{"id":146,"date":"2008-07-10T06:24:24","date_gmt":"2008-07-10T05:24:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=146"},"modified":"2008-07-10T06:24:24","modified_gmt":"2008-07-10T05:24:24","slug":"die-erholung-in-deutschland-hintergruende-gewinner-und-verlierer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=146","title":{"rendered":"Die Erholung in Deutschland \u2013 <br\/><small>Hintergr\u00fcnde, Gewinner und Verlierer<\/small>"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist im Aufschwung. Trotz einer Reihe von konjunkturellen Querschl\u00e4gern \u2013 hohe \u00d6l- und Rohstoffpreise, Euroaufwertung und die Bremseffekte infolge der US-Immobilien- und Finanzmarktkrise \u2013 wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,5 Prozent zulegen. Damit ist die gesamtwirtschaftliche Wertsch\u00f6pfung in preisbereinigter Rechnung seit dem Erholungsbeginn im Jahr 2004 um insgesamt fast 9 Prozent gestiegen. In nominalen Gr\u00f6\u00dfen steigt das Bruttoinlandsprodukt von 2004 bis einschlie\u00dflich 2008 voraussichtlich um 320 Milliarden Euro auf \u00fcber 2.530 Milliarden Euro an. Auch der Arbeitsmarkt wurde im Gefolge dieses wirtschaftlichen Aufschwungs deutlich belebt. Im Jahresdurchschnitt 2007 waren mit fast 39,8 Millionen insgesamt fast 1 Millionen Menschen mehr erwerbst\u00e4tig als zwei Jahre zuvor. Dabei entstanden vorwiegend sozialversicherungspflichtige Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse. Zum Jahresende 2007 waren sogar erstmals in Deutschland mehr als 40 Millionen Menschen erwerbst\u00e4tig. Die Arbeitslosigkeit, die sich im Jahresverlauf 2005 zum Teil auf \u00fcber 5 Millionen Menschen belief, konnte bis zum Fr\u00fchsommer 2008 auf unter 3,3 Millionen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Als Folge wachstumsbedingter Mehreinnahmen sowie nur noch moderaten Ausgabenzuw\u00e4chse konnte auch das in Deutschland \u00fcber weite Zeit chronische Staatsdefizit abgebaut werden. Nach Finanzierungsl\u00fccken von mehr als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts konnten im Jahr 2007 erstmals seit dem Jahr 1989 \u2013 ohne Ber\u00fccksichtigung der UMTS-Einnahmen im Jahr 2000 \u2013 ein ausgeglichener Staatshaushalt realisiert werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Was steht hinter dem Aufschwung?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr diese ausgepr\u00e4gte wirtschaftliche Erholung k\u00f6nnen zumindest vier Argumente angef\u00fchrt werden:<\/p>\n<p><strong>Weltwirtschaftsboom.<\/strong><\/p>\n<p>Das Wachstum der Weltwirtschaft war im Zeitraum 2003 bis 2007 insgesamt betrachtet so hoch wie noch nie zuvor seit dem zweiten Weltkrieg. Der Welthandel expandierte in dieser Zeit preisbereinigt um jahresdurchschnittlich fast 8 Prozent. Vor allem die immer st\u00e4rkere Einbindung Asiens in die Weltwirtschaft hat dieses Tempo ausgel\u00f6st. Dazu kommt eine gute Wachstumsperformance in den Rohstoffreichen L\u00e4ndern sowie in Mittel- und Osteuropa. Deutschland ist offensichtlich mit seinem Produktportfolio vergleichsweise gut aufgestellt, um dieses globale Potenzial gut zu nutzen. Vor allem das auf hochqualitative und differenzierte Industrieprodukte ausgerichtete Warenangebot zusammen mit einer guten globalen Vernetzung erm\u00f6glichte diese au\u00dferordentliche deutsche Exportperformance.<\/p>\n<p><strong>Wettbewerbsf\u00e4higkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Die starken Exportsteigerungen k\u00f6nnen auch mit der in der zweiten H\u00e4lfte der neunziger Jahre einsetzenden st\u00e4rkeren Kostendisziplin in Deutschland erkl\u00e4rt werden. W\u00e4hrend die nominalen Arbeitskosten je Arbeitnehmerstunde im Zeitraum 1991 bis 1996 um 5 Prozent pro Jahr anstiegen, kam es im Zeitraum 1997 bis 2007 nur noch zu einem Anstieg von durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr. Dabei darf gleichwohl nicht \u00fcbersehen werden, dass trotz der moderateren Kostenerh\u00f6hungen das Arbeitskostenniveau \u2013 vor allem in der Industrie \u2013 immer noch deutlich \u00fcber dem anderer L\u00e4nder liegt. Auch beim Lohnst\u00fcckkostenniveau, das neben den Arbeitskosten auch das Produktivit\u00e4tsniveau ber\u00fccksichtigt, nimmt Deutschland beim Blick auf das Verarbeitende Gewerbe nach wie vor eine Spitzenposition ein. Gleichwohl bildet sich der in den fr\u00fchen neunziger Jahren aufgebaute Lohnst\u00fcckkostennachteil der deutschen Industrie zur\u00fcck. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Wechselkursentwicklung eingegangen werden. Die anderen Mitgliedsl\u00e4nder des Euroraums k\u00f6nnen nicht mehr ihre eigenen W\u00e4hrungen gegen\u00fcber der D-Mark abwerten. Damit hat der Euro die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit Deutschlands innerhalb des Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsraums deutlich gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>Restrukturierungen.<\/strong><\/p>\n<p>Die gute Auslandsposition der deutschen Industrie ist auch auf die Umstrukturierungen in den vorhergehenden Jahren zur\u00fcckzuf\u00fchren. Im Gefolge der scharfen De-Industriealisierung in den fr\u00fchen neunziger Jahren kam es zu ausgepr\u00e4gten Restrukturierungen. In den letzten Jahren hat die deutsche Industrie die Fr\u00fcchte dieser Ma\u00dfnahmen, die vorwiegend in den neunziger Jahren erfolgten, ernten k\u00f6nnen. Dabei wurden neben permanenten Produktinnovationen auch die Produktionsprozesse deutlich \u00fcberholt.<\/p>\n<p><strong>Reformen.<\/strong><\/p>\n<p>Dass Deutschland wieder auf Wachstumskurs ist liegt aber auch an den seit dem Jahr 2003 eingeleiteten wirtschaftspolitischen Reformen. Mit der \u201eAgenda 2010\u201c kam es im M\u00e4rz 2003 zur reformpolitischen Wende. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln zeigt, welchen Einfluss wichtige Faktoren wie die Arbeitslosigkeit, Unternehmensinvestitionen und Abgabenbelastung auf das Wirtschaftswachstum hatten: Demnach ist das Trendwachstum seit dem Jahr 2003 deutlich h\u00f6her, eine bessere Wirtschaftspolitik hat ein Drittel zur Wachstumsbeschleunigung in Deutschland beigetragen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken und die Unternehmen k\u00f6nnen wieder mehr Stellen schaffen. Das brachte einen Wachstumseffekt von 0,5 Prozentpunkten. Zu verdanken ist dies auch den arbeitsmarktpolitischen Reformen wie der Lockerung des K\u00fcndigungsschutzes, den Hartz-Gesetzen und der k\u00fcrzeren Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Steuersenkungen haben ein investitionsfreundlicheres Klima geschaffen. Steigende Investitionen der Unternehmen haben daher zu einem Wachstumsplus von 0,4 Prozentpunkten gef\u00fchrt.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Auch der Staat tritt in seinem Bereich nicht mehr so stark auf die Investitionsbremse und tr\u00e4gt so mit 0,3 Prozentpunkten zu einem h\u00f6heren Trendwachstum bei.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Die staatliche Haushalts- und Abgabenpolitik neutralisierten sich dagegen. W\u00e4hrend von der Haushaltskonsolidierung wachstumsf\u00f6rdernde Effekte ausgingen, d\u00e4mpften h\u00f6here Steuern und Abgaben in den Sozialversicherungen das Wirtschaftswachstum.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Wer sind die Gewinner und Verlierer im Aufschwung? <\/strong><br \/>\nDeutschland hat sich in den letzten Jahren \u2013 auch zur \u00dcberraschung vieler Deutscher \u2013 aus der vorhergehenden Wachstumslethargie befreit. Vor allem der Erfolg am Arbeitsmarkt d\u00fcrfte viele \u00fcberrascht haben. Allein in den Jahren 2006 und 2007 wurden in Deutschland fast 1 Million neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen und die Arbeitslosigkeit sank im Jahresschnitt um gut eine Million. Das sollte der dominierende Eindruck sein, wenn es darum geht, die Gewinner und Verlierer des gegenw\u00e4rtigen Aufschwungs festzustellen. Gleichwohl herrscht trotz des enormen Besch\u00e4ftigungsaufbaus vielfach die Meinung vor, der Aufschwung k\u00e4me nur bei wenigen, aber nicht beim Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung an. In jedem Aufschwung gibt es Gewinner und Verlierer. Dies kann an mindestens vier (makro\u00f6konomischen) Betrachtungsebenen festgestellt werden:<\/p>\n<p><strong>Erstens<\/strong> geht jeder konjunktureller Niedergang und der folgende Aufschwung mit einem Strukturwandel einher. Dabei gewinnen Branchen an Bedeutung und andere verlieren im gesamtwirtschaftlichen Branchengef\u00fcge. Im derzeit vom Au\u00dfenhandel und der Industrie getragenen Aufschwung konnten sich besonders die Unternehmen in den exportorientierten Industriebranchen \u2013 und die dort besch\u00e4ftigten Arbeitnehmer \u2013 besser positionieren. Dazu kommen die Unternehmen und Arbeitnehmer, die industrienahe Dienstleistungen erstellen.<\/p>\n<p><strong>Zweitens<\/strong> sind die vom Aufschwung verw\u00f6hnten Branchen nicht gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber ein Land verteilt. Derzeit profitieren vor allem die Regionen, die sich durch eine exportstarke Industrie in Verbindung mit netzwerkorganisierten Zulieferfirmen auszeichnen. Solche Clusterregionen konnten in den vergangenen Jahren eine deutlich bessere Arbeitsmarktperformance aufweisen. Wichtig ist dabei der Fakt, dass sich die ostdeutsche Industrie auch im laufenden Aufschwung deutlich besser entwickelt hat als die Industrieunternehmen in Westdeutschland. Gleichwohl kommt \u2013 etwa wegen der Probleme im Bausektor \u2013 unter gesamtwirtschaftlichen Aspekten der Konvergenzprozess zwischen Ost und West nicht voran.<\/p>\n<p><strong>Drittens<\/strong> kann beim Blick auf die Einkommensentwicklung von einem qualifikatorischen Gef\u00e4lle ausgegangen werden. Im Gefolge des Strukturwandels hin zu hochmodernen Industriewaren in Verbindung mit wissensintensiven Dienstleistungen profitieren Erwerbst\u00e4tige mit den entsprechenden Qualifikationen. An dieser Stelle ist gleichwohl aber Vorsicht geboten. Denn gerade die Arbeitsmarktreformen haben auch dazu gef\u00fchrt, dass im laufenden Aufschwung eine Vielzahl von Arbeitspl\u00e4tzen mit Geringqualifizierten Arbeitskr\u00e4fte besetzt werden konnten.<\/p>\n<p><strong>Viertens<\/strong> haben die zuvor genannten Gr\u00fcnde zu einer unterschiedlichen Einkommensentwicklung gef\u00fchrt. Zum einen haben sich die Gewinn- und Verm\u00f6genseinkommen in den letzten Jahren erheblich besser entwickelt als die Einkommen der abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigten Arbeitnehmer. Aus diesem Grund ist die Lohnquote im Jahr 2004 erstmals seit dem Jahr 1991 unter 70 Prozent gesunken. Im Jahr 2007 belief sie sich auf nur noch knapp 65 Prozent. Ungeachtet von leichten Schwankungen bewegte sich der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen von Mitte der achtziger Jahre bis 2004 zwischen 70 und 72 Prozent. Der derzeitige starke R\u00fcckgang hat indes mehrere Ursachen: Dazu z\u00e4hlen die Gewinnerholung der Unternehmen nach den Krisenjahren 2001 bis 2003, die steigenden Verm\u00f6genseinkommen der Privaten Haushalte und der wieder ansteigende Anteil von Selbst\u00e4ndigen, deren Arbeitsentgelt statistisch zu den Gewinn- und Verm\u00f6genseinkommen gez\u00e4hlt wird. Die bisherige Entwicklung hat bereits gezeigt und die im Jahr 2008 wird zeigen, dass die makro\u00f6konomische oder funktionelle Einkommensverteilung auch einem Konjunkturmuster folgt. Demnach kommen zun\u00e4chst in einem Aufschwung die Unternehmensgewinne und Verm\u00f6genseinkommen der privaten Haushalte und zeitverz\u00f6gert mit dem Aufbau an Besch\u00e4ftigung und h\u00f6heren Lohnabschl\u00fcssen auch die Arbeitseinkommen in Fahrt.<\/p>\n<p>Die Verteilungssituation wird derzeit sicherlich dadurch belastet, weil die Realeinkommen infolge der h\u00f6heren Inflationsrate stagnieren \u2013 zum Teil sogar sinken. Die h\u00f6here Inflation ist nicht das Ergebnis h\u00f6herer Erzeugerpreise der Unternehmen, sondern Folge steigender Energie- und Rohstoffpreise sowie im Jahr 2007 der um 3 Prozentpunkte h\u00f6heren Mehrwertsteuer. Die Wahrnehmung des Aufschwungs leidet in erster Linie unter den hohen Preissteigerungen. Die steigende Besch\u00e4ftigung und die teils markanten Lohnerh\u00f6hungen reichen kaum aus, um den Privaten Konsum in Schwung zu bringen. Wenn man nun daran die G\u00fcte der konjunkturellen Entwicklung festmacht, dann haben wir ein Problem.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist im Aufschwung. 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