{"id":14754,"date":"2014-04-23T00:01:00","date_gmt":"2014-04-22T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14754"},"modified":"2014-05-01T15:47:26","modified_gmt":"2014-05-01T14:47:26","slug":"ungleichheit-heute-20die-great-gatsby-kurvemehr-als-politische-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14754","title":{"rendered":"<small>Ungleichheit heute (20)<\/small><br>Die &#8222;Great Gatsby&#8220;-Kurve<br><font size=3; color=grey>Mehr als politische Propaganda?<\/font><\/br>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eIt is not enough to succeed; others must fail.\u201c\u009d(Iris Murdoch)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Zeit der (um-)verteilungspolitischen Ruhe scheint vorbei. Der Kampf gegen ungleich verteilte Einkommen hat politisch wieder Konjunktur. In den USA rangiert das Thema ganz oben auf der politischen Agenda. F\u00fcr Barack Obama ist es das wichtigste Problem. Die politische Renaissance des Kampfes gegen die Ungleichheit erstaunt. Vor 50 Jahren hat Lyndon B. Johnson der Armut den Kampf angesagt. Passiert ist in den USA nicht viel. Politisch bewegt hat sich auch in den 80er und 90er Jahre nur wenig als die Ungleichheit sp\u00fcrbar anstieg. Erst mit der Finanzkrise trat die Verteilungsfrage politisch aus dem Schatten. Ausl\u00f6ser waren die explodierenden Einkommen am oberen Ende der Verteilung. In den USA ist die Angst gro\u00df, dass die Ungleichheit den Mythos des <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11892\">\u201eamerikanischen Traums\u201c<\/a> zerst\u00f6rt. Die Angst nimmt zu, dass ungleicher verteilte Einkommen die soziale Mobilit\u00e4t verringern. Kein Wunder, dass in den USA der Kampf gegen die soziale Immobilit\u00e4t nun politische Priorit\u00e4t hat. Eine gleichm\u00e4\u00dfigere (Um-)Verteilung der Einkommen ist f\u00fcr viele der wichtigste politische Hebel.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><b>Soziale Mobilit\u00e4t: Was ist das?<\/b><\/p>\n<p>Heute verteilen sich die Einkommen in den reichen L\u00e4ndern ungleicher als gestern und vorgestern. Seit Anfang des neuen Jahrtausends geht die Ungleichheit in den USA allerdings wieder leicht zur\u00fcck. Trotz gewachsener Ungleichheit sind die realen Einkommen seit Mitte der 90er Jahre auf allen Ebenen gestiegen, allerdings unterschiedlich stark. Getrieben wird die \u201eneue\u201c Ungleichheit von stark steigenden Einkommen in der oberen H\u00e4lfte der Einkommensverteilung. Geradezu explodiert sind sie in den obersten Einkommensschichten. Die Zuwachsraten in der \u201eMittelschicht\u201c waren\u00c2\u00a0 zumeist sp\u00fcrbar geringer. Auch am unteren Ende der Verteilung entwickelten sich die Einkommen positiv, wenn auch deutlich weniger stark. Abgesehen von den 80er Jahren wuchsen die Einkommen mit den Perzentilen. St\u00e4rker ungleich verteilte Einkommen sto\u00dfen nicht auf Gegenliebe der Individuen, deren Einkommen relativ langsamer steigen. Die Aussicht sozial aufzusteigen, bes\u00e4nftigt allerdings die \u201erelativen\u201c Verlierer. Die soziale (Aufstiegs-)Mobilit\u00e4t ist der Kitt, der ungleiche Gesellschaften zusammenh\u00e4lt. Sie ist ein Indikator f\u00fcr die Chancengleichheit, nicht perfekt aber auch nicht schlecht.<\/p>\n<p>Die \u201eVerlierer\u201c sind bereit, ungleich verteilte Einkommen zu akzeptieren, wenn die soziale Mobilit\u00e4t in Takt ist. Die individuelle Aussicht, im Laufe des eigenen Lebens sozial aufzusteigen, ist ein erster Schritt in diese Richtung. In einer durchl\u00e4ssigen Gesellschaft ist diese <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=98\">intra-generative Mobilit\u00e4t<\/a> hoch. Die \u00c4rmeren haben eine realistische Chance, im\u00c2\u00a0 Laufe ihres Lebens auch Karriere zu machen. Wo einer aufsteigt, muss aber ein anderer absteigen. Andererseits m\u00fcssen die Reicheren damit rechnen, dass ihnen \u00c4rmere den Rang ablaufen. Die intra-generative Mobilit\u00e4t ist zu gro\u00dfen Teilen vom Lebenszyklus getrieben. Bis zum Alter von 50 steigen die Einkommen, danach stagnieren sie oder sinken sogar. Im Laufe des Lebens erfahren viele Individuen eine distributive Berg- und Talfahrt, vom <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2014\/04\/20\/opinion\/sunday\/from-rags-to-riches-to-rags.html?smid=tw-share&amp;_r=0\">&#8222;Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r und zur\u00fcck&#8220;<\/a>. Die Akzeptanz ungleich verteilter Einkommen wird verst\u00e4rkt, wenn die Chancen gut sind, dass es den eigenen Kindern k\u00fcnftig besser als der V\u00e4ter- bzw. M\u00fcttergeneration gehen wird. Es ist vor allem diese inter-generative Mobilit\u00e4t, die in demokratischen Ordnungen mit dazu beitr\u00e4gt, dass sich trotz ungleich verteilter Einkommen die inter-personellen umverteilungspolitischen Aktivit\u00e4ten in Grenzen halten.<\/p>\n<p>Eine h\u00f6here soziale Mobilit\u00e4t scheint grunds\u00e4tzlich besser als ein geringere. Die realistische Chance auf der Einkommensleiter aufzusteigen, schafft positive Anreize zu individuell h\u00f6herer Leistung. Das gilt auch f\u00fcr die st\u00e4ndige Angst aller auf einer h\u00f6heren Einkommensstufe sozial abzusteigen. Eine hohe soziale Mobilit\u00e4t ist nicht nur der Motor eines wachsenden Wohlstandes. Sie tr\u00e4gt auch mit dazu bei, dass individuelle Aufholprozesse m\u00f6glich werden. Der Prozess der \u201eregression to the mean\u201c wird in Gang gehalten. Die inter-personelle Ungleichheit wird im Zaum gehalten. Eine hohe soziale Mobilit\u00e4t erh\u00f6ht schlie\u00dflich auch die Toleranz f\u00fcr Ungleichheit in einer Gesellschaft. Sie h\u00e4lt in einer Demokratie die st\u00e4ndige Forderung der distributiv Benachteiligten nach inter-personeller Umverteilung in Grenzen. Und diese Gruppe hat eine Mehrheit. Die Gefahr eines effizienzverschlingenden Steuer-Transfer-System wird minimiert. Somit sprechen allokative, distributive und polit-\u00f6konomische Argumente f\u00fcr eine hohe soziale Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Die \u201eGreat Gatsby&#8220;-Kurve<\/b><\/p>\n<p>Es gibt eine lange Liste von Faktoren, die die soziale Mobilit\u00e4t treiben. Einer der prominenteste Treiber ist die Einkommensungleichheit. Der kanadische \u00d6konom <a href=\"http:\/\/www.americanprogress.org\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/CorakMiddleClass.pdf\">Miles Corak<\/a> hat als einer der Ersten festgestellt, dass in L\u00e4ndern mit sehr ungleich verteilten Einkommen die Individuen inter-generativ nicht sehr mobil sind. Offensichtlich sind Einkommensungleichheit und inter-generative soziale Mobilit\u00e4t stark korreliert. Vor allem die Politik in den USA hat dieser Befund erschreckt. Tats\u00e4chlich ist die amerikanische soziale Mobilit\u00e4t im internationalen Vergleich relativ gering. Der Mythos vom \u201eamerikanischen Traum\u201c l\u00f6st sich in Luft auf. In anderen vor allem (nord-)europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, wie etwa D\u00e4nemark, Finnland oder Schweden, ist nicht nur die Verteilung der Einkommen gleichm\u00e4\u00dfiger. Auch die inter-generative soziale Mobilit\u00e4t ist sp\u00fcrbar h\u00f6her. Popul\u00e4r wurde dieser Zusammenhang durch den Princeton-\u00d6konom <a href=\"http:\/\/www.americanprogress.org\/wp-content\/uploads\/events\/2012\/01\/pdf\/krueger.pdf\">Alan B. Krueger<\/a>. Er hat die Korrelation der beiden Gr\u00f6\u00dfen \u201eGreat Gatsby Kurve\u201c genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/gatsby4.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Great Gatsby Kurve\" alt=\"Great Gatsby Kurve\" src=\"\/wordpress\/bilder\/gatsby4.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es spricht einiges daf\u00fcr, dass Ausma\u00df der Einkommensungleichheit und Grad der inter-generativen Mobilit\u00e4t korreliert sind. Damit ist aber das letzte Wort \u00fcber die Kausalit\u00e4t noch lange nicht gesprochen. Es ist denkbar, dass mit immer ungleicher verteilten Einkommen die M\u00f6glichkeiten weniger reicher Eltern sinken, in das Humankapital ihrer Kinder zu investieren. Die soziale Mobilit\u00e4t wird negativ beeinflusst. M\u00f6glich ist allerdings auch, dass die inter-generative Mobilit\u00e4t in der unteren H\u00e4lfte der Einkommensverteilung hinter der\u00c2\u00a0 in der oberen herhinkt. In diesem Fall ist die Kausalit\u00e4t der beiden relevanten Gr\u00f6\u00dfen umgekehrt. Denkbar ist schlie\u00dflich auch, dass beide Gr\u00f6\u00dfen \u2013 ungleich verteilte Einkommen und soziale Mobilit\u00e4t \u2013 von dritten Faktoren beeinflusst werden. Vor allem f\u00fcr die nordischen Staaten wird immer wieder die begr\u00fcndete Vermutung ge\u00e4u\u00dfert, dass verst\u00e4rkte staatliche Investitionen in das Humankapital nicht nur die Einkommen gleichm\u00e4\u00dfiger verteilen, sondern auch die inter-generative soziale Mobilit\u00e4t beschleunigen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat die Diskussion um die Kausalit\u00e4t der \u201eGreat Gatsby&#8220;-Kurve eine Schlagseite. Auch Alan B. Krueger, der ehemalige Vorsitzende des CEA und \u00f6konomische Einfl\u00fcsterer von Barack Obama, suggeriert immer wieder eine eindeutige Kausalit\u00e4t. Der starke Anstieg der amerikanischen Einkommensungleichheit zwischen Mitte der 80er und Mitte der 90er Jahre f\u00fchre generationenverz\u00f6gert zu einem weiteren R\u00fcckgang der sowieso schon niedrigen sozialen Mobilit\u00e4t in den USA. Die Sprossen der Einkommensleiter l\u00e4gen immer weiter auseinander. Vor allem in den unteren, aber auch in den mittleren Einkommensgruppen werde damit der Aufstieg auf h\u00f6her liegende Sprossen erschwert. Diese These passt allerdings nicht zu den empirischen Fakten. Die Einkommensverteilung wurde deshalb ungleicher, weil die Einkommen ganz oben explodierten. Um im Bild zu bleiben: Vor allem die obersten Sprossen liegen nun weiter auseinander. Das hat aber wenig Einfluss auf die soziale (Aufstiegs-)Mobilit\u00e4t in den unteren und mittleren Einkommensschichten. Der Anteil der oberen 1 % hat in den USA <a href=\"http:\/\/www.equality-of-opportunity.org\/files\/mobility_geo.pdf\">keinen Einfluss<\/a> auf die inter-generative Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Mehr als politische Propaganda?<\/b><\/p>\n<p>An <a href=\"http:\/\/www.economics21.org\/research\/collapse-great-gatsby-curve\">Kritik<\/a> an der \u201eGreat Gatsby&#8220;-Kurve herrscht kein Mangel. Es ist grunds\u00e4tzlich richtig, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen weniger in ihre Kinder investieren k\u00f6nnen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die vorschulischen, sondern auch f\u00fcr die schulischen und universit\u00e4ren Elemente der Bildung und Ausbildung. Oft sind in \u00e4rmeren Familien die finanziellen Mittel nicht vorhanden, um kognitive und nicht-kognitive F\u00e4higkeiten der Kinder zu f\u00f6rdern. Darunter k\u00f6nnen die Chancen des sozialen Aufstiegs leiden. Allerdings sind die elterlichen Einkommen nicht der einzige Treiber der sozialen Mobilit\u00e4t. Ob Kinder auf- oder absteigen h\u00e4ngt auch von genetischen Faktoren, vom Verhalten der Eltern, dem Einfluss des sozialen Umfelds, der G\u00fcte der Schulen und vielem anderen mehr ab. Ein wichtiger Einfluss scheint der Familienstruktur zuzukommen. <a href=\"http:\/\/www.economics21.org\/commentary\/great-gastby-curve-revisited-part-1\">Empirische Untersuchungen<\/a> zeigen, dass stabile Familien, in denen nicht alleinerziehende M\u00fctter die Hauptlast der Erziehung schultern m\u00fcssen, einen dominierenden Einfluss auf die soziale Mobilit\u00e4t haben.<\/p>\n<p>Die Korrelation ungleich verteilter Einkommen und inter-generativer Mobilit\u00e4t ger\u00e4t f\u00fcr reiche L\u00e4nder ins Wanken, wenn man die nordischen L\u00e4nder n\u00e4her unter die Lupe nimmt. Die vier skandinavischen L\u00e4nder \u2013 D\u00e4nemark, Finnland, Norwegen und Schweden \u2013 zeichnen sich durch gleichm\u00e4\u00dfiger verteilte Einkommen und mehr Chancengleichheit aus. Es ist allerdings fraglich, ob die geringe Einkommensungleichheit eine wesentliche Ursache der hohen inter-generativen Mobilit\u00e4t ist. Diese L\u00e4nder haben in der Vergangenheit gro\u00dfe Anstrengungen unternommen, in das Humankapital nachwachsender Generation zu investieren. Das gilt vor allem f\u00fcr den vorschulischen sowie prim\u00e4ren und sekund\u00e4ren schulischen Bereich. Es trifft aber auch f\u00fcr die berufliche und universit\u00e4re Ausbildung zu. Die verst\u00e4rkten Investitionen in Humankapital haben die Verteilung der Einkommen eingeebnet und die soziale Mobilit\u00e4t erh\u00f6ht. Die \u201eGreat Gatsby- Kurve\u201c der reichen L\u00e4nder ohne die nordischen verl\u00e4uft flacher.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/gatsby5.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Great Gatsby Kurve\" alt=\"Great Gatsby Kurve\" src=\"\/wordpress\/bilder\/gatsby5.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Eine solidere empirische Basis hat eine Analyse einer Gruppe von Harvard- und Berkeley-\u00d6konomen. Das Ergebnis ist f\u00fcr viele \u00fcberraschend. Die soziale Mobilit\u00e4t in den USA ist niedriger als in \u00e4hnlich entwickelten L\u00e4ndern. Sie best\u00e4tigen damit im Wesentlichen die Ergebnisse von Miles Corak. Trotz steigender Einkommensungleichheit hat sich die soziale Mobilit\u00e4t der Kinder, die in den 50er Jahren geboren wurden gegen\u00fcber denen, die in den 70er Jahren auf die Welt kamen, allerdings <a href=\"http:\/\/www.equality-of-opportunity.org\/files\/mobility_trends.pdf\">nicht weiter verringert<\/a>. Aber es gibt <a href=\"http:\/\/www.equality-of-opportunity.org\/files\/mobility_geo.pdf\">regionale Unterschiede<\/a>. So ist etwa in Salt Lake City die Mobilit\u00e4t \u00e4hnlich hoch wie in D\u00e4nemark, w\u00e4hrend Atlanta eine soziale Mobilit\u00e4t aufweist, die so niedrig ist wie in keinem anderen entwickelten Land. H\u00f6chst interessant sind auch die Ergebnisse zu den Treibern der sozialen Mobilit\u00e4t. Wo die r\u00e4umliche Segregation geringer ist, die Einkommen gleichm\u00e4\u00dfiger verteilt sind, die Grundschulen eine bessere Qualit\u00e4t haben, das Sozialkapital h\u00f6her ist und die Familien stabiler sind, ist auch die inter-generative Mobilit\u00e4t h\u00f6her.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Pfadabh\u00e4ngige soziale Mobilit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p>Solide empirische Untersuchungen zur inter-generativen Mobilit\u00e4t sind rar. Das verwundert nicht. Solche Studien erfordern l\u00fcckenlose Daten \u00fcber Generationen hinweg. Meist liegen diese aber nur f\u00fcr wenige Generationen vor. Bisherige Analysen ber\u00fccksichtigen meist nur 2 &#8211; 3 Generationen. Einen verl\u00e4sslichen Hinweis auf die langfristige Entwicklung der inter-generativen Mobilit\u00e4t geben sie nicht. Dazu braucht man Daten sehr vieler Generationen. Die liegen wohl erst in der ferneren Zukunft vor. Solange wollte <a href=\"http:\/\/www.econ.ucdavis.edu\/faculty\/gclark\/The%20Son%20Also%20Rises\/TSAR-%20Intro.pdf\">Gregory Clark<\/a>, ein Wirtschaftshistoriker von der kalifornischen Universit\u00e4t in Davis, nicht warten. Er untersuchte, wie sich der soziale Status von Familien \u00fcber viele Jahrhunderte hinweg entwickelte. Da Familien der Oberschicht oft seltene und ausgefallene Namen f\u00fchren, hatte er die Idee, die Nachnamen als Indikatoren zu verwenden. Er konnte zeigen, dass in Berufen mit hohem sozialem Prestige \u2013 \u00c4rzte, Anw\u00e4lte, Professoren, Parlamentarier \u2013 die Oberschicht schon vor vielen Generationen \u00fcberproportional vertreten war. Das hat sich bis heute nicht ge\u00e4ndert. Von einer hohen sozialen Mobilit\u00e4t zeugt das nicht.<\/p>\n<p>Die neuen Studien zur inter-generativen Mobilit\u00e4t messen den wirtschaftlichen Erfolg meist nur am Einkommen und Verm\u00f6gen. Das ist bei Gregory Clark anders. Er orientiert sich an einem breiteren sozialen Status. Der umfasst nicht nur monet\u00e4re Gr\u00f6\u00dfen. Beruf, Bildung und Lebenserwartung geben ebenfalls Hinweise auf die soziale Stellung. Er untersucht einige wenige L\u00e4nder, wie etwa u.a. Gro\u00dfbritannien, die USA, Schweden oder China, deren institutioneller Wandel \u00fcber die Jahrhunderte v\u00f6llig unterschiedlich verlief. Trotz schwieriger Datenlage kann Gregory Clark auf Daten zugreifen, die oft viele Jahrhunderte zur\u00fcckreichen. Das wird am deutlichsten an den Namenslisten der Studenten von Oxford und Cambridge, die l\u00fcckenlos bis ins Mittelalter vorliegen. Das Ergebnis ist spektakul\u00e4r: Die inter-generative Immobilit\u00e4t ist durch die Bank sehr hoch. W\u00e4hrend die neueren Studien des wissenschaftlichen Mainstream zu Werten zwischen 0,15 und 0,65 kommen, liefert seine Untersuchung nur Werte zwischen 0,7 und 0,9.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/gatsby6.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Intergenerative Mobilit\u00e4t\" alt=\"Intergenerative Mobilit\u00e4t\" src=\"\/wordpress\/bilder\/gatsby6.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Diese Ergebnisse sind ein Schlag ins Kontor aller, die an den \u201eamerikanischen Traum\u201c glauben. Der individuelle soziale Erfolg ist \u201eerblich\u201c und wird durch die Umwelt kaum beeinflusst: \u201eNature predominates over nurture.\u201c Wo man auf der sozialen Leiter landet, wird durch den Zufall der Geburt bestimmt. In einer leistungsorientierten Gesellschaft gilt allerdings das eherne Gesetz der \u201eBewegung zum Durchschnitt\u201c. Soziale Mobilit\u00e4t nach oben und unten ist programmiert. Das \u201eBuddenbrook-Syndrom\u201c legt Zeugnis davon ab. Tats\u00e4chlich wird aber die Mobilit\u00e4t zwischen Generationen durch das Heiratsverhalten gebremst. Das \u201eassortative mating\u201c \u2013 Heirat in der gleichen sozialen Schicht \u2013 h\u00e4lt die inter-generative Mobilit\u00e4t niedrig. Eine geringe soziale Mobilit\u00e4t ist nicht per se schlecht. Gelingt es etwa pfiffigen Eltern, ihren Kindern die eigenen raren F\u00e4higkeiten weiter zu geben, ist eine geringe soziale Mobilit\u00e4t \u00f6konomisch effizient. In diesem Punkt treffen sich der Nobelpreistr\u00e4ger <a href=\"http:\/\/www.becker-posner-blog.com\/2014\/02\/generational-mobility-in-the-united-states-becker.html\">Garry S. Becker<\/a> und Gregory Clark.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Wirtschaftspolitische Folgerungen<\/b><\/p>\n<p>Der empirische Befund ist verwirrend. Wie hoch die inter-generative Mobilit\u00e4t ist, bleibt weiter unklar. In der eher kurzen Frist von 2 &#8211; 3 Generationen scheint sie h\u00f6her, streut aber zwischen \u00e4hnlich entwickelten L\u00e4ndern betr\u00e4chtlich. \u00dcber Jahrhunderte hinweg ist sie \u00fcber alle L\u00e4nder hinweg vernachl\u00e4ssigbar gering, trotz erheblicher l\u00e4nderspezifischer institutioneller Unterschiede. Der Einfluss ungleich verteilter Einkommen auf die inter-generative Mobilit\u00e4t ist begrenzt. Die unklare Diagnose beg\u00fcnstigt kontr\u00e4re Vorschl\u00e4ge zur Therapie. Die einen fordern noch mehr (Sozial-)Staat, um die soziale Mobilit\u00e4t zu f\u00f6rdern. Verst\u00e4rkte umverteilungspolitische Aktivit\u00e4ten, mehr staatliche Investitionen in Humankapital, verst\u00e4rkte Regulierungen am Arbeitsmarkt stehen auf deren Agenda. Die anderen setzen auf weniger (Sozial-)Staat, weil er die soziale Mobilit\u00e4t zerst\u00f6re. Weniger staatliche Umverteilung, stabilere Familien, weniger regulierende Eingriffe des Staates und mehr Institutionen der Zivilgesellschaft sind die Ansatzpunkte.<\/p>\n<p>Die wirtschaftspolitische Strategie, mehr soziale Mobilit\u00e4t \u00fcber den Umweg der staatlichen Umverteilung zu initiieren, ist wenig erfolgversprechend. Dazu ist das empirische Fundament der \u201eGreat Gatsby-Kurve\u201c zu br\u00fcchig und die Umverteilung allokativ zu kostspielig. Die wirtschaftspolitische Antwort liegt auf der Hand, wenn die inter-generative Mobilit\u00e4t pfadabh\u00e4ngig ist. Dann ist der individuelle Erfolg \u201eerblich\u201c. Wirtschaftspolitisch l\u00e4sst sich die soziale Mobilit\u00e4t kaum noch beeinflussen. Mehr Heirat zwischen sozialen Schichten w\u00fcrde sie zwar erh\u00f6hen. Staatlich verordnen l\u00e4sst sich das \u2013 Gott sei Dank \u2013 aber hierzulande nicht. Damit bleiben in einer solchen Welt drei sinnvolle Strategien. Die erste muss lauten: \u201eWachsen statt umverteilen\u201c. Eine effiziente Wachstumspolitik\u00c2\u00a0 muss daf\u00fcr sorgen, dass mit der Flut alle Boote steigen, die \u201ekleinen\u201c, \u201emittleren\u201c und die \u201egro\u00dfen\u201c. Die zweite muss hei\u00dfen: \u201eKampf der sozialen Segregation\u201c. Wer \u201eGhettoisierung\u201c vermeidet, produziert positive externe Effekte der Bildung und verbreitet Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Die dritte Strategie muss sein: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13302\">\u201eArmut anreizkompatibel bek\u00e4mpfen\u201c<\/a>. Die Nachteile niedriger sozialer Schichten m\u00fcssen begrenzt werden. Ein effizienter Einsatz individueller F\u00e4higkeiten hat Priorit\u00e4t, f\u00fcr Notf\u00e4lle muss der Staat ein Existenzminimum garantieren.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die inter-generative Mobilit\u00e4t wohl weniger pfadabh\u00e4ngig als Gregory Clark uns glauben machen will. Es ist nicht nur der familiale Hintergrund, es sind auch die soziale Umwelt und das individuelle Verhalten, die mit dar\u00fcber bestimmen, wie erfolgreich wir sind. Eine h\u00f6here inter-generative Mobilit\u00e4t ist damit besser als eine geringere. Es ist aber wegen der ungesicherten \u201eGreat Gatsby&#8220;-Kurve nicht sinnvoll, eine h\u00f6here soziale Mobilit\u00e4t \u00fcber den Umweg staatlicher Umverteilung anzustreben. Das Problem mangelnder inter-generativer Mobilit\u00e4t sollte direkter angegangen werden. Drei Ansatzpunkte sind m\u00f6glich: 1) Mehr Investitionen in Humankapital. Die Ansatzpunkte sind (fr\u00fche) Bildung, bessere Schulen und (berufliche und universit\u00e4re) Ausbildung. Hier sind Familien, Staat und Unternehmen gefordert. 2) Durchl\u00e4ssigere Arbeitsm\u00e4rkte. Erst flexible Arbeitsm\u00e4rkte vermitteln marktverwertbares Humankapital. Das ist eine Aufgabe von Tarifpartnern und (deregulierendem) Staat. 3) Stabilere <a href=\"http:\/\/houseofdebt.org\/2014\/04\/10\/family-structure-and-inequality.html\">Familienstrukturen<\/a>. Die einen fordern die Renaissance von Werten und Normen (Charles Murray). Andere wollen mehr staatliche Hilfen f\u00fcr alleinerziehende M\u00fctter (Paul Krugman).<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Die inter-generative Mobilit\u00e4t ger\u00e4t immer st\u00e4rker ins Blickfeld der Verteilungspolitik. Lange Zeit hat sich die Politik damit beruhigt, dass sich zwar die Einkommen ungleicher verteilten, der \u201eamerikanische Traum\u201c aber weiter getr\u00e4umt werden durfte. Die gef\u00fchlte hohe soziale Mobilit\u00e4t kompensierte die steigende Ungleichheit. Mit der \u201eGreat Gatsby&#8220;-Kurve wankte dieser Traum; mit der These, dass Erfolg erblich ist, schien er endg\u00fcltig zu Ende. Die Politik geriet in Zugzwang. Sie musste etwas tun, um die inter-generative Mobilit\u00e4t wieder auf Trab zu bringen. Tats\u00e4chlich ist die \u201eGreat Gatsby&#8220;-Kurve noch nicht viel mehr als politische Propaganda. Der Zusammenhang von ungleicher verteilten Einkommen und wachsender sozialer Immobilit\u00e4t ist br\u00fcchig. Wer mehr inter-generative Mobilit\u00e4t will, sollte nicht den effizienzverschlingenden Umweg \u00fcber die staatliche Umverteilung w\u00e4hlen. Er sollte das Problem <a href=\"http:\/\/economix.blogs.nytimes.com\/2014\/03\/25\/qa-a-sociologist-on-inequality\/\">direkt<\/a> angehen. Bessere (Grund-)Schulen, mehr familiale Stabilit\u00e4t und flexiblere Arbeitsm\u00e4rkte werfen eine doppelte Dividende ab: Mehr soziale Mobilit\u00e4t und weniger Einkommensungleichheit.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Clark, Gregory (2014), The Son Also Rises. Surnames and the History of Social Mobility. Princeton and Oxford<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge der Serie <em>\u201cUngleichheit heute\u201c\u009d<\/em>:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13583\">Des L\u00e4ba isch koin Schlotzer. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist grober Unfug.<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13983\">Bildung hilft, die Ungleichheit zu reduzieren<\/a><\/p>\n<p>Mustafa Coban: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13302\">Kombil\u00f6hne versus Working Poor. Der Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12684\">Geldpolitik und Ungleichheit. Machen Notenbanken die Welt ungleicher?<\/a><\/p>\n<p>Rainer Hank: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13021\">Ungleichheit und Gerechtigkeit: Was hat das miteinander zu tun?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12673\">Ungleichheit und Krisen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12107\">&#8222;Reichtum ist distributive Umweltverschmutzung&#8220;. H\u00f6here Steuern oder mehr Wettbewerb?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12214\">Ungleichheit und Wachstum<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11892\">Der amerikanische Traum \u2013 Bremst Ungleichheit die soziale Mobilit\u00e4t?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11933\">Der Staat pfl\u00fcgt die Verteilung um <\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11584\">Die Ungleichheit wird m\u00e4nnlicher<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656\">Krieg der Modelle. Technologie oder Institutionen?<\/a><\/p>\n<p>Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11703\">Einkommensverteilung \u2013 Vorsicht vor der Konjunktur!<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11140\">Die deutsche \u201cMitte\u201c\u009d ist stabil. Wie lange noch?<\/a><\/p>\n<p>Eric Thode: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11396\">Die Mittelschicht schrumpft \u2013 Wo liegt der Handlungsbedarf?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11388\">Geringe Stundenl\u00f6hne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11133\">Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?<\/a><\/p>\n<p>Simon Hurst: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10879\">Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10851\">Einkommensungleichheit in OECD-L\u00e4ndern. Wo stehen wir?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=98\">Ungleichheit, soziale Mobilit\u00e4t und Humankapital<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/35cf4dc53d05432296b774d7a60c522e\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIt is not enough to succeed; others must fail.\u201c\u009d(Iris Murdoch) Die Zeit der (um-)verteilungspolitischen Ruhe scheint vorbei. 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