{"id":15204,"date":"2014-07-17T00:01:50","date_gmt":"2014-07-16T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15204"},"modified":"2014-07-17T05:49:57","modified_gmt":"2014-07-17T04:49:57","slug":"glueck-oder-kluge-politikwas-bewahrte-die-schweiz-im-ersten-weltkrieg-vor-dem-schicksal-anderer-laender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15204","title":{"rendered":"Gl\u00fcck oder kluge Politik?<br\/><font size=3; color=grey>Was bewahrte die Schweiz im Ersten Weltkrieg vor dem Schicksal anderer L\u00e4nder<\/font><\/br>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eMan darf auch hier nicht allzu schwarz sehen und vor allem muss und darf man sich klar machen, dass eine v\u00f6llige Einkreisung der Schweiz durch Abschneidung aller Getreidefuhren zwar f\u00fcr eine gewisse \u00dcbergangszeit m\u00f6glich ist, dagegen nicht auf eine l\u00e4ngere Dauer vorauszusehen ist.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">Bundesrat Arthur Hoffmann, Oktober 1912<\/p>\n<p>Christopher Clark\u2019s vielzitiertes Buch \u201eDie Schlafwandler\u201c erkl\u00e4rt den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als nicht gewolltes, vermeidbares Ergebnis dicht gefolgter Ereignisse und verh\u00e4ngnisvoller Entscheidungen einer vielf\u00e4ltig verflochtenen und globalisierten Welt. Im Ergebnis forderte die \u201eUrkatastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c 17 Mio. Menschenleben in 40 Staaten und unvorstellbares Leid. Die Schweiz \u2013 obwohl mit dem Kriegseintritt Italiens ab dem 23. Mai 1915 vollst\u00e4ndig von kriegsf\u00fchrenden M\u00e4chten umkreist \u2013 konnte sich aus direkten Kriegshandlungen heraushalten. Schlafwandelten die Grossm\u00e4chte an der Schweiz vorbei oder bewahrte uns kluge Politik vor dem Schicksal anderer L\u00e4nder?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die oben im Kontext der Versorgungsfrage zitierte Aussage von Bundesrat und Aussenminister Hoffmann ist sinnbildlich f\u00fcr die auch in der Schweiz weit verbreiteten Annahmen \u00fcber den Ablauf eines zuk\u00fcnftigen Konflikts in Europa in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Schnell w\u00fcrde es gehen und wahrscheinlich wie 1870\/71 mit einem deutschen Sieg \u00fcber Frankreich enden. Man war nicht in der Lage, politische, wirtschaftliche und milit\u00e4rische Interdependenzen zu analysieren und daraus den Schluss zu ziehen, dass sich die geopolitische Lage zwischen den M\u00e4chtepolen \u00e4usserst fragil gestaltete.<\/p>\n<p>Noch im Juli 1914 meldete Charles Lardy, Gesandter des Bundesrats in Paris, dass die Situation seit dem Attentat in Sarajevo auf dem Balkan von den Franzosen als ungef\u00e4hrlich eingestuft und die allgemeine Lage in Europa als nicht weiter besorgniserregend betrachtet w\u00fcrde. \u00c4hnlich sein Kollege Alfred de Clapar\u00c3\u00a8de, Gesandter des Bundesrats in Berlin. Er meinte, dass man sich im Ausw\u00e4rtigen Amt keiner Gefahr bewusst sei, welche die momentane politische Situation auf dem Balkan heraufbeschw\u00f6ren k\u00f6nnte. Man sei auch der Ansicht, dass diese Lokalfrage keinesfalls einen Konflikt zwischen den Grossm\u00e4chten wert w\u00e4re.<br \/>\nSp\u00e4testen mit der Kriegserkl\u00e4rung \u00d6sterreich-Ungarns an Serbien \u00e4nderten die europ\u00e4ischen Grossm\u00e4chte jedoch ihre Einsch\u00e4tzung des Lokalkonflikts auf dem Balkan und in der Schweiz waren vermehrt warnende Stimmen zu h\u00f6ren. Am Schweizer Nationalfeiertag vom 1. August 1914 meldete die Neue Z\u00fcrcher Zeitung NZZ: \u00c2\u00abIn der russischen Mobilmachung ist daher der schicksalsschwere Wendepunkt zu erblicken. Die Wahrscheinlichkeit ist \u00fcberaus gross, dass von da aus die Dinge unrettbar und, von einer furchtbaren, ihnen innewohnenden Folgerichtigkeit gestossen, auf der schiefen Ebene hinab in den Abgrund gleiten.\u00c2\u00bb<\/p>\n<p>Decken sich die ex post facto Feststellungen der Historiker und den ausgewerteten historischen Quellen mit der damals tats\u00e4chlich wahrgenommenen Bedrohung? Weichen diese Urteile von den Erfahrungen der damaligen Zeitgenossen ab? Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf den damaligen Finanzmarkt n\u00fctzlich. Konkret ist die Renditeentwicklung der Schweizer Staatsanleihen von Bedeutung. Sie spiegelt die Risikoeinsch\u00e4tzung der damals auf dem Finanzmarkt aktiven Personen betreffend der Ausfallwahrscheinlichkeit der Schweiz. Dieses Vorgehen zur Ermittlung der Bedrohungslage der Schweiz w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs hat verschiedene Vorteile. Erstens wird auf tats\u00e4chliche Entscheide der damals handelnden Akteure abgestellt. Ideologisch gef\u00e4rbte Beurteilungen sowie klare Fehlurteile k\u00f6nnen damit einged\u00e4mmt werden. Schliesslich gingen die damaligen Teilnehmer auf dem Finanzmarkt hohe finanzielle Risiken ein und hatten klare Anreize einer objektiven Einsch\u00e4tzung der Bedrohungslage. Ausserdem kann durch die Vielzahl der Akteure davon ausgegangen werden, dass die Informationsverarbeitung \u00fcber die tats\u00e4chliche Bedrohungslage repr\u00e4sentativer ist als bei Einzelaussagen.<\/p>\n<p>Erstmals untersuchten Willard, Guinnane und Rosen (1996, AER) f\u00fcr den amerikanischen B\u00fcrgerkrieg, ob die zeitgen\u00f6ssischen Finanzmarktakteure die Tragweite der Kriegsereignisse \u00e4hnlich einsch\u00e4tzten wie die Historiker. Frey und Kucher analysierten (2000, JEH) die Bedrohungslage der Schweiz erstmals auf Basis eidgen\u00f6ssischer Staatsanleihen im Zweiten Weltkrieg und leisteten somit erste Pionierarbeit.<a id=\"fna1\" href=\"#fn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Zur Beurteilung der Bedrohungslage der Schweiz w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs haben wir in \u00e4hnlicher Weise die t\u00e4gliche Renditeentwicklung der \u00fcber diesen Zeitraum gehandelten vier eidgen\u00f6ssischen Staatsanleihen mit unterschiedlichem Coupon ausgewertet. Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Renditeverlauf der vier eidgen\u00f6ssischen Staatsanliehen auf dem Handelsplatz Basel.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/stegger_abb1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"Staatsanleihen\" alt=\"Staatsanleihen\" src=\"\/wordpress\/bilder\/stegger_abb1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt zun\u00e4chst ein j\u00e4hrliches Muster auf, nachdem die Kriegswinter mit einer Zunahme der Bedrohungslage einhergehen. Dies l\u00e4sst sich durch die jeweilige Unsicherheit der milit\u00e4rischen Planungen f\u00fcr Fr\u00fchjahrsoffensiven gut erkl\u00e4ren. In einer davon ausgehenden Strukturbruchanalyse der Renditeentwicklung kommen wir zu folgendem Ergebnis: Erstens waren die aussenpolitische und insbesondere milit\u00e4rische Gef\u00e4hrdung gepaart mit sozialen Spannungen im Inneren von gr\u00f6sserer Bedeutung als die innenpolitischen Aff\u00e4ren. So wurde der Kriegsausbruch in der Schweiz trotz d\u00fcrftiger Datenlage mit einem Renditeanstieg von 30 Prozent auf dem Anleihensmarkt tats\u00e4chlich als bedrohlich wahrgenommen. Zweitens markiert die Absicht einer S\u00fcdumfassung der Westfront durch die Schweiz \u2013 beispielsweise konkretisiert im Fall des \u00c2\u00abPlan H\u00c2\u00bb der franz\u00f6sischen Armee &#8211; in Kombination mit den Kriegserfolgen der Mittelm\u00e4chte an der Ostfront die wichtigste Gef\u00e4hrdung der Schweiz in den Augen des Anleihensmarkts. Des Weiteren zeigten sich die Finanzmarktakteure durch den Waffenstillstand von Brest-Litovsk an der Ostfront im Sp\u00e4therbst 1917 gepaart mit der Versch\u00e4rfung des innenpolitischen Klimas im zweiten Halbjahr 1917 beeindruckt, welche schliesslich in den Landesstreik von 1918 m\u00fcndeten. Beides erh\u00f6hte neuerlich die Gefahr, dass die Schweiz im Rahmen einer Entscheidung an der Westfront in Kriegshandlungen verwickelt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die politischen und milit\u00e4rischen Entscheide der damaligen Handlungstr\u00e4ger im Rahmen der schweizerischen Neutralit\u00e4t waren zusammenfassend trotz vieler Pannen nicht ungeeignet, die Schweiz von direkten Kriegshandlungen fern zu halten. Die Analyse von Strukturbr\u00fcchen in der Renditeentwicklung von Staatsanleihen bietet so wertvolle Einsichten und Erg\u00e4nzungen zur historischen Beurteilung von Bedrohungsszenarien.<\/p>\n<h4>Fu\u00dfnoten<\/h4>\n<p><a id=\"fn1\" title=\"Zur\u00fcck\" href=\"#fna1\">[1]<\/a> Weitere nennenswerte Studien stammen bspw. von Brown und Burdekin, welche den amerikanischen B\u00fcrgerkrieg (2000, JEH) und den Zweiten Weltkrieg (2002, Economica) jeweils aus britischer Perspektive untersucht haben. Oosterlinck (2000 ExplEH) untersucht den Staatsanleihenmarkt in Frankreich w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs. Eine qualitative Analyse der Anleihenm\u00e4rkte zwischen 1848 und 1914 liefert Ferguson (2006, EHR).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMan darf auch hier nicht allzu schwarz sehen und vor allem muss und darf man sich klar machen, dass eine v\u00f6llige Einkreisung der Schweiz durch &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15204\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eGl\u00fcck oder kluge Politik?<br \/><font size=3; color=grey>Was bewahrte die Schweiz im Ersten Weltkrieg vor dem Schicksal anderer L\u00e4nder<\/font><\/br>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":186,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,12],"tags":[1591,1590,243],"class_list":["post-15204","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-historisches","category-monetares","tag-eidgenoessische-staatsanleihen","tag-erster-weltkrieg","tag-schweiz"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gl\u00fcck oder kluge Politik?Was bewahrte die Schweiz im Ersten Weltkrieg vor dem Schicksal anderer L\u00e4nder - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15204\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gl\u00fcck oder kluge Politik?Was bewahrte die Schweiz im Ersten Weltkrieg vor dem Schicksal anderer L\u00e4nder - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u201eMan darf auch hier nicht allzu schwarz sehen und vor allem muss und darf man sich klar machen, dass eine v\u00f6llige Einkreisung der Schweiz durch &hellip; \u201eGl\u00fcck oder kluge Politik?Was bewahrte die Schweiz im Ersten Weltkrieg vor dem Schicksal anderer L\u00e4nder\u201c weiterlesen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15204\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2014-07-16T23:01:50+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2014-07-17T04:49:57+00:00\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Christoph A. 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