{"id":1470,"date":"2009-12-12T01:15:33","date_gmt":"2009-12-12T00:15:33","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1470"},"modified":"2009-12-05T12:45:58","modified_gmt":"2009-12-05T11:45:58","slug":"piraten-produkte-und-patente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1470","title":{"rendered":"Piraten, Produkte und Patente"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Piraten haben Konjunktur. Der \u201eSchrecken der Karibik\u201c ist vor Somalia in weniger am\u00fcsanter Form als im Film und zur \u00dcberraschung der meisten von uns wieder aufgetaucht. Dass im einundzwanzigsten Jahrhundert Kriegsschiffe auslaufen m\u00fcssen, um Schifffahrtswege zu sch\u00fctzen, h\u00e4tte noch vor zehn Jahren kaum jemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Aber vielleicht m\u00fcssen wir uns generell auf mehr Piratentum einstellen, als wir das gew\u00f6hnt sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Deutschland tritt inzwischen auch eine Piratenpartei an, wie sie etwa in Schweden bei der Europawahl Erfolge verzeichnen konnte. Gruppen, die am vollst\u00e4ndigen Schutz von Urheber-, Patent- und verwandten Rechten interessiert sind, bauen derweil mit geduldiger Lobbyarbeit eine politisch und rechtlich wirksame Gegenmacht zu den bisherigen Bewahrern des \u201egeistigen Eigentums\u201c auf. Google k\u00e4mpft mit Verlagen, die mit gro\u00dfem Einsatz ihre Urheberrechte verteidigen, w\u00e4hrend viele von uns \u00e4hnlich wie die Musikh\u00f6rer vom Zugang zu Informationen profitieren, die Google und andere Websites bereitstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die einen Piraterie nennen, erscheint den anderen als ein Segen und h\u00e4ufig auch als nat\u00fcrliches Nutzungsrecht. Die Auseinandersetzung ist in vollem Gange. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir das ganze als eine Art sportlichen Wettkampf, der uns nichts angeht, betrachten d\u00fcrften. Leider ist dem aber nicht so. In einer mehr und mehr wissenszentrierten Welt, h\u00e4ngt die Wahrung unserer eigenen Interessen grundlegend davon ab, ob es gelingt, Eigentum und fundamentale Regeln wie die des \u201eErstrechts des Finders\u201c im richtigen und das hei\u00dft keineswegs im maximalen Umfang zu sch\u00fctzen. Vielleicht ist es ganz richtig, den Schutz des sogenannten geistigen Eigentums in vielen Bereichen abzubauen. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass zwar das St\u00fcck Kuchen, das der eine isst, nicht mehr von seinem Nachbarn konsumiert werden kann, dass aber das Musikst\u00fcck, das ich h\u00f6re, von meinem Nebenmann ebenso geh\u00f6rt werden kann (und manchmal auch muss) wie von mir. Wir sind keine Rivalen im Konsum der Musik. Anders als im Fall der Gemeindewiese, die nur zu leicht \u00fcberweidet werden kann, wenn das eine Schaf dem anderen das Gras wegbei\u00dft, wird der Konsum von Information (im umfassenden Sinne des Begriffs) durch den einen nicht vom Konsum des anderen geschm\u00e4lert. Zugleich wird die Informationsverbreitung immer preiswerter. Maximal gesch\u00fctzte Eigentumssph\u00e4ren mit staatlichen Mitteln zu schaffen, ist keineswegs eine \u00f6konomisch oder moralisch selbstverst\u00e4ndliche Zielsetzung, wie uns die Gegner der Piraterie nahelegen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Trade offs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie man sich leicht \u00fcberlegt, ist der Umfang des optimalen Schutzes von im weiteren Sinne geistigem Eigentum von verschiedenen Faktoren abh\u00e4ngig. Denkt man etwa an das Patentrecht, so wird man auf der einen Seite einen Anreiz schaffen wollen, in die Entwicklung patentierbarer Entdeckungen zu investieren. Dieser Anreiz wird um so h\u00f6her sein, desto l\u00e4nger und besser durchgesetzt das Patent ist. Andererseits wird der Nutzen aus der Patentinformation, sobald diese existiert, um so gr\u00f6\u00dfer sein, desto verbreiteter und desto eher sie genutzt werden kann. Das zeitlich begrenzte Monopol, die Nutzung des Patentes zu gew\u00e4hren, wird zu einer geringeren als optimalen Verwendung bereits existenter Information f\u00fchren; aber zugleich w\u00fcrde das Fehlen eines vor\u00fcbergehenden Monopols in vielen F\u00e4llen nur eine suboptimalen Investition in die Informationsgewinnung beinhalten. Das Optimum liegt offenkundig dort, wo die Summe aus dem Nutzen, der uns entgeht, weil keine Information generiert wurde, und dem Nutzen, der uns entgeht, weil man eine bereits geschaffene Information nicht allgemein verwenden darf, minimal wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit, in der es insbesondere durch die Pr\u00e4senz des Internets immer preiswerter wird, existente Information jedermann praktisch zu Grenzkosten von null zur Verf\u00fcgung zu stellen, verschiebt sich das Minimum aus den beiden Nutzensummenkurven zun\u00e4chst zu ungunsten des Schutzes bestehender Informationen. Auf der anderen Seite wird allerdings auch der voraussichtliche Zusatznutzen einer Information dadurch gr\u00f6\u00dfer, dass man sie, sobald existent, beliebig mit vernachl\u00e4ssigbaren Grenzkosten verbreiten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine besonders interessante Frage ist es, ob man Anreize f\u00fcr die Schaffung von Informationen bieten kann, ohne dass man Exklusivrechte f\u00fcr die Nutzung der Information einrichten muss. Das Beispiel der Wissenschaft zeigt, dass dies m\u00f6glich sein kann. Die institutionelle Regel der Wissenschaft, Anerkennung und Ruhm demjenigen zuteil werden zu lassen, der eine Information als erster der Allgemeinheit zug\u00e4nglich machte (und nicht dem, der de facto der erste Entdecker war), ist sehr wirksam, gerade weil sie so radikal und auch manchmal \u201eungerecht\u201c ist. Derjenige, mit dessen Namen die Entdeckung verbunden wird, beh\u00e4lt den Ruhm \u201eauf ewig\u201c; zugleich hat er den h\u00f6chsten Anreiz, so schnell wir m\u00f6glich zu ver\u00f6ffentlichen. Denn nur die erste Ver\u00f6ffentlichung kann den Anspruch auf Ruhm etablieren. Die Information kann optimal \u2013 n\u00e4mlich m\u00f6glichst breit \u2013 genutzt werden. Es ist eine Frage von gro\u00dfer Bedeutung, ob auch in anderen als den wissenschaftlichen Bereichen, auf Exklusivrechte f\u00fcr die Nutzung von Informationen verzichtet werden kann, ohne die Anreize zur Schaffung von Informationen zu unterminieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Anreize ohne Monopol<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar gibt es auch in den Wissenschaften Plagiate und F\u00e4lschungen. Es gibt Zitierkartelle und Bestrebungen die Statushierarchien zu manipulieren. Dennoch funktioniert das System der Wissenschaften nach wie vor \u00fcberraschend gut. Die Allokation von Wertsch\u00e4tzung als Steuerungsinstrument wirkt offenkundig in einer im gro\u00dfen und ganzen maximal innovationsf\u00f6rdernden Weise. Das ist auch deshalb der Fall, weil Achtung und Anerkennung nicht gekauft, nicht fortgenommen und nicht gehandelt werden k\u00f6nnen. Zugleich werden aufgrund dieser \u201eunver\u00e4u\u00dferlichen\u201c G\u00fcter \u2013 zu denen nat\u00fcrlich auch Schande f\u00fcr F\u00e4lschung und Plagiat geh\u00f6ren \u2013 andere materielle G\u00fcter etwa durch Berufung auf Lehrst\u00fchle etc. zugeteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ruhm und Achtung f\u00fcr die Entwicklung eines besseren Dosen\u00f6ffners, besserer Schrauben, besserer Schl\u00f6sser f\u00fcr Haust\u00fcren oder einer genaueren Suchroutine f\u00fcr das Internet sind demgegen\u00fcber eingeschr\u00e4nkt. Das neue Musikst\u00fcck w\u00fcrde vielleicht nicht komponiert, der neue Kriminalroman nicht geschrieben, der neue Motor nicht entwickelt, wenn es nicht staatlich und multinational durchgesetzte Patente und andere Schutzinstitutionen g\u00e4be. Der von der Rechtsordnung errichtete k\u00fcnstliche Ausschluss vom Gebrauch bestimmter Informationen ist wom\u00f6glich unverzichtbar, wenn man nicht auf diese verzichten will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die These, dass ohne staatliche und sogar multinationale Kartellisierung der Ausschlussrechte in gleichem Ma\u00dfe technische Innovation und Produktdifferenzierung m\u00f6glich sei, wie das heute der Fall ist, scheint zwar einigen libert\u00e4r gesonnenen Theoretikern lieb und teuer zu sein; doch erscheint sie prima facie als sehr unplausibel. Plausibler ist es, die These zu vertreten, dass das Ausma\u00df der Innovationst\u00e4tigkeit zwar zur\u00fcckgehen w\u00fcrde, doch nach wie vor hinreichend sein k\u00f6nnte, um die wesentlichen Innovationen anzutreiben, die dann sogleich und in vollem Umfang von jedermann genutzt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem ist auch die schw\u00e4chere libert\u00e4re These kaum plausibel. Projekte wie Open source software und Wikipedia scheinen zwar anzuzeigen, dass Information auch ohne Ausschlussrechte auf offenen Plattformen bereitgestellt werden kann. Dennoch bleibt festzustellen, dass diese Systeme durchaus mit vielf\u00e4ltigen M\u00e4ngeln behaftet sind und kaum universell geeignet, um in jedem Kontext und f\u00fcr alle Aufgaben geeignet zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Moral von der Geschicht\u2019?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gr\u00f6\u00dfte Fehler, den wir in den vorangehend behandelten Fragen wohl begehen k\u00f6nnten, besteht darin, alle Arten von Information und Innovation \u00fcber einen Leisten zu schlagen. Wissenschaftliche Werke und \u00e4hnliches w\u00fcrden auch ohne Copyright weiter geschaffen werden. F\u00fcr Werke der Kunst sind ebenfalls Publikationsformen denkbar, die auf anderen Finanzierungsmodellen als den jetzigen beruhen, aber sie w\u00fcrden wom\u00f6glich ebenso wie bestimmte technische Informationen nur bei einem gewissen Schutz geschaffen. Doch auch dieser Schutz k\u00f6nnte gewiss ohne gro\u00dfe Nachteile in vielen F\u00e4llen zeitlich auf einen viel engeren Zeitraum begrenzt werden. Andererseits m\u00fcssten wir erw\u00e4gen, in der Arzneimittelforschung in die Gegenrichtung zu gehen und l\u00e4ngere Patente (f\u00fcr echte Innovationen) einzurichten. Wir m\u00fcssten auch gegen Arzneimittel-Piraterie in Entwicklungsl\u00e4ndern vorgehen. Das gilt jedenfalls soweit wir Re-Importe aus diesen L\u00e4ndern nicht verhindern k\u00f6nnten. Aber w\u00e4ren wir bereit dazu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in anderen F\u00e4llen dieser Art m\u00fcssten wir auch hier die langfristigen von den kurzfristigen Interessen trennen. Nachhaltige Informations- und Technikentwicklung verlangen aller Voraussicht nach Patent- und \u00e4hnliche Schutzmechanismen. Nur so werden wir die positiven externen Effekte von G\u00fctern, die im Konsum nicht rivalisierend sind in vollem Umfang sp\u00e4ter realisieren k\u00f6nnen. Manchmal wird aber auch ein viel geringerer Schutz hinreichend sein. In keinem Falle d\u00fcrfen wir uns von einem starren und schematischen Modell des geistigen Eigentums leiten lassen, sondern sollten Institutionen auf die spezifischen Eigenschaften des zu regelnden Feldes zuschneiden. Sieht man von den echten Piraten der Geschichte und heute vor Somalia ab (mit denen ich mich in einem eigenen <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1475\">Beitrag<\/a> befasset habe), die nur ihr eigenes gemeinsames Wohl im Sinne haben, k\u00f6nnen die nur als Piraten bezeichneten Informationsverbreiter zumindest teilweise unser aller Gemeinwohl f\u00f6rdern bzw. Reformen ansto\u00dfen, die letztlich dem Gemeinwohl dienen.<\/p>\n<p><strong>Literatur<br \/>\n<\/strong><br \/>\nOstrom, Elinor: Governing the commons. Cambridge: Cambridge University Press.<\/p>\n<p>Tietzel, Manfred (1995): Literatur\u00f6konomik. T\u00fcbingen: Mohr.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piraten haben Konjunktur. 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