{"id":1492,"date":"2009-09-05T00:04:13","date_gmt":"2009-09-04T23:04:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1492"},"modified":"2009-09-04T15:44:34","modified_gmt":"2009-09-04T14:44:34","slug":"gastbeitrag-signale-aus-rom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1492","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag: <\/small><br\/> Signale aus Rom"},"content":{"rendered":"<p>P\u00e4pste sind bekanntlich Spezialisten f\u00fcrs Allgemeine und Generalisten f\u00fcrs Konkrete. Von ihnen sollte man sich keine unfehlbaren politisch-\u00f6konomischen Strategien, erst Recht keine \u201ekonkreten Anweisungen\u201c erwarten. Ihre weltkirchliche Autorit\u00e4t und Kompetenz beschr\u00e4nkt sich auf Fragen des Glaubens und der Moral. Diese Fragen spielen in der Globalisierung eine gro\u00dfe Rolle, besonders seitdem die Weltwirtschaft von heftigen Ersch\u00fctterungen heimgesucht wird. Seit l\u00e4ngerem hatte man auf ein orientierendes Signal aus Rom gewartet. Zur gro\u00dfen Entt\u00e4uschung von Friedhelm Hengsbach SJ enthielt die erste Sozialenzyklika des \u201edeutschen\u201c Papstes keine \u201ekonkreten Anweisungen\u201c. Diese w\u00fcrden aber in Deutschland gerade von denen nicht befolgt werden, die dem Papst im Gehorsam besonders verpflichtet sind.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nNun hat Papst Benedikt XVI. nach krisenbedingten Verz\u00f6gerungen in die Diskussion \u00fcber globale Ordnungsfragen eingegriffen. Sein Lehrschreiben erschien noch rechtzeitig zum G-8-Gipfel und zum Besuch des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Obama im Vatikan. Und es hat eine Reihe bedeutsamer Hinweise zur \u00dcberwindung der weltweiten Krise und zur ethischen Neuorientierung der Weltwirtschaft geliefert. Wobei man einr\u00e4umen mu\u00df, da\u00df anspruchsvolle und komplexe Grundsatztexte dieser Art in ihrer Wirkung auf die sittliche Mentalit\u00e4t der Verantwortungstr\u00e4ger langfristig angelegt und kaum greifbar sind.<\/p>\n<p>Angreifbar sind sie ohnehin, wenngleich die scheinheiligen Politiker sofort kritiklose Zustimmung signalisierten. Die p\u00e4pstliche Botschaft wird leider nicht die Gesamtheit ihrer Adressaten, n\u00e4mlich \u201ealle Menschen guten Willens\u201c erreichen. Die B\u00f6swilligen \u00fcberzeugen zu wollen, war immer schon ziemlich aussichtslos. Als \u201eglobal player\u201c ist die katholische Weltkirche zwar \u00fcberall pr\u00e4sent, aber ihr allgemeiner Gestaltungsanspruch, der sich schon im Titel der Enzyklika \u201eCaritas in Veritate\u201c (Liebe in der Wahrheit) artikuliert, ist nicht einfach zu vermitteln. Zumal religi\u00f6s-ethische Wahrheitsanspr\u00fcche heute oft unter Fundamentalismusverdacht stehen und im Relativismus verschwimmen. Und was die \u201eLiebe\u201c angeht, gilt sie meist als sentimentale Anwandlung, auch als Aufgabe der kirchlichen Caritas (als Non-Profit-Organisation), nicht aber als Motiv und Orientierung f\u00fcr wirtschaftliche Unternehmen.<\/p>\n<p>Ein Unternehmen ist eben keine Caritas, hei\u00dft es. Da\u00df es aber wenigstens in Form der \u201eSolidarit\u00e4t auf Gegenseitigkeit\u201c im eigenen (langfristigen) Interesse Kooperationen eingeht und dabei in Vorleistung tritt, scheint nicht nur der ethischen, sondern auch der \u00f6konomischen Rationalit\u00e4t zu entsprechen. In der globalen Wirtschaftswelt w\u00e4chst aus Erfahrung die Einsicht, da\u00df sich moralisches Verhalten nicht gesch\u00e4ftssch\u00e4digend, sondern eher vertrauensbildend auswirkt. Moralische Glaubw\u00fcrdigkeit wird angesichts der Krise zu einer humanen Ressource, die man nicht leichtsinnig verspielen darf.<\/p>\n<p>An diese Erfahrung kn\u00fcpft die Enzyklika an. Sie bringt jene seit langem bew\u00e4hrten, allgemein menschlichen (nicht exklusiv christlichen) Werte, Tugenden und Prinzipien ins Spiel, welche nicht nur f\u00fcr das pers\u00f6nliche Verhalten der Wirtschaftssubjekte, sondern auch f\u00fcr die Wirtschaftsordnung von Belang sind. Dabei schlie\u00dft Papst Benedikt an die Sozialenzyklika \u201ePopulorum Progessio\u201c (1967) seines Vorg\u00e4ngers Paul VI. an, freilich auf einem viel h\u00f6heren theologischen Niveau. Damals ging es vor allem um einen qualitativen Entwicklungsbegriff hinsichtlich jener vormals kolonisierten L\u00e4nder, die mit der industrialisierten \u201ewestlichen\u201c Welt solidarisch kooperieren sollten. Die Afrikaner warten bis heute auf eine solche Entwicklungszusammenarbeit.<\/p>\n<p>Der Katholischen Soziallehre, in deren Kontinuit\u00e4t auch die neue Sozialenzyklika steht, geht es um sozialethische Ma\u00dfst\u00e4be zur Begr\u00fcndung von gesellschaftlichen Ordnungen, die weltweit zur Geltung gebracht werden k\u00f6nnen. Die klassischen Sozialprinzipien Solidarit\u00e4t, Subsidiarit\u00e4t und Gemeinwohl werden dabei auch f\u00fcr die Wirtschaftordnung in Anspruch genommen. Besonders in ihrer Eigentumslehre l\u00e4\u00dft die Kirche erkennen, wie sehr sie mit dem Ordnungsmodell der Sozialen Marktwirtschaft kompatibel ist. Freilich kann man auch von einem \u201edeutschen\u201c Papst nicht erwarten, da\u00df er ein deutsches als globales Modell lehramtlich absegnet. Konkrete Modelle zu entwerfen und vorzuschreiben geh\u00f6rt ohnehin nicht zum p\u00e4pstlichen Aufgabenbereich.<\/p>\n<p>Zum Repertoire der Katholischen Soziallehre geh\u00f6rt hingegen die Kritik an bestimmten Auswucherungen des \u201eKapitalismus\u201c, was aber nichts mit einer Option f\u00fcr den \u201eSozialismus\u201c zu tun hat. In seiner Enzyklika \u201eCentesimus annus\u201c (Nr. 42) hat Johannes Paul II. \u2013 zwei Jahre nach dem durch ihn beschleunigten Abgang des \u201eOstblocks\u201c \u2013 f\u00fcr einen \u201eKapitalismus\u201c pl\u00e4diert, den er sogar den L\u00e4ndern der \u201eDritten Welt\u201c empfahl: Also f\u00fcr ein globales Wirtschaftssystem, \u201edas die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung f\u00fcr die Produktionsmittel, der freien Kreativit\u00e4t des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt\u201c. Damit verband sind noch kein konkretes Ordnungsmodell, wohl aber ein System sozialer Wertkriterien zur Bewertung konkreter Strukturen und Modelle.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Benedikt XVI. ist die Marktwirtschaft keine ethisch neutrale, rein zweckrationale Veranstaltung oder ein blo\u00dfer Mechanismus. Deutlicher noch als seine Vorg\u00e4nger sieht er den Markt \u201ein das Netz eines gr\u00f6\u00dferen sozialen und politischen Umfelds eingebunden\u201c: \u201eDenn wenn der Markt nur dem Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten G\u00fcter \u00fcberlassen wird, ist er nicht in der Lage, f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt zu sorgen, den er jedoch braucht, um gut zu funktionieren. Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen gepr\u00e4gte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erf\u00fcllen. Heute ist dieses Vertrauen verloren gegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust.\u201c(CiV 35)<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich soll der Markt \u201eauf das Erlangen des Gemeinwohls ausgerichtet werden, f\u00fcr das auch und vor allem die politische Gemeinschaft sorgen mu\u00df.\u201c(CiV 36) Damit ist der Ordnungsrahmen angesprochen, den der Staat dem Markt zu geben hat. Aber nicht das dualistische Gegen\u00fcber von Staat und Markt beherrscht das Ordnungsbild des Papstes. Vielmehr tritt eine dritte, intermedi\u00e4re Kraft hinzu: die Zivilgesellschaft in ihrer subsidi\u00e4ren Funktion. F\u00fcr Papst Benedikt ist die \u201eSubsidiarit\u00e4t vor allem eine Hilfe f\u00fcr die Person durch die Autonomie der mittleren Gruppen und Verb\u00e4nde &#8230; und das wirksamste Gegenmittel zu jeder Form eines bevormundenden Sozialsystems.\u201c (CiV 57) Diese Stelle l\u00e4\u00dft sich kritisch gegen die in Deutschland herrschende Tendenz ausspielen, subsidi\u00e4re Sozialpolitik zu einem zentralistischen Sozialstaat degenerieren zu lassen.<\/p>\n<p>Hierzulande sind die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft wie die der Katholischen Soziallehre weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer kennt heute noch die gro\u00dfen Sozialenzykliken von \u201eRerum novarum\u201c (1891) bis hin zu \u201eCentesimus annus\u201c (1991)? Die Erinnerung an diese Tradition wachzurufen, um ihre andauernde Bedeutung f\u00fcr die heutigen globalen Ordnungsfragen erneut zu bew\u00e4hren, ist ein wichtiges Anliegen des p\u00e4pstlichen Lehrschreibens.<\/p>\n<p>In dieser Traditionslinie: n\u00e4mlich Recht und Pflicht des Privateigentums, unternehmerische Verantwortung, gerechter Zugang zu den M\u00e4rkten, staatlich geordneter Wettbewerb, F\u00f6rderung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit, solidarische Hilfe f\u00fcr Bed\u00fcrftige &#8211; kann sich das ethische Ordnungsbild der Sozialen Marktwirtschaft, vor allem das von Wilhelm R\u00f6pke vorgezeichnete, durchaus wiedererkennen. \u00dcbrigens hat R\u00f6pke \u2013 wenngleich protestantischer Christ &#8211; die Sozialenzykliken der P\u00e4pste seiner Zeit im lateinischen Originaltext genauestens studiert und zutreffend interpretiert.<\/p>\n<p>Die Frage ist, ob heute Soziale Marktwirtschaft (im Sinne R\u00f6pkes) nicht mehr allein als \u201edeutsches Modell\u201c auf volkswirtschaftlicher Ebene zu gelten habe, sondern weltweit zu \u00fcbertragen w\u00e4re. Freilich ohne den Anspruch, nach deutschem Wesen die Welt genesen zu lassen. Das besonders in sozialethischer Hinsicht bemerkenswerte Erfolgsmodell, an dessen Entstehungsgeschichte die deutschen Protagonisten der Katholischen Soziallehre (wie Joseph H\u00f6ffner, Oswald von Nell-Breuning) erheblich beteiligt waren, l\u00e4sst sich trotz seiner Vereinbarkeit mit eben dieser Lehre nicht so ohne weiteres von der volkswirtschaftlichen auf die weltwirtschaftliche Ebene \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Aber grunds\u00e4tzlich w\u00e4re eine Implantation Sozialer Marktwirtschaft im Weltma\u00dfstab w\u00fcnschenswert. Sie ist n\u00e4mlich sehr verschieden von jenem \u201eKapitalismus\u201c, den die Kirche seit jeher kritisierte. Die P\u00e4pste lehnten den ungeregelten Kapitalismus und vor allem den Sozialismus-Kommunismus aus religi\u00f6sen wie sozialethischen Gr\u00fcnden ab. Dieser gilt seit 1989, seit dem Zusammenbruch des \u201eOstblocks\u201c als hinf\u00e4llig. Jener ist in diesem Jahr in eine massive internationale Krise geraten.<\/p>\n<p>Die seit 1989 vordringende Globalisierung des kapitalistischen Systems hat inzwischen gravierende Ordnungsfragen aufgeworfen, soziale und \u00f6kologische vor allem. Seit der j\u00fcngsten Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich \u00fcberdies der Eindruck eines drohenden Chaos versch\u00e4rft, das auch auf eine Reihe moralischer Defizite der verantwortlichen Akteure zur\u00fcckgef\u00fchrt wird (z.B. \u201eGier\u201c, Korruption, Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung). Immerhin streitet man dar\u00fcber, ob \u201edie Krise\u201c, denen noch weitere folgen k\u00f6nnen, eher auf ein Markt- oder auf ein Staatsversagen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. In beiden F\u00e4llen spielen sozial- wie individualethische und nicht blo\u00df technische oder zweckrationale Entscheidungen eine gro\u00dfe Rolle. Heute geht es in einer weltanschaulich pluralistischen Weltgesellschaft mehr denn je um universalisierbare ethische Orientierungen, also um Werte, Tugenden und Prinzipien, die die moralische Verantwortung der Subjekte leiten und damit die Ordnungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik pr\u00e4gen. Und zwar weltweit.<\/p>\n<p>Keine \u201ekonkreten Anweisungen\u201c bietet also die neue Enzyklika, sondern Bedenkenswertes. F\u00fcr das Fach Christliche Sozialethik neu zu bedenken sind Fragen, die auch von der Moraltheologie bisher vernachl\u00e4ssigt wurden. Die beiden Disziplinen bed\u00fcrfen einer neuen Zuordnung, wenn Fragen der Menschenw\u00fcrde, des Lebensschutzes, der Bioethik und auch der Sexualmoral weltweit eine neue \u00f6ffentliche und rechtliche Bedeutung erlangen. Der Papst regt \u00fcberdies dazu an, das Verh\u00e4ltnis von Glaube und Vernunft, von Glaubensmoral und Naturrecht, von Liebe und Solidarit\u00e4t, von Individual- und Sozialethik neu zu ordnen. Keine leichte Aufgabe, die die philosophisch-theologischen Grundfragen betrifft.<\/p>\n<p>Nicht weniger wichtig ist die alte, bisher ungel\u00f6ste politisch-\u00f6konomische Frage nach einer \u201eneuen\u201c Weltwirtschaftsordnung, wie sie der Papst ins Auge fa\u00dft. Eine solche Ordnung bedarf n\u00e4mlich einer rechtlich verbindlichen Autorit\u00e4t. So wie die Soziale Marktwirtschaft auf nationaler Ebene eines Rechts- und Sozialstaats bed\u00fcrftig ist, brauchen wir heute rechtliche, allgemein verbindliche Regeln, welche dem Wettbewerb auf den Weltm\u00e4rkten sinnvolle Ziele und damit auch Grenzen setzen.<\/p>\n<p>Eine politische Weltautorit\u00e4t, die dies bewerkstelligen k\u00f6nnte, liegt freilich noch in weiter Ferne. Weltw\u00e4hrungsfonds, Weltbank und vor allem die Vereinten Nationen kommen als Garanten einer stabilen, effizienten und dabei \u201egerechten\u201c Ordnung einstweilen nicht in Betracht. Ein zentraler Weltstaat h\u00e4tte nach Hans Maier den Nachteil, da\u00df man aus ihm nicht mehr emigrieren k\u00f6nnte. Das w\u00fcrde auch dem Vatikan das F\u00fcrchten lehren. Wenngleich der Papst selber schon eine souver\u00e4ne moralische Weltautorit\u00e4t darstellt, politische Macht hat er keine.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u00e4pste sind bekanntlich Spezialisten f\u00fcrs Allgemeine und Generalisten f\u00fcrs Konkrete. 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