenbanken (z.B. Hedge Fonds, Geldmarktfonds, Private-Equity Fonds), die aufgrund des geringeren Regulierungsgrades sowohl Kreditnehmern als auch Einlegern attraktivere Konditionen bieten k\u00f6nnen. Versicherungen haben langfristige Unternehmenskredite und Hypotheken als lukrative Anlageform erkannt. Das geplante Regelwerk \u201eSolvency II\u201c wird Hypothekenkredite f\u00fcr Versicherer noch attraktiver machen, da diese zuk\u00fcnftig mit weniger Eigenkapital unterlegt werden m\u00fcssen als Immobilienk\u00e4ufe.<\/p>\n<p>Es steht damit nicht gut f\u00fcr den Bankensektor. Wachsende Konkurrenz beim Kredit- und Einlagengesch\u00e4ft l\u00e4sst die Marge zwischen Kredit- und Einlagezinsen schrumpfen, die die traditionelle Einnahmequelle der Banken ist. In Japan, wo die Niedrigzinspolitik schon seit fast 20 Jahren fortdauert (Schnabl 2012), ist in die Marge zwischen Einlagen- und Kreditzinsen von 3,5% auf 0,5% abgesunken (siehe Abbildung). Das traditionelle Bankengesch\u00e4ft, d.h. die Kreditvergabe einschlie\u00dflich der Einsch\u00e4tzung der Kreditrisiken von privaten Investitionsprojekten, ist auf dem R\u00fcckzug.<\/p>\n<p>Die Banken werden stattdessen in die Finanzierung der immer weiter wachsenden \u00f6ffentlichen Verschuldung gedr\u00e4ngt. Es wird zu einem Zins von nahe Null Geld bei der Zentralbank aufgenommen, das f\u00fcr den Kauf von mehr oder weniger gut verzinsten Staatsanleihen verwendet wird. Der Trend hin zu diesen \u201eCarry Trades\u201c wird durch das Basel III-Regelwerk verst\u00e4rkt, das trotz drohenden Staatsschuldenkrisen weiterhin keine Aufschl\u00e4ge f\u00fcr das Halten von Staatsanleihen verlangt. Die Best\u00e4nde der Staatsanleihen in den Bilanzen der Banken steigen damit, wie es in Japan sehr deutlich ist. Auch das qualitative Kreditgesch\u00e4ft der Banken wird unterminiert, weil ein Einsch\u00e4tzen der Risiken der Staatsverschuldung per Definition nicht n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnablg_abb1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"Bankensektor\" alt=\"Bankensektor\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnablg_abb1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt zu den R\u00fcckwirkungen der strukturellen Ver\u00e4nderungen im Bankensektor auf die Geldpolitik. Die Niedrigzinspolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank ist ein Anreiz zu h\u00f6herer Staatsverschuldung, weil sie die Finanzierungskosten steigender \u00f6ffentlicher Schuldenst\u00e4nde niedrig h\u00e4lt. Da sich die Staatsanleihen in den Bilanzen der Banken auft\u00fcrmen, steigt das versteckte Risiko f\u00fcr die Banken. Die Stabilit\u00e4t des Bankensektors kann nur noch dadurch garantiert werden, dass die Zentralbank Staaten mit hoher Verschuldung stabilisiert, indem sie die Zinsen am langen und am kurzen Ende der Zinsstrukturkurve niedrig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das ist ein Teufelskreis, der in die schleichende Verstaatlichung des Bankensektors f\u00fchrt. Er kann nur gebrochen werden, wenn die Europ\u00e4ische Zentralbank bald den Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik wagt.<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<p>Schnabl, Gunther 2012: <a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2132377\" target=\"blank\">Die japanischen Lehren f\u00fcr die europ\u00e4ische Krise<\/a>, Global Financial Markets Working Paper 36.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong><\/p>\n<p>Juliane Gerstenberger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Wirtschaftspolitik der Universit\u00e4t Leipzig<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank denkt \u00fcber weitere Zinssenkungen nach, von derzeit 0,25% beim Hauptrefinanzierungssatz auf nahe Null. 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